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üchtungsstand des Hauptmanns, der die Stellung befehligte, glomm ein Licht auf. Ein dünner Schein nur, der unsicher flackernd brannte, als wüßte er, daß er nicht von „drüben" erblickt werden dürfe. Als der Hauptmann, der den Nachtdienst hatte, mit gebücktem Rücken über die Schwelle trat, stand der Offizier des Tages von seinem Sitz auf. Er raffte die zerstreut auf dein Tisch liegenden Tienstpapiere zusammen, schob sie zwischen zwei Brustknöpfe seines Uniformrockes und warf den Kopf zurück. Sein Gesicht war unter dem leichtergrauten Haar ^rergisch gebräunt, doch jetzt ivaren die Züge erschlafft von der Abspannung des Tages. „Nichts von Bedeutung", sagte er; dann schritt er hinaus und verschwarrd bald in dem langen Graben, in der Richtung nach rückwärts, dorthin, wo man sich hinwirft mit taumelnden Sinnen, dorthin, wo nian schlafen kann und manchmal auch träumen... Ter Hauptmann B. dreht das kleine Flackerlicht noch tiefer herab und trat dann zwischen die Pfosten des Eingangs, unr die Mannschaften an sich vorbeischreiten zu lassen.
Tie Soldaten schritten langsam, Mann hinter Mann, schwer beladen mit all dem, was eine Nacht im Schützengraben erfordert. Sie verteilten sich hierhin und dorthin, stumm, mit selbstverständ- lrcher Sicherheit, wie Schlafwandler. Und bald war jeder an seinem Platz.
Tie letzten schlichen den Graben herauf: ztvei „alte Leute" und ein Junger. An der erregten Unregelmäßigkeit seiner Schritte, an den ruckartigen Wendungen des Kopfes, an den neugierig und gespanntblickenden Augen konnte man erkennen, daß es ein „Neuer" war. Er war schlank, mit blondem Haar über einer freien, glatten Stirn, kaum zwanzig Jahre alt.
„Hans" . . .
„Mein Vater!" . . .
Und während von drüben ein neues Donnergrollen erscholl, hohl brummend, mit tiefen Tönen einesetzend, umannte der Hauptmann den Sohn. Ten Sohn, der gekommen war, um heute zum ersten Mal als Mann im Feuer zu stehen.
Sie blickten sich in die Augen; — und es war wieder still geworden ringsum, als der Hauptmann sagte: „Halte dich tapfer. Junge!"
Sie drückten einander die Hände. Tann glitt der Junge in das Dunkel zurück, das mittlerweile mit undurchdringlicher Schwärze in den Graben gesunken war. Er verdoppelte seine» Schritte und stand bald neben den beiden alten Leuten in der Feuerlinie.
Trüben, wo eine im Dunkel noch dunklere, in der Schwärze noch schwärzere Linie die Stellung des Feindes andeutete, erklang es in knarrenden, klfckernden, polternden Geräuschen wie von einem neuen Leben, das erwacht war zum unheimlichen Geschäft der Nacht. Einen Augenblick lang huschte der milchweiße Schimmer eines Scheinwerfers über irrende, unendlich kleine Schatten und eine Hecke stählerner Reflexe; eine Sekunde nur; dann war das Bild wieder verschwunden, überdeckt von dein Mantel der Dunkelheit.
Geduckt hinter der Schutzwehr des Grabens, den rechten Arm auf das Gewehr gestützt, kauerte Hans auf einem Haufen staubender Erde. Er blickte um sich. Links von ihm stand ein Landivehr- mann, breit, gedrungen, mit mächtigen Armen, die muskulös herabhingen. Rechts ein Unteroffizier; ein älterer Mann, der em Jahrzehnt lang in Ostafrika gedient hatte. Eine tiefe Narbe lief von seiner Stirne quer über die linke Mange und verlor sich unter den Falten des Halstuches: eine Erinnerung aus den Kolomenen. In weitem Umkreis war sonst nichts zu sehen. Das Dunkel, von keinem Mond erhellt, sog alles auf, Mann und Gewehr und die Umrisse des Grabens. Hans wollte sprechen. Doch eine innere Hemmung hinderte ihn daran. Es schien ihm, als seien alle seine Fähigkeiten, alle Kräfte seines Organismus in den Gehörnerven konzentriert. Er senkte den Kopf und lauschte. Ein Flüstern, ab und zu ein unterdrückter heiserer Laut, ein Kläcken des Riemens an einen: Gewehrkolben, ein Scharren schwerer Stiefel. Das war die Stimme des Grabens, der Wache hielt vor dem Feind. Von drüben — nichts.
