Frauen auserlcgt haben, als sie diesen schweren Beruf ergriffen, der nicht selten ja der Rirhehafen im wilden Meere der Lebensenttäuschungen ist. Andere Momente für romantischen Stoff bieten die mancherlei seltsamen Verwundungen vieler im Ärzarett befindlichen Personen: da kommt es nicht selten vor, daß sich gar manche für vollkommen lebenskräftig halten und die kühnsten Pläne für die Zukunft schmieden und aus edler Menschlichkeit von ihren Pflegerinnen darin bestärkt werden, obwohl diese nur zu genau wissen, daß sie Todeskandidaten vor sich haben, oder unglüclliche Krüppel, obwohl diese von dem Unglück ihrer Verkrüppelung keine Ahnung haben.
Und das eigenartige Verhältnis dieser Schwester zu dem ihrer Pflege Empfohlenen bringt cs ferner noch mit sich, daß sie auch dessen Vertraute in allen ihren persönlichen Beziehungen wird. Sie schreibt für den Verwundeten Briese an seine Angehörigen, an seine Mutter, an sein Weib, an seine Braut; sie empfängt auch deren Antworten, und hat sogar nicht selten die edle Pflicht, was ihr Pflegebefohlener ihr diktiert, zu ändern, um nicht zu sagen: zu fälschen. Tenn wenn ein Todeskandidat an seine Braut hoffnungsvoll jubelnde Briefe diktiert, hat sie die Pflicht, die Empfängerick mindestens vorzubereiten darauf, daß sie nicht allzu vertrauensselig solchem Jubel gegenüber wird, und ebenso wird es ihr manchmal zur Menschenpflicht, blutenden Herzens dem Empfänger der Briefe die Aeußerungen des Bedauerns seiner Angehörigen zu mildern oder ganz zu verheimlichen.
Welche Fülle von feiner Psychologie enthüllt sich da!
Dazu kommen Komik und Tragik nebeneinander zu ihrem Rechte. Tie Schwester hat oft genug Gelegenheit, unter Wehmut zu lächeln, und selbst in wahrhaft tragischen Fällen fehlt es nicht an komischeir Situationen. Solche Tragikomik findet sich zum Beispiel in den folgenden Mitteilungen einer Samariterin: „Einem meiner Soldaten waren beide Beine zerschossen; ihm mußten dieselben dicht am Rumpf amputiert werden; man hatte ihm das Bett ans Fenster hingesetzt, damit er etlvas auf den Marktplatz hinausschauen könne, nicht ahnend, daß er gerade von hier aus die Stelle sehen konnte, an der er von den Kugeln getroffen worden war. Je nach seiner Stimmung erfaßte ihn Wehmut oder Zorn. Be: einer Nachtwache bat er mich, an seine Braut zu schreiben, da er doch hoffe, sie einstmals heiraten zu können. Ich setzte mich hin und schrieb einen richtigen Liebesbrief, den er natürlich vor Absendung prüfte."
Bis dahin wirkt der Fall tragisch; nmt kommt die Komik, der freilich nur zu schnell die Tragik wieder folgt. Die Mitteilung lautet lveiter: „Zwei Nächte darauf sprach er dieselbe Bitte air mich aus, an seine Braut zu schreiben. Anfänglich glaubte ich, er spräche im Fieber, da er aber die Bitte loiederholte, brachte lM. lhw in Erinnerung, daß ich schoii geschrieben hätte und nun erst cnte Antwort abwarten müsse. In welches Erstaitncn aber setzten mich seine folgenden Worte: „Tie meine ich nicht, ich meine die andere." — „Was. K., Sie haben zwei Bräute? Das ist doch schlecht von Ihnen!" Ta belehrte er niich des folgenden: „Sehen Sie, Schwester, das Mädchen, an welches Sie vorgestern schrieben, ist wirklich meine Braut, die will ich heiraten; aber die andere, bei deren Eltern ich beim Turchinarsch in: Quartier gelegen, hat mir immer so viel Wurst und Speck und Branntwein gegeben, daß rch versprochen habe, sie bei meiner Heimkehr aus dem Kriege zu lferraten. Beim Abschied hat sie noch gesagt; „Schreibe nur immer, wo du bist, dann schicke ich dir immer etwas zum Essen. Sehen Sie, Schwester, ich möchte gern Wurst und Schinken ha-
-!!' ,2°™ i"ite ich Sie, zu schreiben. Ans Heiraten denke ich Nicht." Nachdem ich meine Meinung ausgesprochen hatte und versprochen, Wurst und Schinken solle er auch ohne eine zweite Braut erhalten, beruhigte er sich. Wenige Tage später gab er seinen Geist auf."
