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Der selige Gnkel.

Eine kleine Eh^geschichte von Felix Frhr. v. Steil gl in.

> (Nachdruck verboten.)

Man kommt ohne Weltklughert nicht aus. Ich versuchte es, «aber meine Frau hat ganz recht, es geht nicht. Sie ist mir! rn dieser Beziehung mit Erfolg vorangegangen. Dadurch, daß sie weltklug ist, bin ich in den Augen der Welt ein ganz anderes Mensch als in Wirklichkeit, und das ist sehr gut, bemt sonst könnte man mit mir keinen Staat machen, und wir müßten aus mancherlei Vorteile verzichten. Natürlich erlebt man dabei Ueberraschungen. Ich erfahre zun, Beispiel Tinge, die mit mir geschehen sind, ohne daß ich es ahnte. So wußte ich gar nicht, daß, ich neulich eines gefährliche Influenza hatte. Meine liebe Frau hatte mich wegen meines Ausbleibens bei Verwandten mit dieser Tatsache ent­schuldigen wollen, und ich selst hörte erst davon, als man mich! zu meiner .Wiederherstellung beglückwünschte. Damals sagte ich meiner Frau, ob fie 0 nicht vielleicht doch zu weit gegangen sei> und ob es nicht genügt hätte, zu sagen, daß ich beschäftigt war. Aber heute sehe ich ein, daß man Wältklugheit braucht, und zwar auf Grund meiner eigenen häuslichen Erfahrungen.

Meine Frau hatte nämlich einen seligen Onkel. Tie Autorität des Vetters Egon der, nebenbei gesagt, zweimal durchs Nefercndar-Examen gefallen ist zieht doch nicht immer, und da muß Onkel Willy herhalten, der ohne Zweifel ein Manu von großen Verdiensten lvar, als fürsorglicher Verwandter wie als angesehener hoher Beamter. Meine Frau hat zum Beispiel den dringenden Wunsch, daß ich zu einer Gelegenheit den schwarzen Anzug anziehe, und um d,esen, Wunsch mehr Nachdruck zu ver­leihen, sagt sie mit jenem gewissen Ernst, den sie in solchem Augenblick entfaltet einem Ernst, durch den die Wehmut über den Verlust des guten Onkels hindurchschimmert:Mein seliger Onkel.Willy zog in solchem Falle immer den schwarzen Anzug an." Eine ganz harmlose Bemerkung, wie es scheint, die aber doch das Unerfreuliche Gefühl in mir auslöste, neben Meiner Frau noch einen anderen, Unsichtbaxen Widersacher mir gegenüber zu haben, dem ich nicht beikommen konnte. Ein anderes Mal iveigere ich mich, einer Däme, die wir besuchen, Blumen mitzubringen. Zwar bin ich ein großer Blumenfreund, aber es geht mir das Bestreben ab, mir das Wohlwollen anderer Leute gewohnheits­mäßig durch dergleichen äußere Höflichkeiten zu erwerben: wenn ich Blumen mitbringe, so soll das ein Zeichen meiner besonders herzlichen Empfindung sein, wvs hier nicht zutras. Ick diesem Fäll mischte sich dem sittlichen Ernst ein gut Teil mitleidiger Herablassung bei, als meine Frau erklärte, der selige Onkel würde es nicht unterlassen haben, der Dame des Hauses einen Strauß zu überreichen, wie er überhaupt ein Mann von so liebenswürdigen Manieren gewesen sei nun, daß man dergleichen heute über-- Haupt nicht mehr begreife.

Mit den an eine Mahnnua streifenden Aeußcrungcn über den Onkel wechselten solche der Erinnerung ab. Wir haben uns zum Beispiel an einer Wanderung erfreut und sind im Gasthaus eingekehrt, als meine Frau die glückliche Stimmung damit unter­bricht, daß sie mir die Hand ans den Arm legt, mich! mit um­florten Angen ansieht und bewegt äußert, als ob sie meines innigsten Anteils gewiß sei:Gott, der gute Onkel Willy! Wie reizend war er immer, wenn er mit Mütterchen und mir. ausging!" Natürlich wurde daraufhin n,eine Miene etwas ernst. Ich habe Onkel Willy nie gekannt, ich halte ihn für einen Ehren­mann aber schließlich bin ich doch auch reizend, wenn ich mit meiner Frau ausgehe!

