Schicksale.
Roman oott Heinrich Kornfeld- (Nachdruck verboten.)
(Amerikanisches Lop^n8>it Carl Duncker 1914 )
* (Fortsetzung.)
Er klingelte. Der alte Lakai trat ein.
„Frederic - hier ist ein Brief nach Paris von einer sehr großen Wichtigkeit. Sorgen Sie selbst dafür, daß er wenll möglich in den Pariser Schnellzug, der mittags hier eine Minute Aufenthalt hat, geworfen wiird."
Der Alte, der den Verwandten seiner Herrin schon seit Jahren voll beit gelegentlichen Besuchen aus Schloß St. Ehamant kannte, verneigte sich.
„Ich werde selbst dafür Sorge tragen. Herr de Mar- sillargues dürfen beruhigt sein."
Damit wollte er sich znrückziehen, doch Alphonse hielt ihn durch eine Handbewegung zurück.
„Einen Augenblick, Frederic."
Und als der -Lakai in das Zimmer zurückgetreten war und die Tür hinter sich geschlossen hatte:
„Sagen Sie, Frederic — meine Cousine sprach mir gestern abend von einer Einquartierung, die auf Schloß St. Chantant gelegt werden solle."
„Heut nachmittag, Herr de Marsillargues."
„Ist die Zeit scholl genau bestimmt?"
„Sehr wohl, Herr de Marsillargues. Vor etwa einer Stullde kam eine Ordonnanz mit der Meldung, daß die deutschen Herren gegen sechs Uhr eintroffen lvürden. Frau Marquise hat daraufhin dem Koch für sieben Uhr ein großes Diner angesagt."
„Um lvieviel Herren haildelt es sich denn?"
Der Alte war einen Schritt nähergetreten. In seinem undurchdringlichen blutleeren Gesicht regte sich nichts; allenfalls klang die Stimme etwas gedämpfter, als er erwiderte;
„Zwanzig Offiziere mit der nötigen Begleitung, .Herr de Marsillargues. Es sollen auch höhere Offiziere darunter sein Ueberhaupt hat es fast den Anschein — als erhielte St. Ehamant eine sehr illustre Gesellschaft."
Alphonse schob ruckhaft den Schreibsessel herum.
„Was meinen Sie damit, Frederic?"
Dach der Alte ivar schon wieder ganz in seiner farblosen vorsichtigen Zurückhaltung.
„Ich weiß ja selbst noch von nichts, Herr de Atarsillar- gues werden ja heut abend an der Tafel teilnehmen und die Herren alle persönlich kennen lernen."
Der Pariser Nationalist schien eine Bemerkung auf der Zunge zu haben. Doch noch rechtzeitig kanten ihm wohl Bedenken. Er erwiderte nur:
„Sie haben recht. Im übrigen — ivas kümmert das alles uns. Also den Brief, Frederic. Und dann — ja. Hören Sie, meine Cousine sagte mir, daß Sie das Frühstück immer oben im Krankenzimmer am Bett meiner Tante einnimmt."
„Sehr wohl, Herr de Marsillargues. Die gnädige Frau Marqnis-e ist überhaupt jede freie Minute oben."
„Also übermitteln Sie nteiner Cousine - ich müßte sie unbedingt vor dem Eintreffen der deutschen Offiziere noch einmal unter vier Augen sprechen. Es handle sich um eine äußerst wichtige Angelegenheit wichtig nicht nur für mich, sondern auch für sie selbst."
„'Ich werde es sofort ausrichten, Herr de Marsillargues."
„Und die Antwort bringen Sie mir dann sofort, nicht wahr?"
„Sehr wohl."
Eine halbe Stunde später stand er vor dem großen Eckspiegel seines Schlafzimmers und überflog seine Erscheinung noch einmal mit einem prüfenden Blick.
Er tvar zufrieden. Der Cutaway saß lute angegossen und die Krawatte war ihm selten so tadellos gelungen als heut. Eine gute Vorbedeutung
Leise vor sich hinsummend stieg er die Freitreppe hinab.
Jutta hatte ihm Frederic mit der Nachricht geschickt, daß sie ihn in ihrem Boudoir erwarte. Nun kam es da» auf an!
„Alphonse - Junge . . über deine zweiunddreißig
Jahre ist mancher Sturm dahingebraust, hat dich unter uns gesagt doch verflucht mitgenommen!
Jetzt wird es Zeit, nach dem Tauende zu suchen, an dem du dich wieder aus der gefährlichen Sintflut hocharbeiten mußt.
, Die Nerven zusammengenomuten und die Augen auf. vielleicht, daß du dies Tauende wirklich heut zu fassen kriegst!'
Und doch wollte dieser grimmige Troß sich meuchlings wieder davonfchleichen, als er ihr ein paar Minuten später daitu gegenüberstand in dem fraisfarbenett Nestchen von Boudoir, dessen knschelige kosige Weichheit so gar nicht passen wollte zu ben strengen, stets etwas kühlen Linien ihres schönen Gesichts.
Auch das Lächeln, mit dein sie ihn zuttt Sitzen eittlud, verwischte nicht ganz die Herbheit ihrer Züge
„Daraus können Sie sich wirklich ettvas einbitden, Alphonse, daß ich für Sie heute Zeit finde."
Er merkte garnicht, daß ihm die Erregung vor der nahen Entscheidung die Kehle zusammenpreßte, daß seine Stimme etwas heiser klang, als er entgegnete:
„Ich weiß — die Einquartierung für heut nachmittag. Da gibt es vermutlich für die Hausfrau tausend Dinge zu bedenken und vorzubereiten, dattiit Schloß St. Chantant in würdigem Glanze strahlt."
„Ganz recht, Alphonse."
„Umsomehr weiß ich den Vorzug zu schätzen, teuerste Cousine, daß Sie es doch ttoch ermöglichen, mir einige Minuten zu widmen."


