die Baronin war in Danzig geboren worden und nun fragte Herr v'. Sieglitz:Haben Sie bis' zur Ihrer Ver­heiratung immer in Danzig gelebt?"

O nein. Von dort bin ich schon mit achtzehn Jahren fortgegangen. Ich war in Posen, Dresden, Berlin, Wien, Budapest"

An so vielen, verschiedenen Orten? Wie erklärt sich! das?"

Ich war Künstlerin."

Künstlerin?"

Ja, Sängerin."

Konzertsängerin jedenfalls?"

Nein, beim Theater."

Ah!" Tie helle Stimme des Staatsanwalts wurde vor Ueberraschun^noch heller und schärfer, und von diesem Augenblick an veränderte sich fast unmerklich der Ton seiner Fragen. Er wurde ein klein wenig herablassender und ein klein wenig vertraulicher. Dem feinen Ohr der Baronin aber entging diese Veränderung nicht, und sie stellte ihr eine wachsende Kälte gegenüber.

Das fortschreitende Verhör bezog sich auf den Zu­stand, in dem Körper und Zimmer des Toten gefunden worden waren, doch wußte die Baronin ihren früheren Angaben etwas Neues in dieser Hinsicht nicht binzuzufügen. Die nachweislich fehlenden Gegenstände wurden im Pro­tokoll verzeichnet, die durch den umgeworsenen Stuhl, die verschobene Decke unter dem Schreibtisch, die auf dessen Platte liegenden Briese bezeugte Unordnung im Zimmer genau vermerkt.

Um diese Papiere zu betrachten, hatte der Staats­anwalt sich erhoben und war an beit Schreibtisch heran­getreten.

Hat der Verstorbene diese Briefe selbst noch hierher­gelegt?"

Nein. Er war drei Tage verreist, und sie sind in seiner Abwesenheit eingelaufen."

Sie sind, wie ich sehe, zum Teil noch verschlossen, zum Teil erbrochen. Wie erklärt sich das?"

Tie unerbrochenen sind Geschäftsbriefe, die an meinen Mann adressiert waren und bis zu seiner Heimkehr liegen zu bleiben pflegten. Die beiden offenen waren an mich gerichtet, und ich hatte sie nur meinem Manne zur Einsicht hierher ge legt." x

Sie selbst persönlich?"

Ja, gestern abend."

Um welche Zeit?"

Um neun Uhr unaefähr."

Damals also war der Baron sicher noch nicht zurück­gekehrt?"

Nein, sicher nicht."

Sie waren bei Licht hier im Zirnmer?"

Ich habe das elektrische Licht angedreht, es war tageshell."

Waren die Fenster verschlossen?"

Nein, die Tür zum Park und beide Fenster waren offen, der Abend war ja sehr warm. Ich habe sie dann selbst geschlossen und überall die Läden vorgelegt, weil ein Gewitter am Himmel stand. Auch die Tür zum Korridor habe ich abgeschlossen. Mein Mann hatte, wenn er unver­mutet heimkam, zu beiden Türen den Schlüssel."

Sonst niemand?"

Außer mir niemand. Es ist ganz unmöglich, daß nack meinem Hiersein und vor meines Mannes Ankunft irgend wer noch dieses Zimmer betreten hat."

Aber der Mörder könnte sich vorher durch die offen, Tür vom Park her eingeschlichen und irgendwo versteck haben. Waren Sie nebenan im Schlafzimmer?"

Nein, das nicht."

Er schwieg nachsinnend einen Augenblick; die Brief, aus dem Tisch fesselten aufs neue seine Aufmerksamkeit.

-sie sagen, daß diese Papiere hier anders liegen alt gestern."

Ja, zweifellos. Mein Mann war von großer Orb nungsliebe. Ich selbst bin es von Haus aus nicht in gleiche: ^^rse, habe mich aber nach ihm gewöhnt. Ich hatte darun Papiere wohlgeordnet hier auf die rechte Seit, des Tisches gelegt und sie mit dem goldenen Falzbein be­schwert, das ja zu den fehlenden Gegenständen gehört."

, ^./'?lber es wäre doch möglich, daß Ihr Herr Gemah selbst beim Nachhausekommen die Briefe durchgesehen hatte/

Sie hob die Schultern und verzögerte die Antwort einer

Augenblick um dann zu sagen:In diesem Falle wären doch auch wohl die Geschäftsbriefe an ihn selbst erbrochen."

