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4 in Erzieher unserer Volker.
L8u Gustav Frehtags 100. Geburtstag, 13. Jrrli.)
- Von Heinz Amelung.
Deutsche Dichtung, deutsche Forschung, deutsche Gesinnung — mit diesem Dreiklang läßt sich treffend Gustav Freytags Lebens- Werk kennzeichnen. Alles, was er freischöpferisch, nachbildend oder lehrend dem deutschen Volke geschenkt hat, war durchglüht und erhellt von den Strahlen einer innigen Vaterlandsliebe. Zudem, was die Deutschen jetzt sind und leisten, hat er nicht wenig beigetragen ; er gehört mit zu den großen Erziehern unseres ^Volkes. Vor nunmehr 21 Jahren ist dieser aufrechte deutsche Mann wie ein Fürst zur letzten Ruhestätte geleitet worden, und doch wirkt er heute, da lvir seinen hundertsten Gebursstag dankbar begehen, ganz wie ein Lebender unter uns. Türch seine Romane und namctttltd) durch seine „Bilder aus der deutschen Vergangenheit" hat er das Selbstbewußtsein der Deutschen gehoben, ihre Selbstachtung geweckt und gesteigert, das Staudesgesühl mancher Berufe zuin Besten der Allgemeinheit geschärft. Durch seine politischen Aufsätze, die in ihrer Bedeutung noch längst nicht genügend erkannt sind, hat er einen maßgebenden und richtungweisenden Einfluß auf die staatsbürgerliche und politische„ Schulung weiter Kreise gewonnen.
Schon bevor er diese machtvolle Wirksamkeit in den „Grcnz- boten" begann, hatte er selbst sozusagen, einen praktischen Lehrgang durchgeniacht in der Kenntnis der politischen und sozialen Verhältnisse und Nöte der imteren Volksschichten, als er im Frühjahr und Sommer 1848 einen von ihm gegründeten Handwcrkerverein in Dresden mit außerordentlichem Geschick und Erfolg leitete. Das war zwar nicht selten recht aufregend und mühevoll, wurde aber für Freytag zu einer Schule, in der er den deutschen Charakter in allen seinen Vorzügen, freilich auch in seinen Nachteilen gründlich kennen lernte. In das Leben aus Gütern, auf dem Lande, in Kaufmanns- und Prosessorcnkreisen hatte er bereits als Berliner Student irnb als Breslauer Privatdozent einen tiefen Einblick getan, der Nationalitätenkampf zwischen Deutschtum nüd Polentnm war ihn:, dem Sohn der schlesischen Grenzstadt Kreuzbnrg, von Jugend auf vertraut. ,Jn dieser praktischen Weife sowie durch eingehendes Studium war er vorbereitet für den hohen Beruf, dev- thm bestimmt war. Es traf sich, günstig für ihn, daß sich ihm nach der Nicderlegnng des seiner Natur nicht gemäßen akademischen Lehramts Gelegenheit bot, gemeinsam mit Julian Schniidt die Zeitschrift „Die Grenzboten" zu übernehmen. Mit Schmidt stimmte er in seinen politischen und literarischen Ansichten trefflich überein. Gern erinnerte er sich im Alter noch der laugen Jahre gemeinsamer Tätigkeit. „So redlich, so warmherzig, so gescheit, ein. so guter Preuße, seine Seele so rein wie die eines Kindes und sein Urteil oft wundervoll klar und hoch. Weuu^ich damals etwas Größeres geschrieben habe, Die Journalisten, Soll und Haben, so war seine Ansicht die erste, die ich suchte, und seine Verstimmung gab mir gegenüber der Oeffcutlichkeit eine Sicherheit, die gar nicht mehr um den Erfolg sorgte."
