Nr 290
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für den Kreis Gießen.
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$8. Jahrgang
vienstag. 10. Dezember
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General-Anzeiger für Oberhessen
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Sewerdebanl Gießen
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..Schülerrate" und „Schulgemeinden".
Wir äußerten am Samstag in der Besprechung von allerlei Derwilderungserschrinungen in der Jugend Zweifel darüber, ob der preußische Erlaß übetr die Bildung von Schülerräten zeitgemäß sei. Unser Nachwuchs war in den Kriegsjahren allzuviel sich selbst überlassen: die Eindrücke t)«er allgetneitwn Volks-
bewegungen werden mächtig auf ihn cinwirken. Die berufenett Erzieher müssen sich die alte Autorität uneder'sichern. Die Bescheidenheit, eine der besten Tugenden deutscher Kinder, sollte in der Schule neu gepflanzt uitd gepflegt werden. Ob es, mitten in der Ungewißheit, welchen politischen Kämpfen wir noch entgegengehen. Nicht ein großes Wagnis wäre, absichtlich oder unabsichtlich mit der Einführung von Schülerräten und Sckiulgemeinden dem gärenden Zeitgeist Eintritt in die Schulsäle zu gewähren — Lehrer- räte die Gesamtheit praktisch erfahrener Sachkundiger, sollten! darüber zunächst einmal gehört werden. Eine beachtenswerte Zuschrift sendet uns Herr Prof. Tjr. Messer, indem er schreibt:
Wenn durch eine Verfügung des neuen preußischen Kultusministeriums vom 4. Dezember 1918 neben „Schulgemeinden" ^Schülerräte" «mgerichtet werden — in einer großen Ver- sammltmg ziu Karlsruhe am 23. 9tt>v. hat man ebenfalls beides ge-, fordert —. so kann das auf den ersten Blick wie eine Nachäfsungi der Arbeiter- uttd Soldatenräte ausselten. Das ist es aber keineswegs. Zum Beweise dafür brauche ich nur an das zu erinnern, was ich in meinem — bereits 1912 erschienenen — Buche „Das Problem der staatsbürgerlichen Erziehung" (S. 179 ff.) über diesen Gegenstand aus ge führt habe. Auge seltene Pädagogen wie Kerschen- steiner und Förster hatten damals schon die Einsührimg einer Art Selbstregierung empfohlen als wertvolles Mittel, um zu Gemein- sinn und zum Bewußtsein der Verantwortlichkeit zu erziehen. Die Ju«end übt sich dadurch frühzeitig, verantwortliche Vertrauens-, Posten auszufüllen, selbstgewählten Vertrauensmännern frciivillig (Gehorsam zu leisten und an der Ausrechterhaltung der Ordnung in der Schule selbsttätig mitzuwirken. Zugleich wvrden dabei die natürlichen sozialen Instinkte, die sich besonders bei der männlichen Jugend früh regen (man denke an die geheimen Schülerverbindungen?), zu wertvollen positiven Ausgaben hingelenkt und! begabtere, kraftvollere 9iatuven erhalten Gelegenheiten, ihre Fühver- gaben nicht im Kampf gegen die bestellende Ordnung, sondern in der Mitarbeit an ihrer Erhaltung und Fortentwicklung zu be-, lättgen. , .
Aber nicht ratr die Bedeutung für die Erziehung des künftigen Staatsbürgers, rroch anderes kommt in Betracht. Man befrage die eigenen Eritrnerungen aus der Schulzeit? Bestand da nicht vielfach ein versteckter oder offener Kriegszustand zwischen Schülern und Lehrern? War nicht ein unverantwortliches Räsonnieren, Aburteilen und Schimpfen über Schule und Lehrer hinter deren Rücken zumeist im Schwang? Fehlte es nicht an offener Aussprache, gegen- serttgem Vertrauen? Förderte die „Schülermoral" nicht häufig unehrliche Arbeit. Mogelei, Lüge?
Tie „Schulgemeinden" welche die preußische Verfügung «n-ordnet, sollen „völlig freie Aus-prachen von Lehrern und Schülern" sein, die alle zwei Wochen stattsinden und zmn Ausdruck von Mermrngen und Wünschen zu führen bestimmt sind. Es nehmen daran neben dem Schulleiter und den Lehrern die Schüler erst von Obertertia ab (also frühestens vom 14. Fähre ab) teil. Die Eitt- schließnngen der Schulgemeinde haben zunächst auch keine „anordnende r^er gesetzgebende Befugnis". Also Anarchie wird dadurch sicher nicht in die Schule getragen, wenn anders die Lehrer die geistige Ueberlegenheit, die ihnen doch zukommen soll, wirklich inJ der „Schulgemeinde" zur Geltung bringen.
