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Der Teufel im vackenzayn.
A . Bon Paul Ahrend.
. (Nachdruck verboten.)
„Häslein, Häslein, Sie werden nie ein brauchbarer Soldat werden," hatte der Herr Hauptmann in gesegneten Friedenszetten stets von seinen: Schlachtroß herab gestöhnt, wenn er vor dem langen Ettrjährigen Häslein — seines Zeichens Kandidat theol. et Phil. — hielt und Zeuge sein mußte, wie dem jungen Marssohn und zukünftigen Seelenhirten gerade wieder einn:al der Parademarsch vorbei- gclang oder ihm in der Angst des Augenblicks beim „Grifseklopfen" der Schießprügel am Leibriemen hängen blieb. „Biel geliebt und viel gescholten" — Häslein hatte besonders die letztere dieser beiden Seiten des Soldatenlebens gründlich auskosten dürfen. Denn mit dem Herrn Hauptmann hatten natürlich auch der Herr Leutnant, der Feldwebel und der Unteroffizier an den militärischen Qualitäten des jungen Mannes gezweifelt. Und bald hatte sich auch noch der Herr Major dieser gegen den Einjährigen verschworener: Schar angeschlossen. Aber der hatte bei der: akrobatischen Vorführungen Häs- leins nur das Denkerhaupt geschüttelt und stets eigentümlich gekachelt. Und ivar auf seiner Rosinante davongetrabt.
Wenn es nur der Herr Hauptmann noch hätte erleben dürfen, was aus seinem Schmerzenskttide geworden war. Aber der gute Kompagniechef ruhte längst unter dein grünen Rasen. Als der Kriegsrus dem beschaulichen Dasein der kleinen Garnison ein Ende bereitete, hatte Hauptmann Müller seinen Schimmel mit einer kaffeebraunen Farbe überftreichen lassen, acht Tage später seine hannoverschen Junger: ins Gefecht geführt und hatte seit diesem Treffen nimmer ein Roß bestiegen. Glatt durch den Kop' war ihm eine welsche Kugel gefahren und hatte ihn zur großen Armee abberufen. —
Und Häslein, sein Liebling, lebte immer noch und trug mit Stolz die Knöpfe des Gefreiten. Aus dem zweiten Knopfloch des Wafsenrockes schlang sich sogar ein schwarz-weißes Bändchen. Der Herr Oberst hatte es ihm selber mit dem dazugehörigen Kreuz überreicht unb ihm dabei wohlwollend auf die Schulter geklopft. „Nur weiter so, Herr Kandidat," hatte er gesagt, „dann bleiben rvir Freunde." Hatte ihm die Harch gereicht und war schmunzeld iveiter- geritten. Für Häslein war es eine festliche Stunde gewesen. Und wurde es auch für ein greises Elternpaar im niedersächsischen Pfarr- hause, das dem Herrn über ZlÄcg und Frieden hochschlagenden Herzens Lob urü> Dank wußte, als der Postbote einen Feldpostbrief mit
froher Botschaft vom Buben aus der Champagne brachte.
Heute war der Gefreite Häslein altes andere als in festlicher Stimmung. Zum hundertsten Male wohl schon predigte er sich die düstere uich ivenig fromme Weltanschauung vor. daß das Leben von Anfang bis zum letzten Stündchen doch ein erbärmlich und jämmerlich Ding sei. Zwischen Wacken und Schlafen glaubte sein Freund Mchel Speier, der ftöhliche Spielmann, sogar hier und dort einen kräftigen Soldatenfluch zu vernehnwn. Tenn Johannes Haslein lag im Unterstaild, wa:ck> sich unter Schmerzen und stöhnte, daß es einen Stein hätte enoeichen können. Ter rechte Backenzahn war's. besttmmt der Backenzahn! Ta er in seinen: Leid schier nichts Besse- uwhr zu tun wußte, stellte ec diese Tatsache immer von neuem fest, schmerz, Wut und Verzweiflung lvarsen ihn umher und ver- tvaridelten sein Gemüt in ein wirres Durcheinander.
