Sao Paradies der Lrde.
Roman von Ada von G e r s d o r s s.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Als nach aufgehobener Tafel Gräfin Herta mit Lilli wieder nach der Plattforn: hinausging, ::nd ich mit Gräfin Wanda folgte, sagte sie rasch und leise zu mir: „Lassen Sie die Depesche noch nicht tommen, Herr von Rehn. Warten Sie bis —"
Sie stockte mtb ich vollendete, mich tief über die dargereichte Hand neigend: „Solange als Sie befehlen, Gräfin."
Gern bleibe ich nicht. Ich kann eine seltsame Ahnung nicht loswerden, das; ich vor einer Katastrophe stehe, ans die ich mich in keiner Weise vorbereiten kann, da ich mir nicht denken kann, woher sie kommen soll.
Rege nwald c, An g ust, sechs U hr m o rg c tt s. Welch eine Nacht! Die Hochsommerschwüte der letzten Tage hat sich in einem rasenden Gewitter entladen. Drei, vier Gewitter prallten über Regemvalde zusammen. Das Schloß schien in einem weißglühenden Hochofen zu stehen, der Himmel schien sich überhairpt nicht mehr zu schließen. Aus gähnender Hölle schossen ganze Fenerströme über die ganze Gegend unt Regenwalde, dazivischen knatternder Donner, das Brüllen des herausgeführten Viehes, das Geheut der Hunde, das Schreien und Rufen von Hof zu Hof, das Rollen und Raffeln oer beiden großen Spritzen, die ans dem Spritzenhaus gezogen und mit Wasser gefüllt tvnrden. Um elf Uhr, als wir uns eben in unsere Zimmer zurückgezogen hatten, begann das Unwetter. Ich hatte mich ans offene Fenster gesetzt, mit das prachtvolle Schauspiel zu genießen und auch mit einen Ueberblick über die Hofseite zu haben, falls da etwas passieren sollte. Da sah ich Lichtschein durch die geöffnete Haustürhalle und hörte Gräfin Wanda jeinand einen Befehl geben. Ich beugte mich ans dem Fenster und fragte, ob ich hcrnnterkommen solle. Sie konnte mich in dem Lärm wohl kaum verstehen, machte mir aber ein bejahendes Zeichen und ich eilte hinaus. Sie stand am Fuß der Treppe und fragte hinauf, ob ich mich wohl bereit finden ließe, nach dent Gestüt zu fahren. Es waren ztoar zuverlässige Leute dort, aber sie wäret: doch sehr besorgt unt die zwei frenlden Stuten, die gestern cingetroffen tvären, und ein so furchtbares Wetter sei lsterorts tvohl noch niemals vorgekomtttett. Augenscheinlich sei es über dett: Losberger Hof'am schlimmsten. Ich erklärte, daß ich mich sofort fertig machen wlirde, aber vorzöge zu reiten.
„Ich dattke Ihnen sehr, Herr von Rehn," sagte sie erfreut, „ich will jetzt einmal hinauf zu Lilli. Mich wnndert's, daß das furchtsame Kind nicht schon längst unten ist."
Eben Uhu; ich wieder in mein Zimnter getreten, als es eilig an die Tür klopste. Gräfin Wanda stand vor mir. Sie sah ganz verstört at:s. „Mein Gott, die Kleine ist nicht da!"
sagte sie hastig. „Sie hat die Gewohnheit, sich an schönen Abenden noch spät im Parke zu ergehen und auch darüber hinaus. Zarewitsch ist zwar bei ihr, aber in einem solchen Wetter kann ihr der Hund nichts nützen. Wer weiß, wie wett sie sich vom Haus entfernt hat, und die Dunkelheit ist ja plötzlich zur schwarzen Nacht geworden."
Ich war schon an der Gräfin vorüber und stürmte iu den Park. Aber das Lalisen nutßte ich sehr bald anfgeben. In der Eichenallee loar nicht die Hand vor den Augen zu sehen und t:ach jedem grell die Nacht durchleuchtenden Blitze tvar die Finsternis nur um so tiefer. Wie Gewehrseuer prasselte der Hagel auf die breiten Blätter. Ich stand still und rief mit meiner ganzen Lungettkraft: „Lilli? Lilli!" — „Gnädiges Fräulein" tväre viel zu lang getvesen.
Keine Antwort. Ich ging tveiter die Allee hinunter und rief wieder. Da stammte es taghell auf; nach der ungewöhnlichen Dauer der Helte zu schließen, mußten sich Blitze oon verschiedenen Seiten vereinigt haben, und ich sah aus der schmalen, nur mit einem niedrigen Birken- geländer versehenen Hängebrücke, die über den Parkteich führt, ein weißes Kleid flattern. Dann glaubte ich einen hellen Schrei zu hören, als ob sie auch mich gesehen habe, was sehr unwahrscheinlich tvar, weil die Entfernung zu groß war und wtiitc Gestalt im Dunkeln stand. Ich mußte noch ein ganzes Ende die Allee entlang laufen und dann links iit eilten Weg biegen, um nach einer abermaligen Biegung nach rechts hinauf zur Brücke zu kommen. Wenn sie mich wirklich gesehen hatte, so war anzunehnten, daß sie, sich an das Geländer klammernd, stehen geblieben tvar ttttd auf mietwa riete, ohne sich weiter vorzntvagen. Einet: Moment lang schien die Natur Atem zu schöpfen zu neuen: Toben und Rasen, uub um vorwärts zu kommen, mußte ich immer warten, bis ein Blitz meinen Weg erleuchtete. Mir stand fast das Herz still tut: sie. Denn sie hatte sich wirklich' au das sehr gebrechliche Brückengeländer geklammert. Jeden Momettt konnte der orkanartige Sturm in seinem erneuten Anprall die leichte Gestalt hinunter ins Wasser schleudern. Uub ich wußte, daß der Teich tief und inoorgrundig war. In: ttächstett Ausflannnen aber sah ich, das; sie losgelassen hatte und wie ein tveißer Vogel in taumelndem Flattern die stark abschüssige Brücke herunterlief — mir entgegen, es sah mehr einem unfreiwilligen Stürzen als einer überlegten Flucht ähnlich.
Aus die Gefahr hin, in der tviedereingetretenen Finsternis selbst zu fallen, machte ich ein paar Sätze vorwärts gegen die Brücke ttttd bl.icb dann stehet:, berechnend, daß sie mir geradesweas cnkgegenlaufcn mußte. Int nächsten Moment fühlte ich den immerhin heftigen Anprall ihrer zarten Gestalt gegen meine Brust und wollte schnell die Anne unt sie schließen, als sie mit einem Schmerzensschrei mir entglitt und niedersank.
Ich hob sie auf, aber sie konnte nicht stehen, schien es, ttnd hielt sich ängstlich att mir fest. — Sie tnutzte sich tvohl det: Fuß verletzt haben, und es blieb nichts andres übrig.


