Die arme Prinzessin.

föoman von Fedor von Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.^

(Fortsetzung.)

Gräfin Hede schwankte noch immer. Sie lebte in großer Angst vor demOberdracheu" und auch die Philosophie der Notlüge sagte ihr nicht zu. Aber es war gar zu verlockend: em paar Tage in lustiger Gesellschaft das Hosfräuleindasein vergessen und hinaus in die grüne Natur schwärmen zu rannen frei und ungebunden wie ein kleines Näh- mädel, das den arbeitslosen Sonntag benutzt_ Schließ­

lich war ja der Prinz dabei und sein würdiger Mentor, dieser Herr Belten und die freche Annemarie und das

» orentöchterchen Die Komteß nickte mit ergli'chen- angen und flüsterte Annemarie in das Ohr:Du 1 ich konnne mit! Ach was wozu hat man denn sein bißchen Jugend!..."

Der Besuch bei Professor Storm verlief ordnungsmäßig. Storms wohnten in der Knesebeckstraße in Charlottenburg. Immer weinte in diesen Räumen irgend ein Kind; Zigarren­rauch wehte schon durch die Entree.' man hörte beständig Türen schlagen und nach den Dienstboten rufen. Es war wie ein Pensionat. Die gesamten Kinder aus den drei Ehen wohn­ten daheim: sieben Mädchen und vier Jungen; von den Mädchen schon einige erwachsen und zwei der Jungen in den besten Flegeljahren. Im Vorzimmer hing ein Trapez von der Decke herab; in einer Ecke stand Angelgerät und eine Fahrpeitsche.

Der Professor war im Laboratorium, aber die Pro­fessorin empfing mit strahlendem Gesicht den hohen Besuch. Sie war eine große und starke Frau und trug ein Seidene rleid, das sie rasch übergeworfen haben mußte, Wnn es war schief zugchakt; auch hatte die Taille einen Riß. Wäh­rend sie die Gäste Platz zu nehmen nötigte, riß sie eine Tür auf und rief hinaus:Käthe, besorge Tee!" und dann eine zweite und rief abermals:Wanda, die Rosa soll den Kleinen bringen, aber ein frisches Schürzchen uuu- biuden!..." Sie war sichtlich hoch erfreut über den Besuch der beiden Durchlauchten, sprach viel, saß aber keinen Augenblick still, rief nacheinander die gesamte Familie herein, große Mädchen und kleine, Schuljungen und schlack­ige Bengels und ein zweijähriges Baby, das sich heulend das feuchte Naschen am Busen der Mutter rieb.

Die Erlaubnis zu der Beteiligung Evas an dem Ausflug wurde ohne weiteres gewährt, als die Professorin hörte, daß auch die Prinzeß Annemarie die Partie mitmachen wollte, und als diese äußerte, daß hoffentlich auch der Herr Professor nicht dagegen sein werde, antwortete Frau Storm mit domi­nierender Gebärde:Aber bitte, Durchlaucht, daß ist doch nur selbstverständlich! Ich teile es einfach meinem Manne »nit. Er kommt übrigens immer erst sehr spät nach Hause,

weil er jetzt alle möglichen Versuche mit Bakterienkutturen hat, die auf Gelatine gezüchtet werden. Wir schweben eigent­lich in ewiger Ansteckungsgefahr, und ich lasse meinen Mann deshalb ungern in die Familie; er wohnt nach hinten, ganz abgesondert. Rosa, bringe den Kleinen wieder heraus und nimm seinen Gummiball aus dem Sublimatwgsser. . .

Zu dem Rendezvous am nächsten Tage hatte sich noch ein sechster Gefährte eingefunden, durch Jost benachrichtigt und trotz aller Arbeitslast schnell bei der Sache: Otto Reschke, der glücklich war, den Freund einmal Wiedersehen zu können. Die kleine Gesellschaft führte nur ein paar Handkoffer mit sich, dazu aber die Fahrräder, für deren Beförderung Velten als Reisemarschall Sorge trug. Man benützte die Bahn ein paar Stationen weit, ließ dann die Koffer weitergehen und bestieg das Rad, um auf dem Stahlroß das Ziel des Tages zu erreichen.

Das war bei dem herrlichen Wetter und der glatten Chaussee eine wahrhafte Lust. Der Weg führte meist durch Buchenwald und war wenig belebt, so daß die Sechs weite Strecken hin nebeneinander radeln konnten. Am vergniig- testen war die kleine Komteß, die in ihrem jubelnden Ueber- mut zuweilen aus der Linie der andern herausschob, Kurven und Volten radelte und verwegene Lieder sang. Annemarie hatte sich Otto zur Seite gesellt und wollte Neues von Grete wissen. »

Sie hat lange nicht geschrieben, sie ist faul," sagte sie.. Ich möchte wissen, ob sie unfern Glückspfennig noch trägt. Was macht sie denn um alles in der Welt, Doktor? Auf der Burgmühle hat sie doch wahrhaftig Zeit genug, einmal an ihre Freundin zu denken!"

Man sollte cs meinen," erwiderteOtto.Aber,Durch­laucht, Meinen und Glauben täuschen zuweilen. Die Grete ist nicht mehr die Grete. Sie hat viel zu tun, doch nicht mehr im Stall und im Hofe und in der Hauswirtschaft wie bet der Mutter selig sie führt jetzt das Leben einer Prinzessin, nur das meiner durchlauchtigsten Nachbarin nicht. Sie reitet und fährt, sie geht sogar auf die Jagd, sie schläft bis in den Tag hinein, verkehrt viel im Schlosse, ist mit der Frau Fürstin befreundet und beinahe so vornehm wie Ihre Durch­laucht selbst. Sie ist nicht mehr das Mültermädel sie ist eine junge Dame geworden."

Dazu hatte sie schon als Kind Anlage," bemerkt« Annemarie lachend.So also steht's. Und tvas sagt der Vater dazu?"

Man merkt, daß Durchlaucht seit Jahr und Tag nicht mehr in Gotternegg gewesen sind," sagte Otto.Auch Vater ist nicht mehr der Alte. Sie würden ihn nicht wieder er­kennen er ist wie verwandelt seit dem Tode der Mutter und ich glaube, die Grete ist's, oie ihn gewandelt hat. Er tritt nicht mehr in Hemdsärmeln «rnter die Linde vor der Tür und schaut nach dem Wetter aus. Er hat auch die Mühle verpachtet, und die Landwirtschaft leitet ein In­spektor, der von acht Groschen vier in die eigene Tasche .Fleßen läßt. Vater ist dick und behäbig geworden, und da er