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festhalten. Grellfarbige Oeldrucke an den Wänden zeigen den Vizegeneralissimus Enver Pasck)a und den Sultan.
Der ,,Kawetschi" der Kaffeewirt, nähert sich uns mit sreund- ncher Miene und fragt nach unserm Begehr mit dem schlichen ^.Custn-uu" .(Ton auf dem letzten ,u"), das etwa bedeutet „tvas ist gefällig?" Wir habe:: die Wahl zwischen „scheketti Kawe^ und ,,pade Kawe", gesüßtem und ungesüßtem Kaffee. Die Art der Zubereitung erheischt, daß wir uns zuvor für einen von beiden entscheiden. Den Kaffee nachträglich zu süßen ist unbekannt. Welches smd nun die Geheimnisse des Kaffeekochs? Er hat nichts zu verbergen. In einer Ecke des Lokals, abgcgrenzt nur durch eine Act schmalen Ladentisch, ist ein Laboratorium. Dort unterhält er ein offenes, dauerndes Holzkohlenfeuer, über dem ein ziemlich hohes, zylindrisches Messinggefäß, der Wasserkessel, steht. Kochendes Wasser ist immer zur Hand und wird am Boden des Kessels durch einen Hahn abgelassen. In ein tässengroßes Messiuggesäß mit langem Handgriff schüttet er staubfein gemahlenen Kaffee uird Zucker uiid füllt kochendes Wasser auf. Auf denr Holzkohlenfeuer läßt er die Mischung kurz aufwallen und der „schekerli Kawe", den wir gewünscht haben, ist fertig. Er wird uns in einem winzigen Täßchen dargereicht. Behaglich schlürfend, senden wir unsere Blicke auf Kundschaft aus. Da steht vor uns auf dem Tisch, getragen von einem sich nach unten verbreiternden Fuße, eine Messingschale, Qualitätsarbeit, die dem deutschen Werkbund Ehre machen könnte. Ein Aschenbecher! doch man zweifelt noch: die Form ist ungewöhnlich, und wir sind in dem Lande, wo nran rwch ohne manche der uns unentbehrlich erscheinendeli Kultur- errungenschasten auszukommen weiß. Ein wallnußgroßes, aschengraues Etwas auf dem Beckeii der Messingschale zieht unsere Aufmerksamkeit an. Aus jedem Tisch dieselbe Schale mit demselben Inhalt. Die neugierigen Finger werden mit einem Schrei zurückgezogen; das Tageslicht verbarg das glimmende Rot in dem Stückchen Holzkohle, das als Feuerzeug dient; sparsam; denn eine kleine Schachtel Streichhölzer kostet zurzeit 30 Para oder 15 Pfeir- nige; bequem: der Raucher neigt den Kops ein wenig nach vorn, und die Zigarette glimmt. Wie versteht es der Türke seinen „Ke—if" ruhevoll und ergiebig zu gestalten, wie fein weiß er die „Tücke des Objekts" zu umgehen, von der Bischer in seinem Roman „Auch Einer" so anmutig und belustigend zu plaudern versteht! Man vergegenwärtige sich den Allerwelts-Streichholz- ständer mit Aschenteller darunter und beachte seinen Schelmen- blick, der aus den abgewetzten Reibflächen strahlt, wenn Herr Hastig aus Mitteleuropa im Begriffe ist, sich eine Zigarette anzuzünden. Umständliche Muskelarbeit! Ritsch! Das Hölzchen bricht. — Ratsch! Die Zündmasse splittert ab. Ein winziges Fünkchen springt auf den Daumen und bohrt sich brennend in die Haut. Unmut keimt auf im Blick und im Gemüt des Herrn Hastig. Neue Alv, strengung. Ritsch! Der Streich, unsanft geführt, trifft den Teller- raud. Der schwippt ein wenig und streut seinen Inhalt auf Tischtuch und Kaffeegeschirr. Die unappetitlichen Stummel liegen zwischen blendend weißen Zuckerstückchen. Herr .Hastig schnaubt vor Zorn: Indessen: Erneuter Vorstoß gegen das von Schadenfreude in einen: Sonnenstrahl blinkende Zündholz-Arsenal. Ratsch! Das schliddert mit kokettem Wiegeschritt über die Marmorplatte . .
