Ausgabe 
5.8.1916
 
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lief)teil jederzeit gern im Auge behalten werde. Also wenn es dann einmal wirklich soweit ist ich stehe Ihnen zur Verfügung!

Und zum Schluß uoef) eine letzte Mitteilung. Ich er­hielt sie gestern früh wenige Minuten vor unserer Abfahrt von Paris, habe aber jetzl keine Veranlassung mehr, sie Ihnen vorzuenthalten: die Pariser Börse, ist seit gestern ge­schlossen!" *

Die Andeutung einer Verbeugung; die Tür schloß sich hinter ihm; er war gegangen. , .

So konnte er nicht mehr mit eigenen Augen sehen, welche Wirkung seine letzte Mitteilung hervoraerusen.

Alphonse de Marsillargues hatte xr\i ersten Augenblick garnicht begriffen, was der andere ihm da entgegen­schleuderte, welch ungeheure katastrophale vernichtende Be- deutuiig in ben wenigen Worten steckte:die Pariser- Börse ist seit geftern geschlossen!"

Oder doch er begriff sofort; er verstand in der Sekunde, was dieser Satz, was diese Tatsache zu bedeuten hatte:

Der staatlich sauttionierte Spekulation war der Boden entzogen worden! Ml den Hunderten von Maklern und Disserenzschiebern, von Börsenfürsten Uiid elenden Schnor- rern all den Hunderten 'von Männern, die direkt von der Börse lebten, all den Tausenden Don Existenzen, die in­direkt durch sie ihre Existenz frifteten ... all liefen war jetzt die Möglichkeit benonnnen, kraft ihrer Klugheit und Voraussicht, kraft ihrer geschickten Scheinhciligkeit und er­bärmlichen Halsabschncidcrei den Tanz um das goldene Kalb mitzutanzen.

Die Pariser Börse war seit gestern geschlosseii! Die Börsen der großen Provinzstädte würden binnen wenigen Tagen folgen! Dem staatlich sanktionierten .Handel mit Börsenpapiere:: war ein eherner Riegel vorgeschoben!

Vielleicht, daß sich hie und da verwegene Elemente fanden, die trotzdem im Trüben zu fischen versuchten. Sicher­uch an derartigen Kreaturen würde es nicht fehlen.

Aber die Gefahr! Das wahnwitzige Risiko solchen Tuns, das von dem Moment des offiziellen Börsenschlusses an unter den Strafparagraphen fallen mußte! Gefängnis! Vielleicht sogar Zuchthaus, wenn auch auf diese:: Teil des öffentlichen Lebens das eherne Milttärgesetz mit seinen Paragraphen über den Belagerungszustand hinübergriff.

Ob Zuchthaus oder Gefängnis ^jetzt wachte^ der Militär-Gouverneur, jetzt wachte das Mütärstrafgesetzbnch über jeden, der sich irgendwie im öffentlichen Leben an: Wohl des Vaterlandes verging! Jetzt gab es fürderhin und aus unübersehbare Zeit keine erlaubte Spekulation mehr! Schall und Rauch waren die Begriffe . . . Baissespekulation Haussespekulation . . . geworden.

Schattenhaft in: Bruchteil einer Sekunde waren

Alphonse de Marsillargues diese Ertragungen, diese Erkennt­nisse durchs Hirn gezuckt.

Er stand mitten im Zimmer wie zun: Sprung vor- aebeugt, als wolle er.den: anderen nachstürzen . . . und lat es doch nicht, sondern lächelte nur verstört u:rd blöd; und hob die Hand und strich sich schwer über die Stirn.

llnd tat hilflos ein ztvei Schritte und sank in einen .Sessel.

Da saß er; minutenlang zusammengekanert.

Das bunte wirre Muster des schweren Perserteppichs Unter seinen Füßen tanzte einen wilden Cancan. Und er glotzte darauf hinab und lächelte noch immer blöd und ver­stört und brauchte Minuten, um soweit seine Kraft wieder- zufinden, daß er den Kopf hebe::, an die Lehne des Sessels zurücklegen konnte.

Und dan.n war die Krisis vorüber; daun war die alte nüchterne Klarheit seines Geistes Hurückgekehrt.

Und in diese Klarheit hinein iprang wie ein grimmes höhnendes Lachen ein einziges Wort:

Die radikal-nationalistische Partei!