In scharfen Dur-Akkorde:: pfiff der Wind über das Land und der Regen rieselte in grausamer Beharrlichkeit gegen das Zelttuch das ituüi vor die Oeffnnng der Erdroohnung gehangen hatte Und Johannes -Sebastian Klaus Häslein ächzte und stöhnte. .Herrgott \m Himmel — diese Qual —> dieser entsetzliche Backe::zahn
„Häslem! Häslein!" ließ sich da draußen raunend eine ^ttmme Horen. Und als e:n Grunzen von drinnen erklang: ..Los' Du Uiutzt ans Horchposten."
■ „Auch das noch!" Er hatte heulen nrögen, als er sich erhob und yervorttoch, verzog das Gesicht aber nur zu einer Grimasse, die Nn:so besser imrkte, als die rechte Bcrcke stark geschwollen war irr l'^on s:ehst nicht aus mit deinem schiefen Zifferblatt Wenn d:ch d:e Englmcker erw:schen, rennen sie vor Angst davon " Gentttt- liti grmwnd schaute ihn der Sprecher an. Ein wütender Blick traf rhn aus Hcislerns Augen. —
f^.^d^^rchposten! Der Regen floß immer noch in Strömen und sm:g gemeinsam nnt de::: Wnide sein rauschendes Lied. Johannes ,^^s^Tuett Stimmen hören zu müssen, die t i rt l n Oual verladen Zwischen den
lag er :rnd starrte :n das:n Nacht gehüllte Land hinaus das durch Schemwerfer und Leuchtraketen bald hier, bald dort für SfMwr ^ 'JH***- $ n einer normalen Verfassung
Sckausviel semer Aufgabe an diesem prachtvollen
^ X lchönheitsdursttgen Seele, die er sich ans der n:edersackilick)en Heimat :n die KriegÄvirren binüberaerettet einen lebhaften Gefallen gefnnden'lmb^ msnnenl körperlichen tme s^lischen Ich wüster Hexenfasching. Der ♦«ff f einem Backenzahn bohrte und fraß und sich durch ^^ntte Nervengewebe fortpflanzte bis in die Finger und indie Spitzen fernes rötlich angehauchten Blondhaars ließ <ms Lr G?>kalten vor ihm emporn»ack.sen Der snr^nle, und die Augen brannten ihm in den Höhle::
stöhnte er ein über- das andere Mal aus FU lvoll gemartertem HZrzen. ^,Der Backenzahn! — Der Backen-
Ä k ^ozn mußte audy ein Mwsch Backenzähne habe:: und einen jccvt) oar:n, der den sanftesten Theologiekandidaten zum Wahnsinn fühlte sich bereits in einem Zustand, in l^ x 9L ^ gegenüber als die Gemütlichkeit in eigener Person hatte erscheinen^önnen.
^ Haslein auf Horchposten und hatte, wie
Krügers, in der Allgenieinen Posten- o!^J}Z 9 J 0 Q^ m "wrtgesetzt nach dem Feinde zu spähen".
wurde er diese LlufMbe für eine höchst ehrende Zumutung gehalten haben. Aber heute fühlte er sich mit dem alten H:ob stark verwandt. Das zeitweilige Knattern der Gewehre klang in ihm tausendfältig itad) unb ward ihm eine Musik der Hölle ^n seiner Qual krümmte uitb streckte er sich abwechselnd und krallte rn namenloser Wut ob seines Unglücks die Hände in den Lehmschlamm In monotoner Weise trieb das Reißen und Nagen in fyofynlad)enbe Spiel. Er dachte an die Hexenfolter des Mittelalters und fühlte sich versucht, diese Art der Marler für
J arm I 0 fc n gegenüber seiner .Heimsuchung durch bcj
vä>eia>:cr ju halten.
