ltrlegrstiefel.
Novelle von Max Brrtri ch.
Unter den Tirolern des Ostens, den Bergbewohnern der Birko- wi:m, waren: zwei Brüder. Ihr Großvater tvar ein knickeriger Mann gewesen, hatte sich vorn Dorfschuster und Schuhhäudler durch Mrb-eit uird ertragreiche Heirat zum Bauerngutsbesitzev aufge-^ schnmngen und Zeit seines Lebens die Schusterbrille behalten mit Vorzügen und Nachteilen.
so lange ihn: der Schuft er sch c m el^Stst tz e war, rückte der Mann für seine in Czernowitz lebenden drei Söhne nicht gen: einen^baren Heller heraus ; dagegen war er immer gelaunt, Schuhe und Stiefel! zu opfern. So wanderren große Säcke mit mannigfachen: Inhalt im Frühjahr und Herbst zu einenr der kinderreichen Söhne; die andere Nachkommenschaft fand sich wie zum Familientag dazu ein; allgemeines Aussuchen, Anpasscn und Scheiden auf dicken Sohlen rvar die Folge.
Die Kind^skinder lernten den Spender nicht mehr als Nachfolger Hans Sachsens kennen, soirdern nur den schuhspendenden Grundbesitzer; während der alte Mann bei seinen gewohnten geringen Bedürfnissen blieb, besremrdeten sie sich mit der Welt. Die Msprüche an das Leben stiegen, wenn auch nicht so unvernünftig, daß sich ihr Ahne ihnen ganz hätte verschließen mögen.
Einer der Enkel besuchte die Hochschule in Lemberg. Der war öfter im Selbstgespräch und stimmte in solchen Zeiten gern Jago zu: „Tu Geld in deinen Beutel!"
Der Großpapa war weniger bereit, klassischeil Anwandlungen zu folgen, doch gestattete auch die alte Schusterbrille einen dem Studenten vorteilhaften Schritt; auf Vorschüsse, so lautete die Antwort, mußt du verzichten: sie würden zwecklosen Ausgaben dienen. Aber schicke mir unerledigte vernünftige Rechnungen zur Einsicht, und ich will dir die ausgelaufenen Beträge senden!
Vernünftige Rechnungen?
Der fein dressierte Verstand des jungen Menschen sagte sich, nach der ganzen Vergangenheit des Großpapas und seinen feststehende:: Gepftogenheiten wurden die vernünftigsteil Mdürf- nisse ihm nichts weiter sein als Stiefel und Schuhe.
Also waren^ die Studenten-Rechnungen nüt Kanonen- und kleinkalibrigen Stiefeln, Sonntags-, Arbeitstags-, Kolleg-, Fecht-, Berg- und anderen Schuhen durchschossen, und wirklich wurden: die ständig anschwellenden Posten nicht bemängelt.
Die Wucherblume gedieh, sie schlug Würzet auch bei den nicht stildier-enden Brüdern — mit dem gleichen Erfolg.
Der brüderliche Dreiverband, selber erslaünt, traute dem greisen Sonderling sogar den nötigen Humor zu, aus den Grund der Dingo zu schaueil, sich aber lieber auf liebenswürdige Art bemogeln zu- lassen, als anerkanntermaßen fiir andere Zivccke als Fußhüllen tiefer in ben Beutel zw greifen.
Der Mann verteidigte eben mir seinen Standpunkt.
Ganz einflußlos guf Denken und Fühlen der Nachkommeio- sebaft konnte diese wirtschaftliche Grundlage nicht bleiben. Ohne sich über die Ursache recht klar zu werden, gjuckteil sie den liebens-, : würdigsten Mädchen nicht nur in die Augen, sondern eben so durchdringend am die Schuhe. Erst das Urteil über die Verfassung voll Oberleder, Sohlen mtb Msätzen entschied endgültig. Tie Erfolge waren nicht schlecht, und so wurden neue standhafte Brücken geschlagen zum Denken und Fühlen des schusterlichen Ahnen.
Zwei seiner Eickel, dem Gerber- und denl Schmiedehandwerk zugetan, waren nach dem Mord von Sarajewo sofort bereit, mit einer Legion von Bergbewohnern frisch vom Leder zu ziehen.