Die beiden Werke, die seine Berühnrtheit begründeten und noch heute ansmachen, nachdem er bereits mit drei Dramen Beachtung gefunden hatte, sind ebevr genannt worden: „Tie Journalisten"
(1802), die mit Recht als das beste deutsche Lustspiel nach Lesfings „Minna von Barnhelm" gelteir, dürfen wir als poetischen Ausdruck des allgemeinen Charakters ihrer Zeit betrachten, und der Roman „Soll und Haben" (verfaßt 1854- -1855) eroberte sich im Fluge die Gunst des Publikums, die er nach zwei Menschenaltern noch nicht eingebüßt l)at — ein sicheres Zeichen für den inneren Wert dieses Kunstwerkes. Was er selbst an den „Pickwickiern" hervor- gehoben hatte: „Alles war modernes Leben, im Grunde alltägliche Wirklichkeit und die eigene Weise zu empfinden, nur verklärt durch das liebevolle Gemüt eines echten Dichters", das paßt wörtlich auf seinen Roman. Gleich Dickens, von dem er, wie er selbist. sagte, viel gelernt hat in bezug auf die launige humorvolle Betrachtung und Zeichnung von Menschen und Trugen, hat er Hunderttausendtn frohe Stunden und gehobene Stimmung verschafft. „Ter deutsche Romair soll das deutsche Volk da suchen, wv es in seiner Tüchtigkeit zu finbcu ist, nämlich bei seinen Arbeit." Diesen Satz Julian Schmidts hat Gustav Freytag seiner ersten erzählenden Dichtung voraugestcllt, ifjm blieb er auch der der zweiten treu, spielte „Soll und Haben" in den Kreisen des werktätigen, Werte Müssenden Bürgertums, dem sich als Gegensätze unehrliche Handelsleute und schiffbrüchige Landadelige gesellen, so greift „Die verlorene Handschrift" mehr auf das geistige Gebiet über, in die Zunft der Gelehrten, die iir Verbindung gebracht wird mit cmem tüchtigen Bauerngeschlecht und mit ungesundem Hofleben. Bedeutung gewinnen in dem Kaufmanns^ roman die Kämpfe zwischen Deutschen und Slaven: einen mit sichtlicher Vorliebe und besonderem Gelingen dargestellteu tüchtigen Edelmann Fritz von Fink beruft der Dichter zum Vorkämpfer des Deutschtums. Auf Männer wie ihm, denen Frauen wie Leouore rührig zur Seite stehen, ruht die Hoffnung und die Zukunft des Vaterlandes: zuversichtlich dürfen wir erwarten, „daß au--' dem Slavenschloß eine neue Schar kraftvoller .Knaben hervorspriuge und ein neues deutsches GeschleclN. dauerhaft au Leib und Seele, sich über das Land verbreite, ein Geschlecht von Kolonisten und
Eroberern" wie cs sich in diesem Weltkriege in wahrlich Helden^ Hafter Art beivährt.
Nicht ganz auf der Höhe des Meisterwerks „Soll und Hoben" steht der 1864 ersckftencne. Roman „Die verlorene Handschrift"t. Das Taufrische der Erzählung, das Ursprüngliche des Humors, das rwch den heutigen Leser voir „Soll und Haben" so sehr entzückt, mangelt der „Verlorenen. Handschrift", die etwas unter der Last der inzwischen von Freytag emsig betriebenen kulturgeschichtlichen Forschungen leidet, ohne daß dadurch freilich dem Gesamteindruck Schaden geschieht. Aus seiner Gegenwart nahm der Dichter die Stoffe zu diestzn Marken, seine Zeit schilderte er in ihnen. Wie er immer mit osseuen Augen und ivachen Sinnen durchs Leben gegangen war, so erweiterte er in Leipzig, wo er während des Winters wohnte, stets die „Grenzboten" betreuend, seine Beobachtungen und seinen Gesichtskreis wie seine Kenntnisse ans den verschiedensten Gebieten int regen und angeregten Verkehr mit geistig und gewerblich tätigen Männern. Die Sommermonate verbrachte er seit 1851 regelmäßig auf seinem Besitztum in dem thüringischen Dorfe Sieblcben. Im naheu Gotha regierte Herzog Ernst II., der liberale Fürst, mit dem Freytag bis zum Tode eine enge nie getrübte Freundschaft verband.
