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BVttir Miene wiaWe. Tours tauft* nach fernem Tode ein viel- besuchiter WMßrhvtsort, da Martin alsbaD- zu der Höhe eineÄ fränkischen National heiligen erhoben ward. Sein Andenken stieg immer mehr zu hohen Ehren empor und wurde auch von Dichtern! außerordentlich gefeiert, „k'aire 1a Saint Martin" sagte man später von einem Zechgelage, Martiner, sich betrinken: „le mal de Saint Mart1nj"-Raus«ch. Wie St. Martin zu diesem zweifelhaften Ehren, die mich das oben zitierte Studentenlied erwähnt, gelangt ist, ergibt sich puls der nordischen Mythologie. Es ist zweifellos uach- toeisbar, daß Martin an. die Stelle Odins oder Wuotans, des Göttervaters, getreten ist, dessen Andenken man im Herbst bei den großen Fester: zu feiern pflegte, die im Beginn des November von den alten Germanen zu Ehren der Götter mit Opfern und Trinkgelagen veranstaltet wurden. „Minnetrinken" hieß bei solchen Gelegenheiten, durch Trunk das Andenken (Mi.nne) ehren. Solcher Umtrünke fanden vor allem zu Ehren Wluotans statt; der: man> sich '$u Roß oder zu Fuß m weiten Mantel gehüllt und das Haupt mit einem breitraiMger:, tief in das Gesicht gedrückten und es verdeckenden Hute arrsgestattet vorstellte. Genau in derselben Art wird St. Miartin in Bildern dargesteM. Wie WNotan hält er Lanze, oder Schubert auf dem Rosse sitzend ir: seiner Rechter:, rmd da auch er an: 11. November seinen Namens- und Gedenktag hat, so leidet es keir:er: Zweifel, daß er ar: die Stelle Wuotans getreten ist. Auch der Vdantel bezeugt dies. Denn Wuotans M^antel, den die heidniq scher: Priester in einem Tempel bewahrten und.der den Königen, sobald sie ir: die Schlacht zöge::, von den Priester:: umgehängt oder auch nachgetragen wurde, rvar das Symbol und UnterPfand dc^ Sieges. Martin, der Reiter mit dem Mantel, ist der Schutzpatron der Kriegsleüte: wer möchte bei solcher:.' Analogie:: mit Wüotcm iroch leugnen, daß beide Gestalten einander decken? So aber erklärt sichj auch die Beziehung Martins zum Trinken, die sich in den, ober: erwähnter: französischien Redewendungen noch erhalte:: hart es sind das nichts rvgiter als Ueberbleibsel der> Wuotans^-Ghren-, trunke im Herbste vor Einbruch der Winterszeit. Auch rourde St. Martins M,antel den Königen in die Schlacht mitgegeber: — ein weiterer Beweis für die Identifizierung Martins mit der altnordischen Gottheit. Dieser Mvntel, lat. capa, verschaffte denen, welche ihn hüteten, den Wächtern des He:ligtun:s, den Namen cap'ellarii, und dem Bau selbst die Bezeichnung capella, woraus bann für die ersteren, die doch stets Pen: geistlichen Stande znge-, gehörten, die Bezeichnung Kapl>ar:, für den Ort: Kapelle wurde. Kluge erklärt den Namen ans dem Diminutiv von capa, das capella lautete und ein kleines Mäntelchen bedeutete.
- . Auch die Martinsgans, die man leider seit dem Kriegsbeginn
gleichsam als eine Rarität zu betrachten hat, hängt mit dem heidnischen Götterkultus zusammen, der im November die großen Ernte-Dankopfer erforderte. Simrock bemerkt darüber folgendes (Deutsche Mythologie 508): „Im Spätherbst Pflegt der gemeine! Mann noch jetzt sur den Winter einzuschlachterr. In heidnischer Zeit aab er dabei auch den Göttern ihren Anteil. Grimm bezieht auch oer: Brauch, beim Einschlachtcn ein Gastmahl zu rüsten und Fletsch und Würste den Nachbarn zu schicken, auf die alte Opfergemeinschaft. Daß der November nicht des häuslichen Einschlach- tens wegen Schlachtmonat heißt, sondern mit Bezug auf die alten Opfertiere, zeigt der entsprechende angelsächsische Nante: „blot- monadh", der mit Blute:: nichts zu schaffen hat, da angelsächsisch blütan, add = pluozan opfen: bedeutet. So ist uachgewiesen,daß lanher der Gans, Hühner, Schiveine, Kühe und Pferde zur Martinsfeier gehörten. Das Pferdeopfer, das für die Deutschen charakteristisch blieb, obwohl )vir es mit Indern, Persern und Slawen gemein hatten, erkannte an, daß das Pferd ein reines Tier sei."
