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Er fuhr fort immer mit seiner etwas gedämpften, Einschmeichelnden Stimme: _ .

Eine Deutsche, die den Mut besaß, einzig ihrer Ner- Unq und ihrcnl persönlichen Empfinden gehorchen. Erne rüsche noch dazu, die den Charme einer Vollblutparrsertn mit dem Stolz einer Spanierin und dem Geist einex Schwedin vereint."

Wollen wir nicht zu Tisch gehen, Vetter?"... unter­brach die junge Marquise mit kühler Freundlichkeit.

Der Pariser Gast bot ihr galant den Arm und führte sie zu ihrem Platz, hinter dem bereits ein Diener wartend stand.

Aber während sie die heiße Schildkrötensuppe vorsichtig aus ll-einen Täßchen tranken, nahm er hartnäckig sein Ge­sprächsthema wieder auf. Daß der Diener fortwährend ab und zu ging, daß der Haushofmeister von der riesenhaft breiten Kredenz her das Servieren und den Verlauf t>«$ Soupers überwachte... Alphonse de Marsillargues küm­merte es nicht. (

Was Domestiken! . . . Notwendige Begleiterscheinungen des täglichen Lebens . . . aher nimmermehr Menschen, deren Gegenwart man berücksichtigen muß.

Er hob das Glas. Der schwere Bordeaux funkelte wie Herzblut.

Teuerste Jutta lassen Sie mich Ihnen für die Gast­freundschaft danken, die Sie mir seit vieruudzwanzig Stun­den erweisen. Lassen Sie mich trinken auf die Schönheit!"

Die junge Marquise de St. Chamant duldete es nach­sichtig lächelnd, daß er mit seinem Glase leise klingend das ihre streifte. Duldete ohne Gegenwehr seinen Trinkspruch.

Und hielt die Unterhaltung während der ganzen Dauer der Tafel ans der gleichen unverfänglichen Höhe bis der Mokka serviert wurde und der Haushofmeister sich mit dem Diener zurückzog.

Da fragte sie, kaum daß sich die Tür geschlossen:

Man sagte mir, Alphonse Sie wünschten mich in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen?"

Diese ruhige Offenheit schien den Pariser Gast etwas zu verwirren.

lEr hob rasch den Kopf und sah seine schöne deutsche Cousine eine Sekunde scharf an.

Gab Ihnen die alte Dame Einzelheiten, Jutta?"

Durchaus nicht. Sie wies nur darauf hin, daß Sie 1e unbequeme und gefährliche Reise von Paris bis hier in te Champagne einzig zu dem Zweck unternommen hätten, mich in wichtigen Dingen zu sprechen."

Ich muß Ihnen allerdings auch offen gestehen, Alphonse, daß Ihr Besuch so angenehm er mir natür­lich ist mich doch etwas überrascht hat."

Und weshalb? . . ." fragte er schnell.

Weil ich vermutete, Hie seien irgendwie durch ein öffentliches Amt in Paris festgehalten oder befänden sich bei der Armee."

Aber kaum, daß die junge Marquise das ausgesprochen, bereute sie es schon wieder. Ueber 'das stets verbindliche bartlose, etwas verlebte Gesicht ihres angeheiterten Vetters flog ein dunkler Schatten. Und die Stiinme tränkte leise Bitterkeit, als er erwiderte:

Bei der Armee? Cousine, was sollte ein Krüppel wohl in den Reihen der glorreichen französischen Armee zu suchen haben?"

Schämen Sie sich, Alphonse, Sie versündigen sich!"

Der Pariser batte sich etwas über den Tisch gebogen, in seinen dunklen Augen flackerte unstetes Licht.

Ich verkündige mich nicht, teuerste Cousine ich mache mir nur das Herz schwer, wenn ich wieder an diese abgetanen Dinge rühre. Und doch ist vielleicht gerade heute der Augenblick, davon zu sprechen."

Sehen Sie, Jutta die Marsillargues sind ein altes Ofsiziersgeschlecht, das sich seinen Adel unter dem großen Korsen in den spanischen Feldzügen gegen Wellington er­kämpfte. Wen kann es da wundernehmen, baß auch ich auf der Schule nur dem einen einzigen Gedanken nach^ träumte, Offizier zu werden. Und mein Vater begünstigte diesen Wunsch in wder Form, ließ mich schon als Schüler Rettunterricht nehmen und jeden Sport betreiben, der dazu geeignet war, meinen Körper zu stählen und abzuhärten. Und das ging so lange, bis eines Tages im Bois de Bon»- kogne mein Pferd vor einem ihn anspringenden Hund scheu wurde und mich abwarfl, der ich darauf nicht vorbereitet gewesen.

