Ausgabe 
24.11.1915
 
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Ma'nra würde Jo froh sein, Mama, die sich immer ärgerte, weil sie stets so still und allem war und nie ins Wohnzimmer kommen wollte, wenn Besuch da war. Wer Margit liebte Mamas Besuche nicht, ganz abgesehen davon, daß sie eine tödliche Angst vor srenr- den Menschen hatte. Mit den Andern der Hmrslente zu spielen, war nicht schwer. Doch das erlaubte Mama wieder nicht. Es war nicht fein, wie sie sagte. Dagegen fühlte sich Margit ganz, gelähmt, wenn irgend einefeine" Dame ein paar gönnerhaft auftnunternde Worte an dasmerkwürdige Kind" richtete und« dabei im ganzen Zimmer herumguckte, oder ihr mit der lnn- Lekleideten .Hand oberflächlich über die Haare strich. Dann hatte sie auch gefunden, daß die Ettern immer viel mehr Streit mit­einander hatten, wenn Mama viele solche Besuche gehabt hatte. Und das Streiten zwischen Papa und Mama tat so weh. O, wenn -sie nur wüßten, wie weh es tat. Wer da sie nicht sprach, so konnten sie es wohl nicht wissen, und sie selbst schienen nur böse zu sein, doch-keinen Schmerz dabei zu fühlen, wenn sie einander etwas antaten. Mamas schönes Gesicht wurde dann ganz häßlich und Papa sah zum Fürchten aus, wenn er mit der Faust ausschlug. Dann schlich sich Margit mit schwerklopfendem Herzen hmaus, nahm ihre geliebte Puppe-auf den Schoß und drückte sie so zärtlich an sich, wie sie sich dunkel sehnte, von ihren Eltern ans .Herz gedrückt zu werden. Und wenn die lahme Julie da war, die zwei­mal in der Woche kam, um zu nähen und zu flicken, dann gingt sie zu der. Sie saß dann mit der Puppe im Arm aut Fenstertritt­während die lahme Julie flink die Nadel durch die Leinwand zog, dabei über ihre große Hornbrille hinweg auf die Arbeit sah und mit ihrem zahnlosen Mund Margit die schönsten Geschichten er­zählte. Tie lahme Julie war sehr fromm und alle ihre Geschichten stammten aus der Bibel. Margits. Herz schwoll imm'er vor Mit-« leid mit den irrmen Märtyrern. Am schönsten aber war die Geschichte von unseren!! Herrn Jesu Christ, der sich ans Kreuz schlagen ließ, um die Menschen zu erlösen. Julie erzählte seinen Leidensweg mit allen fürchterlichen Einzelheiten, und Margit sah dann wohl ihre eigenen kleinen .Hände an und wunderte sich, ob das wohl sehr weh tun mochte, wenn man da einen Nagelt durchtrieb. In Gedanken kehrte sie immer wieder zu diesen Dingen zurück, well ihr die Demut, die lächelnd die leidvollen Gebote des Herrn auf sich nahm, ohne daß sie das wie oder warum begriff, eine eigene, tiefinnere Glückseligkeit mitteilte. Ueber diesen Erzählungen mit der Puppe im Arm vergaß sie, daß in einem andern Zimmer Papa und Mam'a sich häßliche Worte sagten, Worte, deren Sinn sie nicht verstand, die aber so ins Herz schnitten.

