Ausgabe 
2.8.1915
 
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Fest Platz in ein leuchtendes Meer von magischer Schönheit. Ueber die Stadt aber kam der Abend, der das Leben der Kirchen und Menschenhäuser besänftigte und ihre Türme af£ feingeschnittene Silhouetten in den .Hintergrund des Himmels malte. Nun glich glich der Festplatz einer Stadt der Märchen: die bunten Buden wurden zu den verzauberten Palästen der Scherezeade und die redseligen Anpreiser erschienen als geheimnisvoll-mächtige Ge­walthaber, deren tief-mysteriöses Wesen man schauernd erkannte.

Eine der ersten Buden beherbergte Ramlo, den Wühlmenschen. In eineni braunen, gestrickten Hemde stand der Held der Bude, ein junger Mensch, auf der Eingangsplanke. An Gesicht und Händen klebten ihm Erdteile, soweit die Kopfhaube -und die langen Trikotärmel den Körper freiließen. Seine Muskeln, deren Re­gungen die dünne Gewandung preisgab, spielten trotzig, nach Athlelenart, in der Frende ihrer Kraft. Ramlo stand neben der Kasse, die eine alte, komisch aufgeputzte Frau versorgte, und blickte gleichgültig ins Publikum. Als schließlich eine Glocke er- txmle, fühlte er sich an seine Pflicht gemahnt, trat hastig zu der Alten und ergriff den Kasseninhalt, mit dem er ins Inner« seiner Bude verschwend. Der Ausrufer, ein lockenreicher Herr ttt Gehrock und Zylinder, ließ inzwischen sein Preislied erschallen:

,-Herein, meine Damen und Herren! Soeben beginnt eine neue Vorstellung! Hier ist zu sehen: Ramlo, der Wüblmensch: Der Mensch als Maulwurf. Hier staunt man, hier wundert man sich, hier steht man vor einem Rätsel Ramlo, der Wühlmensch, läßt sich lebendig begraben. Ramlo, der Wühlmensch, bleibt zehn Minuten lang im Erdinnern. Ramlo, der Wühlmensch, wühlt sich wie ein Erdtier wieder empor. Herein, meine Herren, meine Damön! Das ist noch nicht dagewesen. O, wie ist das interessant! O, wie ist das lieblich! O, wie ist das reizend. . . . Ramlo, der Wühlmensch: die Sensation der Dresdener Vogelwiese, des Bremer Herbstfestes, das Tagesgespräch aller Vergnügungs­parks, das größte Ereignis der Münchener Oktobergaudi. Soeben beginnt eine neue Vorstellung!"

Eine neue Vorstellung? Kommen Sie!"

Eine Gruppe von Herren schob sich durch den Eingang in das Halbdunkel des Theaterraums.

Toll," sagte der Schriftsteller Dr. Mell.Toll, dieser Kerl!" >

Ramlo begann gerade damit, seine Reise unter den Erdboden anzutreten. Er lockerte mit der behandschuhten Faust die schwarze Erde des Podiums, bis eine Mulde entstand, die ihm ein Bett bot. Der dicke Ausrufer trat nun für einen Augenblick auf die Bühne, schüttete die Mulde zu, stampfte den Boden fest, und: Ramlo war begraben.

Weiter nichts als Trick," meinte Baron Brendl, der die harte, engbrüstige Bank verschmäht hatte und an der Wand lehnte. . . .Habe das genau beobachtet, Doktor . . . Trick, zweifellos . . . wäre nicht denkbar anders. . . . Gar nicht denk­bar wär's."

Training?" fiel Dr. Maus, ein Medizinalpraktikant ein.

Ausgeschlossen, völlig ausgeschlossen. Glauben Sie, Mensch aus Europa könne zehn Minuten lang ohne Luft leben? Kultur ist zu jung dazu. . . . Fakirkuust! Fakir kunst!"

Und trotzdem besuchen Sie Herrn Ramlo tagtäglich, Baron?" meinte Dr. Mell.

Sie scheinen doch noch nicht ganz überzeugt zu sein von dem Schwindel?" Maus lackite.Im übrigen: Es gibt in der Tat Menschen, die überphysische Fähigkeiten besitzen. Schulung hilt nach. Man kann nicht immer gleich sagen Schwindel und Täuschung."

