Schicksale.

Roman von Heinrich Kornfeld.

(Nachdruck verboten.)

(Amerikanisches <^c>p>rizkt by darf Duncker 1914 )

_ >,Kann ich sonst 'noch irgend etwas für dich tt:n, Mama?" ^ Die alte Dame bewegte verneinend d-en Kopf. Trotz t^ec sechzig Jahre zeigte ihr Gesicht noch immer Spure?: lener einstigen Schönheit, die ans den Pariser Boulevards den FlaneurD des zweiten Kaiserreiches so oft Gelegenheit zu hitzigen Debatten gegeben.

Nichts, mein Kind. Geh nur hinunter. Älphonse wird sicherlich bereits im Speisezimmer ans dich warten."

Die junge Frau richtete sich von dem Krankenbett der Greisin hoch. Ein schwer zu deutender Zng überrann ihr Gesicht.

Mag er, Mama. Für mich ist es wichtiger, das; du alle Bequemlichkeiten hast, deren du bedarfst, als das; Vetter Ättphonse ein paar Minuten weniger auf mich ivartet."

Die Witwe des eheinaligenFrnanzministers, des Marquis d-e St. Chamant, sah ihrer Schwiegertochter mit leiser Spannung in das schmale, oval geschnittene Gesicht, dessen zarte, fast noch mädchenhafte Farben seltsam gegen das lodernde Altknpsergold ihres .Haares kontrastierten.

Der gute Älphonse hat es sich nicht nehmen lassen/ Jutta, die umständliche und gefährliche Reise von Paris bis hier an die Marne zu unternehmen einzig zu dein Zweck, um mit dir über wichtige Dinge Rücksprache zu nehmen."

Die junge Witwe stand schon dicht an der Tür. Jetzt verhielt sie noch einmal den Schritt, wandte sich zn dem Krankenbett zurück.

In ihrer Stimme war eine leise kühle Schärfe, als sie ientgegnete:

Ich wüßte nicht, Mama, welche Sorgen Vetter Al- phonse mit mir gemeinsam haben könnte."

Vielleicht gibt es doch einige, mein Kind."

Möglich, Mama. Aber dann bin ich zumindest nicht wißbegierig, sie kennen zn lernen."

D:e welken .Hände strichen aus den: Plu-nean des Bettes ruhelos hin und her.

Jutta du bist erst sechsundzwanzig Jahre, in diesem Alber gibt man noch leicht augenblicklichen Stimmungen nach." *

Ich tat es nie, Mama. Und wenn dieser Vorwurf vielleicht auf meine Mädchenjahre zutreffen sollte vergiß nicht, daß ich zwei Jahre glücklich verheiratet war und in Rens einen Mann gefunden hatte, zn dem ich in allen,' Dingen als dein Besseren und Klügeren aufblicken durfte."

Er war mein einziger Sohn und hat stets gewußt, was er den Traditionen seines .Hauses schuldig war!" < flüsterte die alte Dame. Dann raffte sie sich auf, zwang die jählings wieder anfbrandende Trauer um den dahingeschie­denen Sohn gewaltsam nieder, lächelte gütig-

Nun aber geh, mein Kind. Und vergiß nicht, daß Herr de Marsillargues ein naher und lieber Berwanoter Unsere- Hauses ist, zu dem ja mich öu gehörst."

_ Die junge Marquise de St. Chamant verließ auf leisen sohlen das Krankenzimmer, stieg die gewundene Freitreppe hinunter, die aus den oberen Räumen des Schlosses St. Cba-- Mant zum Parterre hinabführte, betrat noch einmal für einen fluchtigen Augenblick ihr Antteidegemach, prüfte mechanisch und gedankenlos vor deni großen Spiegel des FrisiertischeS ihren Anzug.

Sto dauerte es doch 'fast noch eine Viertelstunde, bis ihr im Speisezimmer.der Vetter Älphonse die Hand küssen durfte.

Ich bin entzückt, Cousine, Sie unverändert jung und reizend wiede rzufehen."

Das war so feine ständige Redensart während der fünf Jahre, wo er in ziemlich regelmäßigen Zwifchenränmeu aus Schloß St. Chamant seine Besuche abzustatten pflegte. Allerdings in den drei Witwenjahren, seit der Marquis gestorben, waren seine Besuche seltener geworden. Früher dagegen hatte sich sür ihn als passionierten Jäger oft Ge^- kegenheit gesunden, der jungen Marquise die Fingerspitzen zu küssen und den Vetter Renö seiner unveränderten herz­lichen Freundschaft zn versichern.

Ich habe um Entschuldigung zu bitten, Alphouse, daß ich Sie etwas warten ließ."

Und^ doch hätten Sie dies nicht Lun dürfen, teuerste Cousine. Sie kennen doch das Sprichwort, nach dem Pünkt­lichkeit die Höflichkeit der Könige ist. Und Sie sind ja die, wahre Königin dieses entzückenden alten Ranbritternestech das Ihr hartnäckigChateau Chamant" nennt."

Ich bin Ihnen, Älphonse, für die guten Absichten, die in diesen Komplimenten liegen, selbstverständlich dankbar. Aber vergessen Sie nicht, daß wir Frauen ans dem De­partement Marne keinesfalls so unbescheiden sind, die An­sprüche der Pariser Schönheiten zu den unsrigen zu machen."

In den großen dunklen Angen des Herrn de Mar- sillargues blitzte es flüchtig auf.

Jetzt haben Sie sich selbst gefangen, teuerste Cousine. Denn Sie gehören weder zu den mehr oder minder an­fechtbaren Schönheiten von Paris noch zu den Frauen des Departements Marne Sie sind eine Deutsche, die einzige Tochter des verstorbenen Regierungsrats von Asperg, und stehen als solche außerhalb jedes Vergleichs und jeder Kon­kurrenz. Und sehen Sie, Jutta, gerade das hat mich bet unserer ersten Begegnung auf Ihrem Hochzeitstage wo ich Sie zum erstenmal sah so wahnwitzig gereizt. Eine- Deutsche, die Tochter eines hohen deutschen Verwaltunas^ beamten, und besaß den kaltblütigen Mut, einen französi­schen Marquis zu heiraten."

Cs war weniger kaltblütiger Muh als und das wissen Sie ja selbst am besten als herzliche und ansrichtige Zuneigung zu meinem Gatten."

Aber 5>err de Marsillargnes beachtete diesen Eknwurj