Mama kümmerte sich nicht darunk, was die lahme Julie Margit erzählte, aber wenn sie die beiden beisammen sah, rief sie Margit immer weg, well es sich nicht schickte, sich mit Dienst­boten zu unterhalten. Das konnte Margit nicht verstehen, trotzdem sie es sonst immer innen fühlte, wie sie Unrecht getan hatte. So folgte sie eben, ohne zu verstehen. Anr liebsten hätte sie alles auf dieser Welt mit Liebe umfaßt, wenn sie nur nicht so oft geahnt hätte, daß die meisten Menschen ihre Liebe nicht wollten oder nicht brauchten. Dann zog sie sich ganz in sich selbst zurück und schämte sich. Papa und Mama aber, die brauchten sie, wenn sie selbst es auch nicht'so recht merkten. Die wußten oft beide nicht, !vas man tun mußte, um gut zueinander zu sein. Und Margit, die für nichts ein so gutes Gedächtnis hatte, lvie für das, was andere gern mochten oder nicht, trachtete in ihrer Weise immer, die Lücke auszufüllen. Wenn Mama frug, was man morgen kochen solle, daun nannte Margit unweigerlich Papas Lieblingsspeise und lehnte die guten Dsnge. ab, die sie selber gerne, aus denen) Papa sich aber nichts machte. Sie wußte, daß Papa Unordnung nicht leiden konnte, und wenn sie aus der Schule kam und nicht alles bereit fand, tveil Mama, die sich um Papas Wünsche gar nicht kümmerte, die Haushaltungsarbeiten anders eingeteilt hatte, dann fing sie stillschweigend selber an, mit ihren kleinen ungeschickten) Händen alles zurechtzustellen. Maina sagte dann wohl:Es ist doch komisch, was für eine Passion für das Wirtschaften Margit hat." Mer Margit hatte nicht die geringste Passion für das Wirt­schaften: sie sah nur, wie Mama sich gar nicht darum kümmerte, daß alles hübsch iir Ordnung >var, wenn Papa nach Hause kam, Und daß Papa sich dann nicht behaglich fühlte. Sb mußte sie das Nötige wohl selber tun. Sie fühlte die Last des Unfriedens, die auf dem Hause lag, so schwer, daß sie alles tat, um sie zumildern. Ms ihrem ahnungsvollen Gefühl heraus, daß sie nicht auch noch dazu beitragen dürfe, Mißstimmung zu' erzeugen, versuchte sie oft, sich Unsichtbar zu nrachen, um nichts zu hören. Wie andere lustige, wilde Kinder, die mit fröhlichem Lärm das Haus füllen, war sie nie. Anmerklich, ohne daß einer in ihrer Umgebung sich Rechenschaft davon gab, hatte sich das Verhältnis verschoben, und die Eltern waren Margits Sorgenkinder geworden.

Nun war sie endlich zu Hause. In alter Elle ließ sie sich vom Mädchen die schneeschweren Kleider abnehmen. Beim Eintreten hatte sie die Töne des Klaviers gehört und gedacht, daß Maina eirdlich tvieder einmal Klavier spiele, und daß sie sehr gut auf­gelegt sein müsse. Wie schön sich das ttaf. Mer als sie die Tür zuur Eßzimmer öffnete, saß Papa über seine Zeitung gebeugt da und hob nicht einmal den Kopf. Maura umßte sie doch hereinkonr- Men gehört haben. Aber auch, sie rief sie nicht und antwortetet Nicht aus ihren Grnst Keiner frug sie, wie es ihr ergangen war.

