beit.' Der bucklige Jsaaksohn rannte mit rotem Kopfe Umher, er rannte zu Hirsch in der Kreisstadt, dessen Geschäft der Pserdehandel war, und rannte zum alten Mumenfeld, sur den der Produktenmarkt keinerlei Geheimnisse hatte, und erzählte ihnen unter lebhafter Gestikulation die neueste Neuigkeit und versicherte, wahrhastig in Gott, bar kriegt der junge Fürst ausgezahlt seine acht Millionen und mehr, und wer noch hat eine Forderung an ihn, der soll sich melden, er kriegt sein Geld mit Zinsen und Zinseszins. Der bucklige Jsaaksohn galt unter seinen handelnden Glaubensgenossen im Kreise für einen aufgeregten Idealisten, der alte Blmnenseld dagegen für den weisen Salomo und hatte eine gewichtige Stimme. Er schaute mit überlegenem Lächeln auf Jsaaksohn herab, der vor Gemütsbewegung Zitterte, und sagte kaltblütig: „Schneie, was du da verzählst, as füll sein ä grauße Neiischkeit nn is käme nich, das waiß ich all lange. Ick krie' mitf* ä rundes Sümmche- von Saine Dörchleucht, daß er leben möge nach hunnert Jahr, aber ich wer' mer hüten un wer' mer melden, ich wer' wer hüten und wer' drängeln, denn hätt' ich gewallt drängeln, hätte ich all lange gedrängelt, aber ich drängle nich, nebbich. Vun selber allaine füll he mer kommen, und he werd schunst..."
Aber bei aller ruhigen Abgeklärtheit wuchs doch auch in lern weisen Salomo das Interesse für die neuen Vorgänge brennend. Der Rechtsanwalt Briesemeister aus Belzig ratterte aus seinem kleinen Einspuz in die Kreuz und Qfuere und hatte eine große Mappe mit Papieren bei sich und obendrauf eine Vollmacht des Fürsten von Gotternegg; er hatte aber auch eine große Brieftasche mit Banknoten bei sich, denn es galt, einer Anzahl von Unterpächtern zu kün- oigen und die Leute abzufinden, und nebenbei wurden Schulden bezahlt. Auch Blumenfeld kam an die Reihe. Er steckte die Daumen in die Aerinellöcher seiner geblümten Sammetweste und sagte: „Gott, Herr Rechtsanwalt, wvßu sonne Eile! Mer eilt's nich; Dörchleucht sin mer immer gewest ä sainer Kunde, wo er gehabt hat nach nischt, un sagen Se: is mir eingefallen, daß ich habe gedrängelt? Ich habe nischt gedrängelt, ich habe gewußt, Dörchleucht sin fain, ich habe schon vor drei Jahren geprophezait und zu Hirsch gesagt: „Hirsch, paß uff, Dörchleucht wer'n nuch emol schwer raich. Gott erhalt' 'n nuch hunnert Fohr. . Mer in die Burgmühle fuhr der Rechtsanwalt nicht. Da traf eine direkte Sendung ein, mit einer liebenswürdigen Dankzeile Bolkos. „Lieber Nachbar und Burgmüller," schrieb er, „anbei statte ich den freundlichst geliehenen Mammon mit herzenswärmstem Merci wieder zurück, eingedenk Sirach 29, Vers 2. Schönen Gruß für Sie, Ihre werte Gesponsin und die nudliae Arete. Ihr Gotternegg..." Das Wort „Gesponsin" fand Frau Tilde unpassend, das Wort „nudlig" mißfiel der Grete. „Hätte er niedlich geschrieben," saate sie, „das wäre nett gewesen. Aber nudlig, das heißt wie eine Rudel so dick uno rund, das ist fast beleidigend. Doch als Untertanin muß man so etwas hin nehmen..." Der Burgmüller holte die Bibel vom Sims und schlug Sirach 29 auf und las den zweiten Vers: „Leihe deinem Nächsten, wenn er es bedarf; und du anderer, gib es auch wieder zur bestimm- teu Zeit." Da schmunzelte der Burgmüller; Bibelfestigkeit freute ihn immer, und saß er mit dem spartanischen Fürbringer zusammen, so flogen oft die Zitate hin und her.
Ms es märzlich wurde, schlug es im Schlosse ein und ttaf Beyfuß. Es war kein richtiger Blitzschlag, aber ein Brief, der beinahe ebenso lvirkte, ein eingeschriebener Brief, und als Beyfuß ihn gelesen hatte, bald rot, bald weiß werdend, sanier erst wie zerschmettert in seinen Lehnstuhl und sprang dann wieder empor und rief nach seiner Frau: „Auguste, es geht los, es geht los! Die Dekorateure kommen, ein Baumeister, ein Innenarchitekt, ein englischer Kammerdiener, sieben Lakaien, Wagen und Pferde, auch ein Hofchef! Es geht los! . .
