Die arme Prinzessin.
Roman von Fedor von Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.^
(Fortsetzung.)
. „Gelernt wird feste. Die Hauptsache freilich ist die „häusliche Erziehung". Wir kochen, backen, stricken, sticken und flicken, daß uns die Finger weh tun; dabei fingen wir Choräle. Gebetet wird etwas zu viel. Sicher, man kann nicht gdnug beten, aber der liebe Gott wird unnötigen Zwang auch nicht gern haben. Heucheln ist noch häßlicher. MiO, ich will ganz ehrlich sein: ich glaube, dieses Herrnhuterische Ev- ziehungswesen hat seine vortrefflichen Seiten; aber ob es sich grade für mich eignet, ist zweifelhaft. Verdrehtes ße&ett: Du würdest mit Deiner blonden Seele viel besser hierher passen, und vielleicht hätte ich mich in eurem.Stift sehr glücklich gefühlt. Aber so geht es, das Verguere ist gewöhnlich Trumpf.
„I must zu Ende kommen. Nur vier Uhr ist „Haar- inachen". Da sitzen wir hintereinander wie die GreNüdierq zur Zopfzeit, und jede nimmt sich den Schopf ihrer Vordev- maid vor, wäscht, kämmte bürstet und flicht. Wenn ich die Jannasch oder Gabler bekomme, rönnen sie sich gratulieren. Ein kleines Rabenaas (pfui Geher, ist das ein Wort, aber ich lasse es stehen, damit Du siehst, wie sehr verwildert ich noch innerlich bin) hat mir neulich das ganze Haar verfitzt und verwuschelt.
„Ich möchte einmal wieder mit dem Grafen Ariern Polka tanzen. Was mag er wohl machen mit seinen „zärtlichen Augen"? Ich glaube, er hat cs dick hinter beit Ohren. Jeder Gedanke an ein männliches Wesen ist hier verpönt. Denke Dir, die Henriette Pusaht korrespondiert mit einem Volontär auf dem Gute ihres Vaters, natürlich heimlich, aber wir sind dahinter gekommen, wir haben auch seine Photographie entdeckt: ein grüner Junge mit angeklatschter Tolle. Das wäre etwas für mich.
„Otto schreibt sehr selten, Vater mehr und höchst unglücklich. Er sehnt sich nach mir, er hat mir ein Reitpferd versprochen, wenn ich erst wieder zu Hause bin. Pastor Fresenius soll recht krank sein. Am Dreizehnten ist das Stiftungsfest der Brüdergemeinde. Da soll es hoch hergehen. Es wird etwas Rechtes sein. Was ich noch sagen wollte: wie ist denn bei. euch das Essen? Hier ganz leidlich, aber vulgär. Du schreibst ziemlich trübepimplich, dennoch beneide ich Dich. Gottlob, dast bald Ferien sind und wir uns Wiedersehen. Bei diesem Gedanken jodle ich, auch nur in Gedanken.
„Herzlichen Kuß, süsttiebe Sötte.
K ^ Deine ganz und immer getreue Grete."
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Während die beiden Mädchen ihre ersten Pensionsbriefe Wechselten, begannen Jost und Velten in Göttingen eifrig ihr
Studium. Velten hatte eine unerwartete kleine Erbschaft gemacht, Jost erhielt eilten Zuschuß voll dem Onkel-Herzog, so daß sie zusammen über einen Monatswechsel von gegen vierhundert Mark zu verfüget: hatten. Das dünkte sie ein riesiges Geld; sie mieteten in der Nähe der altberühmten Universität ein gemeinsames Quartier und richteten sich mit ihren Bücher schützen behaglich ein.
Belten war in glltckltchster Stimmung. Es war ihm, all sollte er noch einmal jung lverden, noch einmal wurde der Achtundzwanzigjäh-rtae ein lustiger Student. Seirie besten Jahre hatten Jost gehört; aus dem väterlichen Belehrer und den: lerneifrigen Knaben waren treue Freunde geworden; die gleichen Interessen und auch das gleiche Stndinm verbanden sie noch inniger. Belten war Heidelberger Vandale gewesen, und am liebsteil wate er mit seinem Prinzen nach der Neckarstadt zurückgekehrt. 9kber er hatte and) nichts gegen Göttinger:; sie trafen in einer Mondnacht ein, und das schöne alte Rathaus Meister Brunos schien ihnen von stolzer Vergangenheit erzählen &u wollen, das noch hinter gtaucit Letnenhüllen liegende Bürgerdenkmal sprach von dem poetischen Ruhme des Hainbundes. Die modische Abelsuniversthäi von ehemals war die Göttillger Allna Mater nicht mehr, und das war aut; aber auch der Niedergang unter dem westfalischen Königtum war vorüber, und für die hohe Schule, au der Albrecht vom Hallet, die Bruder GrimM, Gervinus uud Waitz gelehrt hatten, begann in der Gegenwart eine Zeit treuer Blüte. Die Wahl Josts war durch die vor kurzem erfolgte Begründung eines Lehrstuhls für Bibliothekswissenschaft beeitiflußt worden. Die Professur der netten Wissenschaft führte Professor Karl Dziatzko, zugleich als Direktor der wundervollen Universitätsbibliothek und als Vorsitzender der Kommission für die bibliothekarische Fach- Prüfung. Während Velten sein altes Studium, die klassische Philologie, wieder anfnahm, besuchte er auch die Vorlesungen Dziatzkos, jda er die Absicht hatte, sich späterhin praktisch als Bibliothekar zu betätigen. Für Jost ging das Interesse für die Bibliothekswissenschaft weniger aus praktischen Erwägungen hervor; er schloß die technische Verwaltungslehre von vornherein aus und widmete sich dafür mit um so regerem Eifer der geschichtlichen Bibliothekographie mit alten ihren Abzweigungen; dazu belegte er Germanistik und hörte auch noch mit Velten zusammen die Vorträge im Seminar für Archäologie. Das Arbeitsschema. das er sich entworfen hatte» nahm ihn anfänglich gewaltig in Anspruch; doch er dachte vorerst nur an eine allgemeine Orientierung mit dem Aus* blick auf eine spätere „intimere Ordnung" des Lehrplans.
Dem Fuchskeilen war Velten als alter Student mit Vorsicht aus dem Wege gegangen. Aber der Jungbrunnen akademischen Lebens sollte Jost doch rricht verschlossen bleiben. Belten war alter Korpsbursch, ha schien ihm der Beitritt zu einem Korps auch jetzt selbstverständlich. Gerade hier in Güttingen hatte Idcks Korps leben eine höchst interessante historische Vergangenheit. Der Verruf von 1818 hatte die Korps harten Verfolgungen ausgesetzt, die Göttinger Revolution


