KMe sie der Leihe Föhntaig aus ihrem beginnenden Winterschlaf geweckt und die laue Nässe des Abends sie in zielloser verwrrrt« Sehnsucht, im dumpfen Trmrg der Kreatur, ans der Heimat ihre- Gartens gelockt, uw sie in der Mauer eines alten Hcrrfchafts Hauses 'hre Schlafstätte hatte, in ein Abenteuer hinaus, ein Mittier suchend, neben dem stumm hockend sie sich jdes Daseins tiefer bewußt werden könnte.
Da lag sie, weich, harmlos, unbeivegt, häßlich, unheimlich. Und drei Menschen umstanden sie und beratschlagten ihren Tod, Tie französischen Laute klangen schön und- Waich durch die stille Nacht. T4e Dame lachte nervös, erreg:, und stieß mit der Spitze ihres Schirmes nach der Kreatur. Tie Kröte machte einen plumpen schweren Sprung, noch eirreu, noch einen. Da lag sie vor meiner: Wißen. Ahnte sie, was über ihr schwebte? Ich sah sie an. Ihre Äugen waren zwei schwarze Perlen. O, wie häßlich war sie, eine Mystische Unform, von anderer Welt, aus unbekannter Tiefe. Wer da dachte ich au die alte Legende, daß dieses häßlichste Wesen der Schöpfung der Schöpfung schönsten Gedanken in sich birgt: in seinem Kopf die Perle. Das köstlichste, kostbarste Ding verschlossen M der grauenvollen Fratze.
Und plötzlich empfand ich: sie weiß! Tie Kröte empfindet, daß sie, das sündenlose Tier, unter die sündigen Menschm geraten ist, das ewig schuldlose unter die immer schuldigen. Jetzt erbebt sie in Todesangst. Ihre Seele zittert. Tie Seele der Kröte? . . Uber was ist es denn, was diese Materie belebt, ihr sehende Augen
gibt, der Instinkt der Für tiefster Liebe zu meinem
st? Nicht Seele? . . . Und bewegt von titgeschöpf, bückte ich mich, die Kröte zu retten. Sie aufheben und aus den Gefahren der Straße — Menschen sliefel, Wagenrad — hinaustragen, in einen sicheren Garben hinüber. Ta trafen Lachen und Worte der Dame mern Ohr. Und ich wußte: jetzt spotten sie deiner, belächeln dich, o sentimentaler Deutscher, o du Retter des Tieres, du Moralist der Straße! Und feige, wie ich da wurde, richtete ich mich auf, lachte in stiller Wut — Wut, worüber? — !und ging und überließ das Tier seinem Schicksal, Und das Schicksal des Tieres heißt immer Mensch!
Ich eilte. Ich lauschte nicht zurück. Mein Herz klopfte stark und schmerzhaft. Was taten sie nun? Trat ein Fuß zu und zerstörte gedankenlos, mit einem Aufwallen des Bluts, ein Leben?
Ich erreichte mein Haus, schloß aus — und zog den Schlüssel wieder aus dem Schloß. Ich wandte mich um, ich lief zurück. Aus meinem Herzen schlug eine Flamme und durchglühte mich.
Ich sah von fern: in: Hotel war das Licht der Glasveranda schon halb erloschen. Nur schwacher Lichtschein quoll aus den breiten Fenstern. Ter Quai war ganz leer. Jene Gruppe der drei Menschen war verschwinden. Kein Gelächter mehr, kein Wort. Tie Uhren schlugen, es war ein Viertel vor Mitternacht. Tiefer Friede ßchren zu walten, .aber ich spürte die ewig ruhelose Seele im Ml, das Gewissen der Welt, das nie schläft, weil es schuldig ist.
Ich ging langsamer. Nichts, nichts. Sie hatte sich gerettet, die Kröte. Da war der Baum, stnter dem sie mich mit ihren schwarzen Verlangen angesehen, das Tier den Menschen. Ewig unverständliche Frage, unlösbares Rätsel!