In der Hast, es aufzuhalten, stößt Hastig die Kaffeetassen auf der Gegenseite um, deren Inhalt sich auf den Schoß und auf das neue weiße „durchbrochene" des freundlichen Mädchens ergießt, das dem Gefoppten die Sonntag-Nachmittage angenehm verkürzt. Wie weit entfernt ist der Kaffeehaustürke von solcher Unrast, solchem Unbehagen! Er versteht es wie kein airderer mit dem geringsten Kraftaufwand der Ruhe zu pflegen, und das dolce sar niente zu einem wirklich behaglichen Aussehen zu gestalten.
Aber mein Bild ist noch unvollständig. Um ganz in die Beschaulichkeit des Kaffeehauses Ko-if einzudringen, muß man das sanfte Gurren, Gurgeln und Glucksen und Rollen der Wasserpfeife hören und die Tabak,,trinkenden" Türken beobachten. (Jn- seiner Sprache sagt er füx rauchen „ttttün itschmek", d. b. wörtliche Tabak trinken.) Meine Nachbarn zur Rechten und Linken und gegenüber sind interessante Studienköpse. Ihre Minen drücken Gelassenheit, Wiinschloschneit, Genügsamkeit, Augenblicksfreude aus, und von diesen Gefühlen ist auch der übrige Körper beherrscht, der in der einmal eingenomni-enen Ruhelage stundenlang verharrt. Die Rechte hält das unterariu lange, starre, plüschüberspannte Ende des Nargileh-Schlauches mit dem Mundstück. Der Schlauche selbst ringelt sich in gefälligen Windungen zur Flasche und beschreibt um dei: Flaschenhals noch einen kecken Schnörkel. Der eine liebt es, die Flasche vor sich auf 'denr Tisch zu sehen. Der Tanz der Luftblasen im Wasser unterhält ihn. Dem andern gefällt es, das Nargileh zu seinen Füßen zu haben. Bon dort tönt ihm das „Glnck-Gluck-Gluck" recht angenehm an sein Ohr.
In die vertraute Nargileh-Musik klingt aber noch ein anderer seltsamer Laut hinein: Schnipp, schnapp! Klipp, klapp! Die Ueberraschung ist groß. An der gegenüberliegenden Wand sind Bank und Tischreihe unterbrochen. Ein gewichtiger, breiter Lehnstuhl drängt sich dazwischen. Auf marmornem Bordbrett liegen bunt durcheinander Haarbürsten, Kämme, Rasierpinsel, Seifen- schalen, Spritzslaschen. Ein Warenhaus-Spiegel mit Säulchc::^ garnitur spiegelt das alles freundlich! wieder. .Hier hat der „herber", der Haarschneider, seinen „Salon" eingerichtet, damit der Gast die lästige Mühe des Rasierens so angenehm und vorteilhaft wie
möglich, wenige Schritte von seinem „Ke-if"-Winkel entfernt, erledigen kann . . .
Schon seit geraumer Zeit hat der Kaffeelvirt die fetten fwl'en wtggcfioü und zwei Gläser Wasser gereicht. Das ist die übliche Zeche im türkischeii Kaffeehausc, selbst bei stundenlarrgeur Verweilen. „Kawetschi, iki kawe katsch Para?" (Wirt, was kosten ziver Kaffee?) „Bir grusch!" (Einen Piaster: d. s. 20 Pfg.) Irr Friedenszeiten bezahlt man sogar nur erneu halben Piaster, also 10 Pfg. Wir zahlen und verlassen, freundlich begrüßt, die Stätte unseres behaglichen Nachmtttagsauseuthaltes. „Allah ihsmarladir" sagt der Wirt und wir grüßen ihn mit der Ueber-setzung „Gott besohlen".
Vermischtes.