Sie sahen, gleich allen Tirolern des Ostens, ernste, erbitterte und lange Kämpfe voraus, bestellten ihr Haus fürsorglich, tränkten die Sohlen, kräftiger Stiefel mit Leinöl, verbargen sechs Paar Ersatz-Langschäfter in den geheimsten Kellerverstecken bet Uhren, Ringen und einem Sqckchen Geld und zogen mit Blumen *m Gewehr Tmb Hut als siegessicherer Landsturm rüs Feld, bewährten sich als tapfere Schützen und Ivaren immer beckder Hand, den Gegner zu versohlen, wenn 8er Einbrecher auch zäh war wie Galgenleder.
Jede Kugel traf nicht. Der rauschende Strom herbstlichen Regens aber bahnte sich den Weg umso sicherer iir jeden Halskragen, ergoß sich tagelang über den ganzen Körper, floß in die Stiefel und verband sich mit dem raschen Fluß zu Füßen der Legionäre. Und im Winter froren die nassen Kleider zur Nachtzeit glashart, weit man kein Feuer anzünden durfte. Im Sonnen- scheiu wurde der Schaden wieder geringer, und der Körper erholte sich. Nur das Schnhzeug wurde von Tag zu Tag empfindlicher trotz Oel und Fett Und schnürte gleich spanischen Stiefeln den' Geist der Kämpfer ein; denn die Krieger hätten darauf gebrannt, den Feind „anzugehen" und tagtäglich die höhere Erlaubnis erwartet. Nun begann sich das frostige Bcinlcdcr zu sträuben gegen Gewaltmärsche.
, Tie Geplagten versuchten, die Hülle nachts abzulegen und verschlimmerten, ba3‘ Nebel: die Füße wollten morgens überhaupt nicht mehr, hinein mrd fühlten sich bedrückter als durch den ganzer: lauge,: Krieg. Ta behielt die Mannschaft die Fußbekleidung an und fror Mit ihr an den Boden. Man zog! d:e Stiefel! äns und nahm sie gleich dem liebsten Freund schlafend an die Brust, unter den Rock, um sic geschmeidig zu erhalten. Das half. Dock, weil
auch ihre Sohlen dünner wurden, riesen die Stiefel gleich iIrren Besitzern dennoch stürmisch nach Mlosung.
„Wenn wir nur," sagte der Gerber, „unsere Reserve Langschäfter hätte::!" Der Schmied stimmte leuchtenden Auges zu. Einige Kameraden hörten von der Oase und hätten gern geholfen, zu holen und zu teilen; denn neue Kommißstiefel, sagten iic, konnten die in Mahala bewahrten ersehnten Ideale gewiß nicht ersetzen.
Allein in und bei Mahala, nicht weit von des Reiches Grenze, lagen die Russen. Wie viele, in welchen Stellungen, das blieb noch zu erblichen.
Da entschloß man sich, den Blick zu erweitern.
Eine schleichwache drrrfte Katze sein, die Maus im Dunkeln zu beobachten.
Und Schmied und Gerber durften gehen, mit neun Genossen, durch Sprühregen, über weiche Wege. Fünf zur Rechten, sechs zur Linken, so katzelten sie sich zum russischen Nest vor.
Durch Wassergräben schlängelten sie sich: zu versinken drohten sie im Sumpf. Die „Trittchen" saugen und spritzen Wasser :vie Pumpen. Bon Lichtkegeln werden die Patrouillen gepackt, gehetzt wie Schmetterlinge vom Netz. Bon feindlichen Scheinwerfern, von Suchern entfernter befreundeter Mteilungen — w:r will das entscheiden?
Mer in Czenwwitz nistet sich Sorge und Aufregung ein. DeM ein Reiter hat gemeldet, eine Kompagnie rücke auf Mahala vor. Eine Komvagnie? Trotzdem man in Czernowitz kurz vorher mindestens so viel erfahren hat: der Feind besitzt Geschütze, Maschinengewehre, zählt drei oder vier Bataillone! Was will dagegen die Kompagnie ausinchte::? Wer hieß sie vormarschieren?
