3n Sturm und Stille.
Roman von MaxTreu.
(Fortsetzung.)
„Fräulein Beate von Hassow," fuhr Wellingerode fori „ist allerdings eine so außerg ewöhnliche Schönheit, daß ihr gegenüber auch nur Außergewöhnliches am Platze ist. Sie wissen, gnädigste Frau Aebtissin, daß der Hof zu Kassel ein Sammelpunkt glänzender Schönheiten ist."
„Das iveiß ich, Herr Graf," schneidend und scharf klang die Stimme, ,chas weiß ich — nrrd auch noch manches andere."
Der Graf räusperte sich, ehe er fortftlhr:
„Ich hatte das große Glück, Fräulein von Hassow in Kassel zu begegnen. Ihre Schönheit bezauberte mich, ich sprach den Majestäten davon, und die Folge war, daß die Königin die junge Dame als ihr Hoffräutein in ihrer Umgebung ausnehmeU und sie unter ihre.: mütterlichen Schutz nehmen will. Der Hofstaat Ihrer Majestät soll vergrößert werden, und auf Fräulein von Hassow ist zuerst der allerhöchste Blick gefallen. Ich habe den Auftrag erhalten, Fräulein von Hassow ihre Berufung als Hofdame Au überbringen. Zn meinem großen Erstaunen war jedoch das Fräulein von Hassow vor kurzem ganz plötzlich aus Kassel verschwunden."
„Dazu hatte sie ihre guten Gründe gehabt, Herr Graf," unterbrach die Aebtissin.
„2th!"
„Ich werde nicht irö-iig haben, sie Ihnen zu sagen!"
Wellingerode zuckte die Achseln.
„Ich wüßte nicht, gnädigste Frau Aebtissin —"
„Sie wissen rächt? Dann erlauben Sie, daß ich Ihrem Gedächtnis ein lvenig auf die Sprünge helfe. Ist Ihnen wirklich nicht bekannt, daß Fräulein von Hassow wochenlang in zudringlicher Weise belästigt worden ist?"
„Belästigt? Gnädigste Frau, Sie lieben starke Ausdrücke —"
„)tur die richtigen, Herr Graf."
„Wenn nran sich um die Bekanntschaft einer Dame bemüht, ihren Namen, ihre Adresse zu erfahren wünscht —"
„Und wenn —" ftel die Aebftssin aufs neue scharf ein, „die junge Dame solche Bemühungen entschieden zurück) veist, und sie dennoch fortgesetzt werden, so trennen wir das in Preußen Belästigungen —"
„Ich handelte im allerhöchsten Aufträge."
„Dadurch wird die Sache nicht besser. Im allerhöchsten Auftrag eine jurrge Dame aus offener Straße anzusprechen. >— hm, mein Herr Graf, nur denken darüber etwas anders, als das in der Kasseler Hofordnung vielleicht benannt oder auseiuaudergesetzt sein mag."
„Sollte ich mich in der Tat der jungen Dame gegenüber ungeschickt oder ausfällig beuonunsn haben, so werde ich darum um L^rzeihung bitten, gnädigst« Aebtissin. Mein
Uebereifer aber entstammte nnr meinem Bestreben, meinen allerhöchsten Herrschaften dienen zu wollen."
„Keine Entschuldigungen, Herr Graf. Sind Sie zju Ende?"
„Ja. Es gelaiig uns, den Aufenthalt des Fräuleins von Hassow zu ermitteln, — sie ist hier in diesem Hanse, und ich bitte Sie, gnädigste Aebtissin, mir eine Unterredung mit ihr zu gestatten oder zu vermitteln, damit ich mich meines Auftrages entledigen kann."
Die Domina führte langsam eine Prise in die etwas groß geratene Nase.
„Das lväre mchlose Mühe, Herr Graf," sagte sie ktlhl.
„Gnädigste Frau-"
„Ganz nutzlos, Herr Graf, ganz nutzlos. Dasselbe Spiel, tvie wenn die Kinder mit Muscheln die Elbe ausschöpfen wollen."
„Aber ich bitte gehörsamst — ein allerhöchster Auftrag voll Gnaden —"
„Der mit einem runden Nein abgelehnt wird."
„Frau Aebtissin!"
„Mit einem runden Nein, Herr Graf. Wollen Sie das den Majestäten mitteilen und meinen untertänigsten Respekt vermelden. Kann ich sonst noch dienen, Herr Graf?"
Wellingerode hatte sich erhoben.
„Ich vermag in dem Bescheide der Frau Aebtissin noch nicht den Bescheid des Fräuleins Beate von Hassow zu erblicken —"
„Ah so, — einen Augenblick, Herr Graf!"
Sie klingelte. Ein alrer Diener erschien.
„Ich lasse Fräulein Beate von .Hassow zu mir bitten."
Der Diener zuckte leicht die Achseln.
„Das gnädige Fräulein geht soeben mit dem Jung Herrn von Sormch im Garten spazieren —"
„Hm,—mit wem?"
„Mit dem Jungherrn von Sormitz !"
Jetzt trommelte das hochedelgeborene Fräulein Ludo- vika Aemiliane von der Rott einen Marsch auf ihrer Tabaksdose.
„Dann rufe mir das Fräulein -aus dem Garten heraus. Der Jung Herr soll unten ivariten, — ich habe nachher mit ihm zu sprechen."
Einige Minn-ten später tvar Fräulein von Hassow im Zimmer. Sie zuckte heftig zusammen, als sie den Grafen erblickte.
„Mein gnädigstes Fräulein!" Er verneigte sich tief. Ohne ihn zu buchten, trat Beate an die Seite der Domina.
„Du hast mich gewünscht, Darrte."
„Ja. Dieser Herr bringt dir eine Berufung als Hofdame nach Kassel. Du sollst dich erklären, ob du ihr folgen willst."
Mit stolzer Bewegung hob Beate das Harrpt- Wie eine belsidigte Ksiügin stano sie vor dem Grafen.
„Hast du die Erklärung noch nicht stir mich abgegeben, liebe Tante?" fragte sie die Domin«.


