mttttDod), den 7. November
Oie Bäcker.
Roman Wii Herm ann W<rgnev.
(Fortsetzung.)
Die Anklage lautete bei Herbert Behrens auf Mord, bei Lucie Btümner auf Beihilfe: ,
Die Beweise genügten indessen nicht, eine Verurterlung wegen Mordes herbeizuführen, und so legte der Gerichtshof den Geschworenen die Frage auf Totschlag vor.
Darauf würbe Herbert Behrens zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt.
Lucie Blümner wurde freigesprochen.
Sie hatte sich während der Verhandlung völlig teilnahmslos verhalten. -
Herbert Behrens nahm die Strafe an *
Der Direktor hatte zu Ende gelesen.
Er sah auf und betrachtete schweigend eine Weile den Pastor, als beobachte er, welche Wirkung das Gehörte auf diesen gemacht habe.
iDer Pastor löste seine Brille von den Ohren, putzte sie sorgfältig und sagte: „Welch ein Schurke!"
Der Direktor nickte. „Ja, auch ich neige dem Glauben zu, daß Behrens sich nicht eines bloßen Totschlages, sondern eines wohlüberlegten Mordes schuldig gemacht hat. Und
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„Und doch?" fragte der Pastor erstaunt.
und doch hat der Mann etwas an sich, das für ihn einnimmt. Es läßt sich schwer erklären, was es ist. Im Grunde wohl dieses, daß er ein Charakter ist. Ein ganzer
Charakter." c- - - .
' Der Direktor stand auf und maß mit rangen Schritten das Zimmer. „Was Sie gehört haben," fuhr er fort, „stellt in der Affäre nur das roh Tatsächliche dar, das, was geschehen ist, nicht jenes, welches die inneten Gründe waren, die zu der Tat führten. Diese Gründe liegen im Dunkeln und gestatten nur Vermutungen. Der ganze Mann ist ein Rätsel. Und die Art, wie er seine Strafe trägt, ist heroisch."
„Ein Verstockter!" warf der Pastor ein.
„Ein Verstockter," pflichtete der Direktor bei, „lawohl, aber einer, dessen Verstocktheit Ueberzeugung ist. Einer, der für etwas leidet, das er für eine gute Tat hält. Und dev sein Leben zäh und tapfer trägt und der es so zu tragen gedenkt bis zu dem Tage, da er es abwerfen kann, bis zu dem Tage, da er gesiegt hat."
Der Direktor blieb stehen und machte eine heftige Bewegung nach dem Pastor hin. „Ich vergaß," sagte er, „als ich vorhin dreierlei Arten von Verbrechern unterschied, eine vierte: die Verstockten aus Ueberzeugung . . . Wenn es Verbrecher, gibt, die das Gefängnis gebessert verlassen, in Wahrheit gebessert, dann sind ss diese. Nur bessert auch sw nicht das Gefängnis, sondern die schwere-Last ihrer Tat!"
4. Kapitel.
Am Morgen eines Sonntags im Mai öffnete der Pförtner dem Hermann Reisner das Tor des Gefängnisses.
Das war ein Moment, in dem der Entlassene erbebte. Etwas Finsteres ballte sich in ihm zusammen, eine dunkle Kraft des Widerstandes, die geknebelt in ihm lag, seit Monaten, seit Jahren, und die danach strebte, frei zu werden und sich zu äußern.
Ganz heimtückisch überfiel ihn eine Versuchung, die er während der ganzen vier Jahre seiner Haft nie gespürt hatte: die Versuchung, sich zu wehren, sich zu rächen.
Jäh hob er den Kopf uird wandte ihn dem Pförtner zu, der die brutale Gewalt verkörperte, der er, Reisner, jetzt entrann, um diesem mit einem einzigen Blick hochtnütiger Ueberlegenheit seine tiefe Verachtung zu bezeigen.
Doch im gleichen Augenblick ließ er den Kopf wieder sinken. Etwas in seinem Innern war entzwei. Es war sein Wille, der gebrochen war und der das Gefühl wahrer Verachtung nicht mehr aufbrachte.
Uud so wurde aus seiner Ueberlegenheit plötzlich Demut, eine Demut, die aus einer rätselhaften, dumpfen Furcht geboren war, — und er errötete heftig, nickte dem Pförtner scheu lächelnd zu und drückte sich wie ein Dieb durcb das Tor.
Nun eilte er die Straße hinauf, den Blick starr geradeaus gerichtet und sich gewaltsam blind machend gegen alle-, was er sah. \ . t . ...
Eine heiße Scham war in ihm und eine noch heißere Furcht, daß man ihm ansehen könne, woher er kam.
Uud wie von tausend grinsenden und höhnenden Menschen verfolgt, eilte er auf eine Droschke zu, die ihm leer entgegenkam, sprang hinein und schrie dem Kutscher zu: „Fahren Sie mich! Schnell!"
Der Kutscher sah ihn erstaunt an und fragte: „Wohm?
„Irgendwohin! Ins Freie! Nur schnell! Recht schnell!"
Während der Kutscher in die Pferde hieb und die Räder, aus ihrer beschaulichen Ruhe gerissen, empört über das holprige Pflaster hinpolterteu, schloß Reisner die Augen.
Jetzt, — noch wenige Minuten, — dann war er unter Leuten, — die bestimmt nicht ahnen konnten, — daß er, — kurz zuvor noch, — vor einem Gefängnispförtner — in Demut — erzittert war ... ^ ^ ,
Zögernd hob er die Augenlider. Der Wagen rasselte noch immer in ungewohnter Eile die Straße entlang, deren Häuser nun ein Ende nahmen und die ins Grüne hinaus führte, in die sonnige, blühende, freie Welt!
Reisner lüstete den Hut und strich sich durch die Haare. Seine Stirn war ferichjt. Er holte Atem, aus tiefster Brust, lächelte versonnen und betrachtete die Wiesen vor sich, als sähe er ein Wrurder.
Sie standen in saftigstem Grün, mit dem schreienden Gelb des Lötvenzahns gesprenkelt, und auf alledem laa die Sonne voll milder Wärme und darüber baute sich der Himmel auf, blau, in heiterem Frieden.


