Ausgabe 
31.3.1915
 
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,Lch WH6 nicht, wie eS war, aber richtig ist es. Die Urgroß­mutter war so vornehm; und eS ist vornehm, ins Kloster zu gehen. ES ist jetzt nicht mehr Mode, sonst täte ich es auch. Ich werdet Krankenschwester, das ist auch sehr vornehm."

Du kannst doch lieber heiraten," riet Fritz,ich nehme dich, wenn du grob bist."

Du" sagte das kleine Mädchen J>u bist doch ein Schuster. Einen Scliuster, der schmutzige Stiefel stickt, kann ich doch nicht heiraten. Ich bin eine Gräfin, und mein Haler wird bald Mi­nister."

Sie reckte sich hoch auf und er sah mit grober Deutlichkeit, wie schlank und zart sie lvar, wie golden ihr Haar glanzte und wie blau ihre Augen schimmerten.

Sofie Luise'' rief in diesem Augenblick eine scharfe Stimnre vom Erkerfenster her.

Da stand die Gräfin Mutter mit ihrem Söhnchen aus dem Arm und beaufsichtigte von oben her das Töchterchen.

Freilich hätte sie es für richtiger gehalten, wenn die kleine Sofie Luise au der Straße von einer Dienerin begleitet worden wäre.

Mer das lieh sich nicht machen.

Jetzt gerade um die Mittagszeit, wo die Sonne so schön schien, muhte das Mädchen für alles in der Küche sein und kochen.

Sofie Luise hatte sich auch sonst aus der Strahe durchaus vor­nehm gehalten lmd nie mit gewöhnlichen Leuten gesprochen.

Deute freilicki heute zum erstenmal! Die Gräfin seufzte. ES war schwer, standesgemäß zu leben, wenn man sich so sehr ein­schränken muhte.

9N>er das würde nicht mehr lange nötia sein, ein so begabter, hochgeborener Mann, wie ihr Gemahl, muhte bald Minister wer­den Das sagte doch jeder.

Friedrich Schuster war ein guter, fleihiger Junge, niemals in der ganzen Scimlzeit hatten seine Ellern etwas über ihn zu klagen gehabt. Um so verwunderlicl)er war es, dab es ihm plötzlich einftel zu ividersprochen, als die Eltern jetzt, da er ein­gesegnet werden sollte, seine Zukunft bestinrmten

Nichts ist doch natürlicher und einfacher, als dah ein Schusters­sohn wieder Schuster wird, es hatte auch bisher niemand in bezug auf Friedrich etwas anderes gedacht.

Und jetzt sagte er plötzlich, er wollte nicht Schuster werden. Aus keinen Fall, da könnte man reden, was man wollte.

Das war verwunderlich und ganz unerklärlich für die Eltern: doch schließlich, da der Klügste nacl)gibt, und die Eltern aus alle Fälle doch die Klügsten sein müssen, gaben sie nach und Friedrich kam zu einem Sck)losser in die Lehre.

Da er fleihig und süchtig war, von seinen Eltern auch nie 'ge­sehen hatte, dah man es anders machen konnte, ging es rasch mit ihm vorwärts, sein Meister'hielt große Stücke aus ihn und er war bald der beste Geselle in der Werkstatt.

Ta geickrah es einmal, daß er am Schloß der Tür, die sein Baker nun schon ein halbes Menschenleben lang jedem Ein­tretenden geöffnet hatte, eine Aenderung zu machen hatte.

Er stand gerade und hämmerte und feilte nach Herzenslust, «US zwei Damen die Treppe hinab kamen.

Er hörte ihre Tritte scl>on lange, bevor er sie sehen konnte, und wartete gespannt, ob es wohl die Gräfin Trachenhöh mit ihrer Tochter sei.

-Und wirklich. sie waren es.

