Sn Sturm und Stille.
Roman von MaxTreu.
(Fortsetzung.)
Allen den scharfen Augen, die auf die Wege, die von der Altmark hinaufführten zur guten Stadt und alten Festung Magdeburg, Obacht geben, war es entgangen, datz zwei Rer- ter in bürgerlicher Kleidung eines schönen Tagev die große Straße nach Magdeburg entlang geritten waren, wch wer re ettva beobachtet hatte, dem waren sie jedenfalls nicht aus-
SvÄchah es, daß der Gouverneur und Kommandant von Magdeburg zwei Schreiben erhielt, das eine an Se. Majestät den König von Westfalen geruhtet und mit der Bitte- um sichere Weiterbeförderung übergeben, das andere
für ihn selbst bestimmt. ..
Er öffnete das letztere und las es, unt es dann ärgerlich
auf den Tisch zu werfen. ^ . r( . r _ .
„Sapristi!" sagte er verdrießlich zu fernem ^tab^s, „wenn inan mich bud} nur von diesem verdammten Posten als Kornmandant hier erlösen wollte! Man weiß nicht mehr, was man machen soll. Aus Paris und Kassel gehen nur fortwährend Weisungen zu, milde und vorsichtig zu^verfahren urrd Gewalt nur dann zu gebrauchen, wenn tätliche Angriffe gegeir unsere Leute stattfinden sollten; chan inu>>e darauf achten, heißt es jedesmal, daß man sich rm Rucken der bald nach Rußland marschiererrden Armee kem zweites Spanien und keine zweite Vendee schaffe. Und hier schrat mir der Wellingerode den Befehl, ich falle den Lurauer Baron, den Sormitz, festnehmen und ihm den Prozeß machen
^^^Der Kommandant ging heftigen Schirittes im Zimmer
auf und ab. t t r f .
.„Ordre, contreordre, desordrc," fuhr er dann fort. Man hätte übrigens auch etwas Besseres tun können, als gerade diesen" - er spuckte aus - „Grafen Wellingerode hierher zu schicken. Bei dem Rufe, der chm vorangeht, ist er der schlechteste Unterhändler in delikaten Aufträgen Und hat der überhaupt Vollmacht zu einem solchen Befehl? Daß der Linauer Baron an der Spitze der Rebellen steht, wissen wir längst, aber daß er die Schuld tragen soll, wie Wellingerode schreibt, daß män drei seiner Reiter an die Baume gebunden hat, — davon wissen wir gar nichts. Ich werde mich hüten, hier auf eigene Verantwortung den Hunten mv Pulverfaß zu werfen." r r
Und er beschloß, zuuäckist in Kassel um Verhaltungvmaß regeln gegenüber dem Wcllingerodschcn Aufträge zu bitteit.
In dem Schreiben an den König von Westfalen abtt stand folgendes: , .
„Eurer Majestät ^ . . • . ,
beehre ich mich untertänigst zu berichten, daß ich bei der Durchführung der Befehle Eurer Majestät hier auf den^ent- schiedeuslen Widerstand gestoßen bin. DerBaron von ^or-
mid weigert sich, die Gnade der Majestäten -mzunehmcn, und hatte sich mir gegenüber offen als Preußen hmgestellt. Da. Fräulein von tzassow, das ein« Liebschaft mit dem von So^ mitz zu haben scheint, weigert sich, dein ehrenvollen Ruf« n-uh Kassel zu folgen, und hat mir em kategorisches -Niemals zur Antwort gegeben. Bei dem von sormitz halte ich alle weiteren Verhandlungen für aussichtslos; dem Fräulem von Hassow gegenüber werden sich Mittel und Wege finden, zum Ziele zu gelangen. Nötig ist aber dazu vor allem, daß der von Sormitz hier von der Bildfläche verschwinde. r .
Ich brauche der erhabenen Einsicht Eurer Maiestat hierüber gewiß keine näheren Andeutungen äa machen und werde daher von der Vollmacht, die mir Eure Maiestat schon vor Jahren gegeben haben, in allen solchen Dingen nach eigenem Ermessen zii hairdeln, auch im vorliegenden Falle Gebratlch machen. Um ganz sicher in der Ausführung der nur übe^ tragenen Befehle zu gehen, erlaube ich mir die untertänigste Bitte, den Kommandanten von Magdeburg anzuweisen, mir weitere 100 Mann Kavallerie zur Verfügung zu stellen
Eurer Majestät untertänigster Graf von Wellingerode."
Das hochedelgeborene Fräulein Ludovika Aemiliane von der Rott feierte ihren Geburtstag. ^
Das war ein Feiertag für die ganze Umgebung pe» Sttftes. Seit Jahrhurrderten schon war es von jeder Mb* ttssin so gehalten worden. Me Dorfarmen wilrdeii reich beschenkt; die Kranken und die, die sich in vorübergehender Not befanden, erhielten reiche Gaben an barem Geld, an Wein lutb kräftigen Speisen, an Getreide für dre Mrssaat,an Fmtter firr das Bich. Etwaigen SchrUdnern des Efres pflegten an diesem Tage ihre Schulden ganz oder teilweise
Mr frühen' Morgen erschieiien im Hofe des Stiftes ^ie Schulkinder mit dem Schulmeister und 1 armen feierliche Geburtstagskantaten, deren besserer Abschluß ledesmal in schweren Tellern voht Kuchen und großeui Gefäßen voll >)Mch
Stifte selbst aber gab die Aebtissiu an ihrem Ehren> tageNn „Graiw-Diner". Jui großen, Hellen, von mächtigen Säulen gettageuen Speisesaale, der sonst nur selten beruitzt wurde, fand es statt. Der gesamte Wel der näheren Umgebung war geladen, die Geistlichen der nah«r ^'fer ebenfalls iind wenn das Diner begaurl, blies Böttcher^ ^ritze cnis' Linau einen schmetternden Drisch auf eurer alten, verrosteten Posaune, die für gelvölMich ihren Platz hurter dM Orael irr der Torfkirche hatte und dort das ganze Jahr über in ftwnmier Beschaulichkeit unangefochten ihr brachte. An diesem Tage aber wurde sie hervorgeholt. Das war ein altes Privileg der Fanrilre Böttcher, und k"n Krnstw und kein König konnte zäher auf fernen Privilegien besteh^ als die Familie Böttcher auf dem ihren. Und ob che Ti.ch gäste sich sämtlich vor Entsetzen dre Ohren zuhielten, ob che Konventualmnen sich in die entferntesteii Zimnrei fliichteten, um ihre Ohren vor dem grausamen Geschmetter i» bewlch-


