Um toten Lee.
Roman von NobertKohlrausch.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Herr von Sieglitz nickte ein paarmal vor sich hin: bei der zurückgebogenen Haltung des Kopfes gewann cs den -Anschein, als wenn er den oben an der Decke abgemalten ruhenden Mars also begrüßte. Nach einenl kurzen Schweigeil tat er die Frage:
„Haben Sie sonst noch etwas zu belnerkell, gnädige Frau? Haben Sie vielleicht irgendwelchen Verdacht gegen eine bestimmte Person?"
„Nein."
„Ist die Dienerschaft zuverlässig?"
„Absolut."
„Ist in der letzten Zeit keine verdächtige Persönlichkeit in der Nähe des Schlosses gesehen worden?"
„Nein, sicher nicht." Sie gab gerade diese Antwort so lebhaft und rasch, daß der Staatsamvalt ihr durch die Gläser seines Kneifers einen kurzen, scharf beobachtenden Blick zuwarf. Doch Lat er keine weitere Frage, sondern sagte nur: „Damit wäre die Vernehmung vorläufig beendet. Ich danke. Ihnen, gilädige Frau."
„Aber ich habe noch etwas zu bemerken. Sie fragten eben danach. Es ist eine wichtige Sache."
„Reden Sie."
„Nach meiner festen Ueberzeugung ist mein Mann draußen im Park ermordet worden unb nicht hier im Zimmer.".
„Im Park?" x
„Wie die Dienerschaft bezeugen wird, habe ich gestern abend unmittelbar unter meinen Fenstern einen Ton, einen Schrei gehört, der mich furchtbar erschreckte. Gleich gestern habe ich die Stimme meines Mannes darin zu erkennen geglaubt."
„Sie haben doch gewiß gleich Nachforschungen angestellt?"
„Gewiß. Der Park ist in meiner Gegenwart von der Dieilerschaft genau durchsucht worden."
„Und was haben Sie gefunden?"
„Nichts."
„Nichts? Und hat jemand außer Ihnen jenen Ton — jenen Schrei gehört?"
„Nein."
„So? Kann der Schrei nicht auch aus diesem Zimmer gekommen und von Ihnen gehört worden sein?"
„Ich halte das für völlig ausgeschlossen. Mein Wohnzimmer liegt im oberen Geschoß ganz am Ende; das einzige Fenster, das es nach dieser Seite hat, war nicht geöffnet. Auch hätte die Dienerschaft im Gesiudezimmer beit Schrei hören müssen, wenn er von hier gekommen wäre."
Der Staatsanwalt kachelte ein maliziöses Lächeln. „Die Geschichte, die Sie mir da erzählen, gnädige Frau, ist obnL Frage sehr interessant, aber auch, wie Sie mir zugebenj müssen, ein tvenig romantisch. Vorläufig ist es ein ungelöstes und — vielleicht auch kaum zu lösendes Rätsel, das mir da von Ihnen aufgegeben worden ist."
„Ich gestehe das zu. Auch mir ist die Sache vollkommen unerklärlich. Aber ich hielt mich für verpflichtet, Ihnen davon Mitteilung zu machen."
„Gewiß, ich danke Ihnen. Und nun wären wir zunächst wohl wirklich zu Ende ..."
Das eigentümliche Lächeln blieb ans seinem Gesichts während er sprach. Die Baronin, der es mißfiel, antwortete! nur mit einer leichten, fhtmmeit und stolzen Verbeugung. Sie hatte jetzt noch das Protokoll zu unterzeichnen, was in großen, männlichen Schristzügen geschah, ocnm konnte sie das Zimmer verlassen.
Der Staatsanwalt ging ein päarnval auf und nieder, ohne zu sprechen - eine innere Bewegung färbte sein Gesicht röter und ließ den Schmiß auf seiner Backe stärker hervortreten. Daun rieb er sich voller Befriedigung die Hände imd sagte: „So, mm wollen wir die anderen Zeugen vernehmen."
Diensteifrig sprang Referendar Widu.krnd auf und ver- anlaßte oas Erscheinen des Dienstpersonals. Einzeln betraten die Lertte das Zimmer und machten ihre Aussagen. Sie bestätigten die Angaben der Baronin, doch gaben alle zst Protokoll, daß niemand etwas von dem geheimnisvollen. Schrei gehört habe, daß die Durchsuchung des Parkes an den in Frage kommenden Stellen genau und sorgfältig, aber völlig ergebnislos gewesen sei. Auch sagten sie sämtlich ans, daß ihres Erachtens die Ehe ihrer Herrschaft in letzter Zeit eine unglückliche und vielfach durch Difserenzelt aller Art getrübte getveseu sei.
Die letzte unter der Zahl der Vernommenen war das Hausmädchen Rosa, die mit größerer Unsicherheit als ihre Dieustgen offen vor den Staatsanwalt hiutrat. Seinem ge- schulten Blick entging ihre Verwirrung nicht. Ec mackste' sie zunächst aber sicherer und ruhiger durch scheinbar gleschgültige Fragen, um dann plötzlich die blitzenden Kneiser- gtäser scharf auf sie 511 richten. „Haben Sie jemals wahrgenommen, daß Ihre Herrist mit fvemden Personeu ins- geheint verkehrt hat?"
Einen Augenblick schwieg das Mädchen, dann brach es in Schluchzen ans und rief: „Ach, die Frau Baroniit ist ja doch immer so gut zu mir gewesen? Ich darf es nicht sagen und kann es nicht sagen!"
„Sie dürfen »rnd ntüssen! Ich verweise Sie anf die Gefahren der Eidesverletzung. Sie werden Ihre Aussagen beschwören müssen, und Meiiteid wird mit Zuchthaus bestraft." Ein Tränenstrom, von undenttichen Ausrufen begleitet, loar zunächst ihre Antwort. Daun über, als der Staatsanwalt mit Geschick einen väterlichen Ton anschlug, sie an ihre tot-e Mutter erinnerte und ihr sagte, daß eS twch völlig ungewiß erscheine, ob durch ihre Aussage der