Und da lag etwas: ein Brei, ein Haufen Schnaitz. Licht spiegelte sich goldig darin. Mitten im Unvat, mit aufgerissenen Augen und klaffendem Mau! — .ich hörte den lautlosen Schrei — der Kopf der zertretenen Kröte.
Dieser Mord fiel auf mich ! Ich hatte nicht den Mut gehabt, das spöttische Lächeln einer unbekannten Frau zu ertragen. Ich
hatte meiner Eitelkeit ein Leben geopfert. Ein Tierleben.
Ist das so wenig? Ist nicht alles, was lebt, heilig? Die Kröten me erschreckt; die Fliege, die quält; der Löwe, der tötet. Ist §tn Tier denn jemals böse? Zum Böfesein gehört Bewußtsein deS Bösen, Und das hat nur der Mensch. Nur der Mensch ist schuldig tt.-o verbrecherisch. Noch das Tier, das mordet, ist rein und schuldlos. Es erfüllt nur sein Naturgesetz. Aber der tötend Mensch verseht sich gegen das Gesetz der Menschlichkeit. Er, der Stolze, der sich von der Natur gelöst und im Menschentum eingemauert hat. er mordet wissend. Sein Wissen macht ihn schuldig.
Ich bückte mich. Dieser Hausen Unrat war einmal Leben gewesen — und also Schönheit. Schönheit noch in der Kröte! Und damit eine wollüstige Frau einen Schauer, Ekel rmd Blutdurst spürt, mußte ein Lackstiefel die Kröte zerquetschen.O stum
mer, unvorstellbarer Schmerz! War das, Tier, deines Daseins Sinn, in einer nassen Nacht ein grausames Menschenherz durch deinen bittern Tod zu ergötzen? Dazu warst du erschaffen? So schaurig ist der Schöpfung Plan?
Oder wie? Ist vielleicht gar fern Plan da? Ist altes sinn- ttnd gedankenlos? Noch der Tod der Menscher: nicht Folge von Idee und Notwendigkeit, Entwicklungsgesetz und Weltbeschluß? Auch Krieg nichts als Kitze! spielerischer Geschöpfe, Völker wehrlos unter der Grausamkeit eines gedankenlosen Schicksals Wer ihnen? Auch wir, jeder, ist nichts weiter wie eine Kröte, die ein unbegreifliches Wesen über mir m Gewalt hat?
f > ging heim. Ich sah das Symböl im Erlebnis und das is im Vorgang. Durfte ich Richter und Berurteiler spielen? Schuld nicht der Faden, -an dem die Menschen nebeneinander «ufgereiht sind? Wer frei ist von Sünde, ist — rate ein Tier!
Maria.
Von K. Hl.
Es ward einer Mutter ein Sohn geboren im jüdische« Lackdtz in stiller Nacht. Da läutete ein häles Glöcklern in ihrer Seele» und sie vernahm den feinen Klang und beugte sich voll Freud«! über den Meinen und herzte ihn und küßte ihn.
Es stand ein Sohn vor seiner Mutter und sah ihr voll Wieh, Mut in die lieben Augen. „Mutter, ich muß hinaus in die 'SSeÜ* und tun die Werke des, der mich gefarmt hat." Ta reichte sie ihm schwelgend die Hand und wandte sich ab. In ihrer Leele klagte ein helles Glöcklern, und in ihrem Auge stand eine Trane.
Es stand die schmerzensreiche Mutter am Kreuze ihves Sohnes^ Uitb ticstraurig blickte er sie an und neigte dann sein todroundeq Haupt und verschied. Ta klang zum dritten Mal« das. Glöcffein tzt Marias Herz und dann sprang es entzwei.
*
Tag und Rächt.
Don K. H.
Die Nacht ist unser« gute Mutter. Aus ihrern Schoß er-, blühen wir zum Leberr. Zu ihr flüchten wir, wenn wir müde sind. Und wenn einmal die letzte, große Mattigkeit über uns kommt, dann leitet sie uu$ sanft zur Ewigkeit hinüber.
Die -Ewigkeit ist unser Vater. Ernst und heilig steht er über mifmrn Leben. Er gibt uns Kraft, wenn nur versinken wollen im Wellenmeer der flüchtigen Zeit. Und seine leuchtenden Boten sind die ewigen Sterne.