So lebte der selige Onkel mit uns fort, drängte sich in unsere freudigen und weniger^freudigen Momente und verließ uns eigent­lich nur ausnahmsweise. Längere Zeit lvar ich geduldig obwohl ich damals schon das Gefühl hatte, es Wäre besser, wenn der Onkel noch lebte, da ich ihn, dann Aug? in Auige hätte gegennbertretenl können. Ich hoffte, daß meine Frau, Wenn sie einmal alle guten! Eigenschaften des Onkels genügend beleuchtet, alle Momente, in denen er als Beispiel dienen konnte, hervorgehoben, alle Ge­legenheiten der Erinnerung eine gute Zeit lang ansgekostet haben würde, endlich in der Bekundung ihrer- Berohrung eine gewisse Ruhepause eintreten lassen würde. Als das aber nicht geschah, wurde es mir zu viel. Ich litt geradezu. Es kam dahin, daß ich dies durch Seufzen bekundete, worauf dann meine Frau besorgt mrd ahnungslos fragte, ob mir etwas fehle? Ich schüttelte mir weh­mütig den Kopf. Sie drang in mich, ich blieb standhaft bis eines Tages (wir waren nun schon mehrere Jahre verheiratet) mir 'ne Laus über die Leber lief. Meine Frau erzählte mir wieder etwas beispiellos Vorbildliches vom seligen Onkel, und da platzte ich mit der etlvas ärgerlichen Bemerkung heraus:, das

kann er ja nun nicht mehr!" Damit hatte ich aber etwas sehr Uebles angerichtet. Meine Frau sah mich erst eine Weile entgeistert an Und antwortete daraus mit vernichtendem Ansdruck:Nein, aller­dings, das kann er nicht mehr, da er tot ist." Ich kam mirunä glaublich roh vor uud beschloß, so etwas nie wieder zu tun.

In dieser Zeit besuchte ich ein Freund, den ich lange nicht gesehen hatte, und der mich denn auch lveidtich nach meinen Ehe- ersahrungen ausfragte, als wir nach Tisch bei einer Zigarre in meinein Zimmer saßen.Deine Frau macht wirklich einen sehä angeuehmcn Eindruck," sagte.er,sie hat mir sehr gefallen,"

Ja, ja," antwortete ich,mir gefällt sie auch vielleicht bis aus eins. . . ."

Ta bin ich neugierig was ist denn das?"

Ja, sie hat nämlich einen seligen Onkcl," erklärte ich. Mein! Freund sah mich verblüfft an. Nun, da schilderte ich ihm denn^ wie der selige Onkel sozusagen der Dritte in unserer Ehe sei. Ich schüttete ihm mein ganzes Herz aus und gestand, daß es furchtbar schwer sei, ihr den Onkel abzugewöhnen, ohne unzart zu sein.

Mein Freund lvar von jeher durch seine kühiren Ratschlag« bekannt. Er ist nie verheiratet gewesen und behauptet, gerado deshalb ein gründlicher Kenner der Ehe zu sein. Vielleicht hat er in gewissem Sinne garnicht so unrecht, da er der Ehe als Unparteiischer gegsnübersteht und nicht von Sentimentalität^ rücksichten wie er es nennt angekränkelt ist. Er sann eine Weile nach, dann hob er die Hand und machte große Augen- wie wenn er sagen wollteIch hab's!", und äußerte endlich, es gebe nach seiner Meinung ein eiufaches und psychologisch un­anfechtbares Mittel, ich; müsse mic* eine selige Tante anschaffen. Es sei sehr wichtig, bei allen T-ingen au die Wurzel zu gehen und tief zu schürfen (ein Lieblingsausdruck von ihm), und er verspräche sich nur Erfolg, wenn ich den Mut hätte, die Sache psychologisch! zu erfassen.

Ich verstehe Dich," antwortete ich, und mußte das Logische seines Gedankenganges anerkennen, ohne mich doch einstweilen mit der praktischen Ausführung befreunden zu können. Doch sein halb mit Scherz gegebener Rat wirkte in mir nach.

