Ausgabe 
27.11.1915
 
Einzelbild herunterladen

734

Er stürzte sich aus sie, als könnte sie sich doch noch anders besinnen. Erst, als er sie in seinen Armen suhlte, jauchzte es in ihm auf, in sinnlosem, trunkenem Gluck.

*

Wieder einmal kam der Lenz ins Land mit lachendem Sonncngruß, der froh in alle Herzen drang, und schaute sich mir, wie's stand im Rauhen Grund. Aber da gab es' genug zu verwundern.

Gleich bei seinem Eintritt'drunten im Tat, wo der Fluß sich seinen Weg durch die Berge gebrochen hatte, wühlten sie wie die Maulwürse. Statt der lichtgxünen Wiese, die dort sonst stets den Frühling zu grüßen Pflegte, gähnte setzt eine liefe, haushohe Grube, und so groß, als wollten sie das ganze Torf darin begraben mitsamt der Kirche.

Und in dieser Riesengrube, wie droben in den benach- barten Bergen, an den Steinbrüchen, ein Rasseln, Krachen, Schlittern, Gellen Tag und Rächt. Ein Ameisengewimmet von Menschen, die sich mühten im Schweiße ihres Angesichts, Lasten zu heben und weiterzuschleppen. Hunderte, viele Hun­derte. Hell schwangen ihre Schreie, ihre Verständignngs- signale über den: ständigen dunkeln Brausen ihrer Giganten- arbeit. In seltsamem Sprachengewirr. Ein dämmerndes Er­innern kam da dem Lenz. Aus uralter Zeit der Erde: War das nicht ganz so ivie damals im fernen Morgenlarrde, zu Babel, als menschlicher Jürwitz und Hochmut auch so den Himmel hatte stürmen wollen?

Aber noch viel Verwunderlicheres gab es zn sehen. Rahe davon, aber unterhalb der Sperrmauer, wo schon die riesige Krastzentrale anfgemaucrt ivnrde, draußen in der Ebene, wuchs es ans der Erde. Mitten auf freiem Felde, aus braunem Ackerboden: Hochragende Bauten. Wie drinnen in den Städten der Menschen, mit ihrem wimmelnden Treiben, die riesigen Kaufhäuser, Karawansereien und all die Stätten ihrer rauschenden Lust. Und war doch weit und breit iwch keines Menschen Dach, hier zu sehen. Die Stätte war cs, wo des Reuschi-Mannes Gründergeist sein Wesen trieb.

.hell lachend schüttelte der Lenz sein Sonnenhaupt und g weiter hinaus im Grund, zum Unterdorf. Hier bewill- mmnete ihn frommer Glockenklang. Das war ivie ehedem, lvenn er in feierlichem Frieden ins Land kam. Aber ans dem Gotteshanse scholl^eine leidenschaftlich zürnende Stimme, als erginge dort ein Strafgericht über die sündige Menschheit. Da blinzelte der Lenz, verstohlen durchs hohe Chorsenster, daß ein verirrter Goldstrnhl schräg durch die ernste Dämmerung drinnen brach und das greise Antlitz auf der Kanzel mit einein überirdischen Leuchten nmwob. Uno gewaltiger noch dröhnte die prophetische Stimme:

Gott aber wird es nicht zulassen, daß solches hier geschieht, daß über fein heiliges Haus die Wasser gehen. Wenn die Merrschen ihn verraten, so wird er selber die Stätte schirmen, wo das Kreuz erhöhet steht, lind müßte er ein Wunder tun, mit seiner strafenden Allmacht die aberwitzigen Frevler zerschmettern, die sich vermessen, den Flüssen ihren gottgewollten Lauf zu verrücken, und die Berge zu versetzen, die seine erhabene Weisheit aufgebaut hat, hoch da droben!"

So ganz hatte sich der zornentflammte Gottesmanw hineingeflüchtet in diesen letzten Trost seines erschütterten Glaubens, daß seine dröhnenden, prophetischen Worte einen starken Widerhall fanden iit gar manchem Herzen. Nament­lich bei den Frommen im Larrd, bei denFinen", die sich mit iPosannenschall, mit Beten und Hauspredigt die Gnade ihres Gottes zn erringen wähnten.

Für sie ward es allmählich zn einem Evangelium, daß jenes große Wunder geschehen werde. Eines Tages würde der Herr in seinem Zorn der Erde befehlen, sich aufzutnn, und sie alle zu verschlingen, die da dmmten an dem gott-. losen Werk arbeiteten. Oder der Berg würde sich erheben, Über ihnen und sie zermalmen, zu eitel Staub- und Asche.

