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Ich wieder hier stehen, wenn ich darf. So lange aber lege ich meines Lebens Wohl und Weh' in diese Hand; so lange schützen und behüten Sie mir die holde Eva in meinem Erdenparadiese. Für heut aber, teure, liebe Freundin, habe, ich eine andere Bitte..."
„Ich kenne sie schon und gewähre sie voraus," war die freundliche Antwort. „Ich soll hinüber zu dem Kinde noch heut. Und nicht wahr, ich werde doch eine Vollmacht mrt- uehmeu, durch die ein heißes, treues, tapferes Herz beglückt wird?"
Ich brachte kein Wort über meine Lippen vor innerem Beben. Nur stumm den Kops neigen konnte ich.
Eben ist ihr Wagen vom Hofe gefahren. Welch eine Freundin habe ich in dieser Frau gewonnen! —
Ich werde morgen noch nicht reisen. Ich muß und will mit Brencken Zusammentreffen. Vie lhängt, davon ab.
Die Grasin kam spät in der Nacht zurück. Ich erlvartete sie in der Halle. Sie gab mir nur die .Hand und sah mich lächelnd an. Ich glaube, sie hatte geweint. „Fragen Sie mich noch nichts," sagte sie lerse.
O wie gefährlich bist du doch — Situationszauber! Heute empfand ich wieder deine ganze Macht. —
Brencken kam. Gräfin Wan da empfing ihn allein in der Halle. Mein Herz schlug wie ein schwerer Hammer gegen die Brust, als ich sein heiteres Lachen bei der Begrüßung hörte.
Dann wurde es so still, so bang erwartungsvoll still, als lauschte das ganze alte .Haus, der schweigend im Älbend- licht stehende Park, wie ich selbst mit allen Sinnen, mit dem ganzen .Herzen lauschte, wartend am Fenster stehend.
Da hörte ich klingende Schritte durch die Stille und sah Brencken allein über die Terrasse in den Park gehen — den „Todesweg" nach dem Mausoleum zu.
Ich ging hinunter ihm nach.
Da drehte er sich um und blieb stehen, um mich herankommen zu lassen. Er sah sehr ruhig, fast heiter aus. Nur ein Seni-g blaß schien mir seine sonst so blühende Gesichtsfarbe, und der Blick der hellen Augen war nicht so knabenhaft leuchtend wie sonst.
Was ihm die Gräfin gesagt hatte über mich und die unbeabsichtigte Begegnung zwischen mir und Lilli, die dieser, ohne mein Zutun, den Anstoß gegeben, die Verlobung mit Brencken auszulösen, weiß ich ja nicht; aber die Art, wie er mir schweigend die Hand hinstreckte, war so kaineradschast- lich offen und ehrlich, daß es unwillkürlich über meine Lippen kam: „Brencken — Sie wissen, daß ich Ihnen nicht mit Vorbedacht —"
Er unterbrach mich mit einer lebhaft abwehrenden Handbewegung und wir gingen ein paar Schritte schweigend nebeneinander her.
Und dann begann er zu erzählen, ziemlich unvermittelt Ktoar, aber doch ,m richtigen Anschluß an die Fragen, die meine Gedanken beschäftigten.
„Ich glaube, Rehn, es muß Ihnen viel daran liegen, nach einer gewissen Beziehung hin beruhigt zu sein, und deshalb lassen Sie mich Ihnen Mitteilen, wie das zustande kam und begann, was heute endigte. — Es war von Anfang üu ein innerliches Mißverstehen oder, um ein Wort von Ihnen zu gebrauchen, das mir immer sehr gefallen hat: es war der Situationszailber, der wenigstens auf mich stark wirkte. Bei ihr freilich war es etwas andres. Aus einer Spazierfahrt geschah es, die ich mit ihr allein machte, als ich einmal aus mehrere Tage in Groß-Runow war. Sie hatte mich mehr oder weniger verstohlen schon öfters nach Ihnen gefragt, und aus dieser Fahrt, wo wieder die Rede auf Sie firm, e^ählte ich ihr, daß vor einiger Zeit in Zwielitsch» gemunkelt wurde, daß sie eine Leidenschaft zu der schönen Polin Tatiana Korrolewski hätten."
„Ah! Das haben Sie ihr erzählt?!" rief ich zusammenzuckend.
