Flieger über London.
Wrrs Londoner Erzählung aus den Spätherbsttagen 1915.
Don Justus Schoenthal.
(Fortsetzung.)
Der Trunkenbold aber v-ecabreichte chm unter einer Flut von unflätig-rohen Schimpfworten einen Tritt, daß er zu Füßen der Dame hinstürzte. Sie hob den Knaben sanft auf, streichelte ihln die Wange und sagte begütigend gleichfalls in deutscher Sprache:
„Weine nicht, Kleiner, er muß dir schon deine Gerge wiedergeben!"
Und sie trat auf den Räuber zu und herrschte chn an:
„Augenblicklich geben Sie dem Kinde sein Eigentum zurück."
Sei es nun, daß der Bursche den vorher gesprochenen deutschen Satz gehört hatte, — sei es, boljj er über die scharfen Worte in Wallung geriet, er lallte etwa Unvev- stündliches. holte mit dem Instrument weit aus und versetzte der Bisoounteß einen so fürchterlichen Schlag über den Kopf, daß sie blutüberströmt zusammenbrach und die Geige in Scherben ging.
Bewußtlos wurde sie heimgeschafft und die Aerzte stellten außer dein Verluste des rechten Auges eine nicht unbedeutende Schädelverletzung fest.
Marianne sandte sogleich an ihren Schwager im Felde eine dringende Depesche. Der Viscount erbat und erhielt auch kurzen Urlaub.
„Und vorgestern", schloß Edith ihre Erzählung, „in aller M-orgenfrühe ist er hier eingetroffen. Er ist, obgleich er aus der Zone des Blutes und des Todes kommt, wie sich von selbst versteht, recht bestürzt und niedergeschlagen."
Ans Longford hatte die Erzählung erst gegen den Sck)luh zu Eindru ckgemacht. Er war tief erschüttert. Eine namenlose Wut packte ihn und er hatte Mühe, seine Erregung zu meistern. Er schob den Sessel zurück und ballte ingrimmig die Hände. Endlich preßte er die Frage hervor:
„Und mit welchen Strafen hat die Regierung das Benehmen des Pöbels, vor allem das Verhalten des Kon- ablers, der seine Pflicht durch Duldung des entsetzlichen Verbrechens verletzte, geahndet?"
Der alte Herr schüttelte verwundert das Haupt. .
„Man merkt, junger Freund, daß Sie die englischen Zustände nicht kennen. Man macht sich anscheinend drüben in Amerika nicht immer ein zutreffendes Bild von uns. Unsere Regierung tut grundsätzlich nur, was zweckmäßig ist. Uebrigens wäre das auch Sache der Gerichte wohl eher gewesen. Was wollen Sie? Eine Stunde nach dem Vorfall marschierten zwei Kompagnien Territorialmiliz auf und sperrten den Platz ab; am selben Nachmittag gab das Preß amt noch an alle Zeitungen die Weisung hinaus, es dürfe über die Ereignisse in Whitechapel nur berichtet werden, daß Ausschreitungen vorgekommen seien infolge
der plötzlich erwachten Erbitterung gegen die Deutschen, die freilich nur zu sehr begreiflich sei, und so weiter und so weiter, die Regierung habe aber mit der üblichen „eisernen Faust" eingegriffen. Schluß!"
„Und weiter geschah nichts?" forschte Longford. „Hat man denn nicht wenigstens eure Untersuchung gegen dre Uebeltäter eingeleitet und die geplünderten Deutschen entschädigt?"
„Und einer solchen Torheit — der Lord verbarg fern Be fr ein den nicht — halten sie im Ernste unsere Regierung für fähig ?"
„Torheit?" — Der Offizier glaubte nicht recht W hören.
„Aber freilich! Ich bin gewiß nicht der Freund der gegenwärtigen Regierung. . . Allein, einen himmelschreienderen Wahnsinn vermöchte ich mir kaum auszudenkeu. Ich bitte Sie: Was kann es uns denn kümmern, ob die Deutsche in Whitechapel massakriert und ihrer Siebensachen beraubt werden? Man hat die Leute einfach einem Konzentrationslager zugeführt. . . leider viel zu spät. — Und die Uebeltäter bestraft? Aber weshalb denn? Erstens, wird man sie niemals aufsinden, und wenn auch. . . sollen wir vielleicht durch eine Gerichtsverhandlung unsere Schande offenbar werden lassen? Skandalprvzesse führt man in Frankreich oder auch in Deutschland; bei uns ist man zu klug dazu !"
Der Hauptmann beherrschte sich wieder. Er fetzte gemächlich eine neue Zigarre in Brand und sagte dann rm ruhigen Tone:
„Verzeihung, Mylord, in mir empörte sich das Gerechtigkeitsgefühl, solange ich weiß, daß solches Pack unbestraft ist. Und denken Sie doch — er ward unwillkürlich wieder lebhafter — für dieses Gesindel trägt man drüben seine Haut zu Markte!"
Der Zeitungskönig schien den Einwand nicht zu beachten. Ec wandte sich wieder seiner Tochter zu.
„Weißt du, wie lange der Colonel Urlaub hat?"
„Genaues hörte ich nicht. Doch sprack) er davon, er werde morgen vormittag zum Kriegsamt fahren und darum nachsuchen, hier im Großen Generalstab beschäftigt zu werden, wenigstens so lange, bis sich die Erkrankung der Vis- counteß zum Guten oder zum Bösen entschieden hätte."
Bei diesen Worten wurde Longford aufmerksam.
„Dann ist es nicht ausgeschlossen," sagte er mrt langsamer Betonung, „daß ich dem Viscount begegne, habe nämlich ebenfalls die Absicht, morgen auf dem Kriegsamt vorzusprechen." . „
Der Lord überflog die Gestalt des lungen Offiziers Mit einem prüfenden Blick. „ i ,, t . .
„Es war gewiß nicht Mangel an Anteilnahme, sondern nur die Besorgnis, für unbefugt neugierig und womöglich gar zudringlich angesehen zu werden, wenn ich mir Nicht schon tätigst die Frage erlaubte, ob Sie vorläufig hier in London zu bleiben oder London nur als Durchgangssttttion


