Die Rächer.

Roman von Herrnann Wagner.

(Fortsetzung.)

Eines Tages sah Gutzeit seine Frau aus dem Privat­kontor Reisners kommen. Ihr Gesicht war von Aufregung gerötet und ihre Augen waren naß.

t,,Was hast du?" fragte er sie demütig, denn es war ihm, als müsse er sie um der Schmach willen, die ihr der andere angetan hatte, um Verzeihung bitten.Was hast du? Was hat er dir getan?"

Ihre Antwort war ein einziger, haßerfüllter Blick. Geh? Was geht es dich an? Du!"

Da ging er zu Reisner hinein und fragte in dem gleichen demütigen Tone:Ich bitte Sie, ich flehe Sie an: sagen Sie mir, warum kränken Sie meine Frau?"

Ihre Frau?" Reisner lachte.Ich rate Ihnen, Ihre Frau zu hüten!"

Gutzeit lächelte eingeschüchtert, in der Art armer, ver­achteter Juden ai*£ dem Osten. Und er machte seine Stimme noch demütiger, denn es schien ihm, daß jeirer doch einfehen müsse, daß ein jeder Mensch, wenn er nicht zusammenbrechen solle, nur ein bestimmtes Maß an Leid ertragen könne.Sie peinigen meine Frau," sagte er weich.Sie peinigen sie schlimmer, als wenn Sie sie schlagen würden. Bedenken Sie, daß sie ein Mensch ist! Und daß auch ich ein Mensch bin! Bedenken Sie das!"

Ja," antwortete Reisner langsam und gleichsam prü­fend, wie weit er noch gehen dürfe,ich bedenke es. Aber ich werde trotzdem Ihre Frau schlagen. Ich werde es wirklich, das schwöre ich Ihnen, wenn sie sich nicht endlich dessen er­innert, daß unsere Beziehungen nur geschäftliche sind."

Gutzeit starrte ihn stumm an, erschüttert und doch wie erstaunt.

Reisner rüttelte ihn an der Schulter.Mensch," höhnte er,sind Sie ein Mann?"

Wir können uns ja trennen," sagte Reisner kalt.Ich brauche Sie nicht. Das wissen Sie doch, daß ich Sie nicht brauche?"

Ja, das weiß ich . . ."

Ich will Ihnen, wenn Sie nicht zu unverschämt sind, eine einmalige Abfürdung geben . . . Wieviel beanspruchen Sie? Sagen Sie es, schnell!"

Gutzeit schüttelte den Kopf.Nichts," sagte er,nein, gar nichts . .

Und er wandte fkf) um, sah wie versunken die Wand entlang, ging schleppeirden Schrlttes bis zur Tür, öffnete diese, blickte noch einmal zurück auf Reisner und ließ dann lautlos die Tür hinter sich ins Schloß fallen.

-,Starrkopf!" schimpfte Reisner vor sich hin.

Gutzeit stieg die Trevpe hinauf, trat in den Flur seiner Wohnung und pochte an die Tür des Zimmers, in dem sich ieme Frau eingeschlossen batte.

Drinnen rührte sich nichts.

Gutzeit pochte ein zweites Mal und bettelte: , Hilde, ich bitte dich, öffne! Ich will mit dir reden. Ich muß es. Laß mich ein!"

Nein," kam es heftig von drinnen.

Ein letztes Mal, Hilde. Ich gehe fort. Ich will mich verabschieden."

Der Riegel wurde zurückgeschoben, urrd Gutzeit trat ein. Er ließ sich in gebeugter Haltung auf das Sofa sinken und stützte die Arme auf die Knie. Er sprach lange kein Wort. Seine Iran saß am Fenster und kehrte ihm den Rücken zu.

Hilde," begann Gutzeit nach einiger Zeit,ich will dich etwas fragen."

Seine Frau sah stumm zum Fenster hinaus.

Hilde, ich möchte dich fragen, warum du einen solchen Haß auf mich hast? Was habe ich dir getaut

Du bist mir gleichgültig," sagte seine Frau,' mrd das klang strunpf und bös.

Ich nxrr dir gleichgültig, Hilde, als wir uns heirateten^ ja. Damals war ich dir gleichgültig. Aber jetzt hegst du einen Haß gegen mich. Das kannst du nicht leugnen."

Ich leugne es nicht," mrtwortete sie voll Verachtung.

Er holte schwer Atem.Es ist girt, daß du das nichjt tust, so werden wir uns klarer über unser Verhältnis Unser Verhältnis war vom Anfang an eine Sünde, Hilde. Der Haß ist jetzt die Frucht dieser Sünde."

Du bist ein Schwächling und ein Diimmkopf!"

Ich bin alt," sagte er ohne Erregung,das ist alles. Einmal war ich jung, und einmal war ich, auch reich. Aber jetzt bin ich arm. Das ist es."

Du bist durch deine eigene Schuld arm geworden, durch deine Dummheit!"

Ja, jeder Mensch büßt nur seine Schilld. Jeder^ Auch er wird einmal die seine büßen. Ja, auch er."

Sie lachte heiser über feilte Worte hinweg.

Jeder," wiederholte er,auch du. Denn auch du hast Schuld. Und du bist schon dabei, sie zu büßen. So wie ich."

Ich toerde nicht büßen," höhnte sie chn,nie!"

Warum weintest du da vorhin ?' fragte er weich, ohne jeden Hohn.Liebst du ihn? Du kannst es mir sagen."«

Laß mich," wehrte sie ihn ab.

Ich bin dein Mann, Hilde, trotz allem. Wenigswirs bür ich der Vater deiner Kinder. Glaub mir, ich meine es grrt Mit dir, so girt, wie ich es noch niemals getan habe. Ja."

Sie schwieg.

Er stand auf, näherte sich ihr urrd nahin ihre Hand, die sie ihm ließ.Laß ihn, Hilde, denke nicht an ihn! Er ist kein Blinder, der alle Welt haßt, und wenn er dir etwas gibt, dann wird es immer nur etwas Böses sein! Ich lveiß es, ich weiß es jetzt bestimmt!" Seine Worte wrrrden zu eurem Schmeicheln.Sieh, Hilde, du wirst noch leben. Du hast noch so vieles vor dir, so vieles. Laß dich nicht Neersen! Warte! Es werden wieder bessere Tage kommend

Sie errtriß ihm ihre Hand.Bei dir?" fragte sie hart.