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Samstag, den 22. Januar
Am toten See.
Noman von NobertKohlrausch.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
,,Jch muß die gnädigste Baronin bitten, das zurück- zunehmen. Ich bin nicht unwahr, niemals! Manchen Fehler mag cch haben, -aber diesen nicht. Es ist ein Bedürfnis meiner Natur, immer wahr zu sein."
„Darm bin ich neugierig, wie Sie mir den Gegensatz in ^chreu ergenen Worten erklären motten. Sie haben mir vorhin gesagt, Sie wüßten nicht, was der Staatsanwalt mit nrrr gesprochen hat."
,,Es ist genau, wie ich gesagt habe. Sie aber haben danach jetzt auch nicht gefragt. Sie wünschten zu wissen, was der Staatsanwalt mir über Sie mitgeteilt hätte, — das ist ein Unterschied. Und auf diese Frage muß ich die Antwort schuldig bleiben. Ich lüge niemals, — ich schweige, wenn ich nicht antworten will."
Mit ihr ging eine merkwürdige, rasche Veränderung vor. Der Ausdruck der Heftigkeit wich aus ihren Zügen, ern werches, freundliches Lächeln flog darüber hin. Ebenso weich und freundlich war auch die Stimme, womit sie nun sagte: „Sie sind irrt Recht, wie ich sehe. Die Logik hat mich ernen Augenblick im Stich aelassen, — das darf uns Frauen ja mitunter passieren. Und ich bin von starkem Tempera- meut. Sie wissen, ich war beim Theater, wo ja das Temperament als Tugend gilt. Seien Sie mir nicht böse darum, ich lvollte Sie nicht kränkeu. Uuö wenn Sie die Wahrbeit lieben, so glaube ich, wir werden gut miteinander auskom- men. Auch ich liebe die Wahrheit von ganzem Herzen."
Einen Augenblick war es ihm, als wenn er ihre Hand ergreifen und küssen müßte, als wenn es an ihm wäre, sie -um Verzeihung zu bitten. Aber sein sich immer neu verwirrendes Empfinden mack)te feine Lippen auch jetzt wieder stumm und ließ ihn ungeschickt, verlegen vor ihr stehen.
„Wollen Sie mir nicht verzeihen ?' fragte sie nach einer kleinen Pause mit nervös zisiammengezogenen Augenbrauen.
Da siegte in ihm das warme Gefühl. „Doch, jdoch, Baronin, — uub seien Sie mir auch nicht böse, daß ich heftig war."
„'Gewiß nicht. Lassen wir die Sache ruhen. An dem allen ist ja nur dieser Staatsanwalt schuld. Er hat uns beide aus dem Gleis geworfen. Mir hat er unerhörte Drnge gesagt und Ihnen hat er Mißtrauen gegen mich, in das Herz gelegt. Ich weiß, und fühle das, ohne daß. ich es von Ihnen höre. Er hat mich bei Ihnen verlästert, r-i jawohl, verlästert! Glauben Sie mir, dieser Herr hat sich in ferne juristischen Theorien verrannt und verfolgt eine vollkommen falsche Spur. Der Sänger, den er für den Mörder hält, ist ebenso unschuldig an der Tat wie Sie. Er rst ein Unglücklicher, der tiefstes Mitleid verdient. Er
war ein großer, echter Künstler, — wie oft hat er als Wotan neben mir auf der Bühne gestanden, wenn ich die Brünhilde sang! Aber die Künstler verstehen selten,' in die Scheuern zu sammeln, wenn Erntezeit ist. Auch er hat es nicht gekonnt. Nun kam sein Schicksal, er verlor die Stimme, und ans dem gefeierten Sänger ist ein armer, elender, hilfloser Mensch geworden, der sich eines Tages heimlich, schamvoll zu mir schlich und mich um Hilfe bat. Ich mußte ihn wiederbestellen ans ein anderes Mal. Denn ich wollte nicht nur eiu Almosen geben, ich lvollte ihm helfen, sich ente neue, wenn auch bescheidene Existenz zu gründen.- Da^u reichten im Augenblick meine Mittel nicht aus. Ich schrieb ihm dann, als ich sie mir verschafft hatte, und bestellte ihn in den Park, weil er in seiner Abgerissen-- heit sich scheute, von andern Menschen gesehen zu werden. Das ist alles, und ich meine, daß dies Tun mir keine Un- ehre macht. Der Herr Staatsanwalt aber, konstruiert daraus einen Schuldverdacht gegen den Unglücklichen und un-- erhörterweise auch gegen mich selbst. Erst heute hat er die Stirn gehabt, mir gegenüber das anzndenten. Mein Trost ist aber, daß niemand außer ihm an diese Fabel glauben kann und glauben wird!"
Sie hatte sich immer mehr hinein gesprochen in die Leidenschaft und ging jetzt mit raschen Schritten zum Feyster, an dem sie einen Augenblick von ihm abgewandt stehen bljeb, als wenn sie sich fassen und beruhigen lvollte. Dann, da er stumm an seinem Platze verharrte, kehrte sie sich plötzlich wieder zu ihm um und kam hastig ans ihn zu. „Sie schweigen, Baron, — warum schweigen Sie denn?" Er sirchte nach Worten. „Was soll ich sagend „Habe ich mich getäuscht? Gibt es außer diesem Herrn von Sieglitz noch ehren zweiten Menschen, der mich eines gemeinen, heimtückischen Verbrechens für fähig hält? Hat er wirklich Gehör bei Ihnen gesunden, urcd sehen auch Sie nun in mir die hinter den Killiffen Ränke spinnende Au- stisLerin eines Mordes? Ist das möglich? Antworten Sie mir, — ich verlange das von-Ihnen!"
In furchtbarer Verwirrung stand Bassow ihr gegenüber. Vertrauen, Zweifel, Fragen wogten wild in ihm durcheinander und verschlossen seine Lippen in ihrem Widerstreit. Er fand keine Antwort, als ein vieldeutiges Achselzucken, als eine unsichere Bewegung der Arme.
„O, ich verstehe Sie auch ohne Worte! Sie haben vorhin gesagt, wenn sie nicht lügen wollen, schweigen Sie. Nun weiß ich, was Ihr Schweigen bedeutet, mm weiß ich, daß auch Sie, dessen Namen ich trage durch meinen Mann, mich eines abscheulichen Verbrechens für fähig haltew"
„Lassen Sie mich Ihnen sagen —"
„Ich habe nichts inehr mit Ihnen zu sprechen. Verfassen Sie mich aus der Stelle. Nur das ehre noch: ich sprach vorhin von meinem Bleiben hier im Schlosse für das rrüchste halbe Jahr. Davon kann jetzt keine Rede lnehr sein, obwohl es mein Recht ist. Sie reisen morgen, und


