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Die arme Prinzessin.
Roman von Fedor von Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.^
^Fortsetzung.)
>,Auch das ist nur bedingt richtig, Herr Graf. Es ist zweifellos, daß das Majoratswesen allein unsrem Adel leine Unabhängigkeit und Selbständigkeit wahrt; in der Regel werden aber die jüngeren Sohne so gestellt, daß sie dem Staate dienen können. Wo das nicht der Fall ist, da mag man dem Adel entsagen, wie ich es getan habe. Ja, Herr Graf, ich bin ein Verteidiger der Fideikommisse, doch nicht der Vererbung des Adels auf alle Söhne des Geschlechts. Sie werden wieder über meinen „Liberalismus" lächelnd die Achsel,! zucken: aber ich kann ,nir nicht helfen, der alte Rothe hat recht, es gibt bürgerliche Berufe, die sich mit einem adligen Namen nicht vertragen wollen und können; da kann das Wappen Zum satirischen Spottbild werden. Ich würde es nnr recht und billig, nur zweckentsprechend finden, wenn sich der Adel lediglich ans den Äeltestgeborenen, ans'den Majoratsbesitzer, vererbte."
„Das wären englische Zustände."
„Gewiß. Schon Montesquieu rühmte den Adel Englands. Ueberall ist das Gute das Vorbild. Auch wir in Deutschland hatten einmal eine Peerage, die Reichsstände, in denen sich der Grundsatz der Selbstverwaltung in großartigstem Maßstabe entwickelte. Mer ich sehe wohl ein, daß sich die Sitte der Adelsfähigkeit in unserer Aristokratie nicht von heute zu morgen abschasfen läßt; den verarmten Edelleuteu, die tiefer steigen nrüssen, um sich ihr Brot zu verdienen, bleibt daher nur der Ausweg, den Adel abzulegen_"
Nun erhob sich auch Graf Harro, stäubte die weiße Asche seiner Zigarre durch das Kamingitter und neigte den Kopf wie lauschend zur Nebentür. Dann trat er au Belten heran, legte seine Rechte auf dessen Schulter und sagte: „Verehrter Freund, es ist viel, was wir ablegen nli'kßten. Es wäre gut, wenp wir uu.s völlig und ganz und gar vom Banne der Vergangenheit frei machen könnten. Im Glauben an die Vergangenheit sind wir großgezogen worden, im Glauben an tausend Fälschungen. Durch Generationen hindurch hat ,nan uns mit lächerlichen Lügen aufgefüttert, man schuf Heiligtiimer und stellte Götzen auf, man verband uns die Augen, man nahm uns das Licht. Immer zur Ehre des Höchsten: ob es die Kirche war oder der Thron, ob das Vaterland oder ein einzelner Held — immer wurde das Höchste zum theatralischen Popanz, den hob man auf den Altar, und zu ihm beteten die geknechteten Seelen. Was wir ablegen müßten: alles ist es, alles und altes, jede snetät- volle Erinnerung, jeden Gedanken an die Vergangenheit. Die Sozialdemokraten sind aus dem falschen Wege, ihr Zukunstsstaat ilt ein Nonsens. Das Einzige, was unsrer Welt helfen
kann, ist ein anarchistischer Brand, eine Sintflut, die die Gesellschaft von heute von dannen schwemmt — bis auf den Letzten. Neu denken muß die Menschheit lernen!..."
Velten schaute den Sprechenden mit großen Angen an. Das Gesicht des Grasen schien sich merkwürdig verändert zu haben, es versteinte sich gewissermaßen,^es wurde hart und grausam; das starke, etwas viereckig geformte Kinn, schob sich vor, die Lippen öffneten sich und zeigten breite weiße Zähne, das Auge bekam einen Hellen und durchsichtigen Glanz. Mer ein rasches Lächeln fuhr wie mit iveicher Hand über die Züge, und der brutale Ausdruck schwand wieder. „Warum rauchen Sie nicht, Herr von Velten?" fragte Gras Harro; „nehmen Sie einmal eine von meinen Londoner Zigarren; ich beziehe sie durch Vermittlung meines Freundes direkt aus Havanna und kann sie empfehlen."
Er hatte sein Etui aus der Tasche gezogen und präsentierte es Velten, über dessen Schulter hinweg nach der Tür zum Nebenzimmer schauend, in der die mächtige Gestalt des alten.Herzogs sichtbar wurde. —
Drei Tage später standen wiederum die Schlitten vor dem alten Hause in Gotternegg. Die Ferienzeit war vorüber, von neu ein Hub die Arbeit an.
10. Kapitel.
Eine kleine Studentin tritt auf und ein russischer Fürst kehrt wieder Mas ein Kuß vermag.
In der „Büffelzeit" des Studiosus Jost klopste es einst- mals, es war schon zur Dämmerstunde, an die Budentür.
Jost hatte es sich bequenr gemacht; er saß int Schlasröck und in Morgenschuhen, auf dem Kopf einen türkischen Fes mit schwarzblauer Quaste, vor seinem Arbeitstische, förmlich eingeschachtelt und eingebaut in Bergen und Stapeln von Büchern. Das Klopfen störte ihn; er wurde ärgerlich. Er glaubte, es sei Klans Zielen, der Mediziner, der ihn zur, Kneipe abholen wollte; er hatte deshalb abgeschlossen und ries mttt mit brummiger Stimme: „Wer es auch sei, ich bin nicht zu .Hause! —" „ ^
„Weiß ich," antwortete draußen Velten; „du büffelst, ich wollte es auch. Aber Damenb'esuch empfängt matt dennoch, Es ist eine Dame hier."
„Wenn es die Käthe ist, sage, ich ließ sie grüßen. Wenn es die Rosa ist, sage, sie möge mich ungeschoren lassen. Wenn es die Eenzi ist, sage ihr, ich verehrte sie sehr, aber ich bedauerte lebhaft, ich hätte zu arbeiten."
Eine kleine Pause entstand, !nan hörte draußen Stintmen zischeln, auch etwas wie ein leises Lachen. Dann Hub Velten von neuem an: „Jost, du bringst mich in eine arge Verlegenheit. Was erzählst du mir da von Käthe, Rosa, Eenzi. Du träumst oder du delirierst. Ich kenne diese Mädchen nicht. Es ist eine fremde Dame hier, Fräulein Eva Storm aus Berlin, sie bringt dir schöne Grüße von Otto Reschke. Also öjfne."