Tiefe hat auch den „Schülerrat" zu wählen, „der ständig die Interessen der Schülerschaft zu vertreten und im Einvernehmen hnit der Schulleitung und der Lehrerschaft für Ordnung zu
Gustav Wyneken, der ja dem preußischen Kultusministerium angehört und dessen pädagogische Gedanken in jener Verfügung auch sonst zum Ausdruck kommen, hat, bereits 1906, oLä et mit Paul Gcheeb die „freie Schulgemeinde" Wickersdorf bei Saalfeld (Thüringen) begründete, diese Einrichtungen eingeführt, und Geheeb hat sie auck^ in sein er „Odenwaldschule" (bei Heppenheim a. d. D.) verwirklicht^ mfit mitcher bestehen sie in der „Dürerschule" in Hoch.-.»aldhausen. Ob die überaus günstigen Erfahrungen, die man damit an diesen Internaten gemacht hat, an den öffentlichen Schulen sich mich einstellen werden, muß die Zukunft lehren. FH>enfalls sollte man mit guter Zuversicht einmal einen ehrlich gemeinten und ernsten Versuch damit machen.
, Warn schon sonst im Leben, so gilt ganz besonders für die Schule, daß die Persönlichkeit weit mehr bedeutet als die Einrichtungen. So wird auch hier alles davon abhängen, in welchem Sinne lebende Menschen diese Einrickstungen auffassen intb mit welchem Geiste sie dieselben erfüllen. Tie^e Institutionen wären von vornherein zum Tcke verurteilt, wenn sie Leiter und Lehrer als ihnen ausgezwungen innerlich ablehnten und bemüht wären, sie zur bedeuttmgslosen Formalität oder gar zur bloßen Komödie herabzuwüttxgen. Nicht minder, weim die Schüler sie benützten, um „Parlament" oder gar „Revolution" zu spielen, und wenn Arbeitsschule, Rachsüchtige oder Ehrgeizige die Führung an sich rissen. Alber es hieße doch tat dem guten Kern in unserer, Jugend verzweifeln, wenn mjan dies für wahrscheinlich halten wollte. Ein ganz anderer Geist sprickst z. B. mich aus einer Denkschrift der „freideutschen Dürergemeinde" an der Dürerschiule .Hochwaldhausen. in der diese die Schüler und Schüleriimen der oberen Massen der höheren Lehranstalten Hessens zur Gründung von Schülerausscbüssen ausfordert. Ta wird u. a. als Ziel aufgestellt: „Schaffung einer neuen Schülermoral ohne die Euch entwürdigend-n Mittel des Abschreibens, Vorsagens, überhaupt aller auf Täuschung berechneten Mittel, die bisher im Schwange lvaren. Geht dabei Euren Kameraden mit gutem Beispiel voran?"
Werden Schülerräte und Schulgemeinden in richtigem Geiste von Lehrern und Schülern geschaffrn und forterttwickelt, so siud sie wertvolle Mittel für die staatsbürgerliche Erziehung und für die Schaffung eines Vertrauensverhältnisses zwisckien Erziehern und Zöglingen und für die Veredlung der Schillermoral.
Die Entente gegen die jetzige deutsche Regierung?
i. Köln, 10.Dez. Wie die „Köln. Volksztg." zuverlässig erfährt, bestätigt sich die Meldung, daß der Vielverband die Auflösung sämtlicherArbeiter- und Soldatenräte fordern wird. Eine dahingel-ende Noke des Vielverbandes steht unmittelbar bevor. Der Verband lelsttt nicht nur jede Verhandlung init beit Arbeiter- und 'Soldatenräten ab, sondern auch j ed e e n d- gültige Regelung mit der gegenwärtigen Negierung, wie er auch eine einseitige sozialistische Regierung nickst als legitimiert erachtet, um im Namen des deutschen Volkes zu sprechen.
Eine Beschuldigung des Bottsbeauftragten Barth.
i. Köln, 10. Dez. Bott besvttderer "Seite geht der „Köln.
