254

Nein," sagte Graf Harro,sie sind so ziemlich die­selben. geblieben. Immer noch ist der Edelmann, will er nicht aus der Nasse fallen, auf den Erwerb aus seiner Scholle an­gewiesen; den Pferdeschachcr und die Ferkclzucht verübelt ihm heute kein ritterlicher Genosse, wie es damals war. Aber der landlose Adel hat sich ausgebreitet. Nicht jeden kann der Staat erhalten, nicht jeder eignet sich zürn Offizier intb Be­amten. Es ist, als habe Ihr alter Nothe so etivas vor?- geahnt; er läßt dem Adel ein Hintertürchen zunr Kausmanns- stande offen. Ein Hintertürchen nur und nur eine Spalte breit: schon der Adel des fünfzehnten Jahrhundertsdarf" sich mt den Geschäften Bürgerlicher beteiligen. Vergessen wir nicht, daß der Großhändler damaliger Zeit oben und unten, beiin Ade! wie im Volke, rvenig beliebt und angesehen war. Noch war das Mißtrauen wach, das die Germanen den schlauen Römern entgegenbrachten, die fremde Silbermünzen gegen die Produkte des Landes umtauschten; das »ganze Lehnswesen des Mittelalters beförderte die Zurücksetzung des Handels, der Kaufmann, der seinen Adelsbries mit schwereul Gelde bezahlte, wurde verlacht, war nicht Fisch nicht Vogel, rein ehrlicher Rittersmann und kein Bürger mehr. Aber schon nach dem dreißigjährigen Kriege begann für den Adel cm wichtiger Uebergang; gewiß, an den Grundzügen ihres ^ntteripiegels" hielt man noch fest, immerhin fanden sich auch schon Stimmen, die das Mittelalter vergessen wollten. Lesen Sie einmal HohbergsAdliges Landleben" und Loens L' ?5 n ? Vlbel"; da werden ernsthaft Fragen wie über me Eheschließung armer Edelleute mit reichen Bürgermäd- chen erörtert; Loen empfiehlt sie wohlmeinend, erwähnt auch ^ »ajXIßfleWäfte sie gäben zwar einen kleinen Makel , doch es sei töricht, viel darauf zu achten. Alles entwickelt sich, Herr von Velten, aber es kam etwas, das meiner Ansicht nach der Entwicklung gerade unseres Adels hemmend entgegentrat: seine Hoffähigkeit."

^Nichtig!" ries Velten.Oben auf dem Götzen, cs war an einem sonneiidurchslammten Herbsttag, es war in der Zeit, über die amerikanische Heirat verhandelt wurde, da sprach ich einmal mit dem Fürsten Bolko über das gleiche Lhema. ^ch riet ihni, zurückzukehren auf die Scholle seiner Vater, mein Herz sprach, da ich neben dem Erben stand, mtb imten dehnte das alte Zand der Gotterncggs sich aus. Ich wertz, M) habe damals manches gesagt, was dem Fürsten Mißfallen mochte; aber ich bin ehrlich gewesen. Der höfische Dlenjt erschien mir imnier wie ein groteskes Zerrbild der Konigstreue unseres Adels. Im höfischen Dienst verlor er seme Männlichkeit du lieber Gott, er verlor mehr! Daß er den gewalttätigen Gelüsten kleiner und großer Potentaten cm gejchmeldlger Lakai wilrde, das war das Schlinimste uoch Nicht. Denken Sie daran, wie tief sich unser Adel erniedrigte elbst einem Napoleon und einem König Jeröme gegenüber, o tief, daß aus seinen eigenen Reihen um. jene. Zeit das Mahnwoit erscholl: bleibt daheim auf euern Gütern und laßt eure Frauen und Töchter nicht an verlotterten Höfen ver­erben! Ah;a, die Höfe haben viel verschuldet, sie raubten dem ^del das, was tüchtig war an ihm, sie erniedrigten ihn zu unterwürfiger Bedientenhaftigkeit, sie leerten seine fassen ;a, fte entsittlichten ihn. Sicher, cs ist anders ge- daß es anders wurde, ist nicht zuni wenigsten der preußpchen Soldatenzucht zu danken; der blaue Rock hat gewirkt, das höfische Drohnenleben aufgehört, ttiü» doch, Herr Graf: viel zu viel Kraft entzieht auch heute unserem Adel. Eine Prätorianergarde svll der

Schranzen s ^ fe,n ' a6er mt ein Troß von

_ niu 'i e ' so ist es. Herr von Velten," ent-

" < §, tc^ e durchaus Ihre Ansicht, vielleicht in m°3r ^lu X l X rrorm als Sie. Sie haben vor der Welt Ihren r B + r lieben ihn noch mit schwärmendem folgten einer harten Notwendigkeit, als Sie sich ^hies Freiherrntitels entaußerlcn, der Ihnen hindernd war,, Ihr tägliches Brot zn suchen. Ich - ja s ch würde °us ^Eutschlmse auf Titel und Adel verzichte» wenn nilch die Rucks,cht auf nieine,i alten Vater nicht bände Ich vollendeter Demokrat geworden ... ah. lieber Freund ich sehe, wie Sie ziisanimci,zucken, Sie erschrecken sörnilich vor dem gefahilichen Wort! Aber w-.r sind unter uns. Nur