Gleichviel — sie soll aus den Klauen gerettet werden, in die sie geraten n:uß. Nur nicht Zeit vergeuden mit Nachforschungen! Aufklären n:ag sich der Zwischenfall später! Jetzt handeln: täuschen wir den Russen in Mahala Macht und ernsten .Angrift vor, um die paar Draufgeh er zu retten.
Und sofort fliegt der Befehl zur Artillerie ins Feld: Mahala beschießen!
. Auf Sturmesflügeln kommt das Echo des Befehls zurück: zu Befehl! Wo Totenstille war, ist die wilde: Jagd losgegängen. Die Geschütze wettern ihr Machtwort nach dem Ziel: Granaten und Schrapnells beteiligen sich am Feuerwerk: die Lüfte keuchen u:ü> wimmern: aus das Lager der Russen fallen tausend Mörser aus Teufels Küche.
Kurz vor dem Ziel der Geschosse stutzen die beiden Häuflein, der todesmutigen Streiswache. Sie losen das Rätsel der Artillerie-Beschießung nicht, suchen und finden sich imb sind rasch entschlossen, die Lage auszunützen. „Ein Wink von oben!" sagen sie sich.
Soldat, du junges Blut,
Du bist so hock) geboren.
Hast immer frohen Mut:
Drum wenn Kaiwnen brause::,
So darf es dir nicht grausen;
Wer's Glück hat, kommt davon.
Wer Angst hat, springt davon!
Furchtlos gelangen sie an den Zugang des an einigen Stclkcn brennenden Ortes mit der kopflos gelvordenen Besatzimg.
Schnellfeuer! befiehlt der Führer der Patrouille, und in das Konzert der- Feldgeschütze prasselt ein Patronenhagel.
Da halten die nächsten Moskalen keine zehn Pferde. Sie sehen sich verraten, umzingelt, dem Tod oder der Gefangenschaft geweiht. Die Beine in die Hand: nur rascheste Flucht kann helfen! Wie Besessene jagen sie davon.
Die frohe Botschaft fliegt zun: Kommandanten, und die Geschütze schweigen. Wie ein böser Spuk sind die Geister des Kampfes verschwunden. Der Patrouille ist das Tor geöffnet: „Wer's Glück hat, kommt davon!" Sie sind wie aus einen: tollen Traum erwacht und werden nmjubelt von Lercken, die an ihre neue Freiheit noch gar nicht glauben wollen. Eine wohlbefetzte Tafel, von den Russen in Stich gelassen, tut gut nach Wochen der Entbehrung. Und ein Dach über dem Kopf — Herrlichkeit! Und erst gar die neuen, trockenen, geschmeidigen Langschäfter am neuen Tag — Wunder über Wunder! Sieg auf ganzer Linie. Und die Sieger wie neu geboren. llnd mit frischen Kräften weiter d'rauf, Kameraden — wir elf von den Tirolern des Ostens! Auf neuen Stiefeln zu neuen Zielen! _
vermischtes.
' Ein B ad e o in n i b n 8. Was aus einen: Kraftomnibus nicht alles werden kann! Ein Dürkopp-Omnibus, der ln den Bergen Süddeutschlands in Friedenszeiten den: Fremdenverkehr gedient hatte, wurde nach Kriegsausbruch der Etappen-SanitätS- Krastivagen-Abteilung einer Heeresgruppe zugeteilt. Er >var der üngste und der modernste nicht inehr, und als zweckmäßigere Ver- vundetenlahrzcuge als der brave, nicht-luftbereifte und langsam ahrende Kraftomnibus aus de>: süddeutschen Bergen zur Genüge bereitgestellt waren, dachte man daraus, den guten alten Omnibus in anderer Weise nutzbringend zu verwenden, llnd da erlebte er eine sehr ehrenvolle Auferstehung als BadeomnibuS. Wie Stabsarzt Dr. Flennning in der «Deutschen Medizinischen Wochenschrift* berichtet, hat sich der OnrntbuS in feiner neuen Bcstimmum: ganz vortrefflich bewährt. Hcrvorraoeud zweckmäßig arbeitet der Motor,