Balksstg." folgende DÄterlung zu: Durch ami Mrsipmch des
früheren Gesandten der Sonstet-Regrermtg, Joffe, ist feitgestellt, daß der jetzige Minister Barth von Rußland mehrere Hunderttausend Mark bekommen hat, um Waffen anzuschaf en, und daß die der Unabhängigen Sozialdemokratie angehörigen Volks- beaustragten, insbesondere Haase, mit ihm im EinverftändniZ waren. Wir haben hier den eklatanten Fall, daß Mitglieder der deutschen Regierung von 'einer fremden Regierung mit l>ol-en Mitteln bestochen worden sind, danrit auf die dcutsck-cn Truppen, auf ihre Landsleute, geschossen tvebden kann.
Die Verlängerung des Waffenstillstandes.
Berlin, 9. Dez. (WTB.) Wie die „Deirtsche Allgemeine Zeitung" erfährt, beginiren die Besprechmtgen über die Verlängerung des Waffenstillstandes in Trier am 12. Dezember.
Ter Sonntag in Berlin.
Berlin, 8. Dez. Im Treptower Packk hatte der Spartakusbund seine Anhänger zu einer Kundgebung versammelt. Es stmrde von sechs Wagen aus gesprochen. Nur air der Tribidte, von der Liebknecht aus seine bekannten Tivadeu in die Menge schleuderte, nxir der Andrang besonders stark. Nach der Versammlung setzte sich eine nach Tausenden zählende Meitsckstumenge mit der Parole „Auf nach dem Reichstagsgcoäude" in Beivegung. Am Reichstagsgebäude und an der ru'sisck-en Brotsch.rft kam es zu tvei- teren Kundgebungen. Hierauf beivegte sich der Zug in die Willellw- straße vor das Reichskanzlerpalais. Das Gebänoc lag in völliger Dunkelheit, ytur aus eineiu Zimmer des hell erleuchteten Vorder- lügels leWte sich der Volksbeauftragte Barth l>ermis, der von der Menge, als sie ihn erkannte, stürmisch begrüßt wurde. Aus wiederholte Aufforderung, zu sprechen, erwiderte Barth, er kömie nicht mehr redeit, er sei heiser. Aber die immer mehr anwachsende Vicnge bestand auf ilwnn Willen. Schließlich nahm Barth das Wort intb sagte: Ich wünsclste nur einmal mit Lieokirecht in einem der größten Säle Berlins zusammenzutrefscn und ihm zu sagen, was ich ihmj zu sagm habe. (Große Unrulst.) Ich bürge dafür, daß nicht ein Arbeiter auf seiner Seite bleibt. (Stürmisck-e Gogenrufe.) Daß ich in der Regiernng sitze und daß ich zügelt eben habe, daß die Regiernng und der VottzugsausschlN; paritätisch zu- sanrmengesetzt sind, das ist geschel>en, weil im Zirkus Busch mn 10. November nicht Scheidemann, sondern Karl Liebknecht ans mich cimdrang und sagte, es Muß geschehet, lvenn die Revolution nickst gefährdet nxnden soll. (Stürmische Unterbrechungen.) — Nur mit Mühe konnten einige besonnene Elem-7nte in der Menge sich das Wort verschallen und auf Barths Verdienste um die Revolution Hinweisen. ?lber ilwe Worte wurden von dem Toben derer verschlungen, die Anstalten trafen, Barths Zimmer zu stürmen. Erst Liebknechts Eingreifen gelang es, die Massen zn beruhigen. Weinige Minuten darauf löste sich die Versammlung <ruf. Um in kleineren Zügen in den Straßen der Innenstadt zu demonstrieren.
Scheidemann gegen Spartakus.
