Königsträume.
Roman von Karl Buffe.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
3. Kapitel.
Auf den Stralkowoer Marktplatz sausten mit fröhlichem Schellenklang etwa acht Schlitten hintereinander. Sie hielten vor dem Jurekschen Gasthof. . .
„Psia krew, das war.eine Fahrt, Herr Bruder!" rief der Führer des ersten Schlittens mit leuchtenden Augen dem zweiten zu. „Aber nun die Gäule in Decken. Heda, Pan Jnrek, beliebt es?" ....
Der Wirt war unter tausend Bücklingen in die Tür getreten.
„Welche Ehre! Bei Gott, welche Ehre! Die gnädigen Herren ktltschieren selbst. Nun, turs muh ich sagen.
Schon hatten sich Gaffer um die acht Schlitten versammelt.
„Es war eine Wettfahrt, Pan Jnrek," rief Maryan von Batrauski, „wie die wilde Jagd. Die Leute haben sich bekreuzigt, wenn wir vorbeiflogen."
„Und luie Ihr seht," fügte Graf Bininski hinzu, „bin ich Sieger geblieben. Nun, jawohl, es sind auch Pferdchen!"
„Renommier' nicht, Witold," rief Eusebius von De- gorsti, der sich den vierten Platz erstritten. „Deine Gäule waren frisck>er, das ist die ganze^ Geschichte. Aber wenn wir zurückfahren, will ich wetten, daß du hinten bleibst."
„Ich halte die Wette," schrie der Graf, während die andern sich herandrängten und immer zahlreichere Zuschauer sich einsanden. „Ruhen wir ein paar Stunden, und dann los. Ein Korb Sekt. Gilt's?"
„Topp! Und wir fahren vom letzten Haus ab bis auf meinen Hof." .. _
„Hopla, ich inach' mit!" „Ich auch!" „Ich natürlich!" rief S durcheinander-, und die Gassenbuben schrien vor Vergnügen Hurra und warfen die Mützen hock), daß sie die Wettfahrt der Kavaliere mit ansehen sollten. Inzwischen waren Kutscher uub Hausdiener mit Decken herbeigeeilt, warfen sie den zitterirden Tieren um und führten die Gäule in den Stall. , t
„Die Schlitten in den großen Schuppen!" befahl der Wirt. Und auf den verwurrderten Blick eines seiner Leute setzte er hinzu: „Der Himmel droht, es kann Schnee geben!"
Die acht Herren waren inz-nnschen ins Honoratiorerr- stübchen getreten, hatten Wein und Karten bestellt- und wärmten sich am Ofen. Als der Wirr die Flasctzen und Gläser aus den Tisch stellte, deutete Lucian von Kozlotv-ski, der Aelteste, mit dem Damnen fragend noxf) bem Neben zinuner. Der Wirt schüttelte den Kopf. „Niemand, Elrer Gnaden! Vor sieben kommt selten jemand. Und jetzt ist es knapp vier."
„Sonst alles in Ordnung?"
„Alles. Ich lass' die Kisten mit den Gew..."
„Pst! Sagtet Ihr was, Jnrek?"
Der Wirt rieb sich die .Hände. „Nichts, Euer Hochwohb- geboren, gar nichts. Wenn Euer Gnaden jedoch die Hände waschen wollen, brauchen Euer Guaven nur z-n rufen Dann konrme ich schon und sühne."
„Gut, Ihr könnt gehen, mein Lieber. .Ich sehe, Ihr seid ein verständiger Wann. Und gebt nicht zu viel Wein heraus, Jurek! Ein anderesmal trinken wir um so mehr. Aber heut'! Ihr wißt, es gilt noch eine Wettfahrt."
„Sehr wohl. Die ganze Stadt weiß es in einer Stunde. Die Leute warten jetzt sck>on darauf"
Pan Jurek zog sich zurück, und Lucian von Kozlowskr wandte sich zu den übrigen. Er war ein Mann von vielleicht vierzig Jahren, mittelgroß, mit jovialem Gesicht und kleinen, schlauen A-englein. Das Hangebäuchlein war erst im Ansatz vorhanden und hörte noch nicht. Er schien die harmlosfröhliche Behäbigkeit in persona und mar bei Deutschen und Polen gleich beliebt. Gan-z anders seine Gesellschaft. Nicht einer, der die Dreißig überschritten hatte. Mes junge Ge sichter, die einen verübt, die andern leidenschaftlich erregt, die dritten gleick>gültig: der junge polnische Adel, der hier herum an der Greife ans seinen Gütern saß. Fast alle waren sie in Paris getoesen, batten dort mit den polnischen Emigranten von 1830 Fühlung gehabt und suchten nun, so gut es ging, in die Eintönigkeit ihres jetzigen Landlebens etwas Abwechselung hineinzubringen. Einige von ihnen waren durch den Tod ihrer Väter schon selbständige Besitzer geworden. Andere mußten sich vorläufig mit der Bewirtschaf- tung eines Vonverks oder kleineren Nebengutes begnügen.
Als sich die Tür hinter dem Wirt geschlossen hatte, nahmen die Herren ihre Plätze ein. Tiefes Schweigen entstand. Aller Blicke waren ans Lncian von Kozloniski gerichtet. Das fröhliche, behäbige Lächeln war von seinem Gesicht verschwunden. Es war nicht der harmlos-gemütliche Mensch mehr, der jetzt das Glas hob.
„Brüder," sagte er, „in Leben und Tod für das Teuerste, was wir haben."
Sclpüeigend erhob sich jeder. Die Gläser klangen zusammen. Schweigend setzten sich die acht.
„Man meint wahrhaftig, es sei eine Leick>enVersammlung." lachte der fröhliche Maryan voll Batranski Seine Augen blitzten: er war der jüngste, und schön illld schlank.
Aber feiner beachtete ihn.
„Gib Karten, Witold," rief Lucian von Kvzsinvskr dalln denl Grasen Bininski zu, „ich denke, die Herren legen das Geld heraus."
„Teufel," fuhr Eusebius von Degvrski ans, „sollte das nicht Zeit halben bis lla'chher? Deshalb ist meirres Vaters Sohn nicht herenrgefommen."
Wer er zog doch wie die anderen seine Börse und legte ein Häuflein SUber- lutb Goldmünzen vor sich hrn. wabrevd Gras Bininski rasch die Karten verteilte.


