Die arme Prinzessin.
Noinan von Fedor von Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.*»
^Fortsetzung.)
Von Zeit zu Zeit mußte er nach Dombach, Rechnung voregen und Bericht erstatten. Einmal verlangte Annemarie gebieterisch, mitgenommen zu werden; sie habe dem Onkel Rübezahl wichtiges anzuvertrauen. Velten tat ihr den Gefallen. Es war zu Anbeginn November; der Wind strich stark, dabei war Schneeluft und es hingen dicke grarve Wolken am Himmel. Als man im Parke von Dombach ein- fahren wollte, kam ihnen der Herzog entgegen, in seiner Lodenjoppe, mit einem Sitz stock und der Flinte über dem Rücken. Er wollte eine Krähe schießen, wie er sagte, und war sehr verwundert, als er Annemarie unter dein Verdeck auftauchen sah. Die sprang leichtfüßig aus dem Wagen, knickste, sprach aber kein Wort ansonst, sondern begann ohne weiteres folgenden Blödsinn in deklamatorischem Tone: „Much Sängers des ist das, vergessen und versunken, Heldenbuch kein, Lied kein meldet Namen Königs des. Sand den durchdringt Quell kein, Schatten verstreuet Baum kein —" „Halt!" brüllte der Herzog Er klappte mitten auf dem Wege seinen Sitzstuhl auf und ließ sich nieder, während Velten mit großen Augen und entschieden erschreckt auf die Prinzessin schaute. „Willst du mir fteundlichst sagen, was das für ein wahnsinniges Kauderwelsch ist, Annemarie?"
Die Prinzessin knickste und suhl' fort: „Heideland ödes ein, Gärten duftiger statt, rings und Nacht über stürzen kann, geborsten schon diese auch —"
„Halt!" schrie Fürst Herrfurth abermals. Er sprang auf, riß die Eisenspitze seines Stocks aus der Erde und lachte, daß es »mithin schallte. „Annemarie, komm her!" rief er. „Komm her, fall mir schleunigst um den Hals und gib mir einen Kuß. Du bist ein Prachtmädel. An dem Geborstenen habe ich es gemerkt, das ist des Gängers Fluch von rückwärts! Hallelujah, kannst du die ganze Ballade rückschrittlich von der Wurzel nach oben?"
„Pracht verschwundener," deklamierte Annemarie, „von Keugt Säule hohe eine noch, zerstört sind Hallen die „Hör auf, Mädel, es ist die Möglichkeit! Annemarie, obschon es verrückt ist und du Besseres hattest tun können, als dir dies Kunststück eiuzuiiben —"
„Aber, Onkel, du »vimschtest es doch!"
„Sei stille — so hast du dennoch das Rad gewonnen —" „Onkel, ich danke dir tausendmal, ich rufe All Heil" » das jauchzte sie in die Luft „und um dir eine Freude fcu machen, fahre ich in meiner bremsenden Deklamation fort "
„Nein," schrie der Oheim, „das sollst du nicht! Es ist gut. ich glaube dir. daß du Methode in den Wahnsinn;
bringst, ich glaube dir, daß du mir den ganzen Uhland auS dem Hintertreffen meuchlings zu versetzen im stände bist, ich glaube dir alles. Aber du sollst stille sein. Das Rad hast du weg."
„Schön, Onkelchen. Wird es ein Amerikaner sein für fünfhundert Em?"
„Du bist wohl nicht klug?" grunzte der Herzog los. „Fünfhundert Mark für so -eine Drahtspirrne. Für hundert Mark wird wohl auch eins zu kriegen sein."
„Das ist Schund," erklärte Annemarie. „Ich weiß Bescheid. Herr Belten auch. Onkel, bleibt es bei dem Amerikaner?"
„Velten, kommen Sie!" rief der Herzog. „Wir lassen diese freche Prinzessin von Gottes Gnaden hier stehen, wir haben mehr zu tun."
Da war Annemarie aber schon zu Seiten des Onkels und sprach mit Pathos: „Gehört hat's Himmel der, gerufen hat's Alte Der, verhaucht Luft leere in, Röcheln letztes ein wie sei —"
„Ruhe!" schrie der grimmige Oheim. Annemarie schritt weiter neben ihm her: „Getaucht Nacht ewige in, vergessen sei Name dein, Ruhms blutigen Kränzen —"
Jetzt nahm sie der Herzog beim Ohrläppchen. „Weil du es bist, Annemarie." sagte er. „Nur weil du es bist, Mausekatze. Weil du erne so göttliche Unverschämtheit besitzest und eigentlich Haue verdientest. Und weil ich ein alter Dummkopf bin. Velten, bestellen Sie den Amerikaner für diese kratzbürstige Maid ..."
Das geschah, uud>in paar Dagje später traf das Rad aus Berlin ein, wohlverpackt, und Annemarie selbst schälte die stählerne Schöne aus ihrem Verbandzeug heraus und war glückselig.
Der Winter verfloß rasch. Josts Befinden besserte sich zrrsehends. Annemarie urtb Grete besuch den bei Pastor Fresenius den Konsirmationsunterricht und waren viel bei einander. Bon Bolko aus Berlin hörte man selten etwas. Nur Otto hatte einmal an Jost geschrieben, was er neues vernommen habe. Miß Lilian Simpson war durch sachsen- meiningische Erhebung in eine Freiin von Dörnach verivau- delt worden. Mer zufällig gab es schon ein Adelsgeschlecht dieses Namens, das erhob feierlich Protest. Ta »äiegte es das Kabinett zu Sachsen-Meiningen mit der Sorge und änderte das Diplom; aus dem ch wurde ein u, aus der Baronesse Dörnach eine Freiiu von Dornau. Die Zeitungen amüsierten sich voll liberaler Spottlust über die Buchstabenänderung, in einem Possentheater wurde ein EoupletverS über den Vorfall gesmigen, der Kladderadatsch brachte ein Leitgedicht unter dem Titel „Ach oder au, wer nimmt's so genau". Jost räsonierte, Herzog Herrfurth lächelte boshaft, der Burgmüller hielt sich die Seiten, Velten zuckte nrit beit Achseln, h-4
Bald nach Weihnachten traf iiberraschende Kunde ein. Die ritterschaftliche Verwaltung von Gotternegg wurde aus- gehoben. Einigen Hypothekengläubigern war gekündigt »vor-


