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Der Dichter des ..großen Urieges".

(Zum 300. Geburtstag von Andreas Gryphius, 2. Oktober.). Von Dr. Paul Landau.

Mls die deutsche Welt am 16. Juli 1914 des 250. Todestages! Non Andreas Gryphius gedachte, da wurde die historische Be­deutung dieses grössten deutschen Dramatikers des 17. Jahr­hunderts erörtert und hervorgehoben, daß unsere Zeit der leiden^ schastlich ^chtveren Barockform dieses Künstlers tvieder mit empfäug- lichereu Launen gegcnübersteht, als frühere Zeiten, die ihn fast vergesse:! hatten. Heute, da die Feier seines 300. Geburtstages heran gerückt ist, sehen wir uns plötzlich zu Gryphius in einer viel näheren, menschlich und persönlich betonten Beziehung. Ter Welt­krieg, der Europa durchlobt, hat eine Flut des Leidens und Sterbens über die Menschheit ergossen, die an jene Schreckenszeit des Dreißigjährigen Krieges gemahnt, und aus den Werken des schlesischen Poeten, aus der düster klagenden Melodie seiner Verse tönt uns nun ein verwandter Don entgegen, die Klage itbrr das Wüsten der Kriegsfurie, der mitfühlende Jammer mit allem Elend. Wir dürfen Andreas Gryphius den eigentlichen Dichter jenes großen.Krieges" nennen, dessen farbenreiches Gemälde gleichsam als einen ahnungsvollen .Vorklang Ricarda Huch uns kurz vor Kriegesausbruch geschenkt hat. Grimmelshausen, der allein neben ihm hervorgehoben werden könnte, hat in seinein RomanSim-

plicius Simplicissimus" die Wirrnis und das Grauen dieser Epoche realistischer geschildert, aber er gibt mehr das Stoffliche, während

der Lyriker und Dramatiker Gryphius vollbringt, tvas dem selbst allzu tief in seiner Zeit steckenden Epiker versagt war: den Seclen- tou, das leidenschaftliche Empfinden für dies nationale Unglück aNszudrücken. Tie dumpfe Trauer und die tiefe Tragik, die auf dem deutschen Volke während des Dreißigjährigen Krieges und uachher lasteten, haben in seinen Dichtungen den stärksten, innerlich er­lebtesten Ausdruck gefunden. Darum ist Gryphius der Dichter des Dreißigjährigen Krieges, und als solcher flößt er uns heute eins besondere Teilnahme ein. Wir fragen: wie hat sich damals ein) starkes Talent künstlerisch abgefunden nrit diesem Erlebnis des Krieges, bas sein Wesen und Schaffen im innersten erschütterte? Und wir erfahren aus den Werken dieses Dichters den ungeheurcnj Unterschied, der zwischen dem Weltkrieg und dem Dreißigjährigen Krieg sich offenbart, ermessen an seinem Beispiel den gewaltig^ Fortschritt, den die Geistesart des deutschen Volkes und ferner besten Söhne in 300 Jahren gemacht hat.

Gryphius hat, vor allem in seinen Gedichten, dem stummen furchtbare:! Dulden seiner Zeit eine erschütternde und vielfach hin­reißende Sprache geliehen. Ein dunkles Klagelied ist seine ganze Lyrik, ein ewiger Jammer um die Qualen der armen Erdensöhne, die in diesem trüben Dasein von Krieg, Tod und Pestilenz heim­gesucht werden. Das Elend der Umkvolt hat ihn: die Fähigkeit zu jeder Freude genommen. Sagt er doch selbst in seinem bekarrn- testcn Gedicht, den: schönen KircheuliedeDie Herrlichkeit der Erden Muß Rauch und Asche werden":

Ist eine Lust, ein Scherzen,

Das nicht ein heimlich Schmerzen Mit Herzens Angst vergällt?"

Jene Schreckensbilder, vor: denen er- sich in seiner Jugend und Jünglingszeit umgeben sah. haben ihn: die Vergänglichkeit alles Irdischen so lebendig vor die Seele gestellt, daß dieser Gedanke von der Eitelkeit altes Menschenseins wie ein dunkler Orgelpunkt durch alles klingt, was er gedichtet:

Itzt sind wir l)och und groß / und morgen schon vergraben:

Itzt Blumen, morgen Koch / wir sind ein Wind, ein Schaum

Ern.Nebel und ein Bach / ein Reiff, ein Tau!, ein Schatten.

Itzt tvas und nrorgcn nichts / und was sind unfere Taten?

