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Ihr Liebster.
von Gustav Schröer.
- (Nachdruck verboten.)
. In der stillen Mendelstraße, im allerstillsten Haüse wohnt Dante Angelika. Sie hat nur ein Stübchen mit einem Schlaf- tämmerlein nnd eine Küche, nnd alles hat etwas Puppenstuben Haftes. Luise Model, ein vor der Zeit altgewordenes Mädchen, Vommt alle Tage, die gröberen Arbeiten zu tuu und die Einkäufe W besorgen, im übrigen ist Tante Angelika allein. Tas mar immer so. Es gab eine Zeit, in der des öfteren flinke Kinder-- sübc die Treppe herauf eilten und, wenn Tante Angelika nicht ganz rasch war, in das blitzsaubere Stübchen hereinpolterten, ohne draußen die Kokosmatte benutzt zu haben. Nun, die Tante sagte ja zwar auch dann nichts, aber sie hatte einen traurigen! Zug um den Mund, der wahrhaftig auch danr kleinen Sünder weh tat Es geschah auch, daß Tante Angelika einen Lappen nahen, sich blickte und das Kinderfüßchen mit zwei Strichen rasch abwischte. Tann kam es wie ein Schämen in die Kinderarigerr. Tas tat wiederum der Taute weh, und sie Hub air zil trösten, zu scherzeri, zn plaudern, bis die jungen Äugen wieder blank waren.
Tie Zeiten sind vornüber, ach! ja. Schwester Lisbeth, die Frau Stadtbaumeisterin, ist gestorben, hernach! der Schwager, die Kinder find, ausgeflogen, aber Tante Angelika ist geblieben und ist ganz allem, allein mit ihren Erinnerungen. Weiß jetzt keines mehr in wx Straße, wie sie eigentlich heißt. Nur das Meldeamt könnte ca allenfalls Auskunft geben. Dafür ist sie allen und voran den Kindern als Tante Angelika bekannt.
, c Stück nm Stück des bescheidenen Hausrats hat seine Geschichte. Es sind alte, gediegene Möbel, die da stehen. Wes Mahagoni, dmrkelrot nnd glänzend. Tie Servante, die Kommode, der runde Tisch nnt den geschnitzten Füßen, die geschweiften Stühle Aus der Kommode steht Unter einer Glasglocke das Schmuckstück, die Standuhr. Sie ist wie ein Dempelchen. Bier Lllabastersäulen Mit verzierten Füßen und Kapitalen hüten eine Halle, deren! Rückwand eingefaßte Spiegelscheiben bilden. Davor schwingt der Perpendikel mit der glänzenden Scheibe rastlos hin und her Tas nnche Zifferblatt ist umgeben von Arabesken, über denen sich Uvei Gemen die Händchen reichen. Und wenn es zwölf schlägt, tritt ern tvuiiderliches Frgürchen zur Seite ans dein Uhrgehäuse heraus. §2® sE der Tod sein, aber er hat in seiner Buntheit soviel Freudiges, daß man nicht vor ihm erschrickt. Er wackelt bei JaTr . >kae . J> iu und her, und wenn seine Zeit abgelaufen W' kehrt er wieder in seine Kammer zurück und klappt das Tlir tzu. Er meint es mit seiner Mahnung nicht gar ernst.
. „ 8Siill6e « runde Bildchen, schwarze Silhoüet-
k„ und feui gemalte Mmraturen. Tas sind die Leute, denen ‘Li™ 9 ! 1 £ v°r limgen, langen Jahren begegnet ist. Viele von ihnen haben der Welt Tinge zu sagen gehabt, deren man m wo« annehmen Mjrfte, und ihr Leben hallt noch nach, schon sre selbst lange Staub geworden sind
^Hrt imm-er wieder. Es ist ein ernstes Männer-, antlitz. Wallende Haare rieseln ans die Schultern herab, die Augen liegen tief unter einer breiten Stirn, der Mund ist nicht eben klem. Friedrich Rückert! Und da ist das schlichte Gutshaus Neuseß mit seinen -wer Giebelfenstern, über denen auf Peru Ober vodeu noch ein drittes m das Coburger Land hinaus schaut.