Es ging wirklich los. Eine Invasion neuer Menschen überflutete Gotternegg. Als Spitzenreiter erschien Rechtsanwalt Briesemeister auch, bei Beyfuß mit seinem großen Portemonnaie; es handelte sich um die Unterbringung und Verpflegung aller der eintrefsenden Leute; es mußte ein förmlicher Schlachtplan entworfen werden, das Schloß öffnete wieder Türen und Fenster, die Communs wurden gelüstet, die großen Tore des Marstalls und der Wagenremiseu sprangen auf. Sie kamen zu häuf: es kamen ein Obergärtner N't drei Gehilfen, ein Mister Knought (Knautsch nannte ihn Beyfuß schlankweg), ein kleiner Mensch mit großer Nase und
Faltendraperien im hageren Gesicht, der brachte Reit- und' Wagenpferde, ein paar Kutscher folgten nach, zwei Neit- kiiechte und ein zwergartiges Geschöpst mit einem halben Dutzend krummbeiniger Teckel an der Leine; es kamen der Baumeister und der Architekt und brachten ihre Arbeiter mit und Wagen voll Mobiliar und allen möglichen Stoffen; es kam ein eleganter Mann mit englischen Allüren, der sich Mister Lennox nannte, das war der erste Kammerdiener und er hatte wiederuin ein Rudel anderweitiger männlicher Bediensteten um sich; es kamen zwei Kammerzofen und eine französische Garderobenverwalterin, Madame Louison, mit ungeheuren Koffern, die kleinen Häusern glichen: es wurde mit Plötzlichkeit erstaunlich lebhaft in Gotternegg, und Frau Beyfuß rang die Hände und wußte nicht, wo sie ihren Kopf lassen sollte, während der Gemahl Gott sei dank seine alte Würde wiederfand und sein organisatorisches Talent von neuem bekunden konnte. Denn nun war er wieder der Herr Schloßintendant; Bolko hatte ihn in dieser Charge bestätigt, er sollte direkt hinter dem Hofchef rangieren, sollte sozusagen seine rechte Hand sein, und seine Frau war die Beschließerin. Es war nicht leicht, sich in dem riesigen Wirrwarr zurechtzufinden. Es war wie ein Erwachen aus einem Dornröschenschlaf, und mit eiliger Hast wurde gearbeitet. Der Baumeister ließ Maurer kommen; die Schloßfassaden wurden abgeputzt, der Sprung im Wappen über dein Portal ausgebessert, die alten Löwen mit ihren gähnenden Mäulern sortgeuommerr und durch Sandsteiubecken ersetzt, die mit blühenden Blumen gefüllt werden sollten. Durch das ganze Schloß ging von früh bis spät ein dröhnendes Klopfen und Hämmern; man riß die Gardinen uud Portieren herab, die Stoffbekleidung der Wände und Polster, Teppiche und Läufer wurden über die Treppen und Korridore gespannt, üoer das Parkett rasten die Bohner mit Bürsten an den Füßen und führten seltsame Pantomimen auf, ein ewiger Zuglvind strich durch die Räume, Fensterscheiben zerklirrten, überall lehnten Leitern, an denen geschäftige Menschen hinauf- Und hinabglitten. In: Park wurde gerodet, gegraben, abgesteckt, ige- schnitten, gepflanzt; neue Anlagen entstaitden, Rabatten und Laubengäuge; die wilde Pracht mußte zierlicher Kultur weichen, über die grünüberwucherten Wege ergoß sich eine Flut von gelbem Kiessand, die Walzen knirschten, es klangen Säge und Art.
Beyfuß hatte einen schweren Stand. Es galt, die Würde zu wahren. Mister Lennox war sehr von oben herab; er befahl, er gab an, und so und so sollte es sein, er verlangte für sich selbst eine rasche Bedienung, er war anspruchsvoll und sein glattes rosiges Gesicht mit den kurzgehaltenen, im Strich ans halber Wange abrasierten Backerroarten trug immer den Ansdruck von Ueberhebung uni> Hochmut zur Schau. Er radebrechte sein Deutsch; Madame Louison rade- brechte das ihre auch. Frau Beyfuß war in Verzweiflung über das fremde Volk; das schrie, zeterte und schimpfte, am frühen Morgen begann der Spektakel. Die hübschen KaiNi- merkatzen schäkerten mit den Lakaien, man spielte Haschen und Greisen in den langen Korridoren und warf sich mit Bettstücken; bei den gemeinsamen Mahlzeiten herrschte ein betäubender Lärm; einmal feierte Mister Lennox seinen Geburtstag, da gab eO Schaumwein zum besten, und Beyfuß wußte nicht, wo der herkam. Beysuß stöhnte j,etzt viel, trotz seiner Würde. Er sollte alles wissen. Auch aus deu Ställen kamen sie zu ihm. Mister Knautsch fluchte in unverständ- licheu Lauten und verlangte die Einrichtung von zwei Paddocks; Mister Lennox wollte eine neue Livreekammer haben, Madame Louison war mit den Garderoben nicht zufrieden, der Koch forderte gebieterisch einen Rostapparat System Giesecke, der koste zwar achtzehntausend Mark, aber es lohne sich. Wo bleibt der Hoschef? stöhnte Beyfuß.
(Fortsetzung folgt.)
Die Rose.
Von Ferdinand Künzelmann (Berlin).
(Nachdruck verböten.)
Das war an dem Abend, als Susanne Mwingsteede den Haupt- mcum Harstedt in einer ganz stillen Hochzeit zum Manne genommen hatte. Ter Hauptmann war blind und ein Krüppel aus dem Felde zurück aekom men, und es war mehr eine Heirat des Mitleids als der Liebs. ... Am Abend dieses stillen und sonderbaren Tages saßen wir vier, fünf junge Leute, noch ziemlich spät bei einem Glase Wein und erzählten uns allerlei Geschichten von lustigen und von ernsten Hochtzelten, die wir mitgemacht, oder


