0flö Oarndies der Lrde.
Roman von ?l d a von Gersdorss.
(Nachdruck verbaten.)
(Schluß.)
Als Gräfin Wanda hereinkam, zum Ausgehen angekleidet, sagte ich es ihr. Ich tat das in trockenen!, gleichgültigen! Tone, ohne Entschuldigung und ohne rechte Gründe... Dennoch wunderte ich mich ein wenig, daß sie es ohne Befremden hinnahm und kein Wort des Bedauerns fand. Doch in dem Blicke, den ich auffing, lag etwas von beiden!. Un- inittelbar hinter ihr trat Fräulein von Kaltwein in die Halle. Gräfin Wanda gab mir die Hand und sagte: „Es tut mir leid, sehr leid, lieber Rehn, daß Sie eher reisen wollen, als sie beabsichtigten: aber Sie mögen recht haben, und es ist vielleicht besser so, in jeder Hinsicht." — Dann ging sie.
Das Mädchen war an das Fenster getreten und blickte ihr nach, mir den Rücken zndrehend. Sie hatte wieder das lose Morgenkleid an, in ganz Hellem Rosa mit weit offenen Aenneln, ich sah ein Stückchen ihres merkwürdig weißen Nackens unter dein dicken Flechtenkranz und den einen der weißen, so zarten Arme bis zum Ellbogen, den sie gegen das Fenster gelehnt hatte und die Stirn darauf stützend, während sic unverwandt hinaussah. Was mochte sie wohl da so interessieren?
Ich fragte sie danach, um sie an meine Gegenwart zu erinnern, denn daß ich in der Halle geblieben war, schien sie vergessen zu haben. Und dieses stumme getrennte Beisam- mensein war mir peinlich.
Mer sie gab keine Antwort. Ohne sich zu regen, blickte sie nach !vie vor hinaus.
„Baronesse," sagte ich halblaut vom Kamin ans, „sind Sie mit' böse, und weshalb?"
Als sie den Kopf schüttelte, trat ich langsam auf sie zu und stellte mich neben sie. Mit einer an ihre alte, jungenhaft trotzige Art erinnernden Bewegung drehte sie das Köpfchen nach der andern Seite. Ich wußte es wohl: die Beschleunigung meiner Abreise hätte sie in Trauer versetzt. Hatte ich doch den kindlich erschrockenen Blick in ihren großen Augen bemerkt, als Gräfin Wanda vorhin von meinem Entschlösse sprach.
Ich hätte es vielleicht nicht tun sollen, aber dein Drange des Augenblicks gehorchend, nahm ich ihr Händchen, das rn den Falten ihres losen Kleides niederhing, und weil mir nicht entzogen wurde, bückte ich mich und letzte es leise. Darauf legte ich es sanft wieder in die Falten des Kleides und sagte mit recht freundlicher Stimme: „Da ich nun reisen will und nicht mehr wiederkomme und wir uns nie inehr Wiedersehen werden — nicht wahr?"
Sie nickte und wandte ihr Antlitz ganz nach der andern Seite, so daß ich nur noch die goldenen dicken Zöpfe vor mir hatte. — „So will ich Ihnen schnell Lebewohl sagen," fuhr ich sort, „und Ihnen alles Glück und allen Segen für Ihre
Zukunft wünschen und möchte Sie auch bitten, manchmal meiner zu gedenken, wenn ich da draußen in der weiten Welt bin .... freundlich, ja? Und auch ein bißchen mitleidig — nicht ivahr?"
„Nein," klang es zu meiner Ueberraschuna> beinahe trotzig. — „Nicht freundlich und erst recht nicht mitleidig —i gar nicht will ich an Sie denken, wenn ich irgend kann . . . gar nicht!" Schnell lvich sie aus meiner Nähe, und ehe ich mich noch gefaßt hatte, war sie aus der Halle verschwunden, und ich blieb allein am Fenster zurück und starrte hinaus.
Eine Stunde später rollte der Ponywagen vom Hose. Fräulein von Kallwein war nach Groß-Runow gefahren, um erst abends wiederznkommen. —
R e g e n lv a l d e, ein Uhr nachts. Tie Dämmerung war herabgesunken. Ich hatte gepackt und saß in meinem Zimmer in trüben, ernsten Gedanken voll Abschiedsweh.
Da tönte ein leichtes Wagenrollen an mein Ohr. Ich zuckte zusammen: Lilli kam wohl aus Groß Rnnow zurück.
Aber nein! Was sollte das denn bedeuten? Nur der kleine Groom sitzt in den! Wägelchen. Wo blieb sie? Was war ihr geschehen?
Ich eilte bangen Herzens die Treppe hinab und traf in der .halle mit Gräfin Wanda zusammen, als sie eben dem Jungen einen Bries abnahm.
Seltsam ernst war ihr Blick, den sie einen Moment lang aus mich richtete, während sie den Brief erbrach.
Ich stand regungslos und suchte in ihren Mienen zu lesen, als ginge der Bries unmittelbar mich an.
Plötzlich zuckte sie ans und ein erschrecktes: ^,Mein Gott!" brach über ihre Lippen, während sie den Brief sinken ließ, mich groß ansehend.
„Ich bitte Sie, Gräfin, was ist geschehen? Quälen Sie mich nicht!" entfuhr es mir angstvoll.
„Lilli !vill, mein Einverständnis vorausgesetzt, nicht nach Regenwalde zurückkehren, sondern in Groß Rnnow bleiben. Sie bittet mich um meine Vermittlung, ihre Ber- lobnng mit .Herrn von Brencken zu lösen," sagte die Gräfin langsam.
Mir war's, als risse ein leuchtender Blitz die graue trübe Wolkenwand, die sich schwer über mein Leben, meine Zukunft zu legen begonnen hatte, auseinander.
„Meinetwegen?" stammelte ich säst besinnungslos. „Und vor mir floh sie auch?"
Das alte feine Lächeln zuckte um Gräfin Wandas Lippen.
„Wissen Sie das nicht besser als ich und echensogut lvie Lilli?" fragte sie sanft. „Und, lieber Freund, ist es immer noch notwendig, daß Sie morgen reisen, um das Glück in der Ferne zu suchen?" fügte sie nach einer kleinen Panse ernst hinzu.
„Ja," sagte ich ebenso ernst, mich tief über ihre dargebotene Hand neigend, „es ist notwendig, das; ich reise. Brencken ist mein Kamerad, Gräfin... aber inein Glück will ich nicht mehr in der Ferne suchen; das lasse ich hier zurück. Uebers Jahr komme ich wieder, und dann tvill