In der Ruhe des Landlebens entstanden neben den großen Werken eine erhebliche Zahl von Beiträgen für die „Grenzbotcn", in den politisch unfruchtbaren 50 er Jahren namentlich solche kulturgeschichtlichen Inhalts. Aus der Sammlung dieser Aussätze in denen die Früchte ernster Forschungsarbeit ttiedergelegt sind, wurden die „Bilder aus der deutschen Vergangenheit", cme'Knltur- geschichte, wie sie kein anderes Volk besitzt, eines der seltenen Geschichtswerke, die, wie Treitschke sagt, von Frauen verstanden und gelesen, werden können. Was tiefe Gelehrsamkeit aus den Quellen geschöpft, das ist in diesen Bänden mit reifer .Künstlerschaft gestaltet. Eine erstaunliche Fülle von Wissen ist hier aufgeschichtet uub verarbeitet, ohne daß man jemals den Eindruck von Ueber- lastung und eitlem Prunken empfindet. Was Freytag schon als junger Privatdozent als Ziel einer Vorlesung hinstellte: „Ich habe mich bestrebt, den Sinn für unsere deutsche Nationalität, soweit diese in meiner Wissenschaft darstellbar ist, zu wecken", das hat er. in seiner gesamten Lebensarbeit, in seinent polüischelk Wirken, ut dichterischer und geschichtlicher Form, vorzüglich aber in den „Bildern aus der deutschen Vergangenheit", verfochten, nur tupft er über seine eigentliche Wissenschaft, die deutsche Philologie, sehr bald weit hinaus ging. Die überzeugte preußische Staats- gesinnung tritt bei ihm jederzeit und überall im fefteu Verein mit deutschem Nationalgefühl zutage, die Vergangenheit wußte er stets in lebendige, nutzbringende Beziehung zur Gegenwart und Zukunft zu bringen. Immerdar zum besten des Deutschen Volkes tätig zu sein, au seinem sittlichen, sozialen und politischen Fortschritt mitzuarbeitcn — darin sah er seinen höchsten Daseinszweck. Diese reinen, ausschließlich vom vaterländischen Gefühl geregelten Absichten verfehlten ihre Wirkung nicht. Gustav Freytag sah seinen Eifer durch.reiche Anerkennung und liebevolle, von allen Ständen des deutschen Volkes beiviesene Zuneigung belohüt.
Der ungewöhnlich starke Erfolg der „Bilder aus der deutschen Vergangenheit" lockte ihn, das, was er hier dargestellt hatte, noch einmal in dichterischer Fassung wiederzugcben. Ter Gedanke gewann feste Gestalt, als Freytag ans Einladung des Kronprinzen, in dessen Hauptguartier er den Feldzug gegen Frankreich 1870 mittnachte. Tic Berichte, die er damals schrieb, sind gerade jetzt wieder lesenswert. Lange litt es ihn nicht, untätig dem siegreichen Heere zu folgen« er kehrte in die Heintat zurück und widmete die nächsten zehn Jahre vornehmlich der großen Ausgabe, die er sich gestellt hatte: der sechsbändigen Romanreihe „Die Ahnen". Tie Geschichte einer Familie verfolgt er darin durch die Jahrhunderte. Gewaltig in der Anlage, kühn im^ Entwurf, voll von Schönheiten ist das Ganze, nicht gleichmäßig dagegen in der Ausführung und im künstlerischen Wert sind die einzelnen Teile. Oft ist das Werk doch^nchr, Kulturgeschichte als Dichtung: am wenigsten befriedigt der Schluß, der allerdings wieder mit Freytags bürgerlich fester und einfacher, jedem Heeresdienst abholder Gesinnung zusammenstimmt. oo hat der Dichter uns in doppelter Gestalt die Geschichte unserer Achnen geschenkt. Bdag man sic genießen in dem Roman oder in den „Bildern", stets worden wir gefesselt von der alles durchflutenden, hell leuchtenden Liebe zum deutschen Volke, die in ihrem freudig bejahenden Optimismus recht behalten hat, wie die Gegenwart aufs Herrlichste beweist. „Wir haben," sagt Freytag selbst, „das Recht zu hoffen, denn wir leben in mann-- Hafter Arbeit, den altert Gegensatz zwischen Volk und Gebildetes aufzuheben uub nicht nur den Bauer, auch den Fürsten und den Mann von altem Landgeschlecht mit den: Segen der freien bürgerlichen Bildung zu erfüllen." Das lvar sein Glaube, an dem er. festhielt, für den er sein Lebert rrnd seine Arbeit eirtsetzte und dem er in rinverärtdertcr vaterländischer Gesinnung noch einmal 1886 in seinen für ihn höchst charakteristischen Lebcnserinrrernngert Aufdruck verlieh. Er hatte, als er in hohem Alter starb, nicht sich selbst überlebt: als Mensch und als Schriftsteller steht er uns heute noch nahe. Und solange unser Volk feinem Wesen trat bleibt, wird es die kerndeutsche Persönlichkeit dieses seiiws Erziehers nicht vergessen


