Die arme Prinzessin.

Roman von Fedor von Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.'»

(Fortsetzung.)

Annemarie saß neben Otto. Sie unterhielt sich gut, obwohl der etwas skeptische junge Gelehrte häufig ihren Widerspruch reizte. Bei einer gelegentlichen Gesprächswen­dung ergab sich, daß Otto nie einem Korvs angehört hatte. Sie wunderte sich darüber, er zuckte mit den Schultern und sagte nur:Ich bin ein Gegner des Korpswesens, Durch?- laucht." Er hatte zuweilen arg demokratische Ansichten, so fand Annemarie. Aber das tat ihr nicht weh; sie parierte mit Geschick, wo es anging, und amüsierte sich damit, ihn ein wench zu necken, was er sich wiillig gefallen lieh.

Auch Grete und Artern standen noch auf dem fröhlichen Kriegsfuße von einst. Sie scherzten wie ein paar Kinder miteinander und ergötzten sich an allerhand kleinen Albern­heiten. Von dieser Tischseite herüber ertönte unausgesetzt ein heiteres Kichern und Lachen. Sie schnitt ein Gesicht in die Schale einer Apfelsine, das sollte Fürbringer sein; er fc inte ein Männchen aus seiner Serviette; sie zerschnitzelte einen Haselnußkeru und fabrizierte ein Mäuslein daraus, er knetete aus Brot ein Mbild des Schwanschlitteirs. Dann aßen sie ein Vielliebchen miteinander. Es sollte etwas Ungewöhn­liches sein. Artern schlug vor, man sollte sich du und mit dem Vornamen nennen; wer Sie sage, habe verloren. Grete dünkte dies Spiel zu vertraulich; aber gerade das reizte sie. Schön," sagte sie,nur darf es keiner merken. Man denkt sonst Dummes. Ich will probieren, ob ich es kann. Gideon, du hast eine rote Nase, du trinkst zu viel..

Grete," antwortete er,du hast einen roten Mund, so wie reife Erdbeeren. Reife Erdbeeren esse ich gern... Nun erschrak sie; das ging so nicht, die Männer werden allzu leicht stürmisch.

Herr Graf," entgegnete sie,ich meine. Sie sino un­gezogen ..." Sie verlor das Vielliebchen mit Msicht. Sie wollte ihm ein paar Morgenschuhe sticken, grasgrün mit violetten Streifen und knallroten Punkten; so etwas haßte er, da konnte er sich ärgern.

Bein: Kaffee fanden sich Gras Harro Herrfurth und Velten allein vor dem Kamin des Jagdzimmers zusammem Sie streckten sich in die großen ledernen Sessel, rauchten ihre Zigarren mrd sprachen über dies und das. Graf Harro fand es klug von Jost, daß er seiner Neigung gefolgt und nicht gleich ihm in den diplomatischen Dienst getreten war.

Der Laie hält ihn gewöhnlich für interessanter, als er tatsächlich ist," sagte der Gras.Jedenfalls muß man eine besondere Veranlagung dafür haben, Sinn für die Intrige, für das Erlauschen von allerhand Klatsch, für kleine Mittel und krumme Wege. Die ehrlichen Makler kommen nur selten zum Ziel. Herr von Velten, zum Politiker muß man

geboren sein; man muß einen sehr breiten Buckel haben und ein flexibles Rückgrat; man muß sich daran gewöhnen, n^cht immer geradeaus gehen zu wolle::, auch von der Hintertreppe ist allerhand aufzulesen. Es kann nicht jeder. Es gibt große Geister, für die das ränkevolle Nebenbei Kinderspiel ist; andere zermürbelt es. Ich habe in Athen einmal einen Papierkorb ausleeren müssen, um den Fetzen eines Schriftstücks nachzuspüren, und mußte mich in Kon­stantinopel mit dein Obereunuchen einer intriganten Prin­zessin anfreunden, um hinter die Schliche seiner Gebieterin u kommen. Manchem mag so etwas Spaß machen; mir fehlt as rechte Geschick für die diplomatische Seiltänzerkunst."

Warum wehrten Sie sich nicht gegen den Beruf?" ftagte Velten.

Lieber Herr von Velten, es läßt sich so schwer gegen das liebliche ankämpfen. Mein Bruder hat das Fideikommiß zu verwalten, da blieb mir nur die Wahl zwischen Offizier) oder Diplomat. Das alte Vorurteil gegen andere Berufs­zweige, gegen die sogenannten bürgerlichen, beherrscht doch noch immer unfern Adel. Ich glaube, sogar mein eigner guter Vater würde, obwohl er erheblich aufgeklärter denkt als die Magnaten ringsum ja, ich glaube, er würde etwas verwunderte Augen gemacht haben, hätte ich ihm gesagt, eS lüste mich, Kaufmann zu werden. Man schimpft so viel auf die Engländer das ist Empfindungssache, es gibt manches da drüben, was auch mir nicht sonderlich sympathisch ist: aber das eine steht fest, törichte Vorirrteile kennen sie nicht. Törichte, sage ich. Mein Gott, müssen wir nicht alle er­werben? Ist nicht auch mein Sekretärsgehalt, so kärglich es ist, ein Erwerb? Tut es meinem Mel. Abbruch, wenn ich auch einmal mit andrem Handel zu treiben suche, als mit Pferden, dem Vieh meiner Ställe und dem Getreide auf meinen Feldern?"

Gewiß nicht," entgegnete Velten,aber..." er unter­brach sich, um lächelnd fortzufahren:Ich entsinne mich, wir fanden nerckich unter den Büchern der Mengelsdorffschen Bibliothek einen selten gewordenen Abdruck von Rothes Ritterspiegel". Ein Thüringer Chronist, Johannes Rothe aus Kreuzburg, verfaßte das kleine Opuskulum um 1400; er - schildert in poetischer Form Brauch und Recht des Ritter­tums; er sagt manches Gute und manches, das sich anhört, als habe es Kleist-Retzow oder Herr von Betow gestern ur:d vorgestern gesprochen. Der alte Rothe erörtert da auch, an welchen Einnahmen sich ein Rittersmann beguügen soll. Bringt ihm sein Erbe zu wenig, so darf er Pferdehaiwel betreiben, um seine Viehzucht sorgen, darf seine Ernte Ein­bringen helfen und seine Büchsen gießen. Er darf sich keines Handwerks annehme::, wenigstens nicht selber; wohl aber ist ihm erlaubt, sich einem andern zuzugesellen, der Handel treibt und aus fremdem Lande Güter bringt; in diesen Gütern kann er seinen Anteil am Geschäft nehmen, unbeschadet seiner ritterlichen Ehre. Es ftitb fünfhuiwert Jahre her, als derRitterspiegel" diese Grundsätze auf­stellte; haben sie sich in dem halben Jahrtausend geändert?"