Nun hatte der Schlosser Friedrich Schuster zwar manchmal schon an die blonde Soiie Luise gedacht, sich wohl auch ein Wieder­sehen mit ihr recht deutlich vorgestellt, wobei er ihr dann von seinen erfreulichem Erfolgen in der Schlosserei hätte berichten können, aber er hatte bei diesen erträumten Gelegenheiten immer seinen besten Ausgehanzug und seine Wäscl>e angehabt.

Das war nun im Augenblick durck)aus nicht der Fall: sein blauer Arbeitskittel war weder ganz neu, noch glänzend vor Sauber­keit. Im Gegenteil, auch bei genauer Betrachtung hätte wohl niemand einen Unterschied zwilchen einem schmutzigen Sckmster und diesem seinen Schlosser gesunden.

Doch er vergaß diesen Mangel vollständig und sah, obwohl er sich den Anscl>ein gab. als ob er nur auf seine Arbeit «ack)>te. doch ganz genau, wie zart und schlank Sofie Luise war. wie golden ihr Haar schimmerte und wie blau ihre Augen leuchteten.

Vielleicht würde sie ihn anreden vielleicht würde sie ihm guten Tag sagen? Ob sie wohl nock) wußte, nne er hieß?

Leise rauschten jetzt neben ihm Frauen Neider.

Die Gräfin Drachenhöh wandte sich ein wenig zur Seite und sagte $u der ihr folgenden Tochter:

Nimm dich mit deinem weißen Kleide in acht. Sofie Luise. Wie unangenehm, daß wieder Arbeiten im Hause sind."

Und eine helle Stimme antwortete:

.Ja. Mama, sehr unangenehm. Aber wenn wir wiederkommen, ist die Tür hoffentlich fertig."

Friedrich Schuster sah eine schmale, kleine Hand in die Falten eines unendlich sauberen weißen Kleides fassen, es ein klein wenig heben, damit eS durckiaus nicht mit dem blauen Arbeitskittel in Be- rühimng käme, und dann war er wieder allein und konnte häm­mern und feiern nach Herzenslust, wie vorher.

Und er hämmerte tüchtig, als wollte er das ganze HauS, sogar die ganze Welt mit all ihren dummen Einrichtungen und Vor­urteilen zerschlagen.

Was gab eS doch für schlechte Menschen. Wie böse und ein­gebildet waren sie. t

O er wollte es ihnen schon zeigen o fie sollten eS schon sehen sie sollten sich wundern-

Sofie Luise wandelte kühl und vornehm neben ihrer Mutter einher.

Ob sie wußte, daß sie eben ein strahlendes Lustschloß zertrüm­mert hatte? Man sah es ihr nicht an.

Sie wandelte weiter kühl mrd vornehm' durch die Jahre, nie­mand sah ihr an, wie sie heimlich arbeitete und entbehrte.

Das brauchte auch niemand zu sehen.

Es war nämlich nicht alles so geworden, wie man gehofft hatte.

Der Graf Drachenhöh war nicht Minister geworden, wie man es in Anbetracht der damit verbundenen Einnahme so dringend ge­wünscht hatte. Er war sogar auf der bescheidensten Gehaltsstufe bis zu seinem Tode stehen geblieben.

Die venvitwete Gräfin bezog danach eine sehr kleine Wohnung, die eigentlich nur aus einern Zimmer und etwas Nebenraum be­stand.

Softe Luise holte sich nachts eine Decke und ein Kopfpolster auf das in diesem Zimmer stehende Sofa, und Klaus Heinrich, ihr Bruder, der im Kadettenhause erzogen wurde und nur in den Fe­rien nach Hause kam, schlief dann in einem Möbel, das er Mutter- Nähkasten nannte und das seinen dünnen Gliedern gerade noch Raum bot.

