Ausgabe 
15.12.1915
 
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NgeZ Verweilen, ein Mschiedneymen von dem Lotgeweihten Boden der Hennat.

Langsam schritt Eke heute da noch einmal all die wohl­vertrauten Wege. Ein leis zitterndes Weh im Herzen; denn allenthalben umwitterte sie der Hauch dieses großen Ster­bens. Und morgen wurde es geschehen: mit der feierlichen Einweihung der Talsperre oersiel der Rauhe Grund seinem Schicksal.

Schon heute flatterte es drüben am Staudamnr lustig im Winde. Hunderte von Fahnen und Wimpeln, Girlanden mit leuchtenden Rosen schaukelten sich an den hohen Masten. Weithin leuchtete das große Ehrenzelt, das all die vornehmen Gäste bei dem weihevollen Festätt auf- ne'hmen sollte. Mit peinlicher Sartberkeit war die riesige Baugrube aufgeräumt, kein Sternchen am Boden zu sehen, ganz hell leuchteten die Quadern der Sperrmauer im Sonnenlicht. Schlank und keck sprang der Turm mit der Wärterwohnung mitten auf dem Manertuall vor. In ge­sammelter Krast und doch feierlich mit seinen hohen, schmalen Fenstern zwischen den säulenähnlichen Mauerpfeffer^ erhob sich seitlich der nwnumentale Bau des Kraftwerks. Heitere Festesfreude lag schon heute über dieser Stätte, wo jahrelang nur das keuchende Stöhnen der Arbeit geächzt hatte.

Um so ergreifender wirkte die schwere Stimniung hier im Unterdorf, durch das Eke jetzt noch einmal hinschritt. Das Schweigen des Todes lastete über dem Ort. Verlassen waren die meisten Häuser schon seit Monate::, die leeren Fensterhöhlen starrten schauerlich wie erloschene Augen. Halb verfallen waren die Wohnstätten, überall Risse im Maue»'- werk, Dächer mit hervorspießenden Sparren, Fenster uno Türen herausgerissen wie alles, was nicht niet- und nagelfest war. Wie, wenn der Landfeind hier gehaust mit Mord und Brand.

Eke trat in eines der verlassenen Gehöfte. Sie kannte es gut. Hier hatte damals die kranke Frau vom Schmied ge­legen, deren Kinderchen sich bald so zutraulich an sie ge­schmiegt hatten. Wo mochten die Leute jetzt wohl sein? Be­drückt blickte sie um sich. So eigen hatte hier einst alles aus­geschaut und nun! Ein großer Schutthaufen mitten auf dem Hofe; allerlei Gerümpel, verrotteter Hausrat. Und drinnen im Innern ein wüstes Chaos von herabgestürztem Wandputz, Gebälk und Mauersteinen. Dort lugte sogar der freie Himmel durch ein klaffendes Loch in der Decke. Be­klemmend legte es sich Eke die Brust. Und jetzt scholl ein verirrter Laut an ihr Ohr. Das dumpfe Brüllen einer Kuh, wohl der letzten noch hier in dem sterbenden Dorf. Wie Angst klang es aus dem Schrei, daß man sie vergessen könnte aus der Flucht vor dem großen Verderben.

Da kam es auch über Eke, ein Bangen, als ob die morsche Decke über ihrem Haupt sich drohend bewegte, und \it kehrte zurück zur Straße, an dem Gärtchen vorbei. Ueppig wucherte hier noch alles. Aber ein Bild der Ver­wilderung. Und überall diese Sterbensstille. Nur aus der dichten Notdornhecke am verfallenen Staket klang jetzt ein helles Zwitschern. Doppelstimmig, fröhlich und unbesorgt. Ein Vogelpärchen, das dort nistete, ahnungslos, voller Ver­trauen seine Brut barg an der Stätte, die dem Tode geweiht war. Ein Schauer griff Eke ans Herz. Waren es auch nur armselige kleine Tierchen es war doch hoffnungsvolles, junges Leben, das dort morgen vernichtet werden würde. All das Schwere, Ungeheuerliche dieses düsteren Zerstörungs­werkes, mitten im Frieden der lebenatmenden Erde kam Eke da plötzlich zum.Bewußtsein.

Wie eingeschnürt war ihr die Brust. Und nun schlug es plötzlich auch an ihr Ohr. Eff: Zittern, hoch oben in der Luft, dann ein Hallen, dumpf und bang kurze, abgestoßene Laute^ Die Glocke vom Kirchturm. Zum letzten Male ließ sie ihre Stimme über das Dorf hinschallen.

Einem dunkeln Zwange gehorchend, folgte auch Eke den: Ruse. Nun stand sie vor der Kirche, der alten, wohlvertrauten aber nein nur eine Ruine ragt ja dort. Allein der Turm stand noch und ein Teil des Chors. Alles übrige war verschwunden, abgetragen. Ein Unternehmer hatte das brauchbare Baumaterial aufgekauft.

Inmitten der traurigen Ruine, unter den öden Fenster­höhlen des Chors, stand erhöht auf den Trümmern ein Not­altar und vor ihm Pfarrer Burgmann. Ringsherum zwi­schen Schutt und Mauerresten, was noch an Menschen sich barg in dem totgeweihten Orte.