Das ist richtig."

Mit vorsichtigen Fingern, um ihre Lage so wenig als möglich zu ändern, blätterte der Staatsanwalt in beit Pa­pieren.Unter den offen daliegenden Sachen hier ist auch ein Plan, eine Zeichnung. Was bedeutet sie?"

Dieser Plan befand sich bei dem einen der an mich gerichteten Briefe. Wir hatten hier vor zwei Monaten einen heftigen Sturm, der außer vielen Bäumen bei uns und auf dem Nachbargute Lünzin auch einen Pavillon hinten im Parke zerstörte.. Mein Wunsch war es, ihn wiederhergestellt zu sehen; ich beauftragte daher gleich damals einen Architek­ten in Berlin, mir eine Zeichnung für einen neuen Pavillon zu liefern. Die Sache hat sich hinausgezögert. Wenn die Ausführung des Planes nun für mich auch keinen Zweck mehr hatte, so wollte ich meinen Mann doch von dem Ein­gang der Zeichnung in Kenntnis setzen."

Keinen Zweck wieso?"

Sie tat einen tiefen Atemzug, bevor sie sprach, sonst aber veränderte sich nichts an ihrer Haltung.Weil wir die Absicht hatten, uns voneinanoer scheiden zn lassen."

Referendar Widukind warf einen bewundernden Blick zu der Frau hinüber, die so ruhig und stolz von solches Dingen sprach; er hätte gern als Anmerkung ins Protokoll geschrieben:Ein königliches Weib!" Der Staatsanwalt aber ließ ein zweitesAh" der Ueberraschung hören, so hell und grell, daß es beinahe wie ein Krähen klang'.

Sie standen vor der Scheidung? Das war' mir un­bekannt."

Wir hatten auch bisher nur persönlich und mit un­seren fceiberfeitigeit Rechtsbeiständen darüber verhandelt. Einer der beiden Briefe, die dort geöffnet liegen, bezieht sich darauf."

Nachdenklich^zerrte der Staatsanwalt an dem ihn: ge­bliebenen Reste seines zur Hülste abgeschlagenen rechten Ohres.

Garchim ist Majorat, soviel ich weiß?"

Ja, Majorat."

Sind Kinder aus Ihrer Ehe vorhanden?"

Nein."

Wissen Sie, ob ein Testament Ihres verstorbenen Ge­mahls vorhanden ist?"

Was hat diese Frage mit meines Mannes Tode zu tun?"

Ich muß bitten, es mir zu überlassen, welche Fragen ich für nötig halte."

Fragen Sie."

Ich warte noch auf eine Antwort."

Es ist ein Testament meines Mannes vorhanden; vor drei Jahren, bald nach unserer Verheiratung ist es aufgesetzt worden. Das Majorat fällt selbstverständlich an den nächsten männlichen Verwandten meines Mannes, einen Vetter von ihm, der jetzt in der Nähe von Breslau sein Gut hat. Mir ist eine sehr ansehnliche Jahresrente ausgesetzt, außerdem die Berechtigung zugesprochen worden, ein halbes Jahr nach dem etwaigen Tode meines Mannes noch hier auf Garchim wohnen zu bleiben."

So, und Baron Bassow hat jetzt, wo Sie doch vor der Scheidung standen, nicht etwa die Absicht gehabt, ein anderes Testament zu machen?"

Sie preßte die Lippen fest aufeinander, und ein dunkles, zorniges Blitzen kam aus ihren Augen. Aber sie beherrschte die Stimme auch jetzt.So viel ich weiß, hat er das beab­sichtigt; er hat Aeußerungen darüber getan. Aber zur Aus­führung ist sein Plan bisher wohl kaum gekommen."

(Fortsetzung folgt.)

Rückblicke auf dar Veltkriegrjahr J9|5.

XII.

Allgemeine Weltlage, Verhalten und Stimmungen der Neu­tralen, innere Vorgänge in den kriegführenden Ländern.

1. Stand a nr I a h r e s b e g i n n.

Rückschauend kann man unumwunden zngeben, daß, zur Zeit der vorigen Jahreswende die allgemeine Weltlage gegenüber dem Zustande bei Kriegsausbruch für uns nicht günstiger geworden war. Es war uns noch nicht gelungen, die Flut von Verleum­dungen, mit welcher unsere Gegner die ganze Welt überschwemmt hatten, wesentlich einzndämmen. Amchi die Kriegslage lvar noch