Y - 3? dent Hause ist Taute Llngelika vielhundertmal die Treppe hmauf und hurab gesprungen. Sw ist lange Jahre bei dein alten gewesen, hat ihm zugehört, ihm oft über die gehüteten Locken gestrichen und hat ihm viele, viele Gedichtleiu aus den Taschen, des Hausrockes gestiebitzt. Tenn geschrieben hat der alte Herr alle Tage etwas, und ioenn es nur vier Zeilen waren von den ungezählten Sprüchen oder ein Liedlein. Aber er ? ür ^rÄchatzt, Und. wenn nmn da nicht dahinter! }??*' man solch ein Papierchen eines Tages zerknüllt
vom Boden Mflesen oder fand gar nur Schnitzelchen davon.
Herr ein, für immer. Angelika ^öHcrin,.öfter e£ ist ihr nichts so wsert, als des alten Pro ^^ors Frühstückstasse. Tw steht voran in der Servante n Jr/* FackA ziemlich starke Sck)ale mit Mer! großer Untertasse. Auf der Tasse steht irr Goldschrift: Zur Erinnerung Taruber und darunter sind zwischen grünen Blättern hellrote V orgenten und feine, rote und blaue Bergiß mein- ^chlt. Da-nnschen überall goldene Ranken mit goldenen Blatt-rn das Bäumlein getragen haben mag, das and^e Blätter haben wollte. Im Innern hat die Tasse einen breiten Goldrand. Ter äußere Rand von Ober- und Untertasse ist ver- ^ Gold bemalt und mit herausgehobenen, goldenen Blättern und Arabesken geziert. Auch die Untertasse ist reich
^»Mprts vrit Gold auäge flott et.
wenn inan sie ihr mit Gold füllt. n ö
9 THf JrJju 1 in i bcr ^Kgcu, großen, schnell lebenden Zeit ist Tante Geschehnisse branden kaum, in die stille Straße. Angelika tragt zwar auch schwer unter deui Kriege aber 5? ^'bhr ein dumpfer Truck. Nur selten kommen ihr Not und vottni Mi'ilerT' ,lltb dann weint fic und gibt mit
Ta tritt der Krieg in ihr Stüblein.
Feste Schritte Hallen auf lder Treppe Draußen putzt sich jemand sorgfältig die Schuhe ab, und dann tritt einer herein, der den rechteil Arm tu der Binde hat und am grauen Waffenrock die schönste Zier unserer Zeit, das Eisenkreuz trägt. Seine Augen blitzen, um den schnurrbartüberschatteten Mund liegt ein fröhliches Lächeln, der Säbel mit dem silbernen Portepee klirrt leise Sttlbcken ^ t[n @tront ömt ^ben in das zart lavendelduftendch
Tante Angelika steht mitten im Zimmer, hat große, ver- wumerte Augen und knickst verlegen vor dem jungen Offizier, öenrrt haben muß. Der aber lacht, tritt näher r-W X r tr- .Aiigelika den gesunden Arm um die Schulter,
M ^Zukauf die Stirn und ruft lustig: „Ich wette, du kennst mich mcht Tante Angelika." — „Tante Angelika", — das sageir sw alle, LarauS kann man gar nichts schließen. Wer sollte zu ihr kommen aus dem Kriege? Sie ist ganz rot geworden und hat em Gefühl, als streichle der Schnurrbart noch über ihre Stirn, so daß sie wahrhaftig nahe daran ist, darüber zü wischen f Leutnant aber, lacht nur lustiger. „Na, Tante, es ist
lange her, daß du nur die Füße mit dem Lappen abgewischt hast, aber ganz aus dem Sinne wird dir dein Großneffe, der Fritz Rainer, doch wohl nicht entschwimdeii sein."
suchst nftch ?"^ aTlte Angelika leise, „ach Gott, Fritz. Du be-
Tante und jetzt sag' wenigstens: wiMommen." ..Willkommen, ikber, lieber Fritz!" Tabei hat sie silberne geworben ’* und auch der junge Offizier ist ernst
Nun aber ist Angelika geschäftig. Sie wuselt hin und her und macht vor lauter Eifer alles zweimal, legt die Offiziersmütze auf Me Kommode, hernach auf den Tisch, dann Mf einen Stuhl. Bio Frrtz Ramer ruft: „Nee, Laute, Ruhe. Komm, setz dich da ich! wiedm" e^, mt mUm ein ^enig plaudern, hernach gehe
-Aber, ich Muß doch erst Kaffee kochen, Fritz!"