Diese Travestie, diese Spottgeburt einer politischen Vereinigung, die keine Anhänger zählte, sondern nur aus ihren (Gründern bestand diese Farce einer politischen Fraktion . . . einzig geschaffen $u dem Zweck, den durch die Mohumachung kopflos gewordenen aufgeregten Franzosen Sand in die Auaen zu streuen, sich ein vaterländisches Relief zu schgffen Kr die skrupellose Ausbeutung derer, denen die Mobilmachung den letzten Rest ihres Verstandes'und ihres Witzes geraubt '

In dieser Stunde, da Alphonse de Marsillargues ganz mit sich allein war in dieser Stunde war er bedingungs­los ehrlich. Und seine Ehrlichkeit faßte das Urteil über die pompöse radikal nationalistische Partei dahin zusammen:

Eine Handvol! scharfer Börsenjobber, eine Bande ele­ganter Buschklepper, die aus der aufäuglich grenzenlosen Verwirrung der ersten Kriegswochen Kapital zn schlagen, in: Trüben zu fischen versuchten.

Mobilmachung! Krieg gegen Deutschland da hatten sich an der Börse wüste ^zeneu abgespielt, da waren die Kurswerte der Papiere in loildem Debacle übereinander gepurzelt und gesunken; imnier tiefer gesunken in einem Fall, den anfänglich keine Macht der Erde hätte auszu- hatten vermögen.

Goldcnö Tage für die Leute von der Baissespekulation, die mit der!r'ad: kai-nationalistischen Partei insgeheim in engster Fühlung standen. Und die Baissiers hatten anf- gekauft, daß ihre Portefeuilles bildlich genomnun fast platzten. Hatten an sich gerissen, was iraend ihnen er­reichbar war; hatten mit den ,,Rad ikab-Nanonaleu" ins- gehet::: schon den Zeitpunkt vereinbart, wann diese auf den Plan treten und die Kurse wieder in die Höhe treiben sollten unter dem Deckmantel des Patriotismus, der den srauzösischcn Papieren wieder den ihnen gebührenden Wert zurückgeben sollte. Kein Zweifel, daß diese Papiere bei geschickter Agitation wieder einen respektablen Hochstand erreichten. Dann - dann war die Zeit gekommen, die Gimpel zu rupfen und die Papiere iveit über ihren Wert au das Publikum wieder loszuschlagen.'Der rieserw hafte Zwlschengowim: aber floß dann zu gleichen Teilen in die Tascheu der beteiligten Ehrenmänner von der Hausse- nnd Baissepartei.

So klug war dieser Plan ausgedacht, so genial einfach, so unerbittlich logisch und uuzweiselhnst erfolgreich - so nahe schon blinkten vor ben Hyänenaugen dieser Busch­klepper all die Millionen des Zwischengewinnes . . .

Und nun war die Pariser Börse seit gestern geschlossen! Nun gab es keine Kursnotierungen n:ehr! Run hatten dis Baissiers und Haussiers all ihr verfügbares Geld in strudelnden Strom geschlendert, um sich die Portefeuilles mit heruutergcwirtschaftelen, künstlich emwierteten, brüchi­gen und ans Jahre hinaus unrentablen Papieren zu füllen!

Das war der Zusammenbruch?

Der grauenhafte, noch unübersehbare katastrophale Niederbruch all derer, die sich mit Alphonse de Marsib- largues zur planmäßigen Ausräubernng des französischen Kle:nkapitalismus zusammengefunden!

Alphonse de Marsillargues wußte seit gestern hatte er seine Führerrolle eingebüßt seit gestern hatte er den letzten Rest seines Vermögens, verloren feit gestern war er ein Bettler!

Ein Bankerotteur ein von: Gesetz elend zerzauster Schuappsack, der sich vor jedem argwöhnisch spähenden Auge verkriechen mußte!

Das war" aus ihn: geworden!

Und wenn der Doktor Paul Darragöu ihm vorhii: beim Abgehen kaltblütig das Wort eutgegcnschleuderte:die Pariser Börse ist seit gestern geschlossen!" ... so wußte Akphonse de Marsillargues sehr wohl die Deutung.

Und diese Deutung lautete:

Der verbrecherische Anschlag gegen St. Chamant, den du planst, um die Stimmung in: Volke zu heben und die nahe bevorstehende Haussebewegung an den französischen Börsen ein zuleiten . . . dieser Anschlag ist jetzt hinfällig gewordenjetzt, da die Pariser Börse geschlossen ist!"

Alphonse de Marsillargues hatte den Kopf auf die Lehne des Sessels zurückgelegt und hielt die Augen ae? schlossen und sah doch.

Sah vor sich ein endloses wüstes Trümmerfeld. Und was da por ihm in Scherben lag, wlo da sein ziellos irrender Fuß durch Schlutt und Moder watete das waren zst Spottgebnrten zerzauste Hoffnungen, das waren höhnisch Zerfetzte Entwürfe, das waren Gleichnisse seines Lebens, seiner Vergangenheit u:rd seiner Zukunft.

Die Minuten sanken, wurden zu Viertelstunden, wurden zu einer Stunde.

Roch immer regte sich der zusamn,engekauerte Mann im Sessel u:cht.

Ms ihm ein jähes Frösteln den Körper üb erschauerte!. v v ' ' Fortsetzung folgt.) u v v **