„Ja. Warum nicht? Sie hatten zu mir nie darüber gesprochen. Ich beging also keine Indiskretion, sondern erzählte nur nach, um ihr doch irgend etwas Interessantes von Ihnen zu berichten. Sie sagte ganz ruhig: .Das habe ich schon damals gewußt, als ich die Polin aus dem Basar sah/ Dann aber wurde ihr plötzlich schwindlig, sie bekam einen Ohnmachtsanfall und fiel mir in die Arme. Ich trug fie bis zu der alten Holzsällerhütte im Jagen IV und da WMte ich weiter keinen Rat Wasser zum Trinken war nicht
>a, nach Haufe war es eklig iveit und allein lassen, um emand zu holen, konnte ich sie doch nicht. Na — und wie ei xrnn eigentlich kam, weiß ich auch nicht mehr recht — jeden- alls hatte ich ihr einen oder mehrere Kiisse gegeben, wie ie so bleich und so hilflos in meinen Armen lag, mit ihren lübschen dicken Blonozöpsen an meiner Schulter. Eine schöne Hoffnung, die ich einstnrals gehegt, bestand zurzeit nicht mehr. Die Frau, die ich mal geliebt hatte, konnte ich nicht bekommen, und mich immer so allein durchs Leben zu schlagen, war mcl)t mein Ideal. Sie wissen ja, für intcf> war immer: .Am .Herzen des Weibes das Paradies der Erde/ Nach und nach, wie wir schon einige Tage verlobt lvarem kameii mir allerlei Zweifel an Lillis Liebe für mich und ich geriet auf den Gedanken, jener Ohnmachtsanfall könnte vielleicht mit meiner etwas feurig vorgetragenen Erzählung von Ihrer großen Leidenschaft in Zusammenhang gestanden haben. Um ihr Herzcheii gegen Sie zu schützen, habe sie bcu übereilten Entschluß gefaßt, sich mit mir zu verloben. — Nun, Rehn, und Gräfin Wanda hat mir dies eben bestätigt." BrcnckenS anfängliche Verlegenheit war im Laufe seiner Rede geschwunden und sein Ton war immer unbefangener und herzlicher geworden. Tie heiße Leidenschaft meines Lebens, die nur Höhen und Tresen, keine ebenen Wege ännte, lag hinter mir. §ätte mir ihre glühende Sonne über >em Paradies der Ehe geleuchtet, so würde sie alles verengt rrnd verbrannt haben. Sacht, ganz sacht haben sich chon Schatten auf Schatten über Tatianas gar zu unwirklich schönes Bild hinabgesenkt, der allerhäßlichste in jener Nacht, als ich zuletzt mit ihrem Vater sprach — und jetzt ist es schon im blassen Nebel eines fernen Traumes verschwunden, und bald darf ich vielleicht die .Hand ans- strecken nach einem faßbar wirklichen Glück.
Auf Brenckens Geständnis vermochte ich keine Antwort zu finden, wie sie mir im Herzen lag. AehnlicheS wie das, was er mir anvertraute, hatte ich ja auch schon geahnt.
Ehe wir aus den Schatten der Allee heraustraten, blieben wir stehen und gaben uns nochmals die Hand.
„Ich reise in einer Stunde wieder ab," sagte er in resigniertem Tone, „um Nachurlaub zu nehmen — irgendwohin nach dem schönen Süden. — Auf Wiedersehen nachher, Rehn — in guter Kameradschaft und Freundschaft allezeit!"
Aus der Terrasse stand Gräfin Wanda und sah zu uns uns herüber. Ich ging aus sie zu, lvährend Brencken seitwärts nach der: Ställen abbog.
„Rehn," sagte sie sanft, nachdem ich ihr in kurzen betagten Worten mitgeteilt, was zwischen Brencken und mir soeben ins reine gebracht worden war, „halten Sie es noch immer für iwtig, em Jahr lang sich selbst aus dem „Paradiese" zu verbannen?"
„Nein, Gräfin," gab ich leise zurück, „und Ihnen habe ich dafür zu danken — Ihnen allein..
Die Romantik des Lazaretts.
Bon Egon N o s k a.
Kaum kann es für den Romanschriftsteller ein günstigeres Feld geben, Einblicke in das Seelenleben der Menschen zu macheu, die Romantik des Mcnscheuherzens anszuschöpfen, als ein Lazarett. Und merkwürdigerweise ist dies selten genug zum Schauplatz von Romanen gemacht worden. Die Erklärung hierfür liegt freilich auf der .Hand: wenn Lazarette eröffnet werden, ist selten Zeitt romantischen Stoffen nachzuspüren. Während des Krieges wird unwillkürlich auch der Idhllendichtcr zuur Heroiker, und die Kriegspoesie regiert die Welt.
Alexander Baron von Roberts läßt eine seiner hübschesten Novellen aus dem Deutsch-französischen Kriege 1870/71 zum Teil wenigstens im Versailler Schlotz-Lazarett spielen. In seiner Novelle .^Schlachtenbummler" wird die Heldin Krankenschwester, um einen Offizier, den sie liebt, &u pflegen, und Kaiser Wilhelm wird dabei zum unfreiwilligen Ehestiftcr, indem er die Schwester als Gattin des Offiziers begrüßt.
Das eigenartige Verhältnis der .Schwester" znm Verwundeten sollte eigentlich einen unerschöpflichen Stoff für den Ro- manzier bieten. Dcmr einerseits liegt es ut der Natur dieser Beziehungen, daß beider Herzen Feuer fairen, nad\ dem Vorbilde Tesdemonas und Othellos, von denen der enteren Shakespeare die Worte in den Mund legt:
„Ich liebte ihn, weil er Gefahr bestand.
Er liebte mich uin meines Mitleids lvillen."
Airdererseits geben mancherlei andere Momente für die Entwicklung des Romans mancherlei Stofs, so das Gelübde der Entsagung. das vielen Schwestern, die einem Orden angehören, auf- erlegt ist. oder die freiwillige Entsagung', die sich selbst viele dieser