Wenn einst die Mutter uns zum Vater stihren wird, bann werden wir das Elternhaus wiedererkennen, aus dem ein dunkles Schicksal uns dereinst entführte, und das wir suchen sehnsuchts- voll, solange wir auf dieser Erde leben.
vücherttsch.
— Der Bölkerkrieg. Eine reich illustrierte Chronik der Ereignisse seit dem 1. Juli 1914. Herausgegeben von Dr. C. H. Baer, Verlag von Julius Hoffmann, Stuttgart. Heft 157 u. 153, Preis je 40 Pfennig. Das alte Rußland des Zarismus mit seiner ans Despotismus rmd Aberglauben begründeten Macht und seinen himmelschreienden Mißbräuchen ist wohl endgültig zu Grabe getragen. Aber es bildet eine Episode der Weltgeschichte, die politisch, kulturgeschichtlich und völkerpsychologisch von einen: ganz eigenartigen Interesse ist und deshalb der Zukunft ruich viel zu denken! und zu schreiben gebe:: wird. Der gegenwärtige Krieg wurde zum Todeskampf des zaristischen Rußlands, und die gervaltige Sommeroffensive von 1916 war das letzte Ajufkramvfen des sterbenden Riesen. Die Behandlung dieser Offensive in den neuesten Heften des „Bölkerkrieg" (157 und 158) erhält ireben der vorzüglichen Darstellung der Kampfhandlungen ein besonderes Interesse dadurch, daß wir einen tiefen Blick tun können in die merkwürdige Seele deS alten Rußlands, in Zar und Volk, in ein Rvginvent der plumpsten und schamlosesten Mittel und in ein Volk von so kindlicher, dänr- mernder Psyche, daß wir bald lächeln, bald staunen müssen über die überraschenden Möglichkeiten, die hier bestehen.
— T ie Schön heit. Moderne illustrierte Monatsschrift mit Beiblatt „Licht, Lust, Loben". 14. Jahrgang, Heft 10. 1 Mort. (Verlag der Lchönbeit, Dresden—A 24.) — Das neue (10.) Heft der „Schönheit" ist erschienen und bringt wieder eine Füll« erlesenen Stoffes, u. a. Tie Gedanken eenes feldgrauen Wanderers, „Der endlose Weg", eine feinsinnige türkische Novelle ,Hafis Achmeds Sehnsucht", einer: kritischen Ufa: über den Bildhauer Ernst Soger mit zahlreichen Abbildungen und einen wertvollen Vertrag von O. Kiefer über Frank Wedekind's Schön», heitsideckl.
— Die Schaubühne, Wochenschrift für Politik, Kunst, Wirtschaft, herausgegeben von Siegfried Jacobsohn, enthält in dev Nummer 10 ihres vierzehnten Jahrgangs: Der Reichstag, von Germcmicns: Der Vormarsch, von Max Epstein; Kuno Graf von Westarp, von Johannes Fischart; Hedwig Lachmann, von JuliuS Bab; Salzburger Festspielhaus, von Ernst Ehvens; Die Helden auf Helgeland, von S. I.; Die Verführung, von Alfred Polgar; Die Legende von der Heiligen Elisabeth, von Kurt Singer; Dlß Wette, von El Ha; Das Gvoßbankgeschäft, von LorariuS; Anh« warten^ ‘ ‘
Telegraphen-Rätsel.
Die Striche und Punkte entsvrechen den einzelnen Buchstad«» der nachstehend in anderer Reihenfolge angegebenen Wörter. Die?« Mütter sind so zu ordnen, daß die auf die Punkte treffenden Buchstaben im Zusammenhang einen Sinnspruch ergeben.
Art«», Dank, Karte, Kleid, Nest, Seine, Woche, Wolga. (Auflösung in nächster Nummer.)
Auslösung deS Bilderrätsels in vorig« Rummegt Maschinengewehr.
Lchrptteitung: W. Meyer. — ZwillingSrunddruck der Brühl'scherr Umv.-Buch- rmd Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


