Erich beruhigte ihn.

Ich trage mich mit Hofft::::: gen. Ich kenne Lotte. Was es auch sein mag. Eine .Stimme sagt mir, au: Ende werden wir lächeln,"

29. Kapitel.

Von diesem Tage an war Erich in seiner Seele ge­spalten. Er war nicht mehr er selbst. Zur einen Hälfte galt sein Sinnen und Grübeln der Schwester, zur andern Sw- sänne Rothkirch. Er fühlte es, wie das junge Mädchen nur noch für ihn lebte. Der ganze Zauber ihres Wesens, der bisher wie in einer schönen Muschel verschlossen war, brach mit elementarer Gewalt hervor und streute Sonnenschein über alles, was in ihre Nahe kam. Wenn er ihre Hand be­rührte, glühte es in ihm aus, und der eigenartige Dust ihres Haares lähmte seine Sinne. Wo er ihr etwas zuliebe tun konnte, tat er's. Auch wenn Waldemar in ihrer Gesell­schaft war, gaben sie sich, wie sie waren. Während an den Landesgrenzen Tod und Verderben die Blüte der Nation hinraffte, wuchs in: heimatlichen Frieden die Liebe zweier junger Menschenkinder zaghaft zur Knospe auf. Dieser furchtbare Kontrast erhöhte ihre Seligkeit.

Die Zeitungen verbanden: Bronin mit der Außenwelt. Mit wachsendem Erstaunen hörten sie, was sie bisher nur von fern geahnt hatten, von der unermeßlichen moralischer: Größe des Vaterlandes, von der beispiellosen Opferwillig- keit aller Kreise der bedrohten Nation. Und von den: traum­haft glänzenden Sieaesmarsch in Ost und West. Da fielen alle Schlacken der Kleinlichkeit und des unreinen Denkens ab. Man fühlte sich besser und größer werden, mitwachsend mit dem stolzen Reiche. Die Herzen waren von einer heiligen Stimmung erfüllt.

Wie oft jubelte es in Erich Wölslin auf, wenn die Feld­postkarle:: von Gerhard Ladenbura oder Dietrich Rothkirch kamen. Wenn er doch mit dabei hätte sein können, in Ger­hards Regiment, dessen Farbe sie beide zu gleicher Zeit ge­tragen hatten. Aber dann trat das Bild Susannes da­zwischen. Sie lächelte ihn glücklich an und hielt ihn fest an der Hand.

Du bleibst! : An meiner Seite ist dein Platz. Die Vorsehung will uns glücklich sehen."

Die Vorsehung. Erich übersah sein Leben, ein Weg des Erfolges und des ruhigen Glückes. Aber in der .grauen Ferne - kamen da nicht Schatten herauf? Ihm war das so sicher, daß er die .Hand über den Augen wölbte, um der glitzernden Sonne zu wehren, die alles in ein freudiges Hell auflöste.

In die Mitte des August fiel Susannes Geburtstag. Erich war nach. Bro:nberg gefahren und hatte eine edle Florentiner Vase erstanden. Mit Rosen gefüllt, wollte er s:e auf den Geburtstagstisch stellen lassen. Und Mendels­sohnsTräumende Lieder" hatte er in einen Einband bin­den lassen, der nach seiner Zeichnung kunstvoll hergestellt war, die Lieder, die sie so meisterhaft und innig spielte. Das wollte er ihr selbst überreichen.

Es war ein heller Sonntag.

Er kleidete sich festlich an und ging in das Schloß hin über. Susanne saß allein ans der Veranda. Auf allen Tische: standen Blumen. Sie hörte den Kies knirschen und sah vo, der Stickerei auf. Ein brennendes Rot überfloß ihre Wan gen, als sie Erich Wölflin kommen sah. Sie stand auf unt g:ng ihm ein paar Schritte entgegen.

Erich küßte ihr die Hand und gratulierte.

Und mein lieber Mendelssohn? Wie soll ich Ibr, L:ebens)vürdigkeit erwidern?"

Er hätte ihre roten Lippen küssen mögen.

Da trat sie dicht zu ihm hin und flüsterte:

Segeln Sie heute mit? Nach Tisch geh ich ins Boot B:tte, leisten Sie mir Gesellschaft."

köuigttckst"^^ Susanne Sie revanchieren sich wirklich

Sie errötete wieder.

