Ausgabe 
31.7.1916
 
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Schicksale.

Roman von Heinrich Korn selb.

(Nachdruck verboten.)

(Amerlkanlsches Copyright by (Earl Duncker 1914 )

(Fortsetzung.)

Das Begräbnis der alten Marquise von St Chainant war sehr feierlich. sticht nur, das; die Besitzer der um liegen- den Schlösser und Meter, soweit sie nicht vor den Schrecken des Krieges geflohen waren, daran Teilnahmen auch die gesamten Herren des deutschen Obertommandos der XI. Nr mee sowie des Oegeralstades alles, lv!as unter dein Dach des .Kavalierhanses von St. Chamant Obdach lind O-nartier gefunden folgte dem Trauerzuge, der vom Schloß zu dem kleinen Friedhof pilgerte, wo im Erbbegräbnis der edel- geborenen Herren von St. Ehamant scholl so mancher ihrer Sivpe ruhte ... so mancher Marquis, der die glorreiche Tradition seines Hauses aufrecht erhalten und mit starker Faust geschirmt hatte so manch edle Frau, die ans der Jahrhunderte alten Geschichte dieses vornehmen Geschlechts gelernt, die sich stets bestrebt hatte, ihrenr Gatten ein treues Eheweib, ihren Untertanen eine gütige Herrin, ihrent Gott eine demütige Dienerin zu sein

Die junge Marquise von St. Chamant folgte dem Sarge als Nächste am Arm Seiner Exzellenz be3 Komman­dierenden Generals von Lüssow, dahinter Marguerite Var rel, geführt von dem Oberstabsarzt Doktor Hartniann, dann der Schlvarm von deutschen Offizieren, französischen Guts besihern. Adligen, Honoratioren. Es mochten an hundert Trauer gaste sein, die sich in und vor der Kapelle drängten, die nach der Einsegnltng der Leiche den kurzen Weg znnl Erbbegräbnis der Marquis von St. Chamant antraten.

Die junge Marquise bewahrte eine Hattnllg und Festig­keit. die allgemein Bewunderung fand. Denn jeder unter bettelt, die sie in dieser Stunde unlgaben - jeder wußte, wie­viel sie verloren hatte, wieviel jie zu Grabe trug.

Es war lvie ein Instinkt, es lvar, als könne zu dieser chlveren Stunde jeder in den schönen bleichen, heut so trengen Zügen des jungen Gesichts lesen.

Ob sie selbst Jutta es schon üt voller .Klarheit empfand? Wohl kaum. Aber während der Geistliche den Segeit über die Versammlung sprach und sie tief das Haupt gesell kt hielt - war in ihr ein Etwas, ein ganz neues Ge- fichl, eine tastende Ahnlmg dessen, lvas sie init dieser^ vor­nehmen alten Frau einsargte. Etile Ahnung daß für sie hier mehr dahinging, als nur ein Mensch, der ihr nahe ge­standen, den sie geliebt hatte.

Weiter dachte sie noch nicht. Vielleicht schauderte sie un- Uüllkürlich davor, diese Gedailken, die sich ihr heut auf- drängten, bis zum letzten uubarnlherzige,i Elide zu ver­folgen.

Mer als alles vorüber lvar, als die Herren All ihr herautrateil und die Hacke ll zu summen schlugen nnd sich Über

ihre Hand neigten tt.tvb noch eimnal ein paar konveutionelts bedauernde Worte mnrlnelten, als plötzlich auch der Ritt­meister Brüllnow vor il?r stalld und desgleichen tat ba hatte sie das Entpfinden, als lveiche ihr ein dmllpfer Druck von der Stirn, als lösten die wenigen herzlichen Worte des bayrischen schweren Reiters mit vorsichtiger HanD eilvsll eisernen Reif, der ihr die Schläfen zusammenpreßte.

Ganz seltsam lvar das. Delin eigentlich stand er ihr doch genau so fern, lvie all die andern deutschen Offiziere Oder doch nicht? . .....

Wenigstens vernlochte sie später nie zu sagen, ob )te slch ill dieser Sekunde daran erillnerte, daß sie kurze Zeit vorher, mit eben demselben Rittmeister Brünilolo ittt Schloßparke von St. Chaniant eine Unterredung gehabt, die lveit abseits vov^dem Gebiet herkömmlicher gesellschaftlicher llnterhal tllng gelegeil.

Der iitlterrednllg entsalln sie sich in diesenl Angenblnk lvohl nicht lnit dem flüchtigsten Gedanken, lind dennoch vaö seltsam befreiende Gefühl, als sei ihr dieser schmelzende Drilck von beit Schläfen genomnien, dennoch die ganz klare Empfindung eines Menschen, der einsam ans ragende,ll Berge steht und um ihn liegt die Welt erstickt in trostlos grauen Nebelschwaden. Und jählings durchbricht spielender Sonnenstrahl die erstickende Wolkenwand

Diese Empfindung hatte sie: lvie eine ganz dentllche, fast körperlich lvahrnehillbare Vorstellung war es ihr.

Hub ohne daß sie es wollte, hielt sie seine Hand für euc paar Herzschläge länger in der ihrigen, als es die .Kon­vention bedingt hätte. Bis sie sah, wie ihm im Gewirr der Schlüfenadern jählings das Bllit aufsprang. TXt löste sie ihre Hand und wandte sich hastig einem anderil zu

Irgelldeinem andern, der gerade ill der Nähe staub. Itub das lvar ihr Vetter Atphonse de Marsillargnes

Sie war von seiner Amvesenheit so überrascht, utit irgendeilke Frage zu tun. Sie streckte ihm wohl, ivie all den andern, die Hand entgegen und fühlte seine Lippen sich darüber senken, uud hörte seine herzlichen schlichten Worte.

Uild dann trat wieder der Kommandierende General von Lüssow zll ihr tutb krümmte den Arm Und sie legte ihre Fingerspitzell allf fetnett Aermetallfschtag llnd lies; sich znrückgeletten ill das Schloß. Alpyonse de Marsiltarglles aber tauchte wieder llilter im Schlvarm der Trauergäste.

Die Abendtafel int Schloß lvar für heute abgesagt. Selbstverständlich. Die Herren vom dentschell Armee Ober- koinlnando speisten ittt Kavalierhaus.

Die junge Marquise lag in ihrem Boudoir auf dem Ruhebett uttb hielt die Augen geschlossen tutb dämmerte er­schöpft und gedankenlos vor sich Hill.

Stundenlang war es so, daß kein Laut sich im Schloß regte. . . . ^

Oben in die ZinlUler, darin die alte Dame gelegen und gelitten, strölnte durch weitgeöffnete Fenster die milde Wärme des eindämmernden Herbstabends. Drüben von den Schützelt­gräben am Rhein-Marne Kanaf wehte ilnahlässig und schon