Dacht ich mir auch," erwiderte Brendl.Dachte mir ganz dasselbe. Bin davon abgekommen. Schwindel, Leute! Schwindel! Hab' mir den Kerl bei Licht besehen. Bin doch schließlich Sports­mann. Und deshalb sag' ich Schwindel. Wette gefällig?"

Sie sind ein Meister der Physiognomik, Baron."

Wette gefällig?" Berndl rechte sich höher. Und lächelte: Nich? Auch gut! Dann will ichs euch so sagen: Kerl hat selber eingestanden. Bluff zugegeben."

So?!" Zwei Stimmen schlugen gegeneinander.Und warum," sagte der Schriftsteller,haben Sie diese Erkenntnis bisher für sich behalten, wenn man fragen darf?"

cm sollte Ne!!, ob ihr selber darauf kommt, Blüten der Menschheit. Mer: Nee! Der Dichter psychologischer Romane und der Herr Nervendoktor in 8p6 lassen sich andauernd bluffen, Mühtet Poker spielen! Goldquellen . . . wärt ihr für die Partner. Na, ja. . . harmlose Gemüter halt!"

Ja, aber wie macht er es denn?" fragte Maus

"Geschäftsgeheimnis. Sagt er nich. Partout nich. Erstes Eingeständnis hat mich genug gekostet, 'neu kleinen Blauen. Intimere Erkenntnisse würden meinen Etat zu arg belasten Uebrigens, Kerl ist Prolet, aber ganz zugänglich."

Die Vorstellung nahm inzwischen ihren Fortgang. Die zehn Minuten von Ramlos Erdaufenthalt waren abgelaufen, und so kam der Künstler allmählich wieder a,is Tageslicht Die Erd­haufen bewegten sich: Schollen, von harten Fäusten gepeitscht, kullerten vom Podium herunter, und schließlich entstieg Ramlo, von Erde bedeckt, semein schmutzigen Gefängnis. Stürme Bei- fallv t empfingen ihn. Er zog die Haube vom Kopf, säubert« sich em wenig und dankte dann ungeschickt dem Applaus. Damit war die .Vorstellung zu Ertde.

Dr. Mell hatte ihm nachdenklich zugesehen. Kopfschüttelnd. Tann wandte er sich an den Baron:Und das macht er jeden Tag, rede Stunde?"

Jede halbe Stunde," erwiderte der.

. . . ein ganzes Leben hindurch. . . jeden Tag . . ." sann der Schriftsteller.Schrecklich!"

, r. "Nicht elegisch werdeii, Dichter! Kerl fühlt sich ganz wohl e? ^ - Ausgezeichnet. Oder haben Sie schon mal gehört, daß Hochstap ler moral simpel n?"

Wieso Hochstapler?"

Oder'/"^ ^ doch sein Leben auf Schwindel, nich?

Finde ich nicht," sagte Maus, der Medizinalpraktikant.Es ist an sich schon eine sehenswerte Leistung, wenn sich einer in cJ n Sr?ÜJ t k 9ru i! e ^gt und sich Dreck auf den Leib trampeln läßt. Hochstabler pflegen sich das Arbeiten leichter zu machen. Ich halte es geradezu für eine Kirnst, einen Trick so undurchsichtig zur Geltung zu bnngen/'

Glaube, Doktor Sie überschätzen das. Training gewiß. Aber Wette gefällig? wenn wir den Trick kennen, kann lodervon uns der fette Poet vielleicht ausgenommen das Kunststück auf der Stelle nachmachen. Glaub das sicher"

Der angeulkte Dr Mell meinte ernst:Lachen Sie nicht, Brendl! Ich seh' rn solch einem Menschen geradezu ein Problem. Denken Sie: Em Menschenleben auf die Vorspiegelung einer Kerrschen Fertigkeit aufzubauen! Denken Sie! Ist das nicht gerade so, wie wenn jemand seinen Intellekt bewußt zu dem Tiefstand eines . . . na, sagen wir mal: eines Papageis, eines Steißpavrans oder einer altjüngferlichen Küffeeschwester erniedrigte? ^zst eine derartige, beivußte Preisgabe der Menschenwürde nicht aufs tiefste zu bemitleiden?"