,Nem, Laute, das mußt diu nicht " ^
,Aber Fritz.... Kaffee!" -
w üanz lvas Schönes, aber ich bin her gekommen, um zu
plaudern. Bi.te, Tante, ich muß wieder gehen, wenn ich dich so ans aller .Ordnung hinauswerfe."
0 ^ nicht, Fritz. Ich freue mich ja so unmenschlich. Mich besucht ja niemand mehr, niemand. Für alle bin ich ge
storben."
„Gott. Tante, sieh 'mal, das is Nu so . . .
„Ja doch>, Fritz, ich mache auch niemand einen Vorwurf Ich werde überstandig, aber das erlebte ich doch noch gerne, daß die Friedensglocken lauten. Wie wird unser Land hernach! fein?"
„Groß, Tante, es geht durch eine schwere Zeit, aber es rvird groß daraus hervorgehen."
„Tn bist verwundet, Fritz?"
mp ' «iu ©weuatr^itter, aber es heilt gut. Ich deuke, in sechs bis acht Wochen kann rch wieder hinaus."
,T'u fteust dich! darauf?"
,9lber natürlich, Taitte. Gott, Freude ist vielleicht nicht ganz W 1 ?'-Ä mx l l geht gern, ehrlich: gern. Weißt du, das ist jetzt wirklich, mehr als dre erste, rauschende Begeisterung "
Lvs Eiserne Kreitz hast du auch?"
Fa. von Grodtk her."
..Wie War das, Fritz?"
"Was soll man da viel erzählen, Tante?"
Aber er ntuß doch allerlei erzählen, und Tante Slngelika hak ^aude gefaltet, sitzt da Wie in der Kirche und kann vor lauter Herzklovsen kaum Atem holen. .
Ja, bei Grodek! Sieben russische Schiltzengräben hinterediaii-. der. Sieben! Dre Artillerie belegt den ersten Graben, dann den zweiten Und so immer weiter. Das Gelände ist wellig ES geht hugekem und hllgelan. Tann tollen sie in den deutschen Gräben die sturnikolonuen cm. Trei Wellen ivird die Komvianie haben, Fritz Ramer gehört zur ersten. Das Krachen der Geschütze ist nie so NnhemüE, gewesen. Ta gab es wirklich „och Pulvenvolken wie m früheren Kriegen. Und zwischen die wchmden Wolken, die Blitzen zerrissen wurden, sprangen die Stürmer himm. Etwa sechzig Mann die erste Welle. Ta raste aus dem rus>»chen Graben em wildes Feuer auf. Tic Stürmendeil mimten ub^Mugen sich Die zivrite Welle schob sich em, me dritte. Der erste Graben war genommen. Tie nächstm fünf mochten wenig Arbeit, aber der letzte wieder. So wurd-Äi die Russeii hmausgeworfen Als es Mend nur. da suchten sich die Kameraden. Bon der -ersten Welle fanden sich, noch drei zusammen. Lie reichen jich dre Hände und waren still. Alle andern lageitz tot oder wmld auf dem Schlachtfelde. Ja, die deutschen Siege sind teuer^erkauft, aber sie sind groß und herrlich.
V LXh üuuwr still neben bm jungen .Kriege!-, j| Ll . ^ tc ßveichielt verstohlen nnd leise seinen kranken Arm. ES die AZangei^ Liebkosen, und die Tränen rinnen ihr ül>er
dann zagIxift. „ich mochte dir etlmrS £jp tun. Wirst du mrch auslachen? Sieh', Schätze halw ich ja


