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Sülms Londoner Erzählung ans den Spätherbsttagen 1915.
Von Justus Schoenthal.
(Fortsetzung.)
Mit ingrimmiger Befriedigung stellte er fest, daß fast ausschlieWch ans den Sieg der Dentschen aewettet wurde: und wer auf englischen Sieg tvetten wollte, der bekam gegnerische Einsätze bis zu hundert für jedes Pfund.
2lm häufigsten aber wurden Wetten auf daS Kriegsende abgeschlossen. Daß vor Weihnachten ein Waffenstillstand oder Friede zustande käme, glaubten die wenigsten: 2o0 Pfund gegen eins standen da die Sätze; aber für Mai 1916 waren 'sie ziemlich gleich. Wer Schwarzseher lvar und die Zeit des Kriegsendes auf den Spätherbst 1916 verlegte, der mußte die Wette meist gegen sich gelten lassen: mit 1:2, ja 1:3 wurden hier die Aussichten bewertet.
Auch Longford wurde mehrmals aufgefordert, sich zu beteiligen oder wenigstens seine Ansicht zu äußern. Er züchte zumeist die Achseln.
„Ich bin ein einfacher Hauptmann und habe nur das schmale Stückchen Front gesehen, in dessen Ausschnitt ich tätig war; in die großen Ereignisse habe ich keinen Einblick.
'Als man ihn einlud zum Wetten, lehnte er ab.
„Ich bitte um Vergebung, meine .Herren, aber es ist einer meiner Grundsätze, nie zu wetten nrtch zu spielen."
Und so hatte er schließlich schweigend seinen Gedanken nachgehangen, während er weben dem Zeitungskönig saß. An Lord Souchriffes Tisch wurde um hohe Summen gespielt; er selber hielt die Bank und strich anscheinend beträchtliche Gewinne ein; vor seinem Platze häuften sich die Fünfzig-Pfund noten, urch auch Schecks auf Londoner Banken waren darunter.
Es war lange nach Mitternacht, als Longford fein Gastzimmer aufsuchen konnte. Er versank alsbald in einen traumschweren Schlaf; wirres Zeua heckte sein Hirn während der Nacht aus. Er erinnerte sich nur noch, daß Lady Ediths weiße Hände ihn auch im Traume noch umgeistert hatten . . . Lady Ediths Hände! . . . Warum hatte ihn der überspannte Dichter nicht vor den weißen, lockenden Händen dieser Frau gewarnt?! ■ , _. „ „ .
Als er zum Frühstück erschien, war Edith allein an- weseild. Ihr Vater schlief noch, und die schönen Hände bedienten ihn. Sie strichen sein Brot mit Butter, sie gossen ihm ben Morgentrank ein, . ... nein, es war zuviel, . . . er konnte nicht mehr an sich halten . . -
„Sie haben wundervolle, zauberisch-fchonr Hände, Mylady!" stammelte er.
Sie antwortete nicht.
Da war er ausgestanden und hatte ganz heiß und scheu ihr zugeflüstert;
„Darf ich . . . darf ich Ihre Hände küssen, Lady Edith?"
Und sie hatte ihn freundlich angesehen und mit schelmischer Anmut erwidert:
„Sie dürfen manches, Kapt'n, was andern nie gestattet wäre!" ,.
Und da hatten seine brennenden Lippen Lady Eotths weiße.Hände gefunden.... '
Terifel auch! Das Leben war doch so herrlich! Er hatte in die Hände klatschen mögen wie ein jubelndes Kind.
Er schritt wieder im Zimmer auf und ab.
. . . Mitten im tobenden Hexenkessel, stets in der Gefahr, daß man ihm sein Geheimnis entreißen könnte, stets den Blick starr auf den grinsenden Mann mit der Hippe gerichtet . . . haha, . . . und Lady Ediths weiße Hände.
Das Glockenspiel läutete die Mittagsstunde ein.
Ja, Lady Ediths weiße Hände. Die märchenschönen Hände. Ein Gedicht waren diese Hände, ein Psalm Davids auf die Allmacht des Schöpfers, der dieses Wunder hatte werden lassen. Lady Edith selbst. . . pah, sie war ihm gleichgültig, fremd seinem Geist, fremd seinem Herzen. Aber diese Hände, diese zauberhaften Mondscheinhände. . .
Da erschien das alkoholgersttets Gesicht des Dieners wieder unter der Tür.
„Kapt'n Longford . . . Exzellenz läßt bitte« ... Zimmer 105!"
. . . Eirdlich! . . . Die Stunde der Entscheidung!
Er biß die Zähne zusammen; seine Augen blitzten freudig; und fast feierlich ging er über den schwarzgrauen Gnmmiläufer die paar Schritte zum Zimmer 105 .. .
Bor der Tür hing ein Pappenschild: „Eintritt ohne vorherige Awmeldung streng untersagt. Anmeldungen im Osfizierswarteraum Zimmer 101."
Longford trat ein. ,
Tausend Gedanken kreuzten sich hinter seiner Sttrn Aber in seinem Herren jubelte eine Helle, reine Freude. So —oder so . . . er staird vorm Ziele. Der letzte Anlauf noch ... ein Stoß, abschnellend vom Sprungbrett, weiß nie» mand, wohin der Sprung führt. . . nur das weiß man: er wird entscheiden!
... Er befand sich im Vorraum. Zwei junge Männer sahen ihn gleichgültig an, unterbrachen aber ihre Tätigkeit an den Schreibmaschinen nicht. Erst als der eine seinen Brief zu Ende geklappert, fragte er nach dem Begehr des jungen Offiziers. ^ .
Eine Schiebetür öffnete sich, lautlos wie ein rn der Mitte geteilter Bühnendorhang.
Er stand im. Zimmer des Ministers.
Ja, so hatte er sich den Bewältigen vorgestellt, den Sieger von Onrdurman, den. unbarmherzigen Eroberer, der mit der Leiche seines Dodfeirrdes den Krokodilen im Nil einen Festschmaus gerüstet, — ganz so? Eine Strrn, jah aufstrebend, mit schroffen Kanten, wie etrs Fersbioc? aus Granit. . . unter krausen Brauen zwei dnsterglimmende Augen, die scharf, fast drohend musterten... ein zusam- mengeknifsener Mund mit dünnen Lippen . . . darüber der