. lind solche und ähnliche Gegensätze wiederholen sich nur zu oft rm Lazarett, ivo sich täglich gewaltige Sckficksalslvendungen erfüllcii.
Ein roniantischer Vorfall in Callots Manier, lvie geschaffen, unr einen Stoff für eine Novelle von E. Th. A. Hoffmann herzugeben, ereignete sich rm Jahre 1870 in einen! Berliner Lazarett. Die Sache klingt beinahe unglaublich, und daß sie doch buchstäblich sich so begeben hat. wie sie erzählt wird, dafür bürgt die! Berichterstatter"!. die Gräfin Hedwig Rillberg, eine auf deni Gebiete der sreiwilligeu Krankenpflege bekannte Tante, die damals als Oberin dem betreffenden Lazarett Vorstand und die die Gesichte in ihren Lebenserinnerungen mitteitt. Ter Schauplatz der Geschichte war das kurz vor dem Kriege erst eröffnte Angusta Hospital.
Gräfin Rittberg also erzählt von einer Krankenschwester dieses Krankenhauses, die ihr und den Kranken durch ihren Pessituismus das Leben recht schwer ntachte. Sechs Wochen vor dem Wcihnachts abend langten in dem zum Kriegslararett benutzten Augusiahosvital in Berlin drei schwerverwundete Offiziere an, welche in den Saal dieser Schwester kamen. Einer der Offiziere lvar sterbenskrank, sein alter Vater hatte ihn nach dem Lazarett begleitet. „Ter Vater, die Schwester und ich," so erzählt die Gräfin Rittberg, „standen an seinetn Lager: da tat er mit schwacher Stimme die Frage: „Nicht wahr, Schwester, Sie schenken mir etwas zu Weih- uocftteit?" — „Natürlich, Herr von R", war ihre Antwort. Der Vater sah uns verzweifelten Blickes an, glaubten wir doch alle.
daß der junge Krieger diesen Dag nicht mehr erleben toürdc. Trotz- dcnt ging er auf die Rede seines Sohnes ein und meinte zu der Schwester: „Wenn Sie meinem Sohne etwas schenken, muß ich Ihnen doch auch etlvas geben; was wünschen Sie sich?" Mit stoischer Ruhe erwiderte sie: „Tann geben Sre mir einen Leichcn- schein." Der Vater und ich waren wie gelähmt vor Schreck ob dieser Rücksichtslosigkeit, und ich konnte nicht umhin, der Schwester später Vortoürse über ihr Verhalten zu machen. Langsames Schri: tes ging wider Erwarten die Besserung in dem Befinden des Herrn von R. vorwärts, so das; wir hoffen konnten, daß er das Fest möglichst wohl verleben würde. Am Abend des 18. Dezember kam die in Rede stehende Schtvefter in inein Zimmer gestürzt und meldete sich krank, sie habe Blutvergiftung. Mir waren derartige Aeußc rungen ihrerseits nicht fremd, trotzdem schickte ich sic zu Bett. Als die zweite Schrvester etwas später zu ihr kam, fand sie die Patientin in furchtbarer Aufregung, glaubte sie doch, daß sie an einem Bruch operiert »Derben nrüßte. Natürlich ließ ich den Arzt sogleich holen, welcher eine übergroße Nervenerregung konstatierte, sonst aber keine krankhafte Erscheinung finden konnte. Die Erzählerin schildert dann ausführlich, wie nach schrecklichen Tagen und Nächten die Schwester am Morgen des heiligen Abends starb, Herr von R. aber an der von der Königin Angusta veranstalteten Weihnachtsbescherung teilnehmen konnte und bald gesund wurde. Tic Sektion der Leiche der Schwester ergab aber, daß sie wirklich, lvas keiner der Aerzte zu begreifen vermochte, an Blutvergiftung gestorben lvar.