und es war doch ihre erste Gesellschaft getvesen. Keiner der beiden erbitterten Menschen kümmerte sich um sie, fühlte ihre Gegentvart> oder ahnte, wie dieses Schweigen unt grausamer Nichtachtung alle Freude, allen Glanz aus dem kleinen Gesicht sortwischte. Siü hatte sich lautlos aus ihren Stuhl geschoben und versuchte, schnell ein paar Bissen ihres Abendbrodes zu essen. Aber es tvürgte sie im Halse und sie sah dabei verstohlen zu Papa hinüber oder ins Wohnzimmer hinein. Es war dunkel, nur die Kerzen am Klavier erhellten einen kleinen Ausschnitt. Sie beschienen Mamas Gesicht, und Margit sah, daß trotzdem die Mama die Augen starr auf die Noten geheftet hielt, doch die Tränen über ihre Wangen rollten., >Lie spielte ein Stück, das Margit gut kannte. Aber sie spielte es ganz ausdruckslos, und wenn sie die Seite durchgespielt hatte, sing) sie ohne nmzublättern, iuuner wieder von oben an. Sie schien: gar nicht zu wissen, was sie spielte. Es war entsetzlich anzuhören^ Margit hatte solche Augst, Papa würde es nicht aushalten'^ Als sie fertig war, glitt sie schnell von ihrem Stuhl he rach küßte Papa und küßte Mamas kalte, nasse Wange. Papn brummte etwas Unverständliches und Maina nickte nur, ohne die Augenj von den Noten zu wenden und spielte weiter. Dann Bereitet# Margit schnell ihre Schulsachen für den nächsten Tag vor, ließ sich vom Mädchen waschen, die Haare bürsten und flechten und zu) Bett bringen. Das Licht wurde ausgelöscht, und sie lag allein im' Dunkeln, sie lag eine Weile ganz still, bis die Tränen, die M bis dahin ganz dick in der Kehle gesteckt hatten, sich langsam lösten und sie leise zu weinen begann. Wie glücklich war sie gewest ui und imiTt konnte sie.gar nicht begreifen, daß sie,'glücklich gewesen war.- Nein, alles war ganz anders, wenn man tvieder nach Hause kaust Papa und Mama waren von neuem böse und sahen sich nicht an.. Am Nachmittag in ihrer Freude hatte sie es ganz vergessen, daß es so etwas.gab. Und jetzt, da sie es so deutlich vor sich sah, konntä sie sich nicht mehr freuen. Wenn sie nur jemanden gehabt hätten zu dem sie hätte gehen können,-der lieb zu ihr war und ihr sagte, was sie nur tM könnte, um Papa und Mama begreiflich, zu machen, wie schrecklich es war, wenn man sich nicht gern hatte. So schwer . wie ein Stein lag ihr Herz in der Brust. Plötzlich hörte sie, lote irgend etwas krachend zu Erde flog und Papas wutbebende Stimme schrie: .Zum Donnerwetter, wird denn das Geklimper nie aufhören?" Margit fuhr zitternd in die Höhe und ihre Tränen hörten ans einmal auf zu fließen. Sie fühlte sich ganz kalt werden und ihr Herz mit langsamen, dumpfen Schlägen bis in den Hals hinauf klopfen. So saß sie ganz still mit offenen, nassen Augen: im Dunkeln und horchte. Papa und Mama schrien so laut auf! einander ein, d- inan nichts unterscheiden konnte. Manchmal trat eine kurze Paust ein, aber wenn Margit dachte, nun wären sie müde für heute und würden schlafen gehen, dann brach nach einiger Minuten immer wieder einer von beiden mit erneuter Wut koS., Sie waren jetzt im Schlafzimmer, und Margit konnte alles hören, aber keiner von beiden dachte daran. Jeder häßliche, baßer-/ füllte Hohn, aller Hohn, alle grausame Lust, einander tief, tief zu verwunden, Wort für Wort von beiden Seiten hämmerte aufi sie ein. Sie verstand es nicht, aber sie fühlte es. Sie kroch imtey die Decke, nur nichts mehr zu hören, Alber es half nichts. Sie konnte nicht einschlafen. Sie warf sich hin und her, um mit kleinen Geräuschen den Lärm, der aus dem Nebenzimmer drang, zu über- töneir. Auch das nützte nichts. Und nun saß sie wieder aufrecht in ihrem Bettchen, wacher als anr Tage, und die hilflosen Ge­danken kamen und gingen. Ihre Zähne schlugen leist aneinander, so fror sie in dem dünnen Nachthemdcheu. Mer ihre Wangen glühten, und die Augen, fieberhaft groß, sahen starr in das Dunkel hinein. Weshalb war es nun wieder so gekonunen? Weshalb nur? Und wie hatte sie sich nur freuen können, wem: Papa und Maura sich weh taten? War es immer so? Mußte inrm'er irgend etwas! sehr weh tun, nachdem man sich gefreut hatte? Mer sie hatte sich doch gefreut, und die Elter ir machten sich Kummer. Konnte man nicht auch das andere für sich allein haben, wenn man das eine gehabt hatte? Nachdem sie die Freude gehabt hatte, sollte doch der Kummer auch sie allein treffen. Aber vielleicht, wenn sie aus ihre Freude verzichtete, hörten die Eltern aus, sich lveh zu tun? Ach ja, das wollte sie tun. Sie wollte Gott bitten, ihre Freude wegzunehmcn und dafisr die Eltcrrr gut zu nrachen. Dann wollte sie immer glücklich sein, und nie etwas anderes verlangen.

Die Geschichten der lahnien Julie fielen ihr ein. Früher, wenn Gott böse gewesen war mit den Menschen, dainr hatten sie ihm ihr Liebstes dargebracht und dann war der liebe Gott wieder gut geworden urrd hatte ihnen alles gegeben, worum sie gebeten hatten. Jetzt wußte mau nie mehr gewiß, ob mau bekonrmen würde, was man sich wünschte. Vielleicht, iveuu sie es so versuchte, konnte sie den Eltern helfen. Sie hatte sich zu sehr über ihre wunderbare neue Freundschaft gefreut, deshalb war das Schreck­liche tvieder gekommen. Mer, tvenu sie nie mehr mit Annie sprechen oder spielen würde, so gern sie ihre Freundin auch hatte, daunj würde der liebe Gott die Eltern sicher wieder gut machen. Annie würde wohl denken, Margit sei ein böses, falsches Ding, aber je weher das tun tvürde, umso glücklicher mußten ja die Eltern! werden.

Sie faltete die Hände und sagte leise vor sich hin:Lieber Gott, ich null auch immer tuir, tvaS dn tvillst, und nie mehr mit Annie spielen. Ich brauche cs wirllich nicht, mache nur Papa und Mama tvieder gut. Lieber Gott, höre zu und sei gut zu mir." Sie sagte es mehrere Male hintereinander mtb legte sich dann