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' Nun sprang Jost auf. „Einen Augenblick!" rief er. Er fuhr in Stiefel, Weste und Jakett, riß den Fes vom Kopf üno strich bürstend über sein Haar. Dann schloß er die Tü r a.u f.
Draußen, im gemeinschaftlichen Salon, standen Velten Und ein junges Mädchen. Das junge Mädchen war sichtlich befangen. Jost tonnte nicht recht erkennen, war sie hübsch; aber es schien so. Im Wohnzimmer brannte keine Lampe, es herrschte ein trübes Dämmerlicht.
„Tausendmal Vergebung," sagte Jost; „ich dachte — ich dachte Unsinniges. Ich steckte in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, da achtete ich der Gegenwart nicht. Gnädiges Fräulein sind eine Bekannte meines Freundes Reschke?"
„Ja, Durchlaucht," cnsizegnete die Angeredete mit etwas zager Stimme, wie verschüchtert; aber die Stimme klang Jost anmutig intb gefällig ins Ohr. „Doktor Reschke verkehrt im Hause meiner Eltern. Mein Vater ist erster Assistent am anatomischen Institut. Ich bringe auch einen Brief des Herrn Doktor M'schke. Verzeihen Euer Durchlaucht, daß ich störe. Ich bin eben erst angekommen und wollte... ich will aber gern noch einmal vorsprechen, wenn Euer Durchlaucht erlauben, morgen oder übermorgen."
„Nein," sagte Jost, „bleiben Sie nur. Ich habe um Verzeihung zu bitten. Ich delirierte. Velten, mach Licht. Licht in lmfcre fürstlichen Salons! Zünde den Kronleuchter an und sämtliche Lampen und die Lichter auf dein Kamin. Oder klingle dem Mädel."
„Ich tu' cs schon selbst," entgegnete Velten. Die Gasflammen feuchteten auf. Nun sah'Jost: sie war wirklich recht hübsch, die Befucherin. Sie hatte ein niedliches ovales Ge- tchtchen mit braunen Angen und feinen dunklen Brauen mrüber, rechts von dem runden Kinn ein winziges' Leberteckchen; sie war klein und zierlich und adrett gekleidet.
Jost hätte ihr einen Sessel zugeschoben. „Bitte sehr, gnädiges Fräulein... darf ich, den Brief lesen? —" Er riß das Kuvert auf. Otto schrieb:
„Lieber Jost! , *
,/Jch stelle Dir hiermit Fräulein Eva Storm vor, dritte Tochter (von sieben, o Allmacht!) des Professors Karl Storm Und seiner liebenswürdigen Ehefrau, geborenen von Brenn tTochter des früheren Ministers, also umganaswürdig für (Üü. Durchlaucht). Fräulein Eva ist eine höchst begabte junge Dame, hat auf dem Mädchengymnasium in Karlsruhe ihr Ablturmm mit Glanz beftanbcn, wünscht Dr. phil. zu werden, und da sie vernommen hat, daß in Euern: gesegneten, Göttingen jauch Kurse für Damen gehalten werden,'hat sie die väterliche Erlaubnis erwirkt, sich ebendaselbst für einige Ueit tnederlassen zu dürfen. Ich habe dein Professor versprochen, re Euch ans Herz zu legen (bitte nicht wörtlich zu Ut mir die Liebe und bekümmert Euch ein bissel um chr bei -der Installation, seid ihr ein ritterlicher S Schlrin und bej.de allerschönstens gegrüßt von
Euerm getreuen -Otto."
„Bon, sagte Jost. „Also, gnädiges Fräulein, da tvären .c^ie NM m Göttingen, haben Sie schon eine Wohnung?"
„Nein, Durchlaucht, ich wohlle im Hotel."
-Dw Bilde tunt Quentel steht frei," warf Velten ein. „Gleich nebenan, Fraulein Storm, ein solides Bürgerhaus, eine Treppe hoch, ein Theologe bewohnte das Zimmer "
„Wir werden es morgen besichtigen," sagte Jost. „Reschke ersucht uns tru Nanien Ihres Herrn Vaters, Ihr Schuß und Schirm zu sein. Das soll geschehen."
„Es soll geschehen," wiederholte Velten, die lebten Lichter auf dem Kamin in Brand sehend.
Fräulein Eva errötete und neigte ein wenig den Kopf „Die Herren sind von großer Liebenswürdigkeit — ich sage Ihnen meinen herzlichsten Dank. Aber — aber ich will Sie UM .über die Gebühr in Anspruch nehmen; ich bin ziemlich selbständig —" 1
„Das gibt es nicht!" rief Jost.
„Das gibt es nicht," wiederholte Velten. „Da Sie uns ^ oblen wordeli sind, nlüssen Sie schon gestatten, daß wir nach Kräften für Sie sorgen —"
jawohl," sagte Jost, „und so frage ich denn: haben Sie schon Abendbrot gegessen?"
, - , 6 errötete abermals und erwiderte: nein,
das hatte sie Nicht, aber sie sei auch noch nicht bei Appetit.
„Er wird schön kommen," erwiderte Jost. „Dürfen wir Sie zu einem Butterbrot einladen?"