Es war an einem Abend, als wir uns zum Theater zurecht-' machten. Meine Frau hat die Eigenschaft, sich schw-er für euren be­stimmten Schmuck zu entschließen, und wienn sie sich endlich ent­schlossen hat, ganz bestimmt doch noch einen ganz anderen zu nehl- men. Als sie mich nun zweimal uM meinen Rat gefragt und jedes­mal diesen mißachtet hatte, besaß ich die unglaubliche Kühnheit, die Bemerkung hinzuwerfen:

Meine selige Tante pflegte zu sagen? Wer lange wählt, stiehlk sich unb anderen die Zeit!"

Zunächst schien es, als ob meine Frau dies gar nicht gehörl habe, sie probierte ruhig werter, bis sie plötzlich aufblickte und etwas erstaunt fragte, was denn das für eine Tante sei, von dev ich ihr noch nie erzählt habe? Das kleine Examen, das sich nun entwickelte, bestand ich unter Zu Hilfen ahnte meiner Phantasie recht aut, bis sich denn meine selige Tante Emma als ein Wesen von Hohen Geistesgaben und tiefem Gemüt aus' diesen Erörterungen herauskristallisiert hatte. Ich gab zu, sie längere Zeit aus demi Gedächtuis verloren zu haben, betonte dann aber, daß sie neuer­dings bei verschiedenen Gelegenheiten mit besonderer Deutlichkeit lvieoer vor mir aufgetancht sei.

Seitdem standen wir unter dem Zeichen der seligen Tante. Ich wurde ihr ordentlich gut, denn ich konnte so Manches unter dieser Flagge sagen, was geradezu ausgesprochen wahrscheinlich weniger Eindruck gemacht haben würde. Mahnung und Erinnerung reichten sich die Hand, um das teure Wesen in immer hellere Erscheinung! treten zu lassen, bis bami eines Tages Meine Frau, als ich tvieder den Schatten Tante Emmas heraufbeschwor, die Aeußerung machte, diese Tante sei anscheinend eine unausstehliche alte Jungfer ge­wesen. Ta Märkte ich, daß ich auf dem Wege war, mein Ziel zu! erreichen.

Seitdem vermeide ich es etwas mehr, in den Erinnerungen an die selige Tante zu wühlen, und lasse sie nurchin und wieder einmäl austreten. Der selige Onkel aber ist fast ganz zurückgedrängt, da! meine Frau sozusagen gar keine Zeit mehr hatte, sich seiner zu erinuern. So glaube ich, daß m!ein Freund mir wirklich einen guten Rat gegeben hat. Und wenn sie den Zusammenhang herausbe- koMmt? Das würde, hoff ich, auch nichts schaden, denn sie hat zur Genüge erkannt, wies tut, und das ist doch imimer die Hauptsache.

Ich hätte wirklich nie gedacht, daß ich der: seligen Onkel-auf so gute Manier loswerden würde. Ich habe nichts mähr gegen ihn und gönne ihm die Erinnerung im Herzen meiner Frau, ja ich komme sogar selbst hin und wieder auf ihn zu sprechen. Es! scheint mir zwar, als ob sie in solchen Augenblicken schnell abbräche, wahr­scheinlich, weil sie den Schalten der seligen Tante fürchtet. Ich sehe es kommen, daß ich diese nur noch in Reserve zu halten brauche.

Ja, und was ich eigentlich sagen wollte: Dergleichen erreicht man doch schließlich nur durch Weltklngheit. Darin bin ich jetzt durchaus der gelehrige Schüler Meiner lieben Frau.

vermischte».

* E i n c höfliche Art, Krieg z u s ü h r e n. Die Wand­lung in der Art der Kriegführung, die sich im Laufe der Jahr­hunderte vollzogen hat, wird in drastischer Weise veranschaulicht durch einen Bericht über die Schlacht von Fontenoy, in der sich Engländer und Frauwsen gegenüber standen. Die Engländer gingen, wohlgerichtct trr Linie, langsam und gemessenen Schrittes, wie es die damalige Kriegskunst unbedingt forderte, gegen die französische Garde vor, die den Angriff mit Gewehr bei Fuß er­wartete. Tie französischen Offiziere standen einige Schritte vor der Front^und begrüßten die Engländer durch Abnahme der Kops-