Doch lange ging es nicht mehr mit dem Nähkasten, denn KlauS Heinrich wurde groß und stark urrd man hätte nicht gewußt, wie man sich nun in der engen Wohnung hätte einrichlen sollen, wenn nickst Softe Luise gerade in dieser Zeit erklärt hätte, sie wolle jetzt Krankerftchwester werden. Das wäre schon immer ihr Wunsch ge­wesen. Mama lvisse doch

Tie Mutter nickte, sprach mit Befriedigung von der Groß­mutter Prinzessin, die auch ihr Leben der barmherzigen Menschen­liebe gewidmet habe, wie das in vornehmen Familien oft der Fall wäre: meinte jedoch, mit Softe Luise hätte es immerhin noch ein paar Jahre Zeit. Vielleicht man könne nicht wissen

Aber Softe Luise wollte nichts von einem Vielleicht wispen. Sie wurde sogar reckst ungeduldig, als die Mutter anfing, einig« ganz unsichere Zuknnstshoftnungen anzudeuten.

Nein, sie ließ sich nicht halten.

Noch bevor die nächsten Ferien begannen, war ihre Schlafstelle für Klaus Heinrich frei, und Sofie Luise hatte ihre Lehrzeit be­gonnen.

Wieder vergingen ein paar Jahre.

Klaus Heinrich stand gerade vor dem Eintritt inS Heer, da brach der Krieg aus. ,

Da wurde natürlich alles, was noch fehlte, schnell erledigt, und dann ging es froh und voll Begeisterung inS Feld.

Fröhliche Karten kamen, es ging ihm gut, eS war alles schön und herrlich, ging gut vorwärts, machte Spaß

Tann hörten plötzlich die Karten auf.

Man wartete angstvoll, machte sich trübe Gedanken, grämte sich.

War der fröhliche Junge verwundet gefangen gefallen?

Aus Belgien waren die letzten Karten gewesen und man hatte seitdem furchtbare Tinge von dort gehört.

Traurige Wochen waren es, die jetzt langsam vergingen.

Tie Gräftn Drachen höh wurde in diesen Wochen eine alte müde Frau mit weißem Haar.

Sie wagte es kaum, in die Zeitung zu sehen oder dem Brief­träger entgegenrugehen.

Ta kam endlich ein Brief von Softe Luise mit der Freuden­botschaft: er lebt.

Venvnndet war er zwar, sogar schwer verwundet, aber da er wußte, daß sie in einem Lazarett am Rhein pflegte, war es mög­lich gewesen, daß er in dasselbe Lazarett gebracht lverden konnte, und das hatte ihm wohlgetan.

Nun ginge es langsam mit ihm bergan, und in einiger Zeit würde sie ihn der Mutter bringen dürfen.

Fürs erste mußte er aber noch still liegen und gepflegt werden.

Jeden steien Augenblick saß Marie Luise an seinem Bett. Wie frisch der liebe Junge war. tote begeistert für die gute Sache.

Und wie er sich sehnte, wieder zu seinem Regiment zu kom­men. Gerade als ginge es nicht ohne ihn. '

Und er hatte dort einen Freund, einen älteren Kameraden^ einen herrlichen Menschen, den müßte Sofie Luise kennen lernen!

Dem verdankte er überhaupt, daß er noch lebe.

Tenn er Klaus Heinrich sei doch bei dem letzten Sttirm- angrisf ins Bein getroffen gerade auf freiem Felde umgesallen. Nicht möglich weiterzukommen, nicht mal mit Kriechen. Und die Geschosse immer um ihn. Schön wäre das gewiß nicht gewesen und lange hätte man da auch nicht lebend gelegen aber sein »Freund Friedrich Schuster, ein Kerl mit Bärenkräften und treu wie Gold der yätte ihn einfach aufgehoben und aus dem Hexenkessel voll Tod und Verderben getragen. An einer Maiier, wo etwas Deckung gegen die umherfliegenden Geschosse gewesen sei, hätte er ihn niedergelegt und da hätte man dann geduldig warten können, bis die Krankenträger kamen.

Ja, der Friedrich Schuster, dos wäre einer, ein ganz pracht- voUer Mensch Ganz auS eigener Kraft hätte er sich aus ein­fachen Verhältnissen aufgearbeitet.