„Und einer Tasse Tee," fügte Velten hinzu. „An Ar- beitsabendeii wird Tee getrunken. Giiüdiges Fräulein, sagen Sie nicht liein, sagen Sie ja. Ich bin Ihr Schuhs dieses Prinz ist Ihr Schirm. So hat es unser Freund Reschke ge-, wünscht. . . ."
Niiii zierte sich Fräulein Storm nicht länger uiid half Velteii, den Teetisch decken. Es ging ihr rasch von dev Hand; es inachte ihr auch sichtlich Vergnügen, in dieser Studentenwirtschaft tätig sein zu können. Jost fragte, was das Souper bieten werde. Es war nicht mehr viel da, mailt mußte an neue Einkäufe denken. Das Mädchen der Wirtin! sollte sortgeschickt werden, aber dagegen wehrte sich Velteii. „Sie versteht nicht einznkanfen," sagte er, „sie kennt auch die Quellen nicht. Die beste Gänseleberwurst gibt es beiDamm- h'uder, iind Mitter Giesecke hat die settesteil Rollmöpse. Ich werde schon selbst gehen—" Schließlich gingen alle drei.
Ein paar Kommilitonen begegneteir ihnen. Sie saheil die! Dame und zogeil schweigend ihre Mützen und streckten sie steifarmig rechts von sich ; es galt dies für vornehm. Dann steckten sie die Köpfe zusammen und zischelten. Inzwischen wunderten die drei zu den Kanfteuten, und Belten gab den Erklärer ab. Er weihte Fräulein Eva in das Quellen- studium der Meiidbrotversorguug ein. Sein harmloser Humor brachte die junge Studentin den beiden rasch näher. Ihre Schüchternheit schwand, Uiid als man daheim beim Tee saß, war es, als sei man schon längst gut Föeund! miteinander.
Die gleichen Neigungen taten ein übriges. Auch Fräulein Storin brachte der Bibliothekswissenschaft ein lebhaftes Interesse entgegen. Hie und da all den großen staatliche!» und vor allem städtischen Büchereien waren bereits welb> liche Bibliothekare angestellt worden. Aus eine solche Stellung hoffte auch Eva. Aber ihre Zukunftspläne schwankten noch. Ihr Wunsch war zunächst, sich „selbständig," zu machen. Die Eltern lebten in glücklichen Vermögensveryältnissen. Doch Professor Storm war zum dritten Male verheirate^ und im väterlichen Hause wimmelte es von Kindern. Der Storch bevorzugte dies Gelehrtenheim sichtlich, und die Nachkommen aus den drei Ehen führten zuweilen Krieg miteinander. Die soziale Frage spielte in das turbulente Familienglück hinein. Zuerst hatte der Professor eine reiche Jüdin geheiratet, in zweiter Ehe seine Haushälterin und nach deren Tode eine Dame Oon altem Adel. Dieser Mangel an gesellschastlicher Gleichheit rächte sich ah den verschiedener! Sprößlingen. Die jungen Storms vergaßen dann unbi wann den gemeinschaftlichen Vater, wenn das mütteL- liche Blut regsanrer zu pulsieren begann. Es war nicht so, wie es sein sollte — üich da hielt Eva es für klug, ans-, zuweichen.
Die drei wareu vou nun ab viel beisammen. Eva nahm die Queutelsche Bude im Nachbarhause. Theologischer Geist wehte durch die beiden kleinen Stuben; die Vermieterin war eine Kousistorialratswitwe; es wohnten sonst nur verheiratete Leute im Hause; es war auch ein Portier da, der die Haus- tür um zehn Uhr abends schloß. Die Front war dunkelgrün angcstrnhen, nur der Dachstuht war weiß. Das ganze Gebäude sah wie eine Nonne in weißer Ftügelhaube aus: es gab sich sanft und friedlich und hatte auch etwas Gediegenes'.
Die Kameradschaft der Studentin mit Jost und Velten wurde ansanglich viel besprochen. Ein dummer Klatsch schloß' nut einer Mensur, bei her Jost abgeführt wurde und infolge- dessen eln paar Tage das Bett hüten mußte. Eva war uit* glücklich darüber: es sollte ihr nichts gesagt werden, aber es kam ihr dennoch zu Ohren. Sie hatte eine ernsthafte Aus? spräche: nut Belten; sie bat ihn, den gegenseitigen Verkehr gänzlich auszugeben. Auch ihrem Vater hatte ein hämischer Bube eine anonyme Warnung geschickt (es stellte sich später heraus, daß der Bube Weiberröcke trug und brennende Eifersucht lh^li die Feder geführt hatte). Zum ersten Make sah Velten Traiien in den braunen Augen der kleine!: Freundin. Er tröstete, so gut es anaing; aber mehr als sein Trost vev- mochte die Bitte Josts. Jost schrieb auch selbst an den Professor und gab chm eine Erklärung über die Vorgänge. Daraus schrieb die Mutter Evas zurück. Seine Durchlaucht seien sehr gütig, und fugte auch jjmft noch viel Schmeichelhaftes für Seine Durchlaucht hinzu. Sie war einnial Hofdame in Rudol
stadt gervesen.
(Fortsetzung folgt.)