Welche Fülle von Romanstoffen fließt aus den Schicksalen der Verwundeten selbst? Ta mar im Jahre 1870 bei Scchan ein Soldat — er schilderte in späteren Jahren seine Schicksale selbst — im Gesicht verwundet lvorden. Mit Eisbeuteln auf den Augen liegt er im Lazarett in Meinungen und möchte gern erfahren, wer von seinen Kanreraden bei Sedan gefallen lvar. Die Schwester liest dem Verwundeten die Namen der Verlustliste vor, und plötzlich tönt sein eigener Name an sein Ohr. Beinahe war es ihm, als ob er träumte, als ob er womöglich wirklich in einer anderen Sphäre sich befinde. Später ergaben dann die Nachforschungen, lvie der Irrtum geschehen konnte. Er hatte ohne Wissen und gegen den Wunsch der Aerzte sich aus dem Etappenlazarett, in das er gleich nach der Verwundung gebracht worden, eoa- cuieren lassen bei einem Massentransport von Verwundeten, und so war ein anderer ans sein Lager gekommen, an dem noch sein Name befestigt gewesetr, und dieser andere war bald darauf ge- storbeit.
Man bedenke, ivelche Fülle romantischer Komplikationen sich aus solchem Irrtum ergeben können, »venn womöglich der richtige Lebende gegenüber dem für ihn gehaltenen Toten seine Rechte wahrnehmen muß: und man denke auch des unbekannten Toten, der unter dem Namen des Lebenden begrabefi »vard.
Andere romantische Motive ergeben sich aus der Verschiedenheit der Kreise, aus denen sowohl die Verwundeten stamnren, wie die Schlvestern. Man »vird es wohl kaum sonst irgendwo anders im Leben finden, daß eine hochgeborene Dame einem armen Arbeiter die niedrigsten Dienstleistungen verrichtet. Im Lazarett konimt das nicht selten vor; denn unter den Schwestern befinden sich nicht selten Angehörige vornehmster Adelskreise. Und eine ungemein romantische Begebenheit, die sich in einem österreichischen Lazarett während des österreichisch-italienischen Krieges im Jahre 18bst ereignete, wurzelt in dieser Eigentümlichkeit des Lazaretts. Ta hatte eine junge österreichische Aristokratin die Samaritertätia- keit ergriffen, unr dem Manne ihrer Liebe, einem jungen Offizier, in den Krieg folgen zu können.
Sie konnte ihm auch im Felde nahe sein, aber leider erst, als er ein Schwervcrwundeter war, ein Todeskandidat, den sie dann mit Aufopferung pflegte, bis er in ihretr Armen seinen Geist aufgab. Tann aber »vandte sie sich mit gleicher Aufopferung einem anderen Bertvundeteit zu, der ihr deshalb besonders lvert geworden lvar, »veil er ihr von dem Manne ihrer Liebe erzählen konnte. Er lvar der Bursche jenes Offiziers gewesen, war ihm bis zu seiner Verwundung treu zur Seite geblieben, hatte ihn. den Schwerverwundeten, aus dem Schlachtgetümmel unter großen Mühen heransgetragen, und war ein Opfer dieses Liebesdienstes geworden: denn gerade dabei traf ihn me
Kugel, die ihm den Fuß zerschntetterte Und ihn dauernd zum Krüppel niachte. Sckwn hierdurch »nochte der romantische Geist des Mädchens sich für den braven Burschen entzündet haben, und dieses Feuer wurde genährt, als nmt der Verwundete seiner Pflegerin voti feinem toten Herrn sprach, an dem er mit Liebe gehangen und von tvclchem er mit treuer Anhänglichkeit erzählte, wie etwa eilt Vater von seinem verstorbenen Sohne erzählen mochte; beim her Offizier war ein junger, zarter Aristokrat geivesen. und fein Bursche ein kräftiger, starker Mann aus dem Volke, der seinen Herrn mit Zärtlichkeit betreut hatte. Und aus diesen (besprächen wuchs eine Liebe zwischen dem ehedem so kraftvollen und nun Sinn Krüppel gewordenen Soldaten und dem Edelfräulein empor, daß diese beschloß, fortan ihm dauernd als seine Gattin ihre Dienste zu widmen. Sie hatte deshalb natürlich mit ihren An gehörigeck die größten Schlvierigkeiten zu überwinden. Mer sic überwand sie und wurde ein Omer der Romantik de? Lazaretts, aber, wie es hieß, eine sehr glückliche Frau.


