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lancholisch werden, wenn man so den Untergang eines großen alten Geschlechts vor Augen sieht."

Aber, lieber Velten," entgegnete Otto,der eine ent­artete Sproß besiegelt schließlich noch nicht den Untergang des ganzen'Hauses! Sie haben sich in Jost doch selbst eine Natur herangezogen, die sich schon prächtig genug entfaltet chat und auch noch weiter nach allen guten Seiten hin ent-' wickeln w i r d."

Vellen schüttelte den Kopf.Jost ist kein Gotternegg," sagte er,er ist kein Ritter. Mißverstehen Sie mich nicht.

- Wie lieb ich Jost habe, wissen Sie er ist sozusagen durch meine Liebe zun: Mann geworden. Aber er wird ans dem Studierzimmer nie herauskommen. Er wird der weli^ flüchtige Gelehrte bleiben alles int äußeren Sinne Helden­hafte. alles Glänzende und Repräsentative geht ihm ab. Das bedauere ich nicht etwa seinetwegen ... ich traure nur um den Verfall des Rittertums da unten . . ."

Ein unmerkliches Lächeln glitt über Ottos Züge. Doch er wurde rasch wieder ernst; er scheute sich, dies Lächeln dem andern zu zeigen.

Bester Freund," erwiderte er,Werden und Vergehen ist Naturgesetz. Nicht nur die alten Adelsgeschlechter lösen sich auf, auch die Bauernhäuser entvölkern sich. Sie bekla­gen den Untergang der Ritterherrlichkeit, die einst hier oben ihren Sitz errichtete und in veränderten Zeitläufen hinab zog in das Tal. Unweit des Schlosses der Gotterneggs stand noch vor ein paar Jahren ein stattliches Bauernhaus. Das hat man niedergerissen und auf den Fundamenten einen verrückten Neubau aufgeführt, die zu Stein gewordene Laune ejnes ungezogenen Mädels. Aber man hat mehr eingerissen als das frühere Haus. Man hat zugleich auch ein altes' Vauerngeschlecht zu Grabe getragen. Wir Hcraugewachseueu haben uns losgelöst aus dem Milieu, dem wir entsprossen . ftjib. Wir sind keine Bauern mehr. Mir ging es wie Jost; ich wählte den Gelehrtenberuf. Und ich mochte meine Hand ins Feuer legen: die Grete wird keinen Mahlmüller heiraten und keinen hemdärmeligen Ackerkuecht sie möchte am lieb­sten eine Adelskrone auf den Dachfirst setzen und möchte ein Von und zu vor ihrem Namen haben. Ist das nun ein Auf­wärts, dieser Sprung und Schwung über die Geburtslinie hinaus? Und ist es ein Abwärts, wenn der letzte vernünftige Gotternegg die Gelehrtenstube dem Hofparkett vorzieht und seine Bücher dem ritterlichen Sport?" Er wias mit der Hand hinter sich.Was wäre, Belten, wenn aus der Freund­schaft der beiden die Liebe würde? Als Bolko cm die Ver­goldung seines Wappens dachte, schlug kein Blitz in bia Gotzenburg ein; aber vielleicht wird es rebellisch in der Ahnengruft, wenn Jost ein armes Bürgerfräulein hei­ratet. . . ."

Wieder lächelte Otto eilt wenig spöttisch. Velten er- widerte nichts; sein Blick war auf den beiden Gestalten haften geblieben, die aus dem östlichen Wachtturm der Umzingelung standen Jost und Eva, Arm in Arm und eng beieinander, zwei Silhouetten im verblichenen Gelb des Sonnenunter­gangs. Die Frage Ottos klang in seinem Ohre loieber: Wenn ^ Freundschaft der beiden nun eine Liebe wird'? Auch Belten hatte zuweilen daran gedacht. Nichts in dem eigentümlichen Verhältnis der jungen Menschen sprach dafür, daß es so kommen könne. Nur ein einziges Mal war Velten suß Eva ani Arbeitstische, tief über ihre Bücher geneigt, und das Helle Tageslicht umspielte ihr braunes Haar. Jost war hinter ihr stehen geblieben, schaute SuNre herab und sagte plötzlich:Was hast du für schönes Haar Eva - beugte sich und küßte ihren Scheitel. Sein Gesicht war dabei freundlich und ohne Erregung, es war wie ein harmloses Schmerchelwort und wie eine flüchtige Zärt- "^^^^bschwistern. Aber Velten sah, daß über Evas Antlitz eine heiße Flamme schlug und daß ein leiser leiser Schauer ihre Gestalt durchbebte. Da wurde er nachdenklich_

Tag ging zur Rüste, Man mußte wieder den Berg hinab. Es wehte kühl durch die Tanuen, und die Nebel über den Wiesen verdichteten sich. Als die Vier vor dem Park- eingaug standen, war es bereits dunkel; die elektrischen Bal- großen Allee flammten auf. Auch in derTreppen- -des Prinzenhauses bräunte bereits das Licht. Da saßen und links auf den steinernen Bänken an der Wand ^Ee "nd Örtern, unp letzterer sagte scherzertd:Durchlaucht, WLM - aber wir sind tief beleidigt. Man hat uns eiste Erliche Einladung zum Souper zukommen lassen, und nun

unä feiner ^ tüarten unb hungern, und' es empfängt

mDie Stimmung war fröhlich, als man zu Tisch schritt. Voller Seligkeit war vor allem Madame Balfour; sie hatte Alt Mamsell Anschütz lange geplant und beraten, wie das Menü zn entwerfen sei, und präsidierte nun in glücklicher Wurde, während' ihre Hängelöckchen sich heiter schaukelten. Auch dergrüne Max" war wieder in Tätigkeit und gab sich die erdenklichste Mühe, seine Sache brav zu machen, denn er nährte im heimlichen Busen die frohe Hoffnung, eines Tages vom Prinzen als Kammerdiener engagiert zu werden, eine Stellung, die ihm ungefähr gleich dünkte mit der eines persönlichen Adjutanten.