Im Innersten ergriffen trat Eke näher. Ihr Blick suchte den alten Mann, der dort zum letzten Male stand im Priester­

rock. Der starre Eiferer war nie ihr Freund gewesen. Aber wie sie ihn jetzt stehen sah mit dem verfallenen Greisenantlitz und denl spärlichen Silberhaar, tu den Trümmern seiner Kirche, überkam sie ein Mitleid. Sie begriff. Was ihn zer­brochen hatte, das war nicht die kurze Spanne Zeit, die in­zwischen über seinen Scheitel hingegangen. Sein lodernder Glaube, der mit seinem Gott gerungen wie ein zweiter Jakob, er war ihm in Stücke geschlagen wie seine Kirche hier. Das Neue, gegen das er angerungen, es war hinweggegangen über ihn mit ehernem Tritt.

Bewegt lauschte Eke da der zitternden Greisenstimme, die durch die Ruine schwang, tief und hohl. Burgmann hatte zum Text seiner letzten Predigt, am Tage, bevor die vernich­tenden Wasser kamen', die Worte aus dem ersten Buch Mosis gewählt, von der Sintflut:

Aber die Erde war verderbet vor Gottes Augen und voll Frevels.

Da sprach Gott zu Noah: Alles Fleisches Ende ist vor mich kommen; denn die Erde ist voll Frevels von ihnen, und siehe da, ich will sie verderben mit der Erde.

Und da die sieben Tage vergangen waren, kam das Ge­wässer Sintflut auf die Erde. Das ist der Tag, da aufbrachen alle Brunnen der großen Tiefe. Und das Gewässer nahnt überhand und wuchs so sehr auf Erden, daß alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel bedeckt wurden. Da ging alles Fleisch unter, das auf Erden kriecht, an Vögeln, an Vieh, an Tieren und allen:, das sich regt auf Erden, und alle Menschen. Alles, was einen lebendigen Odem hatte auf Er­den, das starb."

Still lauschten die Hörer dem, was Burgmann zu ihnen sprach. Auch dann, als seine eigentliche Predigt zu Ende. Abschied nahm er von seiner Kirche hier, von seinem Amt und von seiner Gemeinde, der er an fünfzig Jahre gedient mit allen:, das in ihm war: Er würde nicht mehr mit hinauf­ziehen in das neue Gotteshaus, das sie droben im Oberdorf erbaut hatten im letzten Jahre. Da mochte ein anderer, ein Jüngerer, seines Amtes walten. Er trat in den Ruhestand. In der Ferne wollte er den Rest seiner Tage hinbringen, wo ihn nichts erinnerte an Zeiten, die einstmals waren.

Tief ging es zu Herzen, selbst für Eke, wie sie nun alte zu ihm drängten, Greise im Silberhaar wie er, Männer harter Arbeit und weinende Frauen, die ihre unmündigen Kindlein noch einmal der segnenden welken Hand darboten.

(Fortsetzung folgt.)

Die Letzten von windeck.

Bon Otto Braun.

Die Bnchenscheite krachen im offenen Kamin, daran ich, des Burgkaplans Kerscheiweißer Chronika derer von Windeck, auf den Knien sitze und träume. Träume. Denn woher käme es mir sonst, daß ich über einen: trockenen Pergamontbarw vermeine, neben dir, Hold-Jlse, auf den: Bergfried von Windeck zu stehn, deine kleine Hand in der meinen? Daß ich vergebens zu ergründen suche, ob ich jetzt in den Himmel hinein oder in zwei sehnsuchtsblaue Augen schau? Blau die Augen, blau der Himmel gleitende, wiegende Wünsche auf allen Wolken wir beide allein in Glück mid Licht und Seligkeit, Ilse, wer bist du, die mir süspäranrig aus den staubigen Blättern eures uralten Mönchsbuches zunickt und die kleine, tapfere Hand reicht?

Die Chronik raschelt. Und zum andern Male lese ich.

Und geschähe es eines Tages, daß der von Würdeck ein fremd Kind, so ihn, als er mit seinen Knechten aus dem Busch über reisende Kaufleut kommen mrd sie erschlagen, aus einer Sänften heraus mit großer: Blauaugen gar lieblich an gelacht, mit ihme auf seine Burg genonrmen hat. Hat seiner Hausfrauen das Mägd­lein, so drei Lenze zählen mocht, anempfohlen mit dem Geheiße es seinen zween Söhnen in nichts nachzuachten, vielmehr es als eigen Fleisch und Blut zu halten, maßen es ein Waislein sei und aus guter Art. Hat aber keines erfahren außer die Knecht, so bei dem Uebersall zugegen gewesen, was Bewenden es mit den: Kind-i lein gehabt haben :nöge. Der von Wüweck hat ein scharf Gebot erlassen: Solle sich niemand unterfangen :mchzuforschen oder zu erfragen, woher das Mägdlein kommen sei. Ist es also mit den zween Junkern, so um zwei und drei Jahre früher geboren waren, ausgewachsen und vorerst nicht anders denn eine Schwester aivq gesehen worden. Ein sichtbar!ich Wohlgefallen hat der Herre Gott an dem Wandel des Mägdleins genommen, so den Namen Elisa-q beth geführet, gemeiniglich aber Ilse gerufen worden ist. Wie dann, da es eines Tages sich zu weit über den Born gelehnet und in den Abgrund gefalle:: ist, ein vergessener Mauerhaken sein Rüch- lein erfaßt und das Kind vor de:n gewissen Tode be:vahret hat. Ist nicht das einzige Mal, da ihme der Hnnmel seinen Engel ge-