Als ein mit herber Angst durchaus vermischter Traunr." Sein Gedicht ist eine Passionsblume, die auf denr Kirchhof aus Leichen und Moder erblülst. Sein Verhältnis zur Welt ist das des schaudernden Abscheus. Tate.rlos ringt er .in seinen: innerlichen Schmerz die Hände und flüchtet sich in die Bücherwelt eines vielwisscnden Gelehrtentums, sehnt sich> hinauf zu den Sternen, dre er so wundervoll gefeiert, und findet Trost im Nacli-e riebest der Leiden des .Herrn, in den Tröstungen der Religion. So ist seine Kriegsdichtuug trotz ihrer wahren Inbrunst unendlich weit entfernt von der heutigen: sie malt nur die dunklen Schotten der Trauer die auch wir empfinden, aber ihr fehlt jene Helligkeit des mutigen Streitens Und Sterbens, die Begeisterung, die sich für Heimat und Herd opfert. Es i|t schon viel, wenn der Sohn jenes internationale Jahrhunderts und jenes innerlich zerfleischten Deutschlands, fernem Vaterlanddichterische Tränen" kveiht und sein Schicksal im Sonett beklagt:

Wir sind doch nunmehr gantz, ja mehr denn gantz verheeret. Ter frechen Völker Schaar, die rase'nde Posaun',

Das vom Blut fette Schwerdt, die donnernde Carthaun Hat aller schweiß und Fleiß und Vorrath, auffgezehret.

Die Thürme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret.

Das Rathauß liegt im Graust, die Starken sind zerhaun,

Dre Jungfern sind aeftliändt, und tvo wir hin nur schrun,

Ist Feuer, Pest und Tod, der Hertz und Geist durchfähret."

von Gryphius ist selbst ein recht bezeichnendeu Wlsschurtt aus dem Lehen, das dieser verhängnisvolle Krieg Mer TeutMmrd gebracht. Mn 3. Oktober 1616 wurde er zu Groß-

Glogmr in Schlesien geboren, und seine Mitbürger beabsichtigen besondere Ehrung des größten Sohnes der Stadt. Der 2. Oktober rst sein Geburtstag, und nicht, wie vielfach fälschlich angegeben, der 11 Lein Biograph Heinrich Palm hat überzeugend nachgewresen, daß dre Angabe des 11. auf einer falschen Lesung der romrschiM II beruht Ten Vater verlor er früh, vielleicht durch das Grst emes faljchen Freundes. Tie Mutter starb, nachdem sie wieder geherratet, im zwölften Jahre des Sohnes, und nun muß er dre Willkür des Stiefvaters erdulden, von dem er sagt:Wer hat der Güter Recht nicht diebisch mir entzogen / und meinen Gerst gekränkt und mich nrit List betrogen!" Ter ältere Bruder, der ihm Trost und Hilfe gewesen, erliegt dem großen Sterberr; auch erne Schwester verliert er; die Geliebte wird chm von der Pest dührngerafft, und er erlebt den Untergang dreier Städte, in denen er seine Jugend verbracht, von Glogau, Fraustadt und Frei­stadt, durch riesige Feuersbrünste. So wird der frühreife Knabe zwischen den grausigen Gespeirstern des sck)warzen Todes, zwischm dem schwelenden Qualm gefräßiger Brände und zwischen den Greueltaten einer entfesselten Soldateska zum Dichter, und im 'Pestjahr 1633, inmartialischer Unruh" entsteht seine erste Dich­tung, das lateinische HeldengedichtTie Wut des Herodes. . . . ! Tie Tränen der Rahel", das mit seiner Slusmalung blutiger Greuel und widerlicher Grausamkeit, mit seinem klagenden Pathos so recht ein Spiegelbild jener wüsten Zeit ist. Eine glüÄrchere Periode brach für den vielgeprüften Jüuglirrg an, als er, der Reisebegleiter einiger reicher junger Herren, auf 'weiten Reisen feilt bereits gewaltiges Wissen rroch weiter ausbreiten konnte.

Nach acht Wanderjahren fand er dann irr der Heimat eia kurzes Eheglück und wirkte als Syndikus der Stände des Fürstentums Glogau segeirsreich für sein Vaterland, bis den noch nicht Acht> undvierzigjährigen ein Schlaganfall jäh aus dem Leben riß.