E" ^ner zagen Heuchelei; sie ilt n,qt hiibscl.. sie ist Mannes unwert, aber ich kann den

f e 'Lr Sehen Sie, er ist ein Typus, er steht

^'lchen hemmend« Tradition und Fortentwicklung, dicht nebeneinander ruhen die Widersprüche

in seiner Seele. So muß es kommen: einen liberalen Adel gibt es nicht; wer in seiner Weltanschauung auf freiheit­licherem Boden steht und nährt noch immer Reste der tteber- lieferung, her wird zum Dualisten, er wird immer schwanken zwischen Rückwärts und' Vorwärts, und kommt er vorwärts, bann ist es ein mühseliges Schreiten wie bei den Springern zu Echternach. Nur zweierlei gibt es, und diese große Schei­dung wird tonrmen, verlassen Sie sich darauf: die Gruppe der alten Feudalen und die demokratische. Jene rvird der­maleinst der letzte Wel bleiben, und diese wird sich ans- lösen im Bürgertum..."

Velten hatte sich erhoben. Die Unterhaltung begann ihn lebhafter zu interessieren und noch mehr der, der sie führte. Unwillkürlich glitt sein Blick prüfender über den Grafen, der bewegungslos und lang ansgestreckt in dein niedrigen Sessel lag, in: Munde eine große dunkle Havanna, die er dein eigenen Etui entnommen hatte. Es war in. der Tat merk­würdig, wie sehr dieser junge Herr einem Engländer glich, wie rasch und auffallend er sich den: Wesen des Landes, in dem er lebte, angepaßt hatte. Es lag dies nicht allein in den Aeußerlichkeiten der Toilette, auch im Tonsall der Sprache, man konnte behaupten, sogar in der Eigenheit des Gesichtsschnittes. Es war ein offenes, freies, sehr sympathi­sches Gesicht mit klugen Augen und einer schönen Wölbung der Stirn; aber es waren unverkennbar angelsächsische Züge, ein merkwürdiges Spiel individueller Anpassung, und der kleine röttiehbloude, nicht aufgewirbelte, sondern glatt abwärts gebürstete Schnurrbart verstärkte den Ein­druck.

Velten war kopfschüttekn einmal durch das Zimmer geschritten, kopfschüttelnd blieb er vor Harro stehen.Nein, Herr Graf," sagte er,nein, Herr Graf, ich bin. nicrjt Ihrer

wie

...,-, demokratisch es sind'im

Grunde genommen nur politische Schlagworte, Etiketten für unsere Parteischablonenr der Odern der Geschichte zer- bläst das ttinsiliche Genist unseres Fraktionswesens. Die meisten unserer sogenannten freisinnigen Institutionen sind aus der Ständevertretnng des allen Adels hervorgcgangen, dre Keime des modernen Parlaments schlummern in 'der Verfassung der adligen Ordens verbände, das eigentümliche genossenschaftliche Leben des Burgabels war ein durchaus soziales Gebilde. Erst das neuzeitliche liberale Zeitungs­wesen hat diese historischen Tatsachen zn zerstören versucht­es ist eure Fälschung, die freie ständische Gliederung als em Kastensystem zu bezeichnen. Auch .Hutten, der große Reformier, hat sie aufrecht erhalten wollen; so schrieb er an Kaiser Karl, und wenn die Demokratie von heute Hutten als einen der ihren feiert, so vergißt sie geflissentlich, daß der Freiheitsgedanke erst vom Adel aus in das Bürgertum getragen wurde Nein, Herr Graf, nicht die Feudalen werden künftighin unfern Adel bilden; es wird zn keiner Scheidung, zn keiner Zersplitterung kommen. Aber der Adel wird wachsen, wenn er mehr als je an seiner Seßhaftigkeit festhalt, dw für seinen sozialen Beruf eine Notwendigkeit bildet, wenn er sich nicht in unhistorischem Sinne absperrt, sondern seine Burg zu einem Hort der nationalen Freiheit macht wenn er als versöhnendes Bindeglied zwischen, oben und unten wirkt: liberal ja liberal, aber nicht im Geiste unserer modernen Fraktionspolitik, vielmehr von hoher Warte herab und aus großer Seele! Haften wir nicht am Worte. Lebte Stein heute noch er hätte sich sicher nicht aus die Seite der Nörgler und Reichsrerdrosteuen gestellt und sich dennoch liberal genannt..

Der Graf lächelte.Ich freue mich über Ihren Feuer­eifer Herr von Belten. Aber dennoch: auch Sie gehören zu dein Typus des Zweiseelenadels, gerade so lvie mein Bäte'«- Sie bilden sich Wunder was ein auf den Liberalismus flhrer Weltanschauung, und, Liebster, Sie stecken in Wahrheit noch [ xe f un 6-eudalen. Kommen Sie mir nicht mit der Lehre bev Geschichte, sie ijst trügerisch. Hutten war ein tollkühner ^büolutionar wie Florian Geyer, und Stein, dem unter öder A. kl sch er Freisinn Kränze flicht, lvar so befangen vom Geiste der Vergangenheit, daß er in jeiuer vielgerühmten V besondere Staudesgerichte plädierte. Alles Geschichtliche i|t Vergangenheit, altes Vergangene ist tot, ist Verwesungsprodukt. Jedes neue Geschlecht hat auch neu zu bauen, und es ist nie gut, wenn man morsch ge^ wordene Fundamente benützt. .Sie singen de.r Seßhaftigkeit