Auch die Martinsfeuer, die früher in äh::licher Weise, wie am Johannistage, entzündet wurden und einesteils zu Ehren Wuotans (Wodes) zum 5)immel emporloderten, andeenteils um die böser: Geister, die am Beginne des Wiriters die Menschen nm- lcn:ern. ferne zu halten, zeigen den heidnischen Ursprung der Kulthandlungen. In Der:tschland galt — zurnal in bei: nördlichen Teilen — der Noventber bereits als Wintersanfang. Man verlegte den Termin auf den Martinstag, an welchem zur heidnischer: Zeit die großen Opferversammlnngen eines ganzen Bezirks stattzu- sinden pflegten, mit denen auch die Feier der Weinernte verbunden war. ?lnch die gallikanische Kirche begann mit diesen^ Tage der Adventszeit das neue Kirchenjahr. „St. Martin macht Feuer im Kamin" hieß es früher, loeil nicht nur draußen, sondern auch drinnen in den Behausurrgen der Wintersanfang sich geltend wachte. Auch ir: ländlicher Hinsicht ivar St. Martin ein wichtiger Termin, denn von diesem Tage ar: begann man das neue Pacht- iahr zu rechrien. — Das bezeugt auch die noch vor einem halben Jahrhundert in Ostpreußen auf dem Laude und in kleinen Städten gebräuchlich gewesene Ziehzeit des Gesindes. Knechte und Mägde entließ und mietete man zu Martini. Ans alt diesem ersieht man, was für ein wichtiger Heiliger der gute Martinus früher gewesen ist und,wie umfassend imb mannigfach seine Einwirkung auf das ■ bürgerliche Leber: sich gestaltete.
Marteine, Marleine
Mach's Wasser zu Weine
sangen früher die Kinder in Sachsen. Wir wären heute schon zufrieden, wenn er uns reichlich Kartoffeln bescherte! 2lber damit scheint er sich nicht abzugeben. —
VermkschteO.
"Eine Ersparnis von 140 Fr S., die die Franzosen 10 Millionen kostet. Da der französischen Regierung von der Presse immer wieder vorgeworfen wurde, daß sie in der Kriegszeit zu viel Geld nutzlos vergeude, suchte der Finanz- mnnster Ribot endlich einmal feinen Sparsamkeitssinn an den Tag zu legen. Wie es ihm aber dabei erging, kann n:an dem unsremullig komischen Bericht des „L'Oeuvre" entnehmen. Schon vor Monaten beschloß die Regierung, den Kriegslieferanten einen Teil ihrer Gewinne in Kriegsanleihen auszuzahlen. Da zur Ausführung des Beschlusses aber die rlchtige Organisation fehlte, setzten die Kriegslieseranten durch alle möglichen Schliche immer wieder durch, daß sie sich um diese unfreiwillige Kricgsanleihezeichnung drückten imb ihre Forderungen in barer Münze ausgezahlt erhielten. Darum wurde beschlossen, für die Zahlungen an die Kriegslieseranten einen besonders organisierten Schalter unter ständiger Kontrolle zu errichten. Und gerade in diesem Augenblick wurde der Finanzmiuister Ribot jäh von seinen: Sparsamkeitstaumel ersaßt. Er forderte, daß ihm eine Aufstellung übergeben werde, rvelche Kosten zur Einrichtung dieses Kassenschalters erforderlich wären. Tiefe Aufstellung erfolgte auch, und der Kostenanschlag belief sich auf 153 Frs. Herr Ribot erklärte jedoch, daß dies für einen Kassenschalter zu viel sei, und verlangte eine neue Aufstellung. Diese erfolgte auch, und diesmal betrug der Kostenanschlag 140 Fr». Der Finanzminister rneinte jedoch, daß auch dies noch zu viel sei, und ließ den Kostenanschlag wieder zurückgehen. Seitdem wurde keine neue Aufstellung vorqenommen, und bis zum heutigen Tage wurde der Kassenschalter nicht eingerichtet. Nach der Berechnung eines Finanzsachverständigen aber hätte die französische Regierung in dieser Zeit von seiten der Kriegslieseranten nicht weniger als 10 Millionen Kriegsanleihe erhalten können, rvelche Summe der Ersparnis von 140 FrS. gegenübersteht. Es ist demnach begreiflich, wenn „L'Oenvre" den Finanzminister Ribot eine nichts weniger als geniale Persönlichkeit nennt.