Nun, dieser kleine Zwischenfall schadete mir nicht weiter, als daß ich mir den rechten Schenkel zweimal brach. Ich Hab' dann Wochen um Wochen im Gipsverband gelegene Als ich endlich wieder aufstehen konnte, da war mein rechtes Bein etwas kürzer geworden und jede .Aussicht auf den Ofsu* ziersberuf zum Teufel."

Er hatte ganz kühl und leidenschaftslos gesprochen. Aber vielleicht gerade diese Resignation wirkte auf die junge Witwe so stark, daß sie ihm herzlich die Hand auf den Arm legte.,

Ich bedauere Sie, Alphonse; denn ich kann Ihnen nachfühlen, wie bitter Sie es empfunden haben müssen, diesen Ihnen liebaewordenen Gedanken an den Offiziersberuf aus­zugeben. Aber trösten Sie sich erstens sind Sie ja in der glücklichen materiellen Lage, auch ohne Beruf leben zu können; und dann ich kannte Sie schon viele Monate, ehe ich überhaupt merkte, daß Ihr rechtes Bein etwäZ kürzer ist."

Der Pariser Gast hatte mit behutsamer Zärtlichkeit die schmale kleine Frauenhand von seinem Arm genommen und beugte sich über sie.

Sie sind ein Engel an Güte, Jutta. Ich habe nie eine Frau gekannt, die Herzensgüte und Schönheit in so harmo­nischer Form zu vereinigen weiß. Der gute Rene hat sicher­lich nicht die blässeste Ahnung gehabt, an wessen Seite er da zwei Jahre leben durfte."

^EiU Klopsen an der Tür ließ sie beide aufhorchen.

Ein Lakai trat ein.

Was ist, Frederic?"

Frau Marquise unten im Hof hält ein deutscher Offizier mit einigen Soldaten und begehrt den Herrn oder die Dame des Hauses sofort zu sprechen."

Ein deutscher Offizier!

Wie Meiterschlag schmetterte dies Wort, dieser Begriff in die behagliche Ruhe des hochgetäfelten Speise zimmerst in den Gedankengang der beiden Menschen, die sich beim Mokka gegenübersaßen und sich so ganz in persönliche Sor­gen vertieft hatten.

Ein deutscher Offizier!

Fast mußten sie sich gewaltsam erinnern, daß draußen die weiche Frühherbstnacht nicht über friedlichen Menschen träumte, sondern über langgezogeneu, zickzackförmig durch­einanderlaufenden Schützengräben, in denen hinter Repetier­büchsen und Maschinengewehren endlose Ketten feldgrauer: deutscher Infanterie sich eingenistet hatten; über Anhöhen und Waldlisieren träumte, wo sich deutsche Schnellseuerss' batterien in guter Deckung eingegraben, um im blassen Frühlicht des nächsten Morgens wieder ihre tödlichen Feuerschlünde auf den Gegner zu richten.

Eilt deutscher Offizier!

Bis an die Marne bereits hatte sich der klirrend^ Eisenwatl deutscher Armeen vorgeschoben, rang er den Ver­bündeten Schritt um Schritt ihrer heimatlichen Erde unter Strömen von Blut ab.

In die Defensive gedrängt die Armeen des Generalissi­mus Jossre, der verbündeten belgischen und englischen Hilfs­truppen ihnen gegenüber flatterten trotzig die ruhüv- gekrönten sieggewohnten Standarten deutscher Regimenter

Was da in verwichenen Augusttagen das' unglückliche Belgien gesehen... ein wüster, hirnzerfressender Fieber- traunr eine dröhnende gigantische Orgie von zertretenen Landschaften, eroberten Städten, zerschossenen Festungen^ vernichteten Brigaden. Ein grauenhaftes Starfgericht Über eines Zaunkönigs Land, der gewagt hatte, mit vermessenem Wahnwitz den deutschen Riesen yerauszufordern.

Seit Tagen schon wenn die junge Marquise de Sk Chamant auf die Terrasse des Schlosses hinaustrat undj an der steinernen Ballustrade lehnte und hinausschaute in die blühenden Niederungen der Champagne dann wehte von drüben, wo in hundert Kilometern Entfernung der Marne vielgewundener Laus der Stadt Chalons zustromte> ein seltsam dumpfes Dröhnen und Bvausen zu ihr herüber, Wie ein gedämpftes Riesenorchester, dessen Töne wirr durchß einanderbrausen.

jUnd oft hatte sie darüber nachgedacht, oft hatte sie den Haushofmeister und die übrig gebliebene Dienerschaft nach ;enen seltsamen Tönen befragt. Doch niemand hatte es gewagt, iylr Auskunft zu geben; niemand hatte es gewägt, der schönen jungen Frau zu gestehen, daß die deutsch^ Armeen sich schon bis dicht an den Rhein-Marne-KanaL herangekämpft hätten.

(Fortsetzung folgt.)