Berlin, 8. Dez. Vor vielen tausend Personen sprach Scheidemann, der sich scharf gegen Liebknecht wandte. Er besprach darin die jüngsten Vorgänge und nannte die Ver- baftung des Vollzugsvates eine Hanstvurstiade. Wenn es zu Blutvergießen komme, so mögen diejenigen sich an die eigene Nase fassen, die Dag für Tag dazu anffoÄern. sich zum Bürgerkrieg zu bewaffnerr. Tie Regierurtg Elrert-Haase hat die schwerste Ausgabe zu lösen, die die Weltgeschichte je eirrer Regierrmg gestellt liat. 90 Prozent des Volkes stehen hinter ihr und trotzdem sitzt di/se Negierung Tag für Tag aus einem Pulverfaß. Das ist für die Dauer ein unmöglicher Zustand. (Lebbafte Zustimmung.) Tie Folge des gewissenlosen Trxnbens .der kleirreir Spartakusgruppe wird sein, das; wir in ein paar Wollten nichts mehr zn essen uitd die Franzoscrr irnd Engländer in Berlin haben. Tie sofortige Sozialisierimg nach Spardakusmanier würde die deutsche Industrie und den deutscheit Handel so ruinieren, daß noch KinL-er und Kirtdeskinder darnrtter zu leiden hätten. Das Treiben der Jnternattonaliften in München, dem leider urteilslose Soldaten gefolgt sind, ist das Treiben einer gewissenlosen Räuberbande. (Stürmische Zurufe.) DK Forderung, daß wir in Berlin diesem Treiben nicht mit verschränkten Armeir zusehen, ist leider nicht ganz unberechttgt. Ich eckkläve, daß ich für meine Person diesen Zustand keine acht Tage mehr.mitmache. (Große anhaltende Bewegung.) Das sage ich rricht für das Kabinett, sondern nur für mich. Denn ich möchte nicht vergessen, daß wir überhaupt noch keinen Frieden haben, keine Verlängerung des Waffenstillstandes uitd kein Brot. Als einzige Rettung aus dieser Wirruis bezeichnte Scheidemann die schnellste Einberufung der Nationalversantmlung. Er werde jubeln, toenn der Zentral-Arbeiter- imd Soldatenrat am 16. De- zeniber einen viel früheren Termin als den 16. Februar festsetze. Technische und formelle Schnnerigkeiten gäbe es für ihn nickst.. Scheidemann schloß unter stürmischem Beifall. Die Regierung braucht Verttauen ttnd Macht, das deutsche Volk Einsickst und Bernunst. Wir wollen Frieden uitd Brot, keine Anarchie.
Regierungstreue Truppen.
Berlin. 9. Dez. (WB. Wie dem „Berliner Tageblatt" mit Bezug auf die Mittcnlnng des Telegierien Heine in der gestrigen Sitzung der Svldatenräte über die z^oischen Berlin und Potsdam znsamrneugeziLgenen gegenrevolntionären Truppen versick>er1 wird, handelt cs sich nicht um gegeurcivolutionäre Truppen, sondern lediglich um Staffelu vou der Front zurückkehrender Truppen, die sich Berlin bereits nähern u.td zum Teil sckMt in oder vor Picstsdant einttafen. Bon geg^mrevolutwuären Truppeit, die mit Berschwörungsabsichden auf Berlin nnrrschieren, könne mit keinem. Wort die Räre sein. Die Truppen hätteit mit dem Ein- l>erstäitdnis der Regierung vor dett Toren Berlins Halt gemacht: sie ständen durchweg lstnter der Regierrmg Ebert^Haafe und wollten chren fcierlick-en Eiitzug in Berlin lallen.
Berlin, 9. D^. (WB.) Die Garde truppen werden irr dett nächsten Tagen mit der NückV.chr in iT>re Garitisonen besinnen. GleicktZ'eirig Mit ilpren werden einzelrte zusanmtengestellte Verbände aller deutschen Stämme an deir E in zu gs fe i e r l i ch>ke i t e n in der Reichshanptsbadt teilliehmen. EiiHelne Verbände dieser Truppen sritd bereits in der Näl)e Berlins erngistrofsen. Der erste Einzugstag wird der 10. Dezember seirt. Dte Truppen werden g.geit 1 Uhr nachmittags das Brmüxmbatrger Tor durchKielren. Näheres über die Einzugsßüerlickiketten wird rwch bekmtntgegebeu.
Der Versuch einer Gegenrevolution in Hamburg.
