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In leisem Spott warf sie ein:
„Ich hoffe, daß diese Minuten wenigstens nicht'^u den verlorenen zählen-werden." /»
Er stutzte. Er sah sie kurz und scharf an. Faßtö sich dann schnell und versetzte: »
,,Das kommt ganz auf Sie und Ihre Gesinnungen an, die Sie mir gegenüber hegen, teuerste Jutta."
Und als er sah, wie sich ihre kühngeschwungcnen schmalen Brauen leise zuckend zusamnienzogen, ergänzte er schnell, ehe sie noch vielleicht ein Wort kühler Abwehr fände:
„Außerdem seien Sie überzeugt, Cousine — wären wir nicht gestern abend durch den deutschen Offizier in unserer Aussprache gestört ivorden, dann hätte ich Ihre Zeit heut nicht in Anspruch nehmen brauchen. So aber bleibt nichts anderes übrig. Denn es gibt Dinge, die zur Entscheidung/ drängen und die klar vor uns liegen müssen, ehe sich Schloß St. Chamant mit Waffenlärm füllt. Dann erst werden Sie in Wahrheit keine ruhige Minute mehr haben, sich mit mir und meinen Wünschen zu beschäftigen."
„Und diese Wünsche, Vetter Alphonse?" . . . fragte sic freundlich und ahnungslos.
Da sprang er «aus und trat von ihr fort zu einer kleinen Vitrine, hinter deren geschliffenem Glase allerlei altes, selt- farn geblümtes behäbiges Porzellan prunkte. Ein Jäger, der sei kl Hifthorn blies. Ein Liebespaar, das sich in zierlichem Reigen drehte. Ein kleines Mädelchen, das ihr Lockenköpfchen an das buschige Fell einer Katze kuschelte. Kavaliere mit Kniehosen und Wadenstrümpfen nnb wage recht gehaltenen Galanteriedegen. Tausend Nichtigkeiten, über die sein zerstreuter Blick hinglitt, ohne mehr als die äußere Form wahrzunehmen.
Und doch war alles nur, um diesen kühlen, leis erstaunten Frauenaugen da drüben auszuweichcn, um' Zeit zu ge- ivinnen vor der letzten Entscheidung, um noch einmal diö nervös durcheilianderzuckenden Gedanken zu bändigen und zu ordneil.
Vis er merkte, wie ihn trotz allein inib allem der Mut immer mehr und mehr verließ. Da knirschte er die Zähne aus- einander und ivandte sich ruckhast zu ihr und stieß brüsk und ganz gegen seine sonstige leicht spielerische Art hervor:
, „Jutta, ich^bitte Sie um Christi Barmherzigkeit willen - überstürzen Sie sich nicht in Ihren Entschlüssen, eilen Sic nicht mit Ihrer Antwort und mit Ihrer Entscheidung. Ich habe drei Fahre dazu gebraucht, ehe ich den Mut fand, Ihnen heute zur letzten Aussprache gegenüberzustehen; drei Jahre — nun quittieren Sie über diese drei Jahre rastlosen Grübelns und Denkens nicht in einer arniseligen Sekunde, nicht in der flüchtigen Stimmung des Augenblicks. Ich bitte Sie, Jutta: ich flehe Sie an lassen Sie sich Zeit! Erwägeil Sie alles und jedes!"
llnd von drüben kam als Antwort nur ein halblautes, fast schon ein wenig ungeduldiges:
„Aber Alphonse ich verstehe Sie noch garnicht und ich kenn Sie ja überhaupt nicht ivieder. Wozu diese Erregung und diese lange Einleitung?"
„Weil es sich um große Dinge handelt, Cousine. Um große Entscheidungen. Vielleicht um die größte, die es für mich gibt."
„Und diese Entscheidung liegt in meiner Hand?"
„In Ihrer, Jutta."
„Aber dann nennen Sie sic mir doch, Alphonse."
, r . schleuderte er ihr kurz und schroff und wie in Wehr losigkeit entgegen:
„Jutta — Sie sind seit drei Jahrsn verwitwet. Si leben allein mr sich. Sic haben sich freiwillig abgeschlossei von dem bunten rauschenden Leben, das da draußen auf Si wartet und in das Sie hineingehören als Fürstin. Jutta - Sie haben sich vergraben in eine Trauer, die doch bestenfall« nur eine schöne Erinnerung noch sein kann. Sie dürfen da- nicht langer tun. Sie sind jung und schön. Und sind ein.
von Welt und sind dazu geboren und dazu geschaffen ö" glawzen und eine Rolle zu spielen. Weshalb tun Sie e< nicht? Weshalb vergraben Sie sich freiwillig in einer erstickenden Einsamkeit?"
Die Stimme der jungen Marquise de St. Chamant wa: hell und klingend, wie dieser Ton ihr manchmal anflog:
„Weil ich in dieser erstickenden Einsamkeit — mein Glüc gefunden habe. Weil Rene mich lehrte, über die Enge de: Umgebung hinaus mir einen weiten Blick zu gewinnen un! zu erhalten."
