Die arme Prinzessin.
Estoman von Fedor von Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.t (Fortsetzung.)
Alle lachten. Aber Eva ersuchte Otto, Platz zu nehmen und ersuchte die andern, zu schweigen. Sie hielt dem Medikus einen besonderen Vortrag.«-Das fand Otto hübsch, denn die gelehrte Eva setzte sich dicht an seine Seite und legte zutraulich ihren schlanken Arm um den seinen. Sie war niedlich wie-sonst, trug eine große Schürze, hatte Helle Augen und rosige Wangen und sprach wie ein Buch, aber mit melodischer Stimme, als ob sie etwas ganz Reizendes erzähle.
Nun begriff Otto allmählich. Von den ersten Druckversuchen Gutenbergs wusste man wenig. Der Erfinder hatte kein Geld und mußte sich damit begnügen, kleine Lehrbücher der lateinischen Sprache zu drucken, die sogenannten Donate, von denen uns' noch einzelne Fragmente erhalten worden sind. Es folgten sodann die Ablaßbriefe, deren Erlös dem durch die Türken bedrängten Könige von Zypern zufließen sollte, und 1440 der sogenannte Türkenkalender, von dem nur ein einziges Exemplar auf uns überkommen ist. Aber zweifellos trug Gutenberg sich damals auch scho'.l mit dem Plane der Herstellung eines größeren Werkes, und in dem alten Misfäle, dein die Hauschronik der Reschkes vorgeheftet war, glaubte Jost einen solchen, mit den Typengraden der sechsundreißigzeiligen Bibel ansgeführten Versuchsdruck gefunden zu haben, dessen Entstehung er, von scharfer Beweisführung ausgehend, nach Mainz und in das Jahr 1449 verlegte. Unter Mithilfe seiner beiden kundigen Adlaten arbeite er nun an einem Werke über seine Entdeckung, das seinen Namen mit einem Schlage in der Fachwelt bekannt machen sollte.
Die drei hatten zu ungefähr gleicher Zeit ihren philologischen Doktor lind das Bibliothekarsexamen gemacht. Das war für einen geborenen Prinzen etwas Neues, und natürlich hatten auch die Zeitungen nicht verabsäumt, den staunenswerten Fall der Mitwelt bekannt zu geben. Velten hielt das Bibliothekarsexanten bei Jost zwar eigentlich für einen „lustigen Unfug"; aber der Prinz hatte zeigen wollen, daß er sich seine Stellung in der Welt auch allein schaffen könne. Was er später anfangen würde, wußte er noch nicht; er dachte daran, sich in irgend einer Universitätsstadt als Privatdozent niederzulassen, wollte dann den fürstlichen Namen oblegen und sich mit dem Frerherrntitel seines Hauses begnügen: aber auch aubere Pläne schwebten: ihm vor. Vorläufig beschäftigte ihn seine Arbeit, die er in der Ruhe von Gotternegg zu vollendet! gedachte. Daß auch seine Freundin Eva daran teilnahm, machte ihn glücklich. Ihr war eine Stelle als Bibliothekarsassistentin (über dieses ungeheuerliche Wort freute sich Velten jedesmal) bei dem Kunstgewerbemuseum in
Frankfurt a. M. angeboten worden; sie hatte indessen abgelehnt, um Josts Wunsch zu erfüllen. Und sie war ihm eine streitbare Mitarbeiterin. Ihr kluges feines Köpfchen konnte auch recht hart werden, wenn es galt, eine Ueberzeugung zu verteidigen: dann wurden die sanften Augen blank und strafend und es trat Purpur in die Wangen. Im übrigen war sie eine gescheite kleine Person, die viel gelernt hatte; eine Broschüre aus ihrer Feder über die Metallschnitte des fünf-« zehnten Jahrhunderts hatte sogar ein gewisses Aufsehen erregt, wenn auch natürlich nur in Fachkreisen.
Ottos Auskunft hatte die Arbeit unterbrochen. Trauerte man auch um den alten lieben Herzog Rübezahl, so wurde doch beschlossen, den Tag in gewisser Weise festlich zu begehen. Man gedachte eines Wortes in dem Testamente bes Herzogs, von dem Graf Harro erzählt hatte, eine.? Wunsches, der den ganzen Mann charakterisierte. Herrfurth hatte geschrieben: „Begrabt mich ohne großes Brimborium und heult nicht allzuviel. Es ist mir lieber, wenn meinem Angedenken zu Ehren ein Glas 'geleert wird, als daß Tränen fließen. Es ist mir lieber, wenn majt sich mit fröhlichem Gesicht meiner erinnert, als mit zitronensaurer Miene. . . ."
So wollte matt denn mit Otto ein paar heitere Stunden genießen. Die Fürstin war heute nicht sichtbar. Man bestellte also zu Madame Balfonrs froher Ueberraschung im Prinzenhause ein Souper, ließ an Grete und Ariern Einladungen ergehen, und vertrieb sich die Nachiuittagstunden mit einem Spaziergang auf den Götzen.
An der Burgruine waren allerhand Reparaturen notwendig geworden,' auch den Nmfassungsring hatte man aufgemauert, und von den Wachttürmen aus, die völlig wiederhergestellt waren, hatte matt nun tu ehr einen wundervollen Ausblick über das ganze Nuthetal. Auf einer dieser Platt- formen standen Velten und Otto nebeneinander und schauten in das Land hinein. Der Himmel war klar geworden und lag in gelber Abendsonne. In See und Fluß und in den Regenlachen spiegelte sich dies lichte Gelb wider: die Wiesen dampften, die Stoppeln waren schon wieder frisch umbrochen, und auch von der feuchten, schwarzen Erde stieg ein ganz feiner Nebelschleier auf. Die Birken am Waldrande hatten sich schon ihres Laubes entkleidet, aber da? Silbergrau der Stämme hob sich hell von der dunklen Tannenlinie ab. Das Dorf schob sich jetzt über die kleine Kirche hinaus: man sah das spitze Dach des Prinzenhauses, das flache des Gotterneggschen Schlosses und das vielfach gebrochene, mit Türmchen gezierte des Müllerschlosses. Wie ein blutrotes Band leuchtete der närrische Zaun, der die Burgmühle umschloß.
Die beiden Männer sprachen über den Fürsten Bolko und die Zukunft von Gotternegg.
„Ich lveiß nicht, ob die Fürstin an Scheidung denkt," sagte Belten, „aber ich weiß, daß sie dazu berechtigt nxire. Tritt der Fall ein, so lvürde ihr ihr Töchterchen zlvcifellos zugesprochen werden und dann könnte der Fürst von neuem die Jagd nach einer reichen Partie eröffnen, die vielleicht abermals in die Brüche gehen würde. Man kann nie-