* Das Erfinderfieber bei den Neutralen. Die außerordentliche Wichtigkeit technischer Hilfsmittel in diesem Kriege und die in allen kriegführenden Ländern unablässige Arbeit an Verbesserungen und Neukonstruktionen für den Kampfgebrauch haben zu einer Art Erfinderfieber geführt und die verschiedenartigsten Projekte und seltsamsten technischen Phantasien häufen sich in den Kriegsministerien. Doch nicht nur be: den direkt am Kriege Beteiligten grassiert dieses Erfinderfieber, auch in den neutralen Ländern hat die ständige Beschäftigung mit dem Kriege und die Hoffnung auf außerordentllche Bezahlungen nicht wenige Leute veranlaßt, sich mit Kriegserfindungen zu beschäftigen. Das „Journal deS D6batS" berichtet, daß die französischen Botschaften in den neutralen Ländern von morgens bis abends durch den Verkehr mit neutralen Erfindern in Anspruch genommen rverden, und ganz besonders wissen sich die Militärattachees kaum vor dieser neutralen Erfinder-Offensive zu retten. Die Erfindungen selbst sind oft die Blüten der sonderbarsten Phantasie. So wurde einer französischen Botschaft ein Mittel angeboten, das die Ueberlegenheit der französischen Flieger sichern sollte. Es besteht in einer Art ungeheurer Angelschnur, die der Flieger herabläßt, wem: er sich über einem feindlichen Flugzeug befindet, um dasselbe so in der Luit zu ,.angelnd Eine Erfindung noch neueren Datums ist der .bewegliche Schützengraben^. ES handelt sich um einen Schützengraben aus bombensicherem Material mit Unterständen, BeobacbtungSposten und allem, was dazu gehört, der fix und fertig auf Rädern aus der Fabrik geliefert wird und auf der ganzen Front nach Belieben hin und her geschoben werden soll. An das trojanische Pferd erinnert eine Stahlkugel von ungeheuren: Umfang, die an den Feind herangerollt und dann plötzlich geöffnet werden soll, um ein ganzes Bataillon Handgranatenwerfer auszuspeien. Der Erfinder begnügt sich aber nicht mit dieser Idee, sondern schlägt außerdem-, einen Apparat vor, durch den diese Kugel wie ein Geschoß hinter die feindlichen Linien geschlendert wird, worauf die in der Kugel befindlichen Soldaten hervorkriechen und den Feind im Rücken angreifen. Man sieht, wie viel Entwicklungsmöglichkeiten die neutralen Erfinder von diesen: Kriege noch erwarten.
* Die „Flüssigkeit der Mäßigkeit". In französischen Blättern rverden der Zweckmäßigkeit oder Schädlichkeit der verschiedenen Genußmittel jetzt längere Betrachtungen gewidmet, rvobei das alle Sprichwort von dem Fuchs mit den sauren Trauben wieder manch neue Anwendung erfährt. Nachdem die „Revue" kürzlich einmal die Urteile verschiedener Autoritäten heranzog. um die Schädlichkeit des jetzt knapp gewordenen Tabaks zu errveisen, verlegt sie sich jetzt auf das Loblied des Kaffees,. der den alkoholischen Getränken entschieden vorzuziehen sei und sich in der französischen Literatur mancherlei begeisterter Würdigung erfreute. So war er das Lieblingsgetränk Voltaires und Delilles und des Historikers Michelets. . Dieser besingt den Kasse: als die „Flüssigkeit der Mäßigkeit", die in: Gegensatz zu alkoholischen Getränken die Klarheit steigert und die nngewiffe, schwere Poesie der umnebelten Vorstellungen unterdrückt und die Funken einer gut ge- ehenen Wahrheit sprühen und die Lampe der Wahrheit leuchten äßt". Auch Eugene Mouton preist in seiner „Kunst, ein Buch zu chreiben" die Vorzüge des Kaffees, doch warnt er vor dem übermäßigen Genuß, da dieser die gleichen nervösen Störungen verursachen könne wie der -Alkohol.