Ter Hauptmann saß in seinem Beobachtungsstand, die Ellenbogen auf die rauhe Platte des roh zurechtgezimmerten Tisches gestützt. Er starrte durch eine Oeffnung hinaus in die Nacht, die über den Köpfen feiner Soldaten schwebte. Tas Feldtelephon, aab sein Signal. Tie Meldung, daß die rückwärts liegende Batterie das Feuer eröffne.
Eine krachende Explosion löste die schwer lastende Stille. Ein gleitendes Pfeifen — mit einem Rauschen und Surren flog das Geschoß über die Köpfe der Mannschaften dem Feind entgegen. llnd gleich darauf ein brüllender Laut von drüben, und ein ebensolches Pfeifen, Rauschen und Sausen fuhr wie Sturmwind heran und hoch über den Graden hinweg. Dar Bann war' gebrochen- nun folgte Detonation auf Detonation, Schuß auf Schul;. Heftige, grollende Töne, dumpfe, kurze Akkorde, da-
r ischen das „klack-klack" des Jnfanteriefeuers und das raserrde attern der Maschinengewehre. Es surrte in der Lust, die, von den Gesck-ossen durcheilt, wild aufzustöhnen schien. Hans drückte den fieberheißen Körper an die Brustlvehr des Grabens.
Er lauschte diesen selsam frenchen Tönen, die irgend woher kämm und irgend wohin gingen, diesen scharfen, abprallenden, inein- anderbrausenden Klängen des infernalischen Orchesters. Er hob den Kopf und sah die Nacht vor sich, diirchschwirrt von Feuev- blitzen. Er hörte die Musik, er sah die Fackeln des Kampfes,
und ein Strom, der glühend durch seinen Körper rann, ließ Uw.sich straff aufrichten und das Gewehr fester an die Schultern! drücken. Er hörte das regelmäßige Knacken der Drücker zu seinen Seiten. Auch seine Finger suchten den Abschuß, er drückte, wieder und wieder, er berauschte sich an diesem leisen „knack-knack", das jedesmal seiner Schulter einen leisen Stoß gab, als sollte es ihn aufrütteln zu immer regerer, immer gesteigerter Lebendig-! keit. Tie hundertfältigen Stimmen des Kampfes wurden zu emem einzigen Schwall von Geräuschen, zu einer Welle, die ihn mit sortriß. Er drückte ab, wieder und immer wieder.,
Ter Hauptmann starrte von seinem Beobachtungsstand in die feuersprühende Nacht, die über den Köpfen seiner Soldaten schwebte.^ Er wußte, daß sein Sohn vor ihm in der Feuerstellung lag^ Uiw ern warmer Stolz legte sich mild auf seine in Spannung gestrafften Nerven.
Tie Wolken hoch droben zerteilten sich und glitten in zerrissenen Fetzen von dannen. Zwischen den tausend Lichtern des frei gewordenen Himmels schwamm die Scheibe des Mondes^ Und unter dem weißen, blendenden Licht traten die Umrisse! des Grabens scharf hervor. Tie Maschinengewehre, die zwischen den Leuten standen, reckten sich wie Spinnen im Mondenschimmer^ Wie starre Fabeltiere erhoben sie sich ztvischen den laut atmenden Soldaten. Tas Duell der Batterie:: hatte nachgelassen. Doppelt heftig ratterte das Feuer der Gewehre. Hans beugte sich mit gestrecktem Oberkörper vor, über die Brüstung hinaus, als sollte der Feuerstrom, der aus dein Graben hem Feind zueilte, ihn! mit sich fortziehen.. Ter Gewehrkolben brannte an seiner Backe. Ter Zeigefinger seiner rechten Hand schien mit dem Abschußdrücker zu einem glüherideii Stück verschmolzen. Er sah nichts mehr, er hörte nichts mehr, er wußte nichts mehr: er gab Schuß auf Schuß.