Gehen wir!" sagte der Baron.Ich bin kein Philaw- throp."

Sie gingen hinaus und verließen die Stadt der Buden urw Zelte, die in den Efftasen ihrer letzten Lebensstunde raste. Tenn, wenn es neun Uhr geschlagen hatte von dem nahen Kirch­turm herab, dann mußten die Lichter erlöschen, eins nach dem andern, daß der Festplatz in ein Meer des Graus sank wie ein langsam untergehendes Schiff.

*

Nach einigen Tagen brachte der Baron einen neuartigen, mit den Fingern der linken Hand leicht hingetrommelten Vorschlag mit an den Satmmtischc

,/Hab' morgen Geburtstag," sagte er.Lade euch alle zu kleinem Souper ein. Ort der Handlung: Bude von Ramlo, dem Wühlmenschen. Fern, lvas?" Der Baron meckerte.

Der Medizinalpraktikant, der noch Vorirrteile hatte, fand diese Idee ein wenig absurd. Dr. Mell aber freute sich wie ein Kind. Brendl verkündete noch, daß die kleine Festlichkeit unr zehn Uhr abends in dem gut gelüfteten Zuschauerraum statt- finden sollte. Und er verriet schließlich auch dies: Ramlo sei für eine Privatvorstellung gewonnen worden. Und dabei lächelte er geheimnisvoll.

*

Die Gesellschaft kam in sehr angeregter Stimmung zusammen. Elektrische Scheinwerfer wiesen den Herrschaften den Weg zur Schaubude Ramlos, des Wühlmenschen. Hier hatte man die Bänke des Zuschauerraums entfernt. Voii vier Bomben riesiger Glüh­lampen überbaumelt, standen in träger Ruhe zwei weißgedeckte Tafeln in dem bunt geschmückten Zelte. Die Bühne aber schützte wie gewöhnlich der graue Vorhang.

Man freute sich über die Laue des reichen Sonderlings. Zumal der Oktober in diesem Jahre warm und mild war. Während weiche Nachtwinde, die sich durch die schlecht gefügten Bohlen in den Raum stahlen, leicht die tveinfreudigen Köpfe um­wehten, man die reichen Gänge des Soupers, das der Baron aus .einem Hotel herbeischaffen ließ. Die Stimmung war schon sehr animiert, als Brendl sich erhob, seine weiße Frackweste glattstrich und zu reden begann:Ich habe für Sie, meine lieben Gäste, eine ganz besondere Ueberraschung vorgesehen. Herr Ramlo wird Ihnen heute eine Separatvorstellung geben und Sie mit dem Trick bekanntmachen,, der ihm seine unglaublich er­scheinende Leistung ermöglicht. Möge es Ihnen allen gut be- komrnen!"

Und nun teilte sich der Vorhang, und Ramlo ging an seine Arbeit. Tie Gäste umdrängten die Bühne. Und nun sahen sie, von dem Artisten beljchrt, was es mit dem Wühlmenschentum ftir eine Bewandtnis habe? Vorher mußte jeder der Anwesenden es waren Kavaliere von Ruf mit seinem Ehrenwort geloben,- nichts von den Vorgängen zu verraten. Ter Baron hatte Ramlo gegenüber die ßsarantie für dkeses Ehrenwort übernommen. Man sah, daß der Unterboden des Podiums beweglich sei und durch mechanischen Federdruck gesenkt werden könne. Sobald Rancko nun in der Mulde Platz genommen hatte, bewegte er die Mechanik und versank in die Tiefe. Das Brett aber schob sich wieder an seine alte Stelle, und nun konnte Ramlos Gehilfe unbesorgt die Erde darauf feststampfen. Ramlo aber wartete in einem kleinen Keller gelaß, bis die vertragsmäßigen zehn Minuten verflossen waren.

Tie Herren staunten über die Einfachheit des Vorganges, der schon zu so viel verlvundert beipunderndem Kopfschütteln Anlaß gegeben hatte. Tie meisten entledigten sich ihres Fracks und erprob-