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buschige Schnurrbart, beu man aus tausend Bilder:: kannte und den eine nervöse Hand jetzt eben zerpflückte.
Das Zimmer war gut, doch nicht prunkvoll eingerichtet. Die Exzettenz selbst saß hinter einem in der Fensternische
f wückten breiten Sck)reib tisch. Die eigentliche Mitte des immers na hin eine länglicl)e Tafel ein, die ein Dutzend hochlehnige Lederstühle umreihten, lieber die Tafel lagen allerhand Papiere verstreut, auch Generalstabskarten von den unterschiedlichen Kriegsschauplätzen. Neben dein Schreibtisch stander: einige bequeme Sessel um ein arabisches Rauch- tischchen und in einem der braunen Sessel lehnte Viscount Branch.
Longford vettvunderte sich zwar etwas darüber, den Oberst noch vörzufinden; aber seine Miene blieb unbeweglich.
Die Exzellenz lud ihn durch eine geschäftsmäßige Hand- bewegnng ein, näherzu treten, und eine markige, etwas belegte Stimme sprach die Worte.
„Kolonel Viscount Brauch sprach mir soeben von Ihnen, Kapt'n. — Ich darf Sie vorher bitten, der Ordnung halber Ihre Papiere vorzuweisen."
Longford öffnete die Uniform und zog eine schwarze, etwas abgeschabte Brieftasche hervor.
„Hier ist der Ausweis über meine Person, hier mein Soldbuch und hier das Schreiben des Konsuls Humphrey in Rotterdam." *
„Schön! Schön!" Der Minister nickte nur. Und es klang famn entschuldigend, als er noch obenhin hinzusügte: „Sind alles Vorsichtsmaßregeln, die uns die Notwendigkeit auf- zwittgt."
Er drückte auf einen Klingelknvpf und eurer der jungen Mänrrer im Vorraum erschien.
„Die OffiziersverlustUste des kanadischen Infanterieregiments Otwwa-Füsiliere! Die Liste vom Genfer. Roten Kreuz über die in den letzten Wochen in deutsche Gefangenschaft geratenen Offiziere!"
Der Beamte verschwand und die belegte Stimme der Exzellenz begann wieder:
„Darf ich bitten, Platz zu nehmen, Kapt'n? Das Stehen wird Ihnen wohl sauer? — Ja, Viscount Branch sprach mir soeben von Ihnen und Ihren Absichten."
Longford setzte eine bescheidene Miene ans.
„Ich bin dem Herrn Oberst sehr verbunden für die Liebenswürdigkeit, mir hier - das» Wort zu reden. Wenn es nicht vermessen klingt, so möchte ich die Meinung verfechten, daß in mancher Hinsicht vielleicht die Erfahrung von Fvontoffizieren förderlich sein könnte."
Die Exzellenz winkte ab..
„Auch Viscount Branch brachte vorhin ähnliche «Gedanken zum Ausdruck."
Der Beamte vom Vorraum legte die gewünschten Listen auf den Tisch des Ministers. Die Exzellenz griff danach.
„Einen Augenblick, wenn ich bitten darf... Ja . . . ganz richtig . . . Vermißte /. . stimmt . . . Capitain Henry Edward Longford . . . Nun nolch eine Sekunde . . . die Gefangenenliste... in welchem Feldlazarett war es doch?"
„Reservelazarett Brügge, Exzellenz!"
„Reservelazarett Brügge", wiederholte der Minister, gemächlich. die Blätter umwendend. „Ja, in Ordnung . . . Capitain Henry Edward Longford, schwer verwundet, Schrapncllschuß, rechter Unterschenkel."
„Das scheint ungenau übermittelt worden zu fein", warf Longford rasch ein. „Denn wie Exzellenz sehen, bin ich unterhalb des linken Knies verletzt."
Der Minister zog die Brauen zusammen^ Für einen Augenblick hefteten sich die dunklen Augen starr auf den verwundeten Offizier. Aber nur für einen Augenblick. Der unbefangene Ton, in dem Longford sprach, erstickte jeden Verdacht.
„Ich habe von Ihrer Flucht schon gehört. Die Zeitungen waren ja des Lobes voll über Ihre Abenteuer. Ich weiß: Sie trifft an dieser Reklame keine Schuld. Wer — man sollte sorgfältig den Schein vermeiden. Ich liebe es nicht, wenn meine Offiziere sich nicht der größtmöglichen Zurückhaltung, auch der Presse gegenüber, befleißigen. Ich möchte gerade Ihnen, nachdem Sie doch, wie deb Viscount mir mitgeteilt hat, im Hause des Lords Southriffe abgestiegen sind, der such gerne den „Zeitungskönig" nennen hört, bas ganz besonders ans Herz legen. — Haben Sie vielleicht sorgst noch, etwas vorzubringen-"
Dongford senkte das Haupt. Gr hatte eine Entgegnung auf der Zunge. Aber er hielt es für klüger, die Ermahnungen des Ministers mit stillschweigender Billigung entgegenzunehmen. ;
„Ja, lvenn ich eine Bitte äußern dürfte, so möchte ich den Wunsch aussprechen, nebenbei einem W'regerbocpA zugeteilt zu werden."