Ter Hauptmann starrte hinaus. Nacht für Nacht saß er hier und starrte durch das kleine Viereck. Nacht für Nacht der übliche Austausch 'von Feuer, Schall und Rauch. Und jeder: Morgen schrieb er unter feinen Bericht: „Jnfanteriefeuer wie gestern^ Nichts von Bedeutung." . . . Stellungskampf!
. Aber in dieser Nacht pochten die Pulse des Hauptmanns mit den Entladungen der Schüsse in einem Takt. Tenn diese Schüsse schwirrten um seinen Sohn, der hier draußen lag. Tas Blut hämmerte in seinen Adern, wie die harten Entladungen der Gewehrläufe an sein Ohr drangen.
Und Hans schoß; in regelmäßigen Abständen, ruhig jetzt im bereits gewonnenen Gefühl sicherer Uebung. Fernher blaßte der Rmid der Erde in grau-weißlichem Morgendämmern. Ta — ein Schlag! . . . Hans rutschte etwas zurück — ein Streifschuß hatte den Kolben seiner Waffe getroffen. Der Schutzwall vor ihm war unmerklich eingeknickt. Doch er beugte sich gleich wieder vor; er wurde sich dessen nicht bewußt, daß soeben der Tod an ihm vorbeigegangen war. Es wurde heller. Tie Ebene ringsum zitterte in lichten Morgenschauern. Hans streckte den Kopf voran, gierig sog er die laue Morgenluft in seine Lungen. Und jetzt —
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ein > zweiter Schlag, heftig, aber ganz kurz, geradezu unwahrscheinlich kurz, wie der Traum eines Augenblicks. Hans spann: die Finger fester um seine Waffe, als müßte sie ihm als Ha' _ dienen. Ein starrer Griff; dann entfiel das Gewehr seinen schlaffes Händen. Er schloß halb die Augen, in der Empfindung, daß all die lichten, flatternden Morgen streifen um ihn wallte:: und ihn umhüllten. Durch den Spalt der Lider erblickte er knapp vor sich ein wetterhartes Gesicht. Er sah ganz deutlich eine Narbe, die von der Stirn quer über die linke Mange lief und in den Falten des Halstuches verschwand. Es war der Unteroffizier, der sich über ihn beugte. Hans blickte ganz fest auf die Narbe, die zu glühen begann und sich in eine feurige Spur vertvandelte. Unverwandt sah er dieses Glühen, es flimmerte vor seinem flackernden Blick Dann drehte sich alles in feurigen Kreiser: — und bcuui sah er nichts mehr.
Ein Unteroffizier trat in den Beobachtungsstand; „Ein Toter, drei Verwundete," sagte er zu dem Hauptmann, die Hände an die Hosennaht gelegt. Ter Hauptmann fuhr auf. Ein Toter?! . . Er riß sich zusammen und nickte wortlos. Ueber die vom Morgenthein gerötete Schwelle zwischen der: hölzernen Pfosten trat 'dfir Ordonnanzsoldat. Er karr:, um den Nachtbericht des Hauptmanns zu holen. Ter Hauptmanr: blickte auf die Uhr —> 5 Minuten vor echs. Um sechs Uhr mußte der Bericht abgeliefert tverden. Er beugte sich über die ungehobelte Tischplatte und schrieb mit schwerer Hand; „Stellung 13. Sechs Uhr morgens. Ein Toter, drei Verwundete. Jnfanteriefeuer wie gestern. Nichts vor:." Er
blickte auf und lvandte sich mit einem Ruck um: draußen schlürften Schritte. Und in der morgenhellen Oeffnung zwischen den beiden
S ten erblickte der Haupttnann den Toten, den zwei Mann eitrugen. Es war sein Sohn.
Eine krampfartige Bewegung stieß den Hauptmann einen Schritt vor. Aber dann ging ein Ruck durch seine schwere Gestalt: ein Blick siel auf die Ordonnanz, die wartend dastand, und auf die Uhr, die auf den: Tisch lag und eine Minute vor sechs zeigte. Stumm, einen aschgrauen Schatten über Stirn und Augen, wandte er sich wieder den: Tisch zu. Und während die schlürfeird-cm Schritte der Träger verhallten, schrieb der Hauptmann unter den unterbrochenen Bericht; „Nichts von Bedeutung". Und mit einer Hand, deren Beben ein eisenharter Wille zu meistern vermochte, reichte er das Blatt der Ordonnanz hin. . .