2llphoiise de Marsillargues toarf unvermittelt ein:
-,Sie haben Ihren Gatten sekr geliebt, Jchtta?"
„Sehr, Alphonse. Mehr als ich es einem dritten Menschen ins Gesicht hinein zugeben würde."
„Das nahm ich an."
„Weshalb nehmen Sie das an, Alphonse?"
„Weil Sie ohne die Liebe Ihres Gatten sonst in dieser Einsamkeit hier stumpf und vorzeitig alt geworden wären,- Cousine."
Sie sah ihn lange an. Die Mngel ihrer Vornehm gemeißelten Nase zitterten etwas.
„Und?"
„Und ich meine, Jutta — die letzte« drei Jahre haben Sie sich noch jung und elastisch! erhalten m der Erinnerung an dieses gestorbene Glück. Bis heilte noch!. Aber überschätzen Sie nicht Erinnerungen; vertrauen Sie nicht zu blindlings auf das Gedächtnis des Herzens."
Die schöne junge Frau erhob sich, hastig.
Eine finstere Falte glitt ihfr zwischen die Brauen.
„Rühren Sie nicht an begrabene Stunden, die niemals wiederkehren können."
Und Mphonse de Marsillargues darauf trotzig:
„Und doch rühre ich daran, Cousine. Und wenn Sie mich ans Ihren schöneil Allgen noch so zürnend anblickcn
— ich tu es trotzdem! Ich warne Sie vor sich selbst! Ich warne Sie vor Erinnerungen und Sentimentalitäten, die. klirrende Ketteil werden können — schwere klirrende Eisenlasten, ail beuen Sie sich vor der Zeit müd und alt schleppen!. Ich weiß, was ich sage. Ich kenne das Leben. Ich bin feilt Charlatan und kein Blagueur! Ich bin durch eine harte Schule gegangen und kenne Frauen und Frauenhcrzcn. Jutta - klammern Sie sich nicht an Schatten! Opfern Sie Ihre Jahre nicht m.ehr dem wesenlosen Schemen eines zerronnenen Glücks! Ich warne Sie, Jutta - weil ich Sie liebe und weil ich S.ie begehre!"
Daraus war es lange still.
Und dann irrte über die blutleeren schönen Züge bet jungen Marquise de St. Chamant ein verlorenes Lächeln. Wie Mitleid und zugleich wie stille tteberlegenheit.
„Bis vor wenigen Minuten verstand ich Sie und Ihre Warnungen nicht, Vetter Lllphonse - jetzt verstehe ich sie. Und habe Ihnen nur das eine Wort zu sagen : nein!"
„Jutta!" ... er war ihr unwillkürlich ivieder einen Schritt nähergetreten: er stand vor ihr - mit schwer atmender Brust, mit lodernden- Augen, die Hände zu Fäusten geballt, vornübergebeugt. . . „Jutta ist es, weil ich ein armseliger Krüppel bin?"
Sie maß ihn mit finsterem Blick.
„Denken Sie so verächtlich von einer Frau, die Sie begehren, Alphonse? Nein — es sind nicht Aenßerlichkeiten — es sind Innerlichkeiten mtb nur Innerlichkeiten! Sie warnten mich vor Schatten und Schemen ^ . . ich aber sage Ihnen
— dieser Schatten lebt und dieses Schemen gibt mir jeden Tag von neuem Kraft zu leben und jung zu bleiben. Ich bin nicht sentimental; ich klammere mich nicht an begrabene Stunden, die kein Mensch wieder auserwecken kann . . . aber ich bin treu, Alphonse; und bin dankbar der Erinnerung eines Mannes, der mir soviel gegeben hat. Was war ich denn, ehe ich ihn kennen lernte? Ein dummes törichtes! Ding, das mit stumpfen Angen durch den Tag lies und nichts wußte von oll der Schönheit ringsum. Alt das hat er mir doch erst gezeigt, und hat er mich doch erst gelehrt und hat mir ein Glück gegeben, das ihn lange überdauern wird. Ich bin nicht sentimental, Alphonse, aber ich bin dankbar."
Er murmelte zwischen den Zähnen:.
. „Sie sind eine Deutsche! Schwächlich, romantisch und ziellos. Sie sind bescheiden, Jutta — Sie hatten die große Kugel „Leben" in der- Hand und wälzen sie hin und her und wissen nichts mit ihr zu beginnen."
Drüben aber über die blaßroten sein geschwungenen Lippen der jungen Marquise de St. Chamant glitt es wie ehrliches Bedauern:
„Armer Alphonse — was müssen Sie bisher im Leben snr Frauen gekannt haben! Frauen? Waren es nicht herzlose armselige Geschöpfe? Müssen sie nicht bedauernswert gewesen sein, die Ihnen so wenig Achtung vor uns und unserem Herzen zu geben vermochten?"
Sic hob halb die Hand gegen ihn.
(Fortsetzung folgt.)