Für einige Minuten wechselte mit der fröhlichen Laune der Ernst dieses Tages. Velten stand auf und erbat sich von Jost das Wort. Er sagte:,,.Liebe Freunde, verstattet mir dem Aildenken dessen, den mir heute zur Ruhe tragen halfen, ein Zeichen der Erinnerung. Er wollte nicht, daß diese Erinne­rung igetrubt werde durch die Wehmut des Abschieds für ewig; er wollte, das; seiner gedacht werde im frohen Kreise und wenn der Becher.gefüllt vor uns stehe. Der Maun, der dies niederschrieb' als einen seiner lebten Wünsche, der sah schon den Tod vor Augen. Aber für ihn trug der Tod einen Rosenkranz und die Hippe init Blunien umwunden; für ihn !var er der Geleitsmaun in eine Welt voll hehrer Schönheit Unser geliebter alter Herzog war kein Frommer, der auf das Wort schwur; höher sals das Wort stand ihm der Geist, der vom Ganges aus das' Zordantal befruchtet hat. Mau sagt, der Herzog habe sich in seinen letzten Lebensjahren eifrig mit dem Buddhismus beschäftigt. Aber ob er die Erlösung in der Transformation der Seele sah oder in ihrem Aufstieg zur besseren Ewigkeit: er glaubte an die Erlösung, die ihm der Endtrost war in beit Zweifeln seiner dogmatischen Forschung. Er war ein seltener Mann, vereinzelt stehend im Treiben unserer Gesellschaft. Nichts war ihm fremd, wahr­lich nichts. Er war ein kühner Soldat, ein treuer Vasall ft ui es Königs, ein ehrlicher Kämpfer im politischen Streite der Zeit; sorgend mehrte er beit Besitz der Seinen, er lin­derte Elend unjbi Not; ein Herz voll großer Menschenliebe wohnte unter der rauhen Außenseite, ein reger, in die Tiefe gehender Geist lebte in ihm. Er ivar nicht fehlerlos, er war ein Mensch; er war ein Mensch und war ein Edelmann, auf den Deutschlaiid stolz sein konnte. Jost, dir war er- ein hilfsbereiter Verwandter, mir war er ein Freund. Weihen wir seinem Angedenken ein stilles Glas . .

Schweigend."wurden die Gläser geleert. Es währte ge- ehe die Unterhaltung wieder in Fluß kam. Aber als Max den Champagner einschenkte, stieg die Stimmung von neuem Zwischen Jost und Otto saß Eva, Grete zwischen Velten und Artern, und oben thronte Madame Balsour in der Haltung einer greisen Königin, die sich au dem Froh- film ihres jungen Hofstaats erfreut. Es wurde gescherzt und gelacht, man tauschte Erinnerungen von der Üniversi- tätszeit und der gemeinsam verlebten Kindheit aus, man sprach in buntem Fluge von hunderterlei nur Bolkos wurde mit keinem Worte erwähnt.

Auch Grete verlor ihre Haltung als große Dame und xlvurde wieder zum lustigen Backfisch, Das frische und uuge- zwuugeue Sichgeben Evas blieb nicht ohne Einfluß au sie Die beiden hatten sich rasch augefreuudet und verplauderten auch dann und wann eine Teestunde bei der Fürstin, der das heitere Wesen der Mädchen angenehmer war als die höfische Steifheit ihrer Gesellschaftsdamen. Von der Fürstin sprach Graf Artern mit höchstem Respekt, nicht allein aus Rück/ ftZft auf ^zost, sondern aus dem Herzen heraus. Es war erstaunlich, mit welcher zielbewußten Energie sie binnen wenigen Jahren die Herrschaft Gotternegg in einen blühen­den Besitz verwaiidelt hatte. Sie war aber nicht nur ein emi­nent kaufmännisch schaffender Geist und ein hervorragendes Organisationstalent, sondern auch eine Frau, die ihre hohe Stellung durchaus ausznfülten wußte, die nicht kargte wenn es sich um eine würdige Repräsentation handelte und dre auch ihren zahlreichen Bediensteten eine immer ivoht- wollende Herrin war. Artern klagte nicht mehr über seinen neuen Bergs, aber vollauf schien er ihn hoch nicht zu be- er ließ gelegentlich einfließen, daß er Lust habe, wieder in den Kolonialdienst M treten. 5

Nach dem Souper zog sich die'kleine Gesellschaft in die Zrmmer JpM zurück. wo die fommfeuer entzündet worden mären utü) eine KeyaHsiche MrUe verbreiteten, während draußen flch von Neuem foie zu schgren begannen

und die ersten Mnrmwehen dexsinfenden Mlcht das Haus umtobtem Jost zeigte in dem eisten Gemach, dös seine