Wenn Sie die Einsamkeit nicht schreckt? Wir sind allem."

Waldemar schlürfte über die Diele. Er hüstelte wieder leise- " ^ bte ^überspitzen an die Lippen und sagte ganz

Nichts verraten."

Ihre Blicke flössen ineinander in inuiaem Einver­ständnis.

Waldemar brachte die Post.

Feldpost! Feldpost! Ah güten Morgen, Erich! Ja, wenn die Feldpost nicht wäre! Wer schreibt denn sonst noch an uns?"

Er schüttete die Mappe aus.

Die erste Karte von Dietrich. Waldcinar las vor.

Auf Patrouille im Straßengrabein Datum und Wochentag unbekannt. Wir leben zeitlos. Gestern ein nicht übles Reiterstückchen geleistet. Mit drei Mann eine halbe Kompagnie Rothosen mitgenommen. Es fehlt in: übrigen an allem. Daher: Sendet Liebesgaben! Bor allen: Seife, Zigarren. Die letzte zwischen den Lippen. Was nun?"

Die nächste Karte voi: Dietrich war für Susanne. Ein Geburtstagsgruß. Und ganz klein hinterher:

Betau: heute das Eiserne Kreuz."

Darunter von andrer Hand:

Er hat es wirklich verdient. Der Schrecken der Feinde. Der Tod ist ihm nichts. Schreiben Sie ihm, gnädiges Fräu­lein, eine ernste Epistel mit dem Anfang: Nicht jeden Tag eine Tollkühnheit! Gf. Rochwitz. v. Loebell. Gregor, v'. Wro- blewski."

Dann wieder von Dietrichs Hand:

Blasser Neid meiner Kunlpane."

Waldemars und Erichs Augen begegneten sich«.

Der Tod ist ihm nichts!" flüsterte Susi, und führte das Taschentuch an die Augen.

Der Tod ist ihn: nichts!" sagte Waldemar ernst und nachdenkliche.

Von: Osten schrieb Saar, Gerhard Ladeübürg aus Bel­gien. Las mau nicht überall zwischen den Zeilen:Wir haben die Heimat vergessen"? War ihnen nicht der blutige Kamps! znm täglichen Brot geworden?

Susanne schauerte zusammen.

Dann kamen die Zeitungen. Wieder Sieg auf Sieg.

Es ist märchenhast", murmelte Waldemar.

*

Am Boots Platz ging Erich Wölfliu auf und ab. Ein weißer Leinenanzng kleidete die schlanke, sehnige Gestalt. Jtn Knopfloch glühte eine Rose. Vom Buchengang trällerte es leiseDeutschland über alles". Es schimmerte hell durch die Zweige.

Susi!" flüsterte er.

Den Seepsad entlang kam Susanne. Glücklich lächelnd in Unbefangenheit. Erich ging ihr e:itgegen.

So haben wir Kinder uns die Feen und Königskinder gedacht."

Er streckte seinen gesunden Arm ans und. küßte ihre beiden Hände.

Plötzlich stand er still, wie versteinert.

Jeder Tropfen Blut war aus seinen: Gesicht gewichten. Die großen Pupillen starrten auf den weißen Hals des jungen Mädchens, auf das große goldene Medaillon, das an der kunstvoll geschmiedeten schweren Kette in der: Hals­ausschnitt herabhing.

.Susanne sah es und erschrak.

Herr Wölflin?"

Er starrte noch in:u:er auf das Medaillon und rang vergebens nach einem Wort. Endlich kan: es zögernd von seinen blutleeren, zuckenden Lippen:

Verzeihung, gnädiges Fräulein ich, bin mir ist

es es"

Die Worte wollten nicht heraus.

Verzeihen Sie entlassen Sie mich nur ist plötzlich

unwohl geworden."

Er fiel vor ihr auf die Knie und uu:faßte sie leise.

Susanne stockte der Atem, als sie das Beben seines Körpers fühlte.

Dann richtete er sich mühsam aus, drückte einen letzten Kuß auf ihre Rechte und ging weg.

Verzeihung!"

Er schwankte. In seinem Kopse wirbelte es durchjein- auder. Der gerade Fußweg kriiinmte sich, vor seinen Blicken. Bäume und Sträucher drohten über ihn: züsam men­zubrechen.

Entsetzt sah ihn: das junge Mädchen nach.

(Fortsetzung folgt.)