Und sie bereiteten sich an ihrem Teil mit vermehrter Andacht und gottgefälligem Werk auf dieses furchtbare Strafgericht vor, daß es gnädig an ihren Hütten vorüber­ginge. Aber manchem von ihnen loard das heilige Leben zum Unheil in seinen irdischen Umständen. So auch bei Schreiner Holtmann, der sein Hänschen drunten im Unter­dorf hatte, gerade neben Bergverwalter Manskopf, wo jetzt die Reusth-Mutter ihre Tage hinbrachte. Der Holt­mann-Philipp karn vor lauter Beten und Predigen nicht mehr zum Arbeiten. Deri ganzen Tag scholl ans seinem Lause in die Nachbarschaft das Psalmensingen und Gebets-

murmeln: dunkel und einförmig, wie ein taktmäßig rau­schender Brunnen. Und so schön wußte er zu predigen, daß in seiner Stube die Frommen sich drängten von früh bis spät. Gar stolz ivard des Holtmann-Philipps Frau ob dieses Ruhms ihres Ehemannes. Schier mehr Zulauf hatte er ja als der Pfarrer in der Kirche! Und sie ließ es sich, nicht nehmen, die Andächtigen nach der Erbauung mit Kaffee zu bewirten und Kuchen, und sonstigerr guten Dingen. Der irdische Leib wollt' ja auch sein Teil. So ivard das Ansehen des frommen Schreiners bei denFinen" denn größer von Tag zn Tag. Aber bei den andern im Dorf lief ein Raunen um:Mit dem Holtmann-Philipp geht's bergab. Der wirt­schaftet hintennaüs." Da sperrten die Krämer bald die Mren! zn vor dem Heiligen und seinen Frauensleuten, und der Zulauf der Andächtigen in seinem Hause verlief sich darauf­hin merklich. Doch der Philipp wollte darum nicht verzagen, oblvohl seine Frau jetzt gar nicht mehr so stolz auf ihn war, sondern weinend im Haus umherhockte. Manchmal auch scheltend, mit scharfer Zunge: Was denn das ganze heilige Gehabe solle? Auf den Hund kommen täten sie nur dabei. Sonst nichts ! Aber der Philipp steckte seine Prophetenmiene auf, strich sich würdig den langwatlenden Apostelbart und sprach mit frommem Augenausschlag:Weib, was sprichst du in deinem Unverstand? Ter .Herr vergeb' dir die Sünde. Aber ich^ will mich nicht gleichen Wankelmuts schuldig machen. Steht es denn nicht geschrieben: Sehet die Lilien auf dem Felde an, sie säen nicht und ernten nicht, und unser himmlischer Vater ernährt sie doch? Wahrlich, Weib, ich sage dir: Der Herr wird sich erbarmen auch über seinen frommen und getreuen KUecht!^

Mso sprach's der Holtmann-Philipp salbungsvoll, und seit der Stunde hing ein leerer Sack vor der Tür seines Hauses. Aber das erhoffte Wunder geschah nicht. Kein Rabe kam und speiste den Propheten. Dafür blieb aber der Spott der Nachbarn nicht aus, die den Narren und Betbruder offen verlachten.

Das ätzende Gerede drang auch zu den Ohren dev Reusch-Mutter, und es tat ihr leid um den Holtmann- Philipp, der früher ein arbeitsamer, wohlgelittener Mann gewesen war, ehe er denFinen" in die Hände siel. Da tastete sie sich eines Morgens in aller Frühe hinübev ins Nachbarhaus. Trübselig saß dort der Prophet inmitten der Seinen mit hungrigem Magen. Doch rasch begann er seine Gebete zu murmeln, als die Nachbarin erschien.

Laßt's genug sein damit, .Holtmann-Philipp," ent­schieden sagte es die Rensch-Mutter, und ein klarer Ernst stand in ihrem greisen Antlitz.Davon habt Ihr getan mehr als gut. Arm habt Ihr Euch gebetet. Nun, Ihr sprecht so gern, Ihr kennt die Schrift. Aber Ihr habt Wahl ganz das kleine Wörtlein vergessen, das dort auch geschrieben steht: Betet und arbeitet?"

Verlegen kehrte der große Prediger sein Llpostelgesicht zur Erde nieder vor ben lichtlosen Augen, Me ihn doch so eindringlich anschanten. Tie Reusch-Mutter aber sprach weiter:

Nun, Holtmann-Philipp. Wir fehlen alle. Der eine hier, der andere dort. Das Beten hat Euch arm gemacht, versucht's nun einmal mit dem Arbeiten. Dann wird schon wieder was kommen in den Sack Mi draußen!"

Seit der Stunde verschwand der Sack voii Holtmanns Tür, und langsam ward's wieder anders bei ihm/Und wenn des Schreiners fröhliches Pfeifen zum Hobelkreischen vom Nachbarhaus scholl zu Mittler Renschs Plätzchen auf der Hausbank hin, dann nickte sie ihm hinüber.

Das ist besser, als Gebete plärren, Holtmann-Philipp, und unserm Herrgott droben eine liebere. Musik!" ^

(Fortsetzung folgt.) ^ "v

Johannes Trojan.

Eine Grabrede von Fritz Droap (Danzig).

Es ist nicht leicht, <m den Tod dieses Preten zu glauben, der trotz seines Alters noch immer mit kindlich fröhlichen Sinnen durchs Leben ging. Von seiner Bahre schweift der Blick unaufhalt- sam zurück zu jenem frohen Angnstabeird des Jahres 1907 , da der Siebzigjährige mniitten seiner Freuirde und Verehrer sich erhob um mit humorvoll-kernigen Worten für die Beweise der Liebe zn danken, die ihm von allen Seiten in so herzlicher Weise entgegen-, gebracht wurden:Daß ich jetzt Greis genannt werde, muß ich Hilden und hätte auch nichts dagegen, wenn damit nicht das fatale! Eigenschaftswortgreisenhaft", das etwas ankindisch" anklingt.