* Die Teuerung in Riga. Wie die Zeitung „Rjetfch," berichtet, erreichte die Teuerung in Riga in den letzten Tagen ihren Höhepunkt. Der neue Polizeimeister erschien selbst auf dem Markte und ließ bei verschiedenen Händlern Protokolle anfnehmen, um fest- znstellen, wie weit' die Marktpreise von den in den Verwaltungsorganen festgesetzten Höchstpreisen abweichen. Es entstand erne gewisse Panik unter den Verkäufern, und mehrere öffneten überhaupt nicht ihre Läden, unter dem Vorwand, daß sie keine Waren hätten. Der Polizeimeister ließ jedoch die Schuppen öffnen, und mit Hurrah begrüßte bas versammelte Publikum die Vorräte an Fleisch, besonders Schweinefleisch, das herausgeholt und sofort zu 58 Kop. statt des früheren Preises von 70—80 Kop. verkauft wurde. Zu gleicher Zeit wurden voir der Polizei Haussuchungen bei Kaufleuten in allen Stadtteilen vorgenommen. Das Ergebnis waren aufgefundene große Partien von Zucker, Mehl, Butter und Streichhölzern. Mit eiuenl Freudengeschrei begrünten die Leute auf der Straße, die aufmerksamst die behördliche): Maßnahmen verfolgten, die überrascheudeu Entoeckungen. Von den letztgenannten Produkten, die als nicht Vorhände): galten, wurde ein Teil requiriert und unter Militärbedeckung nach der Intendantur gebracht; der Rest gelangte zimr Verkauf laut amtlicher Taxe. Der Andrang der Käufer wuchs von Minute zu Minute, so daß der Polizeimeister auordnete, die Leute nur einzeln und per Karte vorzulassen und keinem mehr als 2 Pfund Zucker zu geben. Bald bildeten sich vor aller: Kolonialwarengeschästeu Ketten von Käufern, die der Reihe nach anzukommen suchten. Merkwürdigerweise wurden die meisten Vorräte bei den Kleinhändlern vorgefunden und die größte Partie sibirischer Butter bei einem Eisenhändler. Natürlich waren die schwer vermißten Lebensmittel in wenigen Stunden vergriffen. Bezeichnend für den Grad der Lebensmittelnot in Riga ist n. a. die Tatsache, daß die Eiseubahnverwaltnng auf mehreren Linien selbst Verkaufsstellen errichtete, um ihre Beamten mit den nolweickngfter: Nährmitteln zu versorgen.
. * Armer Norick! „Er war ein Bursche von unend
lichem Humor" — er, der fast ein halbes Jahrhundert lang der König des Berliner Kalauers gewesen ist. Armer Porick, nun liegt er mit Zerschmettertem Schädel da, das Opfer eines betrunkenen Wagenführers. Der Mund, der sich so unendlich komisch verziehen konnte, das Gesicht, dessen bewegliche einzelne Teile jeden zum Lachen reizten, schmerzvoll im Tode verzerrt. Die Tragik des Komikers! Selbst in dieser furchtbaren Zeit, wo alles nur zu leicht das Lachen verlernt, wird man besonders in Berlin, aber auch über die Stadtgreuzen hinaus, den Tod des „u r k o m ischen Bendix" als einen Verlust empfinden. Er war, wenn nicht ein Wahrzeichen Berlins, so doch eine von den Sehenswürdigkeiten, um derentwillen so mancher Provinzler nach Berlin gekommen ist in dem Gedanken: „Das muß ich mir auch einnml ansehen." Nun schweigt dieser schlagfertige Mund auf immer. Aber viele seiner Scherze werden ihn überdauern: „Der Spiegel, so gut wie neu, haben erst drei Leute 'reingeguckt." Die Menagerie, in der es hieß: „Der Ochse ist der Esel unter den Tieren" oder: „Das Zebra unterscheidet sich vom Tiger nur dadurch, daß sie beide gestreift sind. Sehr drollig war auch eine Soloszene, die Benoix in den siebziger Jahren auf die Bretter brachte. Er trat als Käsehändler auf: „Leicht gesagt, für'n Sechser Käse, aber es fragt sich, was für 'ne Nummer!" Denn für sein Geschäft genüge ihm nicht die italienische Buchführung, er habe eine deutsche, eine schweizer, holländische, limburger Buchführung und sogar eine extra für bie Drcierkäse. Sein „Moabiter Contre" erlangte weite Berühmtheit: „An die Wand" = en avant, „Schönhauser Allee" = Chaine anglaise, „Schatze kratze" = Chassez croisez, „Stangenpomade"
= Grand promenade, „Kuddelmuddel" = Moulinez. — Als Sterngucker band er dem Publikum erst den großen und daun den kleinen Bären auf. Sehr sein war die Wendung: „Wer Geld hat, dem gehört die halbe Welt oder, wie der Franzose sagt, dem: monde." Aber nicht nur von der Bühne herab hat Bendix seinen Witz erprobt. Lauge Jahre hindurch hat er einst jene in ganz Deutschland viel belachten Versrcklamen der „Goldenen Hundertzeh):", eines Berliner .Herrengarderobegeschäfts, gedichtet, in denen die politisdieu und Berliner Lokalereignisse auf geschickte Weise mit dem Geschäft der Firma verwoben waren. So lautete z. B. eine derartige Reklame gelegentlich eines Besirches des berühmten Erfinders Edison in Berlin:
„Edisons Bekenntnis:
Herr Edison, der große Mann — Sah sich Berlin mit Freuden an! — Der Postverkehr, die Feuerwehr, — Der Mollen-