„Einer Fliegerabteilung?" Ich dachte. Sie tvollten im Stabe arbeiten?"'
„Sehr wohl, Exzellenz. Wer falls mir meine Arbeit im Stabe noch genügend freie Zeit läßt ober falls Exzellent im Stabe keine Verwendung fänden, so Möchte ich doch gebeten haben, den Fliegern zugeteilt zu werde::. Schließlich kann ich wohl in meinem ganzen Leben nicht mehr auf ein Pferd steigen, vom Marschieren schon gar nicht zu reden. Etwas Frontdienst möchte ich aber nach eirriger Zeit doch wieder tun, und da scheint der Wunsch gerechtfertigt, mich! in meinen Mußestunden dem Fliegen widmen zu können."
Der Minister zog mit der Linken den Schnurrbart aus. Was er dachte, stand deutlich in seinem Gesicht zu lesen: er hielt den jungen Hauptmann für einen Streber. Sonst war er den Strebernaturen nicht sonderlich wohlgewogen: aber jetzt im Kriege konnte man auch solche Kräfte gebrauchen.
„Die Herren verzeihe::. Meine Zeit ist bemessen. Ich behalte mir eine endgültige Entschließung vor. Will sehen, was sich tun läßt. — Viscount, eine Empfehlung zu Hause, wenn ich bitten darf! Ich hoffe Mit Ihnen auf baldige Wiederherstellung. — Die Herren werde:: weiter von mir hören."
Ein Druck auf den Klingelknopf... Die Schiebetür öffnete und schLoch sich wieder . . . Die 'beiden Offiziere standen im Vorraum.
. . . Langsam näherten sie sich der Treppe. Beide waren mit ihren Gedanken beschäftigt. Longford hatte sich die Unterredung etwas anders vorgestellt. Er hatte auf eine entscheidende Antwort, ein bündiges Ja oder Nein, nkkht auf ein Hinauszögern und Aufschieben gerechnet. Er war unbefriedigt und zeryagte mißmutig die Unterlippe.
Der Oberst lnochte die Enttäuschung seines jüngeren Kameraden ahnen.
„Glauben Sie nicht", nahm er daher das Gespräch auf, „daß das Ergebnis Ihrer Audienz ungünstig auSfälltl Ich kenne unsere Exzellenz seit Jahren und weiß, oatz sie sofort nein sagt, lWm: sie ablehneu will. Ihr Ja zögerte sie stets ein paar Tage hinaus. Das entspricht ihrer ganzen Denkungsart",
„Ich muß Ihnen überhaupt noch danken —"
„Bitte nichts von Dank! — Ich kann Ihnen jetzt schon verraten, daß die allergrößte Wahrscheinlichkeit besteht: wir beide erhalten gemeinsam ein bestimmtes Ressort zugewiesen . . . Wer, da ist ja mein Wagen. Afio ans Wiedersehen, Kapt'n!"
Der Fahrer kurbelte an; ein eilfertiger Diener riß den Schlag auf, und ratternd fuhr das Auto davon.
Der Hauptmann sah dorn Wagen etwas verstört nach. Die Worte des Oberste:: hatten in chm von neuem eine freudige Erwartung geweckt. Aber er war geärgert, noch keine Gewißheit erhalten zu haben . . . Diese gräßliche Untätigkeit mußte ja niederschmetternd wirken . . .
Er wollte ein Mietsauto heranwinken, besa:rn sich aber und stapfte zu Fuß, mühsam das linke Bein nachschleppend, die stille Straße hinunter, von der ans die Geschicke Englands und oft die des ganzen Erdkreises gelenkt werden. Er hatte seines Weges kaum acht. An der Straßenecke rannte ihn ein Zeitungsjunge an; er kaufte ihm die noch feuchte Mittagszeitnng ab, steckte sie aber teilnahmlos in die Tasche. Dann betrat er den Untergrundbahnhof und fuhr in der Richtung Regentpark, wo der Palast des Zeitungskönigs stand. Unterwegs tat er wie alle anderen. Er las die Zeitung und dabei' hellten sich seine Züge merklich auf. In Serbien waren die Deutschen weiter vorgedrungen, die Eisenbahn Belgrad—Nisch—Sofia schien in ihren Händen zu sein; und vom mazedonischen Schauplatz meldete der französische Bericht: „Es gelang den Bulgaren nicht, unsere Linien zu durchbrechen." Wso auch hier Verteidigung, wo man doch dem bedrängten Serbien Hrlfe bringen sollte und wollte . , .
Und er saß hier tatenlos und zugleich überschäum erck vor Tatendrang.