In den Jahren des Reiseirs, da Welterfahrung und das Studium einer hochentwickelten Bühnenkunst in Holland seinem Gesichtskreis neue Nahrung gaben, sind die sechs wichtigsten Dramen von Gryphius entstanden, darunter auch jene beiden Lustspiele, die seinen schwerfälligen, aber urwüchsigen Humor zeigen. Seine Lyrik aber begleitet ihn durch sein ganzes Leben; sie läßt uns den tiefsten Einblick in sein Wesen tun, denn sie ist Gelegeuheitspvesie im Goethescherr Sinne, so tief und wahr erlebt, wie kaum uoch eine andere Dichtung der Zeit; sie wird getrageni von jener düstern Melancholie seines Wesens, die ihr etwas feierlich gehaltenes, pathetisch Predigendes verleiht und sie nur selten /n der Ausmalung derGreul der Verwüstung" ins Niedrig-Gräßliche herabsiuÄen.läßt. Die starke und leidenschaftliche s^römmiokcit des Dick^ei's. dies^v nt'ift-ftrfN' ht<»

Frömmigkeit des Dichters, diesergeistliche Panzer" gegen die Not des^Lebens, verleiht seinen Oder: r'iber das Leiden Jesu Christi, seinen Soun- und Feiertagsouetten ihre noch heute ergreifende seelische Innerlichkeit. Ter Schöpfer des KirchenliedesJesu, meine Stärke" ist eilt großer religiöser Dichter, von denr ein feinsinniger Beurteiler sagen korrute:Künstlerischeren und zugleich über­

zeugenderen Ausdruck bat die theologische Togrnatik seit den Tagen, Dantes wohl nicht gefirnden als bei Gryphius."

Den Lyriker Gryphius, diesen Beknner von schwermütiger Schönheit und tiefsinniger Weltüberwindrmg, herben Mit- und Nach- ivelt lange über denr Drauratiker vergessen, der ja freilich von viel größerer geschichtlicher Bedeutung ist. Denn in einer Zeit, da es ui Deutschland keine Bühne und rein Tl-eater Publikum gab, ist in ihm rvieder die erste große dramatisckie Begabung erschienen. So schmälert es^nur wenig seine Originatiät, daß er in Form und In­halt seiner Stücke von den großen .Holländern seiner Zeit, vor allem von Vorrdel, abhängig ist. Auch der wird derr rechten Maßstab für den Eigentümlichen Gehalt seiner Werke nicht finden, der ihn, wie es so oft geschehen, Shakespeare vergleicht. Wohl scheint vieles, wie die in stolzer Bilder fl ut hinströnu'nderr Nünrologe seiner tragi­schen Helden, die spitzfindig-geistreick)en Plänkeleien seiner Liebes­paare, vor allem die Nachahmung des Rüpelfpiels aus demSom- mernachtstraum" in seiner Komödie vom Herrn Peter Sguenh, dazu aufzufordern. Aber die ganze Stimmung ist eine andere. Shakespeares Welt ist bei dem deutschen Barockdichter durch die derbe niederländisclre Brille gesehen. Stiles erscheint vergröbert und verdüstert in der schlveren Dämmerung des damaligen deutschen Tages. Wo bei Shakespeare Freiheit l^rrsckst, ist bei Gryvhius Zwang, hier schöne .Harmonie, dort düstere Wildheit, statt reinen Lichtes blutige Schatten. llud gerade wo dies gruselige Gespeuster- weseu zum wilden Knäuel sich ballt, wie in dem heute noch genieß­barsten Trauerspiel des Dichters, irr dem frisch in das Leben seiner Gegenwart hineingreifenden DramaCardenio und Celinde", ent­faltet sich am stärksten der großartige Schwung und die imponierende Kraft des deutschen Dichters. 'Auch imCarolus Sttmrdus" zxrckt er keck irr das Lüben der Gegentvart und schafft das erste Pvlittsche Sttick unserer Literatur. In d<un toll lmrocken ScherzspielHorri lnlrcrrbrrsax" l)at er das lebendigste Bild des Soldaten jener Zeit sestgehalten, den prahleriselben Haudegen mit seiner Sprachmerraerei, stmer unflätigen Ausgelassenheit und seiner roherr Genxrlttätigkeit. Dre reifste Blrlte seiner Dramatik aber, das einzige Stiick, das auch heute uoch ergreift und das Gustav Freytag mit Rechtdas lwste Lustspiel vor Lessiug" genannt hat, ist das lebensechte und ejin*» ttnoungsrarte SpielDie gelrelüe Dornrose", daS älteste Drama in schlesischem Dialekt, ein Vvrklang Gerhart Hauptmarrusckier Hei- nmtsdrchttrng.