Hamburg, 9. Dez. (WTB.) Tie Presseabteilung des Arbeiter- imd Soldatenrats meldet: Die bisherigeir Ennittelungeu! über die geplante Gegenrevolution haben folgenden Sachverhalt ergeben: An den Redakteur deS „Hamburgiscki-en Zlvrre-- spondenten" Abter traten vor einer iWoche Kapitalisten imd Roakttonäre mit der Arrfvacre l^eran^ ober ihnen nicht Verbindungen mit Soldatenkreiscn verschafscit könne:. (Ä handle sich darum, Mreude nMVale. Mitglieder des ArüeiteraUrS zu verhaften nutzt
unschädlich zu mack)en, um den Arbeiterval mit gemeßig^ menten zu besetzen und sofort Settat und Bürgerscha'ck zur Schaft'.mg der hamburgischen Verfassung einzuüerusen. Abter hatte Beftehunst gen zu dem Matrosen Zeller, dessen Tätigkeit in der ^tcvo-- lution er in zwei Arttkeln des „Hamburgischen Korrespondenten überschwetrglich feierte. Zeller gesellten sich die ehemal: gen Mtt-i glieder der Presseabtcilung des Arbeiter- und Soldaten rat es Freund und Wolf bei. In mehöeren Besprechungen zwischen! Fremrd, Wolf, Zeller und Abter wurde beschlossen, 14 Mitglieder der Arbeiter- tcnd Soldatenräte und andere im Vordergrund stehende Revolutionäre zu verhaften, nämlick) Liaufenbars, 5>eise, Herz, Kalwein, Siemer, Frau 5)albe, Schneider, Fröhlich, Dttt- mann, Scharlich, Scheible. Linden und Setter. Diese sollten am Montag morgen um 6 Uhr in ihrer Wohnung festgenommen und mittels Autos dem UuterfuchungSgefäitgnis zugesührt werden. Skm! Zeller Unterzeichnete Proklamationen und Aufrufe, die der Ge- völkermtg von der neuen Volksregierung Mitteilung mack-en sollten^ waren bereits entworfen mid sollten am Sonntag nachmittag! an die Druckerei gegeben werden.
Von eurer Oärnppe Kapitalisten war nach der Erllärmrgt Abterns eine halbe Million zur Verfügung gestellt nwrden, womit die Verschworenen bestochen werden sollten. Auch Senatsmitgliedep waren von dem Plan unterrichtet. Am Freitag .abettd fand im Hotel zu den vier Jahreszeiten eine Besprechung Zellers und seiners Mitverschworenen mit seckis bis zehn Geldgebern statt. Hier wurden, alle Einzelheiten und Pläne besprochen. Die Kapitalsiten ver-> sprachen, Geld in unbeschränktem Matze zur Verfügung stellen zu wollen. Der eliemalige liberale Reick)stagsabgeordnete Blunk hatte aber dann Bedenken bekommen und sich gegen den Plan^weger^ dessen Undurchsührbarkeit ^ausgesprochen. Auch der Polizeiliaupt-i mann v. Resborff war an der Besprechung beteiligt, hatte sich aber gleichfalls gegen diesen Plan gewandt. Am Sonntag nachmittag hatte Zeller nrit dett übrigen Verschworenen in einem Hamburger Restaurant eine Besprechung, in der über die Flucht beraten werden! sollte. Hierbei wurden sie durch den Arbeiter- und Soldatenratt festgenommen, der bereits seit einigen Tagen vom Stande der Dinger Kenntnis hatte. Welche K'apitalistenkreise au dem Putsch beteilig!: waren, uttd wie wert er in offizielle Kreise hineinspielt, wird noch später mitgeteilt.
Flüchtige türkische Würdenträger.
Berlin, 9. Dez. (WTB.) Im Attfttage ihrer Regierung beantragte die türkische Botschaft in Berlin bei der deutschen Regierung die Auslieferung des" früheren Großwesirs TalaatPascha, des früheren Kriegsministers EnverPascha sowie einer Anzahl anderer Mitglieder der früheren Regierung, die nach Deutschland geflüchtet sind. Nach hier vorliegender? sicheren Nachrichten hat Enver Pascha zwar Kon stautinopel verlassen, ist aber nicht nach Deutschland gekommen. Die Auslieferung Talaat Paschas kommt nicht in Frage, da er als polittscher Flüchtling zu betrachten ist. — Bei den übrigen Personen handelt es sich nach den bisher vorliegenden Angäben nicht nur um politische, sondern auch um gewöhnliche Straftaten. Wegen der politischen Straftaten würde die Auslieferung auch bei ihnen selbst^lltä.chlt-p ausgeschlossen sein. Wegen der gewöhnlichen Straftaten ivürde dagegen ihre Auslieferung zzu erfolgen haben, sofern nachgewiesen wird, daß die im deutsch-türkischen Auslieferungsvertrage vorgesehenen Bedingungen erfüllt sind. Die türkische Regierung hat die Beibringung der erforderlichen gerichtlichen Urkunden in Aussickst gestellt uttd beantragt, dett Aufenthalt der Beschttldigten zu ermitteln und sie vorläufig feftnehmen zu lassen.
Die englische Vorherrschaft zur See.
