Schicksale.
Nom an von Heinrich Kornfeld (Nachdruck verboten.)
(Amerikanisches Copyright by (Earl Duncker 1914 >
(Fortsetzung.)
„Teuerster Alphonse - verschwenden Sie Ihre Bosheiten an Leuten, die dafür das richtige Verständnis be- sitzen.^Ich gehöre nicht dazu. Ich streike überhaupt Wenn Sie sich nicht selbst ans den Namen des Sch,lasses besinnen können mir schließlich kann es ja ganz egal sein. Wozu wollen Sie das überhaupt wissen, Alphonse. Das ist doch eine Marotte t»on Ihnen — eine brotlose Kunst eine Spielerei."
„Meinen Sie?". . . versetzte Alphonse de Marsillargues kühl und uiie beiläufig. Dann erhob er sich, reckte sich ein wenig und kam langsain znm Tisch heran. Cr trug einen Anzug ans Rohseide. Cr war wieder mal korrekt bis auf den Kragenknopf. Er lächelte ein wenig nach seiner schwer zu deutenden Manier, während er fortsuhr:
„Meinen Sie wirklich, bester Doktor, daß ich Sie und mich' hier so intensiv einer Spielerei ivegen anspanne?"
„Aber es ist doch nur eine Spielerei!"
Da gruben sich Alphonses ^lugeit in die seines Kumpanen Und in seine Stimme kam härtbar eine leise scharfe Färbung, als er gedämpft versetzte:
„Halten Sie mich tatsächlich für ein Kind, Doktor? Wenn ich Sie gebeten habe, mir aus einem dieser Lexika und Pandelten die Geschichte herauszusuchen, dann tat ich es in der Hoffnung, das; bei der Schilderung des mißglückten Attentats auch die Mittel genannt wären, mit denen es damals versucht worden ist/'
„Und ivas versprechen Sie sich davon — selbst wenn ich die Schilderung dieses Attentates irgendwo in den Büchern entdecke und Ihnen vorlege?"
Der Pariser Flaneur hatte beide Hände auf die Tischplatte gestemmt. Cr staiid jetzt seinem Vertrauten nur um halbe Armeslänge gegenüber. Er beugte sich etlvas vor. Er murmelte zwischen den Zähnen:
„Haben Sie schon vergessen, lvas ich Ihnen vor vier Wochen sagte?"
Der kleine korpulente Herr hatte sich in den Stuhl zurückgelehnt und hielt die Beine wellt vvn sich gestreckt. Er wischte sich schon gar nicht mehr den Schweiß von der Stirn; es hatte ja doch keinen Zweck Crfc wiederholte phlegmatisch und schläfrig:
„Was Sie mir vor vier Wochen gesagt haben, Alphonse?"
„An dem Tage meiner Rückkehr von St. Chamant, als wir drüben in meinem Acbeitsziminer in der Fensternische standen und bevor Sie fortstürmten, Margueride zu mir zu schicken — grinnern Sie sich, Doktor, lvas ich Ihnen damals sagtet"
Unter den kalt beobachtenden Augen seines Gegenüber fühlte sich der kleine Herr sichtlich unbehaglich. Cr richtete sich aus feiner laschen halbliegenden Stellung wieder hoch und schüttelte energisch den Kopf.
„Sie sagten nnr damals gar nichts, Alphonse."
„Wirklich nicht, Doktor?"
„Wirtlich nicht, lieber Alphonse. Sie ergingen sich in ganz atlgemeineu Redewendungen. Sie erwähnten etwas von irgelideinem deutschen Armee-Oberkommando, das auf St. Chamant einquartiert sei. Und deuteten an, die einzige. Möglichkeit, der französischen Baissespekulation das Wasser abzugraben und uns — das heißt Ihnen und mir und noch den paar Leuten unseres Kreises, die wir von der Börse leben - - lvieder festen Boden unter den Mißen zusammenzuscharren . die einzige Möglichkeit läge darin, irgendeinen .Hauptschlag gegen dieses deutsche Armee-Ob!ern kommando zu führen."
„Na also, Doktor — Sie haben doch ein ganz verläßliches Gedächtnis."
„Allerdings, oder ineinten Sie, Sie hätten Ihre Worte in den Wind "gesprochen? Natürlich habe ich sie behalten Versteht sich doch von selbst. Sie sind doch gewissermaßen unser stillschweigend anerkannter Führer. Sie sind doch in derselben scheußlichen Sitnativli, wie wir alle — die wir aus dem fortwährenden Auf uub Meder der Börse unsere Existenzmittel ziehen. Also wenn Sie mir etwas auseinandersetzen — den Teufel auch, Mphonse, denn ver- gess' ich das doch nicht?"
Alphonse de Marsillargues löste die Hand von dev Tischplatte zog ein goldenes Etui hervor und zündete sich eine Zigarette an. Ganz kühl und gleichsgiiltig tat er das — mit einer so ehernen gelassenen Belanglosigkeit in Blick und Bewegung, daß er dem kleinen cholerischen Herrn umvillkürlich damit seine Selbstjicherheit zurückgab.
„Also wenn Ihr Gedächtnis wirklich untadelig ist, lieber Doktor — desto schlechter sieht es danach mit Ihrer Kombinationsgabe aus."
„Mit meiner Kombinationsgabe? ... A propos. Alphonse, stiften Sie mir auch eine Zigarette. Danke und ja — lote meinen Sie das — mit meiner Kolm binatwnsgabe?"
„Mit Ihrer Fähigkeit, aus Handlungen, die Sie selbst begehen oder zu denen ich Sie veranlasse, die naheliegenden Schlüsse 511 ziehen."
„Keine 2lhnung, Alphonse."
„Helas — damals erzählte ich Ihnen von meinem Plan, gegen das deutsche Armee-Obevk'ommando in St Chamant einen Hauptschlag zu führen - und jetzt haben Sie eine Stunde oamit zugebracht, hier vergebens die Darstellung eines geschichtlichen Attentates aus dem Jahre 1814 aus diesen Büchern herauszufuchen. Und wenn Sie dazwischen nicht den selbstverständlick>en Iusammerchang finden, so fehlt Ihnen eben das. ivas ich Komb-inatwnsgavo nenne."


