samrrag, den \T. Juni
Die arme Prinzessin.
Roman von Fedor von Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.^
(Fortsetzung.)
Ottos Gesicht verfinsterte sich. Er murmelte etwas, es klang wie „Komödie" oder dergleichen. Dann reichte er dem Vater die Hand; er wollte nac^ dem Schlüsse gehen.
Bob hals ihm nuten in der Eintrittshäkle in den Ueber- vock, sagte auch, gnädiges Fräulein hätten befohlen, aAnfragen, «ob der Herr Doktor einen Wagen wünsche. Aber Otto dankte. Der Regen hatte ans gehört, die Wolkenballen \am HimMel n in kränzten irur noch 'den H-oriziont und dcrrüber lachte die blasse Herbstsonne. Otto wolte zu Fuß gehen. Er besuchte erst Schnauzerl, der am Ponystalt logierte und ‘mißmutig den struppigen Kopf aus der Hütte streckte, auf beide Vorderpfoten gelegt, wie ein hündischer Philosoph, der Liber die Vergänglichkeit aller Knochen grübelt. Er öffnete die Augen ein wenig weiter, als er Otto nahen sah, und stieß ein leichtes kleines Knurr er chen aus, hob dann die Nase :nnd begann mit sich weitenden Nüstern lebhaft zu schnuppern, während der Schwairz in Belvegung geriet und schließlich auch ln rhythmischer Wellenbewegung die ganze aus der Fasson geratene und aller Schönheit bare Körperlichkeit. Der alte Köter hatte den Freund seiner Jugend erkannt, und nun gab es ein Zerren an der Kette, ein Janlen, Bellen und .Heulen, eine ganze Skala von Jubel in tierischer Tonart: eine Freude, die fast menschlicb war. Otto streichelte und liebkoste den braven Gesellen und hätte ihn gern von seiner Kette gelöst; aber schließlich konnte er ihn nicht gut mit ln das Schloß nehmen und begnügte sich dann damit, Schnauzer! ernsthaft zu versichern, daß er noch einmal zu ihm kommen werde, ehe er abreise. Schnanzerl spitzte dazu die Ohren und schien sich zufrieden zu geben: aber so lange Otto sichtbar war, schaute er ihm mit großen, klugeir und gleichsam klagenden Augen nach.
Der junge Mediziner konnte es sich nicht versagen, einen Blick in den neun eich affe neu Park zu werfen, der sich In drei Terrassen nach mm See zu senkte. Die Anlagen waren hübsch und mußten viel Geld verschlungen haben, da fast nur größere Baume gepflanzt tvordlen waren, die eine sorgfältige Pflege erheischten. Me Gärtner waren auch schon an der Arbseit, die junge Aufzucht fiir die Winter- Toilette viorzuberetten, die Stämme mit Stroh zu umwickeln Und durch ansgespannte Mattel: Vor den Nord- Minden zu schützen. Eine Menge Leute schwirrte umher; eine Marmorgrnppe am Fuße einer Fontäne wurde unter Bretter gelegt — imb plötzlich blieb Otto wie festgebannt sieben: er hatte unter Efeugeschlinge den alten steinernen Werlden- sarg erkannt, der früher auf dem Höfe vor der Haustiir getänden hatte. . . ,
Der Fußpfad über die Wiesen, beit Otto so oft gewann delt, wenn er die Spielgefährten aus dem Schlosse abgeholt hatte, war eingegangen: der rote Zaun sperrte ihn ab. Man mußte durch das Dorf, wenn mall nach dem Schlosse wollte. Das Dorf war größer geworden, städtisch erbaute Häuser schlossen sich den alten Lehmbaracken an, auch in einige Schaufenster konnte Otto mit Verwunderung blicken; der Krämer hatte eine ganze Etalage von Stoffen, bunten Bändern und wohlfeilem Putz aufgebaut, im Bäckerladen blitzte alles vor Äanberkeit, in der Auslage des Fleischers einten die Würste sich zu hängenden Guirlandeu und darunter siand die Sülze, verziert mit Blumen ans rotem Papier. Sogar eine Apotheke gab es; vor der Tür sah man eine steinerne Bank und auf einem Fenster las man in goldenen Buchstaben: „Probierstube". Da man Medikamente aber nicht zu probieren pflegt, so nahm Otto init Recht an, daß der Apotheker auch Weinwirt sei, und er sagte sich: „Gotternegg Großstadt — alle guten Geister seien gepriesen — es fehlt nur noch ein Monument auf dein Anger und das Klingeln der elektrischen Straßenbahn. . . ."
Es klingelte nicht, aber in der Ferne stöhnte und pfiff es. Ein Motorwagen brauste die neue chauffierte Straße hinan, und eine vergnügte Stimme rief: „Tag, Doktor! I der Tausend — S i e hier? —"
Es war der Graf Gideon Artern: er bremste gewaltig und hielt: trug einen stichelhaarigen Pelz von verwegenem Aussehen und eine Schutzbrille. Aehnliches Pelzwerk lag neben ihm; den Chauffeur spielte er selbst.
Ein paar rasche Worte wurden gewechselt. „Ich will zu Ihrer Schwester," erzählte der Graf; „ich habe ihr zu Gefallen das Automoppeln gelernt und rase nun wie ein Wütender umher. Der Moppel gehört nämlich Fräulein Grete, die alles Nene haben muß. Aber der Chauffeur war täglich betrunken, da habe ich ihn nach Berlin zurückexpediert. Eben ist die von Benedikt verschriebene Autotoiltette für Ihre Schwester eingetrofsen; die will ich ihr bringen; sie wird wie ein Eskilnochristkindchen darin aussehen. Doktor, wo wollen Sie hin? Nach dem Schlosse?"
„Oder nach dem Prinzenhause," antwortete Otto, „jedenfalls zu Jost und Velten."
„Die sind im Schlosse — von früh bis spät sitzen sie in der Bibliothek und schreiben gelehrte Sachen. Dazu gehört auch Fräulein Eva Storm, eine Dame, vor der man den Hut abziehen muß, gleichfalls Doktor, aber es wird phil. sein, nicht med. und —"
„Ich kenne sie," warf Otto lächelnd ein.
„Ah so — dann kann ich mir die Beschreibung spareir. Ein kolossal fleißiges Trio. Man hat eine große Entdeckung gemacht — Sie können mich totschlagen, wenn ich Ihnen sagen soll, was für eine. Es handelt sich um einen alten Druck, den kein Mensch mehr lesen kann, aber das ist eben das Feine und so ungeheuer Seltene. Nun drucksen sie seit Monaten über der Schwarte und messen sogar die Buchstaben aus. und wenn sie eine Seite umwenden, setzen sie