London, 8. Dez. (WTB.) Reuter-Meldung. In einem Artikel für ein Glasgower Matt über die b r i t i s ch e B o r h e r r - Schaft zur See sagt Churchill: Irin anderer Staaten der Welt ist in der gleick>en Lage wie Großbritannien. Unsere Sicherheit vor einem Ueberfall, unsere Freiheit, unser tägliches Brot, unsere^Einhert als Reich, — alles dieses beruht von Stunde zn. Stunde auf unserer Verteidigung znr See. Wir haben das Recht, vott allen anderen Nationen, gleichviel, ob befreundet, feindlich oder nenttal. gleiche und volle Anerkennung dieser Tadfachen zu fordern. Auck» sind wir berechttgt, zu erklären, daß diSe Stärke ^zur See, welche wir in Anspruch ttehmen, und die ivir etltsch'of c.t in? u er* halten, niemals in der neueren Geschichte in selbstsüchtiger, aggressiver Weise gebraucht wurde. In diesem größten aller Kriege schützte die britische Flotte das mächttqe A m er i k a vor leder erttsten Bedrohung, und als es sich entschlossen hatte, einzu- greifen, da war es die brittsche Seemacht, welche den grötzmen Teil seiner Armeen zur BefreiuuA Frankreichs hinüberschafste. Wir müssen gan.; offen erklären, datz der Völkerbund für uns teüt Ersatz für die brittsche Seemacht in absehbarer Zeit sein kann.
Neu York. 8. Dez. (WTB.) Reuter. Präsident Taft hat sich in einer Vorlesung für den Völkerbund eingesetzt, sagte aber gleichzeittg, das Leben Englands hänge von der Sicherheit ab, mit der seine Schifte kominen und gehen. Es sei also vollständig gerechtferttgt, daß England solange eine genügend starke Aaritte erhalte, bis es die Sicherheit habe, daß der Völkerbund seine Interessen schützen kömu.
Aus dem lleichc.
Ein Erprrssimgsvcrsirch gegen Brlllttnann-.Hol!:neg.
Berlin, 7. Dez. Gegen den frülieren Reichskanzler von B e t h m a n n - H o l l w e g ist ein Erpressungsversuch verübt worden, der zur Verhaftung eines der Täter geführt l^at. mann-Hollweg erhielt ein Schreiben des Inhalts, daß sich eitrei Vereinigung zum Schutze hochgestellter Persötüichkeiten gebildet habe. Diese Bereinigung habe erfahren, daß gegen den früheren! Reichskanzler ein Attentat geplant sei. Ju ement netteren! Briefe wurde mitgeteilt, daß die Vereinigung bereits mit dem Erfolge eingegriftett habe,, daß das Attentat vereitelt Word et i ist^ Gleichzeittg wurde darcutf hingewiesen, daß die Sack-e natürlich Geld gekostet habe und wurde ersucht, eine bestimmte Summe an eine Deckadresse zu senden. Der frühere Reichskanzler chngß scheinbar auf die Sache ein, benachrichttgtr aber sofort die Pottzet, imd dieser gelang es, einen Erpvetzibr in der Person eines Ri'ü- ttosen sestzmtehmctt.
Zur Bcrhafttnm Gwßindustrieller.
Mülheim (9iuhr), 8. Dez. Die Firma Thyssen L Co. protestiert m einem Telepramin att den ReichsÜrnzler ISitert fl>:tgicn die Verl>aftung August Thttzfens, Fritz Thyssens, sowie der TircEtvvett der Firtna Tr. Roser, Tr. Warle und Perker, die unter der Beschuldigung erfolgte, daß sie aut 5. Dezember einer Versatuntluttg in Tortntuttd beigetoohnt lZabctt, tu dm danstier beraten fei, die Entente zur Befetztmg des Industriegebietes i.-e-er, Mrufen. Demgegenüber erklärt die Firma Thyssen L Co., daß an dem etloähnten Tage Witter der gmanmtnt Herren sich 'i i Dort^ muttd hefand, vielmehr Augnst Tlwsfen in Ostiabrück, \w n in der Generalversamtu lung der Gevrg-Marren-Hütte weii-.e. Fritz Tlyisfeit in Hamboriv-Bruckhausen bei der Geioetkfcht>: Deul'ck»'r Kaiser, die Direktoren Roser mtd Herle auf den Werken in Mülheim (3Myr) trnib Tirekwr Becker zu einer Beerdigung in Duis^ bürg und die Übrigen Herren in ALüchcün (Ruhr).