Gnade^Gott Halunken! Wenn ich einen envischte. Dann
^^^^r?^^?§lichkeit hatte er noch garnicht g^acht. Wie ein WltE stahl ^ sich m se:n seelisches Dunkel. Er malte sich in ^durch fern Leid aufgepeitschten Phantasie die einzelnen Phasen emes solaren Zusammentreffens aus, und eine grimmige Freude er- fullte be: diesem ^Gedanken sein Herz. ..W^nn ich einen erwischte'" ^ em ^c^rtten im nächtlichen Dunkel. Und in einigem ein dritter. Sich daherpirschende Men- Schleichpatrouille der schotttschen Gebirgsschützen, denn die Gesellen trugen die „Ballettröckchen" dieser Truppe. Sie steuer- ! len gerade auf ihn zu. Häslein zog behutsam seinen Dolch und faßte zum Spiwng bereit, fest den Griff. Nur noch wmige Schritte war der erste Gegner entfernt. In geduckter Stellung tappte er sich mit fernen Kümeraden dahin. Recht eilig hatten es offenkundig die Herren Fe:nde Häsie::: lächelte All vor sich hin. Angst hatte er n:e gekannt, al,o lächelte er, um im gleichen Mosment das Gesicht zu emer Grimasse zi: verziehen. Und dann ereignete sich etwas, wovon d:e Allgemeine Postenanweisung nichts verlauten läßt,>weik UeNicht weitsichtig genug ist anzunehmen. daß ein Posten an- gesichts des Femdes plötzlich wieder spüren muß, daß auch im Backenzahn eines preußischen Gefteiten ein Nerv zu einem kleinen Teufel ausnmchfen kann.
Ter Englishman stockte im Fortbewegen und suchte mit den Wildes — war's der furor teutonicus oder Entschlossenheit, das Erkennen: „Du oder ich?" — den zukrmfttgen Gottesmann und ließ ihn irichts Wetter sehen als ein ^'tengesicht. Ein Sprung - und die Stinge y f I saß dem Feinde bis ans Heft im Halse. Laut-
ws sank der Gegner zurück. Im Augenblick veriiahm Häslein ein ^on ^c^. sah e:ne heraueilende Gestalt. Ein zweite:- Stoß mit dem Dolch Dwchen knirschten im Leibe unter dem eindringen- Blutftrom Airzte hervor und mit einem leisen Sckuei brach der -Lchottlander zusarmnen. Häslein konnte nicht schnell ge- nug zupacken so datz sein Dolch im Körper des Gegners stecken blieb. Schnell wottte er sich danach bücken —
„Tamned? Deutscher Hund!" D^r dritte Engländer sprang auf ihn m. Hastein griff nach seinem Revolver — zu spät' Er glaubte sich verlor«:. Er sah nichts mehr als eine Sekunde hindurch eul wutverzerrtes Gesicht, lind hörte wieder einen englischen Fluch.
I gla:ib te er die^Weli in lohenden Flammen zu sehen, lttid
> schrie m namenlosem schmerze auf. Im Bruchteil eines Augenblicks ? t L er et P a ^ ^us seinen: Innersten emporbrodeln. Diesmal war
Ter Brtte hatte ihm einen' Faustfck.lag:ns Gesicht versetzt, auf die gefchwollene Wange, unter der ern Teufel :m Backenzahn spukre. Blindlings schlug er drein Xff iJrJg'SfeJ 11 rcssendem Zorn seine Füße zu kräftigen Stößen. Bis der.Erlglander, infolge eines Trittes mit einem niedersächsischen! ^nnnrUtiefel, nne eme gefällte Eiche zusammenknickte und sich am ^ 0 l.«l krümmte. Johannes Häslein warf sich auf ihn, schlug auf schließlich mit Hilfe seines Brotbeutelbandes zu Grrmend schaute er dann seinem Gege::über ins Gesicht, o Mötzlich spürte er Blutgeschmack im Munde und etwas an der urcßt dorthin gehörte. Er stellte mit Hilfe seines Taschentuches erne Untersuchung an — um dann vor Staunen und Llugen aufzureißen. Drei weiße Dingerchen hielt er in der Hand, drer ZahnL von denen ihn der Beisiegte befreit hatte unö — er wußte an sich halten, um nicht einen Fmichzer zu tun — ^^dackenzahn. Ein unbesttmmtes Geftthl, halb MÄ- halb Dankbarbeit, bei,Äich ihn zu seinem Wohltäter. Er
Ätlt“ * flUmmem T-umPhzug feinen
rrfxr’^ VT! und in das Pfarichaus in der semen Heimat
bald wi^>er ftöhlich blinzelnde Sonnenstrahlen Und vereinten ss^» Ztoe: Paar Elter:chände zu innigstem Danken.
^^oWrief aus Flaridern gekommen. Der Bube hatte die Dwpfe am Kragen mit den Tressen vertauscht ' ^ut^seinen kleinen Kriegstrophäen führt Unteroffizier Häslein
sonderbares Ding, einen schadhaften ^mand nach einem Mittü gegen Zahnreißen ftagl. erklärt er